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Oktober 2016: AT&T und Time Warner sollen fusionieren.

 

Doch der Erfolg solcher Elefantenhochzeiten ist unsicher, die Erwartungen hoch spekulativ, die Scheidungsrate hoch. Doch worum geht es bei derartigen Fusionen – abgesehen von Adresshandel, Marktzugang und Kapitaltransfers? Auch um die Übertragung und die Investition von kulturellem Kapital. Damals ging es darum, „Wired“ zu erscheinen, heute dagegen soll Time Warner „Wireless“ wirken, bereit für die Mobilfunkära.

Hier mein Text dazu aus dem Jahr 2000 aus der Neuen Rundschau (2/2000):

Die 150-Milliarden-Metapher

Über die Fusion von Aol und Time Warner und warum alles gut wird.

 

 

Artists, don’t be afraid of commercialization…. Today, sitting quietly and thinking is the greatest generator of wealth and prosperity.

-Bruce Sterling, The Manifesto of January 3, 2000

 

 

  1. Wie bitte?

 

Es war ein Anruf der etwas anderen Art. Vordergründig ging es um einen Text. Aber eigentlich um mehr. „Könnten Sie etwas schreiben über die Fusion von Aol und Time Warner?“ Klar, immer. „Nicht so das Standard-Lamento, bitte“. Aha? „Na, also Sie wissen schon. Nicht gleich mit der Kulturindustrie-Keule kommen…“ Das hätte ich sowieso nicht getan. Dachte ich. Und dachte. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto spannender fand ich die Frage: Warum eigentlich ist die kritische Theorie, vor allem aber der Begriff „Kulturindustrie“, nicht mehr en vogue? Die folgenden Vignetten sollen diese Frage beleuchten, indem sie ein Sittenbild zeichnen von der Beziehung zwischen Kultur und Industrie, zwischen Geist und Geld am Anfang des neuen Jahrhunderts.

 

  1. Akute Fusionitis

 

Es war ein Jahreswechsel der etwas anderen Art, der zeigte, dass nicht mehr Geld die Welt regiert, sondern Content, Stories, Visionen. Endlich angekommen also im neuen Jahrtausend. Das Fanal, das uns der sogenannte „Millennium Bug“, die Mutter aller Computerfehler, vorenthalten hatte, wurde nachgereicht am 10. Januar: AOL, der größte Internetprovider der Welt gibt seine Pläne bekannt, das größte Medienimperium der Welt, Time Warner, zu schlucken. Es ist soweit. Die Neuen Medien überwältigen die alten, schnell frisst langsam. Und digital ist einfach besser. Die Weltöffentlichkeit war von der Neuigkeit elektrisiert. Jeltsins Abtritt, die Parteispendenaffäre oder der Tschetschenienkrieg spielten plötzlich keine Rolle mehr, ein paar Stehparties lang wurde über die Bedeutung des Aol-Deals spekuliert. Sogar die gute alte FAZ kommentierte ungewohnt lebhaft: „Kurz nach dem Jahrtausendwechsel läutet die größte Unernehmensfusion der Geschichte endgültig eine neue Epoche ein: das Zeitalter der Information und Kommunikation.“

 

Was war passiert? Das Internet-Unternehmen America Online hatte angekündigt, mit 55 Prozent die Aktienmehrheit des Medienkonglomerates Time Warner zu übernehmen. Der Kaufpreis soll 150 Milliarden Dollar betragen. Zu dem neuen Superkonzern gehören damit der Internetprovider Aol mit seinen mehr als 20 Millionen Kunden sowie sein einstiger Konkurrent Compuserve und das Internetportal Netscape.com. Außerdem das zweitgrößte Fernsehkabelnetz der USA, vier Fernsehsender, darunter der Nachrichtensender CNN, 33 Magazine, das Flaggschiff Time, diverse Musiklabels, etwa Warner Brothers, die auch den Superstar Madonna vertreten, allerlei bunt gemischte Filmstudios und und und. Sofern das Kartellamt den Plänen zustimmt, entsteht ein neuartiger Mischkonzern, der sowohl über technische Infrastruktur verfügt als auch über die begehrten Inhalte: Filme, Musik, Zeitschriftenartikel. Wohlgemerkt wurde die Fusion nicht als Faktum angekündigt, sondern als Plan. Bis auf weiteres bleibt sie Fantasy, Science Fiction. Die Fusion dreht sich um die Geschichte vom Großen Verschmelzen.

 

Konvergenz heißt das Zauberwort: Fernsehen und Radio werden interaktiv, die Kunden können sich in Zukunft Filme und Musik herunterladen und anschauen, wann sie wollen. Und das Internet seinerseits wird ein wenig wie Fernsehen, zigmal schneller als heute und garniert mit allerlei Filmchen, mit Musik, mit Nachrichtensendungen, weil die Übertragung breitbandig durchs Fernsehkabelnetz oder per Satellit erfolgen könnte. Schon heute ist diese Konvergenz angelegt: Die beliebtesten Websites bieten Infobröckchen über Stars aus Kino- und Musikbranche, und nach wichtigen Sportereignissen im Fernsehen steigt die Besucherzahl in Online-Chaträumen schlagartig an. Der neue Konzern wird sehr wahrscheinlich diese Konvergenz aus Rundfunk und Datennetzen entscheidend beschleunigen, wahrscheinlich sogar Standards setzen. Womöglich ein Monopol errichten, riesig und immateriell. Bestehend aus Madonnas Gurren, aus Batmans Abenteuern, aus CNNs Liveberichten von den schrillsten Krisenherden des Planeten. Die Welt im Würgegriff von singenden Sirenen?

