Bildschirmfoto 2016-08-22 um 12.51.25

Mit seinen historischen Experimenten schaffte der Neurologe Lüder Deecke gemeinsam mit seinem Doktorvater Hans Helmut Kornhuber scheinbar den freien Willen ab. Er selbst hält das für ein zynisches Missverständnis. Das gesamte Interview hier (Laterpay). 

Deecke geht die heute weit verbreitete Interpretation seiner Experimente als Widerlegung des freien Willens komplett gegen den Strich:

Deecke: Wir fanden ein elektrisches Hirnpotenzial, das etwa 1,2 Sekunden vor der Fingerkrümmung auftrat. Wir tauften es das „Bereitschaftspotenzial“. Das Wort hat sich sogar im Englischen durchgesetzt wie „Kindergarten“ oder „Rucksack“. Vor allem der amerikanische Physiologe Benjamin Libet verwendete den Begriff, hatte aber eigenartige Vorstellungen davon. Er meinte, dass dadurch eine Kausalkette ausgelöst werde, die fast unausweichlich zur Handlung einer Person führe. Das haben wir aber nie behauptet, und es wäre auch eine absurde Vorstellung. Ich habe auf Kongressen häufiger mit ihm darüber gestritten. Am Ende bin ich es immer noch selbst, der eine Handlung plant und ausführt. Wir haben keinen kleinen Kobold im Kopf!

SPIEGEL: Wieso hat sich Libet mit seiner Deutung durchgesetzt?

Deecke: Die Debatte ist entgleist. Vor allem in Deutschland konstruierten Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer einen totalen Determinismus. Sie wollten zwischenzeitlich ja sogar unser Rechtssystem umbauen, weil wir angeblich so etwas wie Marionetten sind, gelenkt von Erbgut, Milieu, Erziehung, Chemie, neuronaler Vernetzung und so weiter. Roth behauptete sogar: „Nicht das Ich, sondern das Gehirn entscheidet.“ Ist das nicht naiv?

SPIEGEL: Wieso haben Sie nicht protestiert?

Deecke: Wir dachten, das korrigiere sich von selbst. Rückblickend finde ich es schade, dass wir nicht energischer gegen die Fehlinterpretation vorgegangen sind. Aber jetzt sehen wir ja die Selbstreinigung der Wissenschaft. Endlich schlägt das Pendel zurück. Wir haben das Unbewusste immer als einen superintelligenten Filter angesehen. Das Unbewusste sortiert vor und legt dem Bewusstsein sozusagen nur unterschriftsreife Agenden zur Entscheidung vor. Am Ende ist der Wille immer beteiligt.

(Das gesamte Interview hier – mit Laterpay)

Das Foto zeigt übrigens ihn und seine spätere Frau bei einem Experiment. Damals, im September 1964, feierte sie ihren Geburtstag, eingepfercht in diesem Faraday-Käfig im Labor, wobei Deecke ihr Bereitschaftspotential misst. Wodurch sich das so genau datieren lässt? Zwischen den beiden sind Blumen und Geschenke zu sehen. Derlei Arbeitsethik mag per se schon als Hinweis auf einen starken und möglicherweise sogar einigermaßen freien Willen gelten…

Bildschirmfoto 2016-08-22 um 12.49.09

Advertisements