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Die Zeitumstellung begann einst als hintergründiger Scherz, in die Welt gesetzt von Benjamin Franklin anno 1784, als er als Gesandter der USA in Paris lebte. Er fand, die Pariser schlafen zu lange: Er schlug daher vor, sie mit Kanonendonner wecken zu lassen, sobald die Sonne aufgeht. Wenn nötig, sogar um vier Uhr nachts.

Das ganze war wohl nicht ganz ernst gemeint. Doch im Kern ging es Franklin um das Ausleuchten einer rücksichtslos aufklärerischen, rationalen Weltsicht. Enlightenment, Lumières ganz wörtlich: mehr Sonnenlicht.

Heute wissen wir, dass Franklins Chrono-Kokolores nicht aufgeht. Die Ersparnisse sind „zu vernachlässigen“, wie eine umfassende Überblicksstudie des Büros für Technikfolgenabschätzung auf 200 Seiten aufzeigt. Die Kosten dagegen werden immer klarer erkennbar, vor allem für die Gesundheit. Vor allem späte „Chronotypen“, Menschen, deren Biorhythmus sie erst spät müde werden lässt, brauchen teils Wochen für die Umstellung im Frühjahr.

Hier ein Artikel dazu im aktuellen SPIEGEL.

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Es ist faszinierend, wie schwer sich Gesellschaften tun bei der Korrektur von Entscheidungen, die auf Wunschdenken beruhen. Benjamin Franklins Scherz, seine hintersinnige Fantasie eines paternalistischen Staates, der mit „Nudging“ seine Bürger zwingt, sich einem brachialen „Enlightenment“ zu beugen, ist, einmal in die Welt gesetzt, kaum noch zurückzudrehen. Die Fakten zählen wenig, wenn sich ein Aufklärungsphantasma erst einmal verselbständigt hat. Vielleicht hat der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour recht: Wir sind nie modern gewesen.

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Es wird wahrscheinlich noch etliche Jahre brauchen, bis wir die eigentliche Pointe von Franklins Scherz wirklich begreifen. Bis dahin geht sein Witz auf unsere Kosten.

Franklin ist ein genialer Versuchsaufbau gelungen. Die Zeitumstellung ist ein Spiegel, in dem wir unser eigenes Denken studieren können: die Grenzen der Rationalität, die Bounded Rationality.

Um die Grenzen der Bounded Rationality klarer zu umreißen, helfen Umfragen. Zum Beispiel die hier auf Spiegel Online. Rund 85 Prozent der Befragten sind gegen die Zeitumstellung. Nützen wird das wohl wenig. Aber zumindest ist es unterhaltsam, anhand der Sommerzeit zweimal im Jahr zu studieren, wie mühsam es sein kann, sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien – und sei es nur beim Stellen des Weckers.

Hier geht es zur Umfrage auf SPON

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(Diese Umfrage ist nicht repräsentativ, sondern nur ein Stimmungsbild. Unter anderem wird sie verzerrt dadurch, dass wohl eher Leute, die sich über die Zeitumstellung aufregen, derlei Artikel überhaupt lesen. Die Abweichung zu einer Infratest-Umfrage (mit einem Sample von nur 1001 Befragten) liegt bei rund 10 Prozent. Dennoch ist die Beteiligung erstaunlich hoch – und die Stimmungslage relativ klar.)

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