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Es ist schon ein Ritual geworden. Zur Zeitumstellung schreibe ich gerne gegen sie an. Auch gestern wieder. Das nervt einige Leser. Gerade erreicht mich ein Leserbrief:

„Warum muss man jedes Jahr darüber schreiben und die gleichen Fragen stellen? Auch das ist überflüssig. In keinem anderen EU Land wird diese Frage jedes Jahr so in der Presse diskutiert wie in Deutschland. Wie gesagt, überflüssig.“

Hier meine Antwort:  

Hallo Frau xxx,

sie fragen zum meinem Artikel über die Zeitumstellung: „Warum muss man jedes Jahr darüber schreiben und die gleichen Fragen stellen?“

Es gibt gute Gründe, das Thema immer wieder aufzugreifen.

Zum einen wissen wir immer noch sehr wenig über die Chronobiologie und Chronomedizin – und es gibt bislang kaum eine systematische, groß angelegt Begleitforschung zur Zeitumstellung. Das ist geradezu bizarr angesichts des Aufwandes, den sie Jahr für Jahr zweimal bedeutet. Dennoch tut sich etwas auf diesem Gebiet – und wir versuchen in unseren Artikeln stets auf die neuen Erkenntnisse einzugehen.  Erst vor einem Jahr gab es endlich einmal eine seriöse Überblicksstudie. Sie ist sehr lesenswert:

http://www.tab-beim-bundestag.de/de/untersuchungen/u20100.html

Zweitens: Die Beschäftigung mit diesem eher banal wirkenden Thema kann, mit Umweg etwa über diese Studie, einen Anreiz bieten, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Das ist so ähnlich wie mit den Fragen um die Soziologie des Schenkens. Es gibt einen Anlass, der zur Vertiefung dienen könnte. Ich kam auf diese Weise zum Buch „Wie wir ticken“ von Till Roenneberg, es ist immer noch sehr lesenswert, denn es dreht sich natürlich nicht nur um die Zeitumstellung, sondern um das Phänomen des sozialen Jetlags allgemein.

https://www.amazon.de/Wie-wir-ticken-Bedeutung-Chronobiologie/dp/3832195203

Die dritte Frage betrifft die Meta-Ebene und ist für mich die faszinierendste. Durch das Umfrage-Tool messen wir die öffentliche Meinung, Jahr für Jahr, und stellen fest, wie unpopulär die Umstellung ist, zweitens, dass sich die Meinung zu drehen scheint bei der Sekundärfrage: Wenn abschaffen, dann immer Sommer- oder immer Winterzeit?

Bislang sah es eher so aus, dass die meisten Teilnehmer für die ständige Beibehaltung der Sommerzeit waren, weil dann die Tage so schön lang erscheinen.

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Doch bei der aktuellen Abstimmung sind eindeutig die Freunde der permanenten Winterzeit (Sonnenzeit) in der Mehrhheit.

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Wahrscheinlich handelt es sich um einen Messfehler, außerdem ist die Umfrage nicht repräsentativ, und die Unterschriften könnten suggestiv sein. Aber dennoch scheint mir das Thema spannend genug zu sein für eine weitere genaue Beobachtung.

Und daran schließt sich die eigentliche Frage an: Warum lassen sich evident sinnlose, irrationale Praktiken so schwer ändern? Was lässt Gesellschaften festhalten an alten Ritualen und Gewohnheiten? Früher waren das zum Beispiel Regentänze und Teufelsaustreibungen, die eine  oder andere Hexenverbrennung war auch dabei, später dann wurde lange daran festgehalten, dass Frauen hinter den Herd gehören. Warum? Das war schon immer so, wo würden wir hinkommen, es wäre zu schwer, das zu ändern, nun hab dich nicht so. Die Zeitumstellung ist im vergleich banal, fast lächerlich in ihrer Bedeutung. Und genau daher eignet sie sich dazu, soziale, irrationale Beharrungskräfte zu studieren und zu diskutieren. Vielleicht hat das der Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour an besten auf den Punkt gebracht: Wir sind nie modern gewesen.

Sie schreiben: „Warum muss man jedes Jahr darüber schreiben und die gleichen Fragen stellen?“

Auch diese Aussage eignet sich zu einer kleinen Reflektion über Gewohnheit, Rituale und Irrationales. Denn ebenso wie die Artikel zur Zeitumstellung ist auch die Kritik an ihnen so vorhersagbar wie das Amen in der Kirche, schauen Sie einfach mal in die Kommentarspalten. Wieso glauben Sie dennoch, die altbekannt Kritik hier noch einmal wiederholen zu müssen? Ich vermute, dass beide Seiten Teil einer größeren Unterhaltung sind: Die eine Seite stellt wieder und wieder die inkrementell sich verändernden Einsichten in die Chronobiologie anhand der lästigen Zeitumstellung vor, die andere Seite meckert gegen derlei vorhersagbare Artikel, tut das aber ebenso vorhersagbar. Das erinnert schon fast an das Call-Response-Schema in der Musik.

Ich meine das gar nicht abfällig. Ich glaube, dass das Thema Zeitumstellung ein faszinierendes Ritual ist, in dem die EU gefangen ist, und auch ich als Journalist gehöre dazu, und auch Sie als Kritikerin. Spannend wird es, wenn sich tatsächlich einmal, vielleicht in einem Jahr oder in 100, jemand hinstellt und sagt: Schluss mit dem Unsinn. Dann wird niemand mehr verstehen, warum wir so lange als inbrünstige Gläubige der Fortschrittskirche einem längst widerlegten Effizienz-Mythos angehangen haben, klaglos, fraglos, evidenzfrei. Wir sind nie modern gewesen – und vielleicht werden wir es nie ganz sein.

Mit etwas unausgeschlafenen Grüßen

Hilmar Schmundt

 

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