 

  1. Gedämpfte Meinungsfreude

 

Es war ein Abend der etwas anderen Art. Er zeigte, wie hilflos unsere kritischen Reflexe gegenüber der Neuen Medienwelt geworden sind. Wir saßen also nach dem Sport in einer Squashhalle unweit der ehemaligen Stasizentrale in Berlin-Lichtenberg. „Was wird nun aus der Pressefreiheit bei Time Warner?“ fragte ich H., der neben mir an der Bar saß. „Zensur können die sich gar nicht leisten“, sagte H., genau wie ich ein Medienjournalist um die dreißig. Mit unseren Redaktionen sind wir nur per E-Mail und Telefon verbunden, fast wie Auslandskorrespondenten. „Redaktionen handeln mit Glaubwürdigkeit“, sagte H., „und wenn der Verleger versucht, auf die Redaktion Einfluss zu nehmen und das fliegt auf, dann vernichtet er sein eigenes Kapital.“ Der ökonomische Diskurs hat heute die Dauerentrüstung ersetzt. So saßen wir da, das lebende Kapital unserer fernen Redaktionen. Ich widersprach halbherzig, redete von der vorauseilenden Selbstzensur und von Schlips und Schere im Kopf. Was ich H. jedoch verheimlichte war, dass ich am Morgen per Internet Aktien von Aol geordert hatte. Ich bestellte noch ein Pils. In der Glotze lief stumm „Wetten Dass…?“ Gottschalk verabschiedete gerade Bill Gates, den reichsten Mann der Welt.

 

Gates war gerade auf Weltreise. Im Gropius-Bau in Berlin hatte er eine Ausstellung über Leonardo da Vinci und Joseph Beuys eröffnet. Beuys würde sich in seinem Filzsarg umdrehen, wenn er das wüsste. Er hatte mit seiner Gleichung doch Recht behalten, wenn auch anders, als wir immer dachten: Kunst = Kapital. In derselben Woche, in der die Fusion angekündigt worden war, hatte Gates seinen Chefposten bei Microsoft abgegeben. Wahrscheinlich aus taktischen Gründen, um die geplante Zerschlagung seines Konzerns zu verhindern. Im Netz vermutete manch einer, dass Gates nun seinen Titel als meistgehasster Mann der Computerwelt abtreten würde. Und zwar an Steve Case, den Chef von Aol. Doch das ist eher unwahrscheinlich. Zu familienfreundlich ist das Image der beiden Kulturindustrie-Giganten. Kann Bugs Bunny Böses wollen?

 

Auffällig , dass von den vielen Kommentatoren kaum einer das Thema eines Aol-Monopols ernsthaft verfolgte. Die wenigen Kassandras verhaspelten sich rasch, vielleicht aufgrund mangelnden Trainings, denn für ihre Künste gibt es derzeit keinen Markt. „Im neuen Reich wird die Sonne nie untergehn, sie wir auf uns niederscheinen, immer und überall, auf jedem Channel, den wir öffnen“, orakelt Felix Stadler in der Online-Zeitschrift Telepolis. „Und das Licht wird so hell sein, dass wir Sonnenbrillen tragen müssen um Mitternacht.“ Ach, tatsächlich? Der nächste Einwand bitte. Durch die Megafusion entstehe ein „Allmedienreich“, warnte Heinrich Bleicher-Nagelsmann von der IG Medien. Seine Warnung verhallte ungehört und unerwidert. Sogar an der Internetliste mit dem vielsagenden Namen alt.aol-sucks prallten alle Warnungen ab: „jetzt haben sie Kontrolle über unsere Nachrichten, über die Kindersendungen, über die Kinofilme, und über einen Teil der Literatur, die wir lesen. Dem entkommt man nicht. Also bitte. WENN DAS KEINE BEDROHUNG UNSERER FREIHEIT IST!“ Das schreibt ein Diskussionsteilnehmer mit der Mailadresse prellrace@aol.com. Und genau das wird ihm in der Diskussion zum Verhängnis: „Du bist doch bescheuert“, erwidert ihm look@spam.bounce, „du meckerst darüber, dass Aol uns alle beherrscht, aber um diese Mail abzusenden, benutzt du Aol!“ Alle Freaks stimmen diesem etwas simplen Argument zu. So wird seine Warnung für prellrace@aol zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Er meldet sich nicht mehr zu Wort – genau wie die meisten anderen Kritiker.

 

Beliebt dagegen waren Kommentare der folgenden Sorte: „Diese Fusion war längst überfällig, so sicher wie im Winter Schnee fällt auf den Gipfeln von Vermont“, schreibt Vemartin62@yahoo.com, um mit einer hoffnungsfrohen Note zu enden: „Können wir bald im Internet surfen und gleichzeitig den neuesten Batman-Film sehen, während wir auf dem Sofa sitzen? Ich kann diese Möglichkeit vor mir sehen…“ Dieser Kommentar wäre nicht weiter interessant, wenn nicht ein stilisierter erhobener Daumen ihn zieren würde mit dem Hinweis „highly Recommended Opinion“. Derlei „Empfehlenswerte Meinungen“ sind der Rohstoff, mit dem das Internetportal Epinions.com handel treibt. Hier informieren sich Kunden gegenseitig zu Produkten, Preisen und eben auch zum aktuellen Meinungsmarkt. Meinungen, die oft abgerufen werden und außerdem von Lesern positiv bewertet wurden, erhalten das prädikat „highly Recommended Opinion“ und der Verfasser bekommt von nun an für jeden Leser ein paar Cents überwiesen, pro Monat beläuft sich das bei mehreren Kommentaren leicht auf über hundert Dollar. So war Vemartin62@yahoo.com also einer der ersten Profiteure der geplanten Fusion, und das nur aufgrund seiner veröffentlichten Meinung. Vielleicht ist es sogar anders herum, und nicht der Aol-Deal ist die eigentliche Sensation, sondern der Meinungsmarkt, der sich um diesen Anlass formiert hat.

