Früher war es das Größte, alles zu wissen: Wie gelingt der Frieden in Nahost, wann kommt der große Wenderoman, und wer genau steckt hinter dem Urknall? Die Allesbesserwisser von damals zählten sich zur Intelligenzija. Gerne verdrängte das staunende Publikum, dass sie meist danebenlagen. Donald Trumps Wahlsieg sahen sie nicht voraus, die Wende 1989 fiel vielen erst 1990 auf, 9/11 überraschte sie, der IS-Terror kam aus dem Nichts, ebenso wie Ebola und das Beben in Nepal.

Zeit, einen Kassensturz des Denkens zu machen und die Perspektive zu wechseln. Vielleicht geht es ja genau darum: Einen souveränen Umgang mit dem Nichtwissen zu entwickeln, mit der scheinbaren Zufälligkeit komplexer Systeme, auch Kontingenz genannt. Wann kommt das lang erwartete große Erdbeben in Tokio, San Francisco oder Istanbul? Gute Frage, nächste Frage.

Daraus folgert nicht Schulterzucken, Fatalismus oder regelmäßige Bittgottesdienste. Sondern im Gegenteil: Präzise Katastrophenpläne mfür die Evakuierung, ein strenges Baurecht für robuste Häuser, Notstromgeneratoren für den Fall der Fälle. Bei Ebola scheinen wir mehr Glück als Verstand gehabt zu haben. Wann bricht die nächste tödliche Ansteckungskrankheit über uns herein? Das kann niemand sagen. Nur dass sie kommen wird, ist klar, und daher sollten wir heute mehr Intensivstationen in Flughäfen bauen.

Wer sich nicht einbildet, alles Wichtige wissen zu können, sondern die Grenzen des eigenen Wissens sozusagen von außen her abschreitet, kann in unübersichtlichen Lagen um so beherzter reagieren: Expect the unexpected, wie es in der Werbung so schön heißt.

Statt dem großen Topchecker-Durchblick nachzujagen, ist es oft sinnvoller, ganz bescheiden einen Plan B zu auszutüfteln. Und falls der gegen die Wand läuft: einen Plan C. Das ist nicht Denken für den rhetorischen Effekt, sondern Denken auf Vorrat. Erwärmt sich das Klima um zwei oder vier Grad? Egal, wir brauchen Deiche, Überschwemmungszonen, Malarianetze.

Nach den Intelligenzbestien von damals sind heute Resilienzbestien gefragt. Oft löchern wir Journalisten die Experten so lange, bis sie so neunmalklug und in Stein gemeißelt daherschwadronieren, wie man es von der Intelligenzija früher eben erwartete. Dabei wäre es oft aufschlussreicher, sie ebenso genau nach den Grenzen des Wissenkönnens zu befragen: Die Wissensgesellschaft ist auch eine Nichtwissensgesellschaft. Uns das zu vermitteln wäre die Aufgabe einer neuen Expertengeneration: der Kontingenzija.

P.S.: Das Problem mit Resilienz und Kontingenz ist, dass sie sich selbst per Definition schlecht verkauft in Zeiten der Meinungsfreude. Der Soziologe Albert O. Hirschmann scheint ein Beispiel dafür zu sein. In der New York Times heißt es zum Phänomen der Unsichtbarkeit der Kontingenzbestien:

„Hirschman left no simple, predictive models for understanding society. His big development theory was that big development theories tend to be wrong. His view of the relationship between free markets and collective action was that a good society needs both, in varying degrees depending on the circumstances. He was suspicious of bold ideas, even his own, titling one of his books “A Propensity to Self-Subversion.”

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