…kreisen um die Erde: Satellitentrümmer, Raketenteile, sonstiger Schrott. Über 18 000 Trabanten haben die Teleskope im Blick, nur 1100 davon sind funktionierende Satelliten, die restlichen 94 Prozent dagegen sind tödliche Geschossen, die teils mit 56 000 km/h durchs All rauschen und Satelliten wie Astronauten gefährden. Wer bringt den Müll runter? Darum kreiste bis Freitag eine Konferenz in Darmstadt.

Das Thema Satellitenschrott ist ein altes Ärgernis.

Hier eine Passage aus meinem Buch „Hightechmärchen“. Leider ist es immer noch aktuell.

 

Der Satellit ist aufgegangen

Der Himmel über der Kieler Förde hat die Farbe eines Monitors vor Eingabe des ersten Befehls. Nur das Blinken des Leuchtturms von Friedrichsort punktiert die Dunkelheit wie ein Prompt-Zeichen.

„Noch drei Sekunden“, flüstert Marco Hahn, legt den Kopf in den kräftigen Nacken und starrt ans schwarze Firmament. Wellen glucksen unter dem Holzsteg. „Zwei, eins. Da ist er! Zehn Grad links von Wega! Ich sehe ihn!“ Ein winziger Punkt rast von Süden her scharf am Sternbild Leier vorbei, schneller als ein Flugzeug, mit dem bloßen Auge sichtbar und heller als eine Sternschnuppe. Nach zehn Sekunden erlischt der Punkt wieder. Darf man sich jetzt was wünschen? „Nein, das war ein Iridium-Satellit“, sagt Hahn, „Das war Iridium 69“. Sein Beobachtungstagebuch wies damals, Ende der Neunziger, bereits fast 200 Einträge auf, heute werden es vielleicht doppelt so viele sein. Viele Satelliten kennt er auswendig mit vollem Namen, RS-10/11 zum Beispiel oder Noaa-10. Hahn hatte damals gerade sein Studium der Mathematik und Physik abgeschlossen und begann gerade seinen ersten Job. Aber in seiner Freizeit blieb er weiter Satellitenbeobachter.

Nicht jeder kann Hobbyraumfahrer werden, selbst wenn sich die Raumfahrtindustrie einem breiten Publikum öffnen sollte. Manche haben einen schwachen Kreislauf, anderen fehlt Geld oder Zeit. Ihnen bliebe nur, die märchenhaften Abenteuer der anderen am Bildschirm mitzuverfolgen. Oder aber der Blick zum Himmel. Für eine kleine Erzählgemeinschaft ereignet sich dort oben jede Nacht ein Schauspiel von exquisiter Schönheit: der Tanz der Satelliten um die Erde. Hier gibt es keine abenteuerlichen Raumfahrer, nur die Schönheit angewandter Mathematik.

Treffpunkt der Satellitenbeobachter ist das Internet, vor allem die Mailingliste SeeSat mit ihren weltweit über 400 Abonnenten. Hier verabreden sie sich zu internationalen Konferenzen oder spekulieren darüber, welche Satelliten zu Silvester am besten zu sehen sein werden.

Sie selbst nennen sich gern „Birdwatcher“, Vogelbeobachter, denn Satelliten heißen in ihrem Jargon „Birds“. Tatsächlich sind sie ein Update von Vogelstimmensammlern oder Trainspottern, jenen einsamen Gestalten, die Sonntagnachmittags auf Eisenbahnbrücken stehen und Zugfabrikate notieren.

Doch Birdwatcher sind mehr als nur verschrobene Eigenbrötler. Ihre Verweise im Internet sind Missing Links zwischen dem Alltag auf Erden und den Wundern angewandter Raumfahrt am Himmel, den Telefon- und Fernseh- und Wettersatelliten, die heute das erdnahe Weltall möblieren. Wer Satelliten beobachtet, gibt den immateriellen Datenströmen ihr Gesicht zurück. Fast 9 000 Satelliten umkreisen ständig die Erde, jedes Jahr werden rund 100 weitere hinaufgeschossen. Allmählich wird es eng am Himmel, auf der beliebten geostationären Bahn zum Beispiel herrscht dichtes Gedränge wie Feierabendverkehr von Neapel. Die unbemannte Raumfahrt ist längst banaler Alltag, eine Satellitenbörse vermakelt von London aus die Plätze am Himmel an das jeweils meistbietende Konsortium. Oft geht es dabei um schattige Geschäfte, denn auch das kleinste Land hat Anrecht auf Satellitenplätze, selbst wenn es weder willens noch in der Lage ist, einen kleinen Erdtrabanten hinaufzukatapultieren – sondern nur, um den Himmelsparkplatz gegen viel Geld zu vertickern. So werden Schrottmühlen von Position zu Position verschoben, nur um Plätze freizuhalten.