 

In der postmodernen, vernetzten Meinungsmarktwirtschaft hat es die Kritik nicht leicht, zu einer „highly Recommended Opinion“ gewählt zu werden, denn per Definition ist sie anstrengend und tendenziell lästig. Der Philosoph Walter Ch. Zimmerli wundert sich zu Recht, dass es nie eine Anti-Internet-Bewegung gegeben hat, obwohl doch die Netze unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Politik stärker umkrempeln als etwa Atom- oder Gentechnik es je getan haben. Auch die beiden Medienphilosophen Geert Lovink und Pit Schulz sind vom Fehlen der Kritik befremdet. Mit der von ihnen ins Leben gerufenen Mailingliste „Nettime“ versuchen, daher eine „Netzkritik“ zu begründen. Doch seit Jahren schon sind sie aus dem Gründungsstadium nie herausgekommen. Ihr Fazit: „Im noch andauernden Zeitalter des multikulturellen Massenkonformismus, voller Mikropraxis und Ich-Management, ist die Kunst der Kritik in Vergessenheit geraten.“ Die Reaktionen auf die Aol-Fusion verdeutlichen das einmal mehr. Eigentlich schreit diese Fusion geradezu danach, einer Kritik unterzogen zu werden, die mit dem Begriff „Kulturindustrie“ operiert. Um so erstaunlicher, dass momentan niemand das Wort verwenden will. Zumal doch Warner schon zu Zeiten Horkheimers und Adornos eines der größeren Hollywoodstudios war und das Time Magazine sogar namentlich erwähnt wird im berühmten Kulturindustrie-Kapitel, also quasi Pate stand für den Begriff. Aber zum Thema Aol-Fusion will keine Meinungsfreude aufkommen, wie Michael Rutschky die Lust an der öffentlich zur Schau gestellten Erregung einmal genannt hat. Nur: wenn nicht hier, wo tobt sich dann die Meinungsfreude derzeit aus?

 

  1. Konvergenz von Geist und Geld

 

Es war eine Pressekonferenz der etwas anderen Art, wenn man den Presseberichten glauben darf. Denn sie veranschaulichte, welch tiefgreifende Revolution die Industrie umgekrempelt hat. Als sie gemeinsam die Fusion bekannt gaben, präsentierte sich der Aol-Chef Steve Case, sonst eher hemdsärmelig gekleidet, erstmalig in einem Anzug der Öffentlichkeit. Und Jerry Levin, der Boss von Time Warner, kam betont leger daher. Die plumpe Symbolik sollte signalisieren: Case und das Internet werden erwachsen. Und Levin und Time Warner erleben eine Verjüngungskur. Doch anstatt von Profiten, von Renditen und vom Shareholder Value zu sprechen, versicherte Levin der Journalistenschar, warum der Zweck der Fusion ein ganz und gar altruistischer sei: „Die Werte, die wir vermitteln wollen, haben viel mit den sozialen Belangen der Menschen in aller Welt zu tun.“ Und niemand wunderte sich über diese weichgespülte Rhetorik aus dem Mund eines Kulturindustriellen.

 

Die Aol-Fusion läutet daher nicht das Kommen der Informationsgesellschaft ein, wie die FAZ kommentiert, sondern sie macht lediglich sichtbar, wie tiefgreifend der Kapitalismus bereits umgebaut worden ist. Wir leben bereits in einer postindustriellen Gesellschaft, wie Daniel Bell sie schon 1973 beschrieb. Die Aol-Übernhame ist eine 150 Milliarden Dollar schwere Metapher für die Konvergenz von Geist und Geld, von Kultur und Industrie. In der digitalen Wirtschaft verschwimmt der Unterschied zwischen Produkt, Wissen und Geld, konstatiert Peter Glotz in seinem Buch „Die Beschleunigte Gesellschaft – Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus“. Die Konvergenz von Fernsehen und Computer ist dabei nur ein kleines Pars pro toto der viel tiefer liegenden Konvergenz von Informations- und Geldmärkten, von Handels- und Erzählgemeinschaft. „Softnomics“ nennt der trendige Medientheoretiker Norbert Bolz diesen Effekt in seinem Buch mit dem prägnanten Titel „Die Wirtschaft des Unsichtbaren – Spiritualität, Kommunikation, Design, Wissen – Die Produktivkräfte des 21. Jahrhunderts.“ Was Bolz unter Softnomics versteht, beschreibt er so:

 

„Seit es die elektronische Datenverarbeitung gibt, werden sich Geld und Information immer ähnlicher. Das bedeeutet aber, dass die Finanzmärkte der wichtigste Schauplatz für die Kommunikationstechnologien des 21. Jahrhunderts sind: Geldfluss und Datenfluss werden ununterscheidbar.“

 

Die alten Erzählfabriken der Kulturindustrie werden deklassiert. Die Mythenmaschine Hollywood wird als reiner Content-Lieferant von der Netzwelt geschluckt. Damit ändern sich auch die Erzählmuster. Nun heißt es nicht mehr Boy meets Girl. Sondern der Schnellere frisst den Langsamen, und damit der Kleinere den Größeren, denn wer klein ist, ist schnell. Die Fantasie hat damit eine neue Heimstatt gefunden. Ihre Erzählfäden laufen nicht mehr in Hollywood zusammen, sondern in der interaktiven, globalisierten Netzwelt. Und die hat entgegen aller Behauptungen ein Zentrum: die Börse.

