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Der Computer oder das Handy, an dem Sie dies betrachten, hat seine Wurzeln hier, in der kleinen Hütte im Hintergrund am Ende des engen Korridors: in Bletchley Park, etwa eine halbe Zugstunde von London entfernt. Hier entwickelte der Mathematiker Alan Turing Frühformen der ersten frei programmierbaren Computer. Am 7. Juni 1954 nahm er sich das Leben, am Tag darauf wurde er von einer Reinigungsfrau gefunden.

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Turing arbeitete in den vierziger Jahren an einer automatischen Methode, um den deutschen Enigma-Code zu knacken. Die Vorarbeiten dazu allerdings drehten sich um ein rein mathematisch-philosophisches Rätsel, das sogenannte Entscheidungsproblem. Bletchley Park ist ein eigenartiger Ort.

Er huldigt natürlich dem Mathematiker, zeigt Fotos von ihm, seinen Schreibtisch, eine Statue, sogar seinen Teddybär. Auch funktionierende Nachbauten seiner Rechenmaschinen sind zu sehen.

Doch das Sammelsurium der Ausstellung wirkt verwunderlich. Für ein Mekka der Computergeschichte fehlt eine wichtige Zutat: Zukunftshunger.

Und noch ein Rätsel: Auf Tassen steht „Enigma“ gedruckt – dabei war das doch das Codiersystem der gegnerischen Wehrmacht. Auch das Kino ist nach Enigma benannt. Auf anderen Tassen sind Reproduktionen von Lebensmittelmarken zu sehen – ein Symbol der Mangelwirtschaft.

Beide Motive verwundern zunächst. Neben dem Kernbereich der Ausstellung sind in einer Garage Oldtimer zu sehen und sogar die alten Fahrradständer von damals.

Hier wird nicht in erster Linie der Aufbruch ins Computerzeitalter gefeiert, die Sehnsucht nach der technischen Perfektibilität der Gesellschaft gemäß der kalifornischen Ideologie, wie sie etwa von „Wired“ zelebriert wird.

Ein möglicher Grund: Wer hier den Geburtsort des Computers feiern will, müsste natürlich auf das Silicon Valley verweisen. Es ist ein bisschen wie in Deutschland mit Konrad Zuse: Jeder Verweis auf die Pioniere erinnert im Umkehrschluss daran, wie Großbritannien und Deutschland nach dem Krieg gnadenlos technisch abgehängt wurden. Diese Erkenntnis aber scheint nicht so recht in das Feel-Good-Konzept der meisten Museen zu passen. Konkret läuft es in Großbritannien und Deutschland immer auf diesen Zielkonflikt hinaus: Entweder man baut ein patriotisches Museum (ohne Zukunftshunger) oder man baut ein futuristisches Museum (mit lediglich historisierenden Spurenelementen von Patriotismus: Seht her, so innovativ WAR unser Land FRÜHER). In Bletchley Park jedenfalls entschied man sich emphatisch für den Patriotismus. Der Ort sei „heilig“, heißt es in der Ausstellung. Heilig, weil er den Ausgang des Zweiten Weltkriegs beeinflusste: „This is sacred ground“.

Die Entscheidung für Patriotismus statt Technik erklärt vielleicht auch die Enigma-Tassen und die Rationierungsmarken. Austerität statt Aufbruch. Zähne zu und durch statt lustvolles Umarmen des Wandels.

Bletchley Park blickt nicht nach vorne, sondern zurück. Im Zentrum steht ein nostalgischer Patriotismus, der eine einst große Nation feiert, vereint durch die Kriegsanstrengung. Gerne wird in Bletchley Park geheiratet. Weil alles so schön altmodisch wirkt. Als sei damals die Welt noch heil gewesen. Der Andenken-Shop quillt über von süßlichen Nostalgieprodukten: Keksen aus Bletchley Park und Tee mit dem Logo des Museums: „You can’t beat a cuppa in a crisis“. Dieser Spruch ist eines der wenigen Exponate mit Gegenwartsbezug.

Hilmar Schmundt

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In 10 Minuten zum Experten: Hier der „Instant Expert“ zum Thema Turings Erbe, zusammgengestellt vom „New Scientist“.

Kurzbiografie von Alan Hodges

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