„Das meiste, was man sieht, sind Schrottteile“, kommentiert Hahn, „Abgesprengte Raketenstufen, explodierte Satelliten, abgefallene Solaranlagen“. Der Orbit gleicht einer gigantischen Müllkippe: Über hunderttausend mindestens handschuhgroße Satellitentrümmer umschweben die Erde in sogenannten „Schrottwolken“ aus untoter Technik („Debris clouds“). Das ist eine schöne Scheiße, und zwar wörtlich, denn viele der Schrottteilchen sind von einem hauchdünnen Kotfilm überzogen, der von defekten Astronautentoiletten stammt. Diese Beobachtung regte den Autor Arthur Clarke zu der Überlegung an, dass das irdische Leben vielleicht aus dem All stamme – aus den Fäkalien fremder Alien-Raumfahrer. Wenn dem so sei, so Clarke, „müsste das erste Kapitel der Genesis drastisch umgeschrieben werden.“ Norad, das nordamerikanische Frühwarnzentrum für Flugobjekte, betreibt eigens einen Dienst, um die fliegenden Köttel zu verfolgen. Das Johnson Space Center bildet den Trümmer-Reigen im Internet ab (http://sn-callisto.jsc.nasa.gov/graphics/beehive3.jpg). Auf dieser Seite sieht der Heimatplanet überhaupt nicht aus wie eine blaue Murmel, gebettet auf das samtene Schwarz des Firmaments. Sondern vielmehr wie ein verfaulter Apfel, umschwärmt von tausenden Schmeißfliegen. Das blaue Gemurmel erscheint durchs Okular des Satellitenbeobachters absurd. Die Marsmärchenonkels versprechen das blaue vom Himmel herunter für eine Handvoll Milliarden Dollars. In Wahrheit herrschen im Orbit politisches und technisches Chaos, Geheimniskrämerei, Betrug, Verklappung und Gefeilsche. Die blaue Murmel ersäuft im Orbitalschrott.

 

Der Alltag im All hat wenig zu tun mit den faden Aufklärungsmythen der Marsonkels. Sie ist chaotisch, bedrohlich, verkommen – und unglaublich schön. Eigentlich sind Satelliten fast unsichtbar. Kleiner als ein Autobus, schneller als der schnellste Kampfjet, weiter weg als die Strecke Hamburg-München. Sichtbar sind sie meist nur während eines „Flare“. So nennt man das Aufleuchten, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf das Metall von Sonnensegeln oder Antennen fällt und die Oberfläche aufgleißen lässt. Anfänger der Sternenbeobachtung interpretieren Flares oft fälschlicherweise als Supernova und nerven mit ihren aufgeregten Anrufen die Sternwarten ihrer Umgebung.

Hahn fummelt eine Taschenlampe aus seinem Rucksack. „Iridiums sind Anfängerzeug“, sagt er. Hahn dagegen ist ein alter Hase. „Ich halte lieber nach amerikanischen Spionagesatelliten Ausschau“, sagt er, denn deren Bahnelemente werden oft geheimgehalten. Das stachelt den Ehrgeiz noch weiter an. Vor allem Lacrosse-Satelliten mag er, die mit ihrem Radarauge auch durch Wolken spähen können und am rötlichen Schimmern ihrer Thermobeschichtung erkennbar sind.

Eigentlich muss jeder Satellit bei einem Speziaregister der Uno angemeldet werden, das sieht eine Konvention von 1976 vor, genannt „Convention on the Registration of Objects Launched into Outer Space“. 43 Staaten haben diese Konvention verabschiedet, auch die USA. Trotzdem fährt der Weltpolizist gerne ohne Nummernschild Patrouille. Und es sind die Birdwatcher, die sie überführt haben. Derzeit kreisen über hundert falsch oder gar nicht angemeldete US-Satelliten am Himmel, mindestens acht davon zu Spionagezwecken. Die Konvention ist eine jener idealistischen Gutgemeintheiten ohne Biss. Sanktionen bei Zuwiderhandlungen gibt es nicht und die Formulierungen sind butterweich. „Wenn das Beispiel der USA Schule macht, hält sich bald niemand mehr an die Konvention“, klagt Charles Vick, Spezialist für Raumfahrtpolitik bei der Wissenschaftlervereinigung Federation of American Scientists, „Dann hätten wir das absolute Chaos im All.“

Eigentlich müsste allen Beteiligten klar sein, wie wichtig die Anmeldung der Satelliten ist, spätestens seit jenem Januarvormittag im Jahr 1978: Um sieben vor zwölf Weltzeit zerbarst ein sowjetischer Satellit mit Atomreaktor an Bord untweit des Großen Sklavensees in Kanada. Dank korrekter Registrierung war der Schuldige sofort ausgemacht: Die Sowjetunion zahlte Schadensersatz. Seitdem halten sich die Russen vorbildlich an die Konvention.