 

Der Aol-Deal ist deshalb eine 150-Milliarden-Metapher, weil er nicht mit wirtschaftlichen Kennzahlen begründbar ist, sondern auf nichts als der Kursfantasie der Anleger beruht. Noch vor zwei Jahren lag der Aktienwert von Time Warner weit über dem von Aol. Verständlich, denn schließlich beträgt der Umsatz des alten Medienriesen mit 26 Milliarden Dollar mehr als das Fünffache des kleinen Newcomers. Damals hätte Time Warner die kleine Klitsche Aol aufkaufen können. Doch seitdem boomen die Technologiewerte an den Börsen, vor allem durch den Online-Aktienhandel, der sich einfach, billig und vom Büro aus während der Arbeitszeit nebenher erledigen lässt. Heute besitzt jeder zweite Amerikaner Aktien, in Deutschland jeder Fünfte unter den 18- bis 25-jährigen. Die Hightech-Börsen NASDAQ und Neuer Markt sind heute nicht mehr das Privileg verschworener Kapitalistenzirkel, wie sie noch in Zolas Roman „Das Geld“ auftauchen. Seit der Emission der Telekom-Aktie 1996 ist der Börsenhandel auch in Deutschland ein Teil der Popkultur. Publikumszeitschriften wie Stern und Max sprechen Tipps aus und Börsenspiele laden zum Mitmachen ein. Aktiendaddeln gleicht heute eher Skatspielen oder Flippern. Nur ist es spannender. Schließlich geht es um reale Firmen – oder was man dafür hält. Die Börse ist interaktives Reality TV. Und jeder Aktionär seine eigene Hauptfigur.

 

In diesem Klima schoss der Kurs der Aol-Aktie in die Höhe, beflügelt von der Kursfantasie der Anleger. Denn Steve Case verstand es, seine Firma als Symbol der Modernisierung erscheinen zu lassen, und zwar der familienfreundlichen Modernisierung: „Unser wichtigstes Geschäftsfeld sind nicht Daten, sondern Gemeinschaften“, pflegt Case zu sagen. Die Werbekampagnen des Dienstes sind auch hierzulande legendär. Boris Becker, der naiv und glücklich fragt: Bin ich schon drin? Ja. Ich bin drin. Kicher. Und ein Jahr zuvor der Kinofilm „You’ve got Mail“, einer Romanze, die angebahnt wird durch die Benutzung von Aol. Aol avancierte zur Metapher für Modernität mit Herz. Computer sind doch gar nicht die kalten, herzlosen Zählmaschinen, so das Argument. Computer sind ein Teil unseres Gefühlshaushaltes, gutherzige Erzählmaschinen. Die Neuen Medien liefern vor allem das: neue Geschichten, neue Legenden, neue Märchen. Die regen die Kursfantasie an und entschieden letztendlich darüber, ob Aol Time Warner kauft oder andersherum. Die kollektive Fantasie der Kleinanleger hat Hollywood entmachtet.

 

Die Weichen der Handlung wurden also vom derartig handelnden, aktiven Publikum gestellt. Doch wie geht es weiter, was bedeutet die Fusion von Time Warner und Aol für die Zukunft? Wild wurde spekuliert, gleichzeitig finanziell und narrativ. Die einen beschrieben die Fusion eher als Elefantenhochzeit, der eine Brautschau und ein Werben vorausgegangen war, und er ein reicher Kindersegen beschert sein wird. Andere schrieben, dass die Berliner Mauer, die bislang Fernsehen und Internet trennte, gefallen sei. Die meisten aber waren sich einig: Aol hat sich einen altersschwachen Partner gewählt, zu groß, zu behäbig, der jugendliche Ungestüm der Aktie sei nunmehr zu Ende. Und diese Angst vor dem Kurssturz ließ die Kurse tatsächlich abstürzen.

Die Kulturindustrie entwickelt eine ganz eigene Industriekultur, vermarktet sich selbst, narrativisiert ihr eigenes Schicksal. Millionen von Kleinanlegern nehmen aktiv an ihren Erzählungen teil, steuern eigene Gerüchte bei, reagieren mit Käufen und Verkäufen auf das Erzählte. Das Börsengeschehen ist die eigentliche Interaktiv-Literatur, die bislang fälschlicherweise immer auf irgendwelchen Kulturservern vermutet wurde. Aol fällt von 90 auf 60 Dollar! Zwei Zahlen, die von Hybris und Katastrophe berichten. Diese Kürzestgeschichte hat eine Tiefe, Fallhöhe und Sprachökonomie wie die beste konkrete Poesie. Börsenkurse sind Erzählungen im Futur, sie sind ein Stück utopische Literatur, die die Zuhörer mitreißt und zum Handeln animiert. Genau so wollte die sozial engagierte Literatur immer sein. „Ich bin eine Maschine, erbaut, um Glück zu produzieren“, schrieb Majakowski über sein Selbstverständnis als Dichter. Das neue Technopol aus Börse, Interaktivfernsehen und Internet soll genau das sein: eine gigantische Maschine, erbaut um Glück und Unglück und Glück im Unglück zu produzieren. Majakowskis radikale Poetologie, sein „strahlendes Ultra-Idyll“ wird heute eingelöst von jenem gesichtlosen Autorenkollektiv namens Dax und Nemax.

 

  1. Kapitalisten als Revoluzzer

 

  1. ist ein Unternehmer der anderen Art und damit typisch für diese neue Gründerzeit: Er sieht sich als Revoluzzer, als Vorhut einer technologischen Revolte, als radikaler Künder von einem besseren Übermorgen. Jeden Monat investiert er für eine internationale Investorengruppe mehrere Millionen Euro in hiesige Hightechfirmen, die gerade frisch gegründet worden sind. Von Kleidung und Habitus her hätte man in dem adretten Mittfünfziger früher ohne weiteres eine Charaktermaske des Kapitals erkannt – bis er zu reden beginnt. Denn orakelhaft wie beim antiken griechischen Chor tönte es aus seinem Munde: „Wir brauchen mehr Träumer, mehr Freaks, mehr Leute, die mit Mitte Zwanzig bereits eine Firma gegen die Wand gefahren haben. Leute, die auf ihre Visitenkarte schreiben: Chief Phantasist.“