Hahn schaut auf seinen Terminplan, was die Nacht noch so bietet: ausgebrannte Satellitenstufen, ein Rudel Iridiums und einen Spionagesatelliten mit dem Qualitätsprädikat „classified“ – geheim. All das ist fein säuberlich verzeichnet auf einem Computerausdruck mit Uhrzeit und benachbarten Sternbildern, zur leichteren Orientierung. Hahn hat die satellitenklare Nacht gut vorbereitet. Am Nachmittag hat er sich eingeloggt auf einer Birdwatcher-Site, um sich dort eine neue Version des Beobachtungsprogramms Quicksat herunterzuladen. Dann hat er die genauen geographischen Daten von Kiel eingegeben und die Satelliten angeklickt, die er sehen will.

„Früher habe ich mich für Astronomie interessiert“, sagt Hahn, „aber das ist ja langweilig, immer dieselben Sterne zu beobachten. Bei Satelliten ist viel mehr Action dabei.“ Birdwatching ist Trendsport für Astronomen: Der Himmel als Videospiel. Jede Spielrunde beginnt und endet dabei im Internet. Denn nur duch die weltweite Vernetzung können die Freunde der fliegenden Technik genügend Daten sammeln, um die Flares für jeden Ort der Erde vorauszuberechnen. Birdwatching ist ein Wettlauf einer kleinen, globalen Öffentlichkeit gegen die Spezialisten und Geheimniskrämer in den Raumkontrollzentren weltweit.

„Der nächste ist ein Lacrosse, ein amerikanischer Spionagesatellit“, sagt Hahn. Er starrt hoch und zählt runter. Null. Kein Lacrosse. Nirgends. „Die haben ihn auf eine andere Umlaufbahn geschossen“, ärgert sich Hahn, Denn Spionagesatelliten werden ständig herummanövriert, statt sich in eintönigen Kepler-Bahnen zu bewegen. In diesem Spiel der angewandten Mathematik gilt: Was unberechenbar ist, bleibt unsichtbar.

Begonnen hat seine Leidenschaft mit einer fünfzeiligen Meldung in der Bild-Zeitung, in der stand, wann und wo genau man die Raumstation Mir sehen kann, damals, lange bevor sie verglühte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Am liebsten beobachtet er seitdem im Winter, wenn die Nächte klarer sind. Sein schönstes Erlebnis war das Aussetzen einer Handvoll neuer Iridium-Satelliten, die sich langsam und schillernd von der Trägerrakete wegbewegten, „fast wie ein Feuerwerk.“

Vergebens protestieren die professionellen Astronomen in ihren Sternwarten gegen diese unbemannte Zersiedelung des Weltraums. Ihre Teleskope drohen durch die visuelle Umweltraumverschmutzung partiell zu erblinden, warnen sie, und haben sich zusammengetan in der Vereinigung „International Dark-Sky Association“ (www.darksky.org). Kaum eine Langzeitbelichtung des Himmels, die nicht von einem hellen Strich durchkreuzt wäre – dem Lichtreflex eines Satelliten. Viele Sterngucker werden so zu Satellitenbeobachtern wider Willen.

Die freiwiligen Birdwatcher sind natürlich nur eine winzige Splittergruppe innerhalb der globalen Erzählgemeinschaft der Weltraumfans. Die Sprache der Satellitenbeobachter beruht auf Zahlen, die sie per Internet austauschen: Flugbahnen, sekundengenaue Zeitangaben, Helligkeitsmessungen. Sie sind auf der Jagd nach dem technisch Erhabenen und erledigen die Politik gleich mit, indem sie bewaffnet mit ihren Beobachtungsdaten auf Einhaltung der Uno-Konvention drängen. Dafür brauchen sie keinen bemannten Raumflug. Im Gegenteil. Die Internationale Raumstation Iss würdigen sie kaum eines Blickes. Denn die ist schließlich das dritthellste Gestirn am Abendhimmel, nach Mond und Venus, und jedermann kann sie mit bloßen Auge erkennen, weil sie so groß ist. Also ist sie langweilig. Die verschrobene Weltsicht der Birdwatcher verschließt sich den abgegriffenen Normalmythen mit all ihren Heilsverspechen und verbalen Kraftmeiereien von grünenden Almen auf dem Mars und ritterlichen Raketenmännern. Sie kommen ohne künstlich herbeigeredete Sensationen aus. Denn sie schauen genau genug hin, um Poesie und Schönheit auch im scheinbar banalen Verkehrsstau am Himmel zu entdecken.

Drei Uhr. Es taut. Hahn fröstelt. Vom Halten des Fernglases hat er eine verspannte Schulter – fast vergleichbar einem Tennisarm: die Satellitenschulter. Er packt seine Sachen und geht. Zu Hause angekommen, setzt er sich in sein Wohngemeinschaftszimmer, schaltet den alten 286er-Rechner mit der scharrenden Lüftung ein und aktualisiert sein Beobachtungstagebuch. Im Morgengrauen schickt er seine Beobachtungsdaten an die Netzliste, damit die Birdwatcher in Amerika seine aktuellen Daten noch verwenden können. Denn dort bricht gerade der Abend herein, und der Himmel erwacht zum Leben.

 

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