Allgemeines Nicken in der Runde, die nicht ein Sit-In anno 1968 war, sondern ein sogenanntes Roundtable-Gespräch für eine Zeitschrift des Riesenkonzerns Bertelsmann, gleichzeitig Aols größter Konkurrent und Aols stärkster Partner und Teilhaber. Das Roundtable-Gespräch fand statt im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in Berlin im Jahre 1999. Der anwesende Staatssekretär und ein paar Jungunternehmer Ende Zwanzig, die schon ihre erste Million „verdient“ hatten, nickten nur stumm zu der Forderung nach Freaks und Fantasten, auch der Jüngstunternehmer hinten am Fenser mit der lustigen Punkerfrisur, die eine von der Hightech-Branche verlangte Aufsässigkeit symbolisieren soll, ähnlich wie früher Krawatten für Seriosität standen. Es ist eben nicht leicht, sich angesichts des neoliberalen Revoluzzertums von B. zu positionieren. Nur einer widersprach halblaut, ein Neunundzwanzigjähriger Selfmademillionär im schlabbrigen T-Shirt, auf dem das Logo seiner Firma prangte: „Naja, es wäre aber schon besser, wenn man Firmen nicht nur ruiniert hat… oder?“

Der revolutionäre Investor B. findet es nicht einmal nötig, auf diesen geradezu spießbürgerlichen Einwand zu antworten. Leute nenne sich heute neudeutsch „VC“, was man amerikanisch ausspricht. Vor 30 Jahren stand VC für „Vietcong“, heute dagegen für Venture Capitalist, Risikounternehmer also.

 

Der Diskurs des neuen VC spricht Bände. Die Börse mag eine unsortierte Ansammlung heterogener, paradoxer Erzählungen zum Thema Reichtum, Risiko und Zukunft sein. Doch all ihre disparaten Episoden werden von einer gemeinsamen Großen Erzählung gebündelt. Freilich, noch in den Neunzigern lernten wir, dass die Zeit der Großen Erzählungen mit der Postmoderne vorbei sei. Von uns Studenten las niemand den Börsen- oder Wissenschaftsteil der Zeitung, und so kamen wir auch nicht auf die Idee, welch eigenwilliges Genre der Großen Erzählung sich gerade zu diesem Zeitpunkt neu formierte.

Hören wir einfach einmal der Großen Erzählung von Neuen Medien und Neuen Märkten zu. „Radikal neue Ideen sind zumeist gute Ideen“, heißt es in einer Werbung des Elektronikriesen Hewlett-Packard unter der Überschrift „Das Prinzip Garage.“ „Teile alles mit deinen Kollegen: Arbeitsmittel, Ideen, Probleme…. Und vergiss nie: Gemeinsam kann man alles schaffen.“ Klingt  wie ein Hohelied auf das Leben in einer Landkommune, handelt jedoch davon, was man auf Neudeutsch Produkt-Philosophie nennt. Eigentlich sollen Produktphilosphien die Gegenstände voneinander unterscheiden, und dennoch klingen sie alle irgendwie ähnlich: „Die nächste Revolution findet nicht auf der Straße, sondern auf Ihrem Schreibtisch statt!“, verkündet der PC-Hersteller Toshiba über ein Gerät, das „mehr als eine Vision“ sein soll.

 

„Die dritte Welle“ nennt der Wirtschaftswissenschaftler Alvin Toffler in seinem gleichnamigen Buch die revolutionäre Umwertung aller Werte in der postindustriellen Geselschaft, und stellt fest, dass sie „ihre eigene ‚Super-Ideologie‘ entwickele“, ihre eigene Große Erzählung also. „Es ist unmöglich, dass eine Revolution stattfindet im Bereich der Energiegewinnung, der Techik, des Familienlebens, der Geschlechterrollen und der Kommunikation, ohne dass auch eine politische Revolution stattfände“, schrieb Toffler schon 1980, und diese einst radikale Außenseitermeinung wird heute von Mainstream und Elite übernommen. AOL-Chef Steven Case zum Beispiel gibt Toffler als seinen Lieblingsautor an, während Levin von Time Warner am liebsten Camus liest. Wer weiß, wenn Levin nicht „Der Fremde“ gelesen hätte, sondern einen Cyberpunkroman wie „Neuromancer“, vielleicht hätte er vor ein paar Jahren einfach Aol gekauft.

 

Wie es sich für eine Große Erzählung gehört, durchdringt die Story von der „Dritten Welle“ bereits alle Lebensbereiche. Die Mär von der postindustriellen Revolution prägt nicht nur die Sprache der Werbung, der Unternehmer, sondern auch den Börsenjargon: Unter dem Titel „das Revolutionärs-Protfolio“ stellt etwa ein „Prof. Dr. Max Otte“ vom Dienst „wallstreet:village“ im Internet seine Investmenstrategie vor –  „Verdienen Sie an der permanenten Revolution, die sich Wirtschaft nennt.“ Prof. Dr. Max Otte nennt aussichtsreiche Aktien schlicht „Revolutionäre“ und zählt dazu den Buchversand Amazon.de ebenso wie natürlich den Riesenkonzern Aol. „Entweder, der Revolutionär schafft es im Laufe der Zeit, König zu werden, oder er stirbt oft einen schnellen Tod“. Und „traditionelle Bewertungskriterien gelten für Revolutionäre wie America Online nicht“, so Prof. Dr. Max Otte weiter. Das also ist es. Gemäß der Großen Erzählung von Kapitalimsus als permanenter Revolution ist Aol kein potentieller Monopolist, sondern ein Revolutionär! Diejenigen, die in dieser merkwürdigen Welt der Neuen Märchen den Handel und die Handlung bestimmen, tun dies vermittels der kollektiven Kursfantasie.

 

  1. Betriebssystemkritik

 

Es war eine Frage der etwas anderen Art. „Wer ist der digitale Hitler?“ fragte mich S., ein Softwareentwickler Ende dreißig. Wir saßen versonnen am Ufer seines Seegrundstückes und rauchten einen Joint. S. gehört zu jenen Digerati, Computerkundigen also, an denen jede Typensoziologie zerschellt. Mal kauft er sich Auto, Motorrad und Seegrundstück, gehört zur besitzenden Klasse und praktiziert die sichtbare Verschwendung. Und ein paar Monate später ist er wieder arbeitslos gemeldet, ein Sozialfall. Dieses binäre Changieren zwischen Soziotopen und Positionen kennzeichnet auch seine Überzeugungen. Die letzten zwei Jahre hatte S. damit verbracht, mit japanischem Invesitionskapital eine Art Radio zu entwickeln, das ortsabhängig verschiedene Programme abspielt und das seinen Zuhörern permanent Unterhaltung, Reklame und Suggestionen einflüstern würde. Eine programmierte Weltbeherrschungsfantasie nannte ich das Programm und ihn den „Ohrenführer“. Er hielt dagegen, dass er mit seinem System nur die Welt warnen wolle vor den Möglichkeiten der digitalen Suggestion. „Wie kommt der digitale Faschismus daher“, bohrte S. weiter, „sicher nicht mit Fackelzügen oder brandenburger Schlägertrupps. Der digitale Hitler ist ein Unterhalter, ein sanfter Verführer.“ Zu Neudeutsch: Aol? S. schlug vor, diese Frage zu klären, indem er sich selber in die Rolle des digitalen Hitler hineindenkt und weiter an seiner und dessen Weltbeherrschungsmaschine bastelt. Um die moderne Kulturindustrie von innen heraus zu verstehen. Mit diesem Bemühen ist er nicht allein.

 

Ein Stellungswechsel ist derzeit im Gange zwischen der postmodernen Kulturkritik und der digitalen Kulturindustrie: Die Börsianer und Risikokapitalisten reklamieren die Begriffe der Kulturkritik für sich und schwadronieren von Eigenverantwortung und Gemeinschaft, sanfter Revolution und einem besseren Übermorgen. Und der Kulturdiskurs der Avantgarde hat dem naturgemäß wenig entgegenzusetzen und setzt daher auf Überbietung der neuen Ökonomie, auf die Identifikation mit dem Aggressor. Das liest sich dann so:

 

„Künstler, habt keine Angst vor der Kommerzialisierung…. Die souveränste Abhilfe gegen die Kommerzialisierung besteht heute nicht mehr darin, vor der Kommerzialisierung zu fliehen. Es gibt eine neue Abhilfe. Die aggressivste Gegenwehr gegen den Konsum-Totalitarismus besteht darin, eure geistigen Schöpfungen zu verschenken…. Lasst euch ‚ausnutzen‘. Heute gibt es Vertriebskanäle, die es erlauben, Kreativität an Millionen Menschen zu verschenken. Gut möglich, dass ihr dadurch sogar eine Menge Geld verdient. Wenn ihr erfolgreich die Aufmerksamkeit auf euch zieht, ist das sogar sehr wahrscheinlich. In einer Startup-Gesellschaft können auch Unschuldigen große Summen Geld einfach so in den Schoß fallen.“ Und so weiter.

 

Entnommen ist diese Zitat dem „Manifest vom 3. Januar 2000“ des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, einem der innovativsten Autoren dieses Genres. Veröffentlicht wurde das Manifest in der Netzliste Nettime, dem Fachorgan der Netzkritik. Sterlings Aufforderung, freiwillig auf das Copyright zu verzichten zugunsten eines „Copyleft“, macht sich die Argumente einer neuen Softwarebewegung zu eigen, die das Besitzdenken aus der Sphäre der Information und damit aus dem Internet verdrängen will. Nicht durch Proteste und Demonstrationen, sondern durch ihre Praxis. Die Prinzipien sind einfach: Verschenke die Früchte deine Software, und du wirst durch deinen Kultstatus belohnt werden. Lass die Kunden deine Schöpfungen erst testen, bevor sie dafür bezahlen. Oder veröffentliche zumindes den Source Code deiner Software, den Bauplan also, sodass andere dein Produkt verfeinern und erweitern können. Freeware, Shareware und Open Source heißen diese drei unterschiedlichen Strömungen, die allesamt das herkömmliche Copyright relativieren wollen zugunsten einer Netzökonomie der Aufmerksamkeit. Eigentlich beziehen sich diese drei Prinzipien nur auf die Welt der Software, aber wie das Manifest zeigt, lässt sich ihre Bedeutung auch auf andere Bereiche ausweiten, wie etwa Literatur oder bildende Kunst. Doch festzuhalten bleibt: Leitgenre bei diesen Überlegungen ist die Softwareentwicklung, Der Programmierer oder „Coder“ ist Inbegriff des schöpferischen Menschen. Ihm eifern in diesem Modell alle anderen Künstler nach.

 

Bruce Sterlings Netzkritik versucht nicht, die digitale Kulturindustrie von außen zu kritisieren, sondern sie von innen zu verändern und zu verbessern. Damit liegt er durchaus im Trend, denn Konvergenz heißt auch hier das Zauberwort: Kulturtheorie, Ingenieurswesen und Ökonomie rücken zusammen in der Netzkritik. „The Cathedral and the Bazaar“ heißt etwa ein vielzitierter Aufsatz von Eric Raymond, in dem er darlegt, warum das offene, gemeinschaftliche Programmieren gemäß den Open Source-Prinzipien einfach besser ist als das proprietäre Horten von Programmen, wie es zum Beispiel Microsoft tut. Nicht moralisch besser, nicht kulturell erhebend. Sondern besser im Sinne der Funktionalität, rein meritokratisch. Die „Kathedrale“ symbolisiert in diesem Modell das herkömmliche Programmieren mit bezahlten Ingenieuren, das „Basar“-Modell steht für die ehrenamtliche Programmierertätigkeit vieler Freiwilliger, die unbezahlt per Internet kooperieren. Das bestechende am Basarmodell ist dabei seine Praxisnähe. Es ist keine Vision, keine Utopie, keine Ideologie, sondern eine jahrelang getestete Methode. Die Firma Netscape zum Beispiel, der große Gegenspieler von Microsoft in den sogenannten Browserkriegen, entschloss sich 1998 dazu, alle Informationen ihrer Softwareentwicklung zu veröffentlichen, um Bastlern in aller Welt einzuladen, das Programm in ihrer Freizeit zu verbesern. Heute übrigens gehört Netscape zum Konzern Aol. Aol steht damit auch auf der Seite der Netzkritiker. Womit endgültig alle ideologischen Klarheiten beseitigt wären.

 

Die kulturelle Elite der Multimediawelt diskutiert heute nicht mehr, wie sie sich gegen den Kommerz wehren könnte und warum Aol zerschlagen werden muss, sondern welche neuen Formen der Kunstpraxis wünschenswert sind. Der programmatische Urtext dieser Überlegungen stammt dabei nicht nicht von Sterling, nicht von Adorno, nicht von Marx. Sondern von einem anonymen Autorenkollektiv, dessen tausende von Mitgliedern auf der ganzen Welt verstreut wohnen und vor allem durch eines zusammengehalten werden: ihren Internetanschluss. Linux heißt dies ständig weiter wachsende Credo der Systemkritik und nur Maschinen können es lesen und ausführen, denn es handelt sich dabei um ein Computerprogramm. Die weltweit sich formierende Linux-Bewegung ist als Alternative zum weltweiten Monopol von Microsoft entstanden, als ein Betriebssystem, das im Internet frei erhältlich ist. Nicht Mitleid, Verzweiflung oder Erleuchtung standen am Anfang dieses Programms, sondern die Bequemlichkeit. Linus Benedict Torvalds hatte einfach keine Lust mehr, Schlange zu stehen, um an eines der 16 Unix-Terminals an der Universität von Helsinki zu dürfen, so der Gründungsmythos. Der junge Finne wollte seinen eigenen Unix-Rechner haben. Also setzte er sich hin uns strickte sich ein eigenes Betriebssystem, beginnend mit dem Kernel (sprich Körnel), dem Innersten des Innersten eines jeden funktionierenden Computers. Stolz taufte Linus diesen Kernel „Linux“, wie man es eben bei Erstgeborenen tut. Das war im April 1991, und Torvalds war 21 Jahre jung. Er veröffentlichte seine Bastelei in einer Newsgroup im Internet und schnell entwickelte sich das System zum Geheimtip für Edelhacker. Durch die internationale Vernetzung konnten die besten von ihnen über Jahre hinweg zusammenarbeiten. Das Ergebnis dieses Experiments in Sachen Vertrauen und Kooperation ist das wohl am stabilsten laufende Betriebssystem der Welt. Denn nicht Eitelkeit oder Besitzrechte zählten, sondern einzig die Funktionalität. Das honoriert auch die Industrie. Ohne Linux würde keine Boeing starten, keine E-Mail ihr Ziel erreichen, kein Roboter auf dem Mars landen. Großkonzerne wie SAP und IBM investieren in Linux und Linux-Vertreiber wie Redhat sind bereits erfolgreich an die Börse gegangen. Denn jeder dritte Internetserver läuft heute unter Linux und die Zuwachsrate seiner Verbreitung liegt bei rund 200 Prozent pro Jahr. Linux ist das eherne Fundament, auf dem die digitale Kulturindustrie ruht.

 

Gleichzeitig gilt Linux als Kritik derselben, als Gegenentwurf zu Microsofts Betriebssystem-Monopol. Aufgrund seiner Produktionsweise wurde es ebenso als lebendiges Christentum geehrt wie auch als Beispiel urkommunistischer Ideale. Linux ist angewandte Betriebssystemkritik, die gleichzeitig systemstabilisierend wirkt. Linux ist ambivalent. Gleichzeitig ist Linux aus der Perspektive der Kulturkritik die wohl trockenste, schwerverdaulichste Form der Literatur, seit es den Marxismus-Leninismus gibt: Zeilen wie „DF6KC:~#cat/dev/soundstat“ gelten im Programmcode geradezu als Beispiel barocken Überschwanges. Genau so wollte doch der Kulturkritiker Heidegger eigentlich immer schreiben, einsam von den eisigen Höhen des Geistes und des Schwarzwaldes herab!

 

Je nach Betrachterstandpunkt erfüllt Linux unterschiedlichste Bedürfnisse. Das sichert dem Betriebssystem nicht nur einen festen Platz auf den Festplatten der Kulturindustriellen, sondern auch in den Herzen und Köpfen der digitalen Hochkulturschickeria. Die Ars Electronica etwa, Europas wichtigstes Medienkunstfestival, vergab 1999 den renommierten Preis namens Golden Nica nicht an einen Science-Fiction-Autoren, nicht an einen Theoretiker, sondern an das Betriebssystem Linux selber. An Einsen und Nullen, an tausende von Zeilen von trockenem Kauderwelsch, das sich der sinnlichen Erfahrung stärker entzieht, als das selbst den blutleersten Theoretikern bisher gelingen wollte. Die Jury war schwer beeindruckt. Es war wohl das erste Mal, dass die Kulturelite ein Computerprogramm als ihr Vorbild feiert. Und Linus Torvalds, der Koordinator der Softwareentwicklung, nahm den Preis lediglich als sein menschlicher Sachwalter in Empfang. Auch das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, Deutschlands wichtigstes Medienmuseum, schwimmt auf der Linux-Welle mit und lud im Herbst 1999 zur Linux-Konferenz „Wizards of OS“ ein – wobei OS für Operating System steht, Betriebssystem also. Wie wichtig Linux für das Selbstverständnis der kulturellen Elite geworden ist, zeigt die Begrüßungsrede von Peter Weibel, Direktor des ZKM:

 

„Open Source ist die demokratische Antwort auf die feudalistische Struktur der Computerindustrie…. Wir leben bekanntlich in einer Art konstitutionellen Medienmonarchie, mit einer feudalistisch strukturierten Computerindustrie. Das offensichtliche Bestreben der Computerfirmen, Betriebssysteme im Maße ihrer Profitgier zu schützen und bedinungsumständlich zu machen, widerspricht jeglicher demokratischer Nutzung von Computernetzen.“ Und so weiter.

 

Und plötzlich wird es uns ganz heimatlich ums Herz und gerührt erkennen wir jenen Tonfall der Entrüstung über die „Aufklärung als Massenbetrug“ wieder. Genau diese Stimmen fehlten doch so schmerzlich im Chor der Kommentare zu Aol und Time Warner. Ja, Theodor Wiesengrund Weibel, möchten wir jauchzen, genau so ist es! Immerwährend betrügt Aol seine Konsumenten um das, was es immerwährend verspricht! Alle Massenkultur unterm Monopol ist identisch! In der Seele soll ein geheimer Mechanismus wirken, der die unmittelbaren Daten bereits so präpariert, dass sie ins System der reinen Vernunft passen!

 

Linux verbindet die Kulturkritiker aller Länder in ihrem beschwerlichen Stellungskampf gegen eine immaterielle Bewusstseinsindustrie, die für sich die Diskurse der Freiheit und Fantasie, der Utopie und der Revolution reklamiert. Diese Ideologie von der permanenten postindustriellen Revolution trifft heute nur noch auf eine Form des zeitgemäßen Widerstands: auf die Praxis des Programmierens. Die digitalen Kulturelite klammert sich an Linux wie an die letzte Planke des untergegangenen Tankers namens Kulturkritik. In den Tiefen des Programmcodes überwintert die kritische Theorie.

 

  1. Heimwerker am Kernel des Systems

 

Es sind eben Parties der anderen Art: geprägt von Ernst und Arbeit. „Linux-Install-Parties“ finden landauf, landab statt. In Uni-Rechenzentren und in Jugendzentren laden junge, ernste Männer die Öffentlichkeit ein, ihre Festplatten von Microsoft-Prgrammen zu reinigen und statt dessen Linux zu installieren. R. zum Beispiel, ein Medizintechniker Mitte Vierzig, trägt schwer an Linux: Tower, Monitor, zwei Festplatten, Modem hat er von zu Hause aus hergeschleppt, um seinen Rechner vom falschen Leben ins richtige zu holen. Zehn Kilo guter Wille. Nun sitzt er vor seinem Gerät und lässt sich von den Studenten aufklären. Wo er mühsam mit einzelnen Fingern tippt, streicheln sie einen Tusch auf die Tastatur, elegant wie Pianovirtuosen. Auf seinem linken Knie lastet die 1000 Seiten starke „Linux-Bibel“, auf dem rechten ein Schreibblock mit Einträgen wie „DF6KC:~#cat/dev/soundstat“. R. stöhnt darüber, wie hart doch die Arbeit so dicht am Code doch ist. Aber auch irgendwie befriedigend. Kein billiger Schnickschnack wie Windows-Dialoge betrügen ihn hier um seine hart erkämpfte Souveränität. Hier muss er sich selbst beweisen, gelehrig und geduldig sein.

 

„Mann, das ist fast so, als ob du eine neue Sprache lernst“, flüstert sein Nachbar M., ein Koch. Seit zwei Stunden sitzt er vor seinem Notebook und büffelt Linux, dekliniert Promptzeichen, konjugiert Schnittstellen. Die Vorhänge sind zugezogen, damit die Bildschirme heller strahlen. Die klösterliche Ruhe wird nur unterbrochen vom Klicken der Tastaturen. Hier sind Computer noch nicht und nicht mehr die Ablenkungsmaschinen der Spieleindustrie, hier flimmern keine Interaktivpornos über den Bildschirm. Auf Linuxparties wird harte Textexegese betrieben und die digitale Kulturkritik ist ganz bei sich. Linuxparties sind der letzte Hort der Systemkritik in Zeiten der globalen Aufmerksamkeitsökonomie, in der jede Form der verbalen Kritik sofort als News und Attraktion ins System selber eingespeist wird und so als „highly recommended opinion“ in Cybercash und Börsenkurse transformiert wird. Doch hier im dämmerhohen Raum des Unirechenzentrums greifen die Regeln von Aol, Vodafone und Microsoft nicht mehr, denn diese jungen, ernsten Männer installieren ein Betriebssystem, das für alles steht, an das sie glauben. Das System und seine Kritik, die Kulturindustrie und ihre Verneinung. In seiner Unbestechlichkeit ergreift Linux für uns alle das Wort, für die schweigende Mehrheit der DAUs, der Dümmsten Anzunehmenden User, die nicht einmal imstande sind, ihr Unbehagen am Aol-Deal zu artikulieren. Linux ist unser Trost, unser gutes Gewissen. Linux läuft Tag und Nacht, automatisch wie eine tibetanische Gebetsmühle, kollektiv, anonym, ortlos. Linux ist Kulturkritik im Softwareformat, ein aktuelles Update sowohl der Kulturindustrie als auch ihrer Kritiker, Sinnbild der Konvergenz von Kultur und Industrie und Ausdruck unserer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft, die alle anstrengenden Aufgaben an Maschinen delegiert – selbst die Kulturkritik. Nur dank dieser automatisierten Betriebssystemkritik können wir DAUs uns den Luxus leisten, nicht zu jeder neuerlichen Megafusion eine Meinung haben zu müssen. Und das befreit. Vielen Dank, liebes Linux! Weiter so! Energie!

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