So kann (fast) jeder (fast) alles erlernen: Der amerikanische Physiknobelpreisträger Carl Wieman feiert große Erfolge mit einer Ausbildungsmethode, die auf „Active Learning“ setzt.

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(Auszug aus der SPIEGEL-Ausgabe 7/2918 vom 10. Februar)


Ein son­ni­ger Diens­tag­mor­gen auf dem weit­läu­fi­gen Cam­pus der ka­li­for­ni­schen Stan­ford Uni­ver­si­ty bei San Fran­cis­co. Ent­spann­tes Büf­feln un­ter Pal­men. Nur in ei­nem Se­mi­nar­raum im Un­ter­ge­schoss geht es hoch her: Zwölf Stu­den­ten pa­la­vern in klei­nen Grüpp­chen, strei­ten und la­chen mit­ein­an­der.

Will­kom­men im Se­mi­nar des Phy­sik­no­bel­preis­trä­gers Carl Wie­man! Mit ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Me­tho­de bringt er heu­te zwölf Stu­den­ten aus Fach­be­rei­chen wie Geo­lo­gie, Ma­the und Me­di­zin bei, wie sie Stu­den­ten spä­ter bes­ser un­ter­rich­ten kön­nen.

„Vie­le glau­ben, sie sei­en für Na­tur­wis­sen­schaf­ten ein­fach nicht be­gabt“, sagt Wie­man, ein zu­pa­cken­der Lehr­meis­ter mit Wan­der­stie­feln, kurz­ärm­li­gem Hemd und ei­ner Ur­alt-Quarz­uhr am Hand­ge­lenk: „Doch das ist Quatsch. Mit dem rich­ti­gen Un­ter­richt kann je­der in je­dem Fach rie­si­ge Fort­schrit­te ma­chen.“

Nie­mand wer­de als Ge­nie ge­bo­ren, ist Wie­man über­zeugt – nicht ein­mal ein Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart. Ge­ni­al sei vor al­lem sein Va­ter Leo­pold ge­we­sen, ein mit­tel­mä­ßi­ger Gei­ger, aber aus­ge­buff­ter Mu­sik­päd­ago­ge, der ei­nes der ers­ten Bü­cher zur Mu­sik­erzie­hung für die Vio­li­ne schrieb. Er ließ Wol­ferl schon kom­po­nie­ren, als die­ser ein klei­ner Jun­ge war – und schau­te ihm per­ma­nent über die Schul­ter, um je­den kleins­ten Feh­ler zu ver­bes­sern. Voilà.

„Ak­ti­ves Ler­nen“ heißt die­se Me­tho­de heu­te: Stu­den­ten ma­chen las­sen, kor­ri­gie­ren, wei­ter­ma­chen las­sen, wie­der kor­ri­gie­ren, eine Art Au­to­di­dak­ten­tum, aber un­ter An­lei­tung ei­nes Men­tors – qua­si nach dem Vor­bild von Papa Mo­zart.

BES­SER LER­NEN

In der Tat zei­gen ak­tu­el­le Stu­di­en, dass (fast) je­der (fast) al­les ler­nen kann. So be­sag­te eine Lehr­mei­nung frü­her, dass das ab­so­lu­te Ge­hör eine an­ge­bo­re­ne Son­der­be­ga­bung sei. Nur ei­ner von 1000 Men­schen ver­fügt über die Fä­hig­keit, die Höhe ei­nes ge­hör­ten Tons ex­akt zu be­stim­men.

Doch im Jahr 2014 zeig­te eine ja­pa­ni­sche Wis­sen­schaft­le­rin mit ei­nem Ex­pe­ri­ment, dass auch alle an­de­ren das ab­so­lu­te Ge­hör er­ler­nen kön­nen. Sie re­kru­tier­te 24 nor­ma­le Kin­der, zwi­schen zwei und sechs Jah­ren alt. Dann trai­nier­ten Mu­sik­leh­rer mit ih­nen, Ton­hö­hen zu er­ken­nen, pro Tag ein paar Mi­nu­ten. Man­che Kin­der brauch­ten nur we­ni­ge Mo­na­te, an­de­re über ein Jahr. Am Ende aber hat­ten alle, die das Pro­gramm durch­zo­gen, das Ab­so­lu­te Ge­hör.

Der­lei fas­zi­nie­ren­de Ge­schich­ten gibt es in­zwi­schen zu­hauf. Der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­ge An­ders Erics­son von der Flo­ri­da Sta­te Uni­ver­si­ty sorg­te bei­spiels­wei­se für Auf­se­hen, als er eben­falls mit ei­nem Ex­pe­ri­ment den Kult um an­geb­lich be­gna­de­te Ge­dächt­nis­künst­ler ent­zau­ber­te. Die meis­ten Men­schen kön­nen sich in ih­rem Kurz­zeit­ge­dächt­nis nur rund sie­ben be­lie­bi­ge Zah­len mer­ken, die ih­nen vor­ge­le­sen wur­den. Erics­son da­ge­gen brach­te ei­nem Stu­den­ten durch in­ten­si­ves Trai­ning bei, sich bis zu 82 be­lie­bi­ge Zah­len zu mer­ken.

Wich­tig bei der Me­tho­de des ak­ti­ven Ler­nens ist der rich­ti­ge Um­gang mit Feh­lern oder fal­schen Vor­stel­lun­gen. „Vie­le Men­schen glau­ben, dass Som­mer und Win­ter da­durch ent­ste­hen, dass die Erde mal nä­her an der Son­ne ist und mal wei­ter weg“, be­rich­tet ein Geo­lo­gie­stu­dent beim heu­ti­gen Se­mi­nar.

Wie­man ist be­geis­tert, er liebt sol­che Irr­tü­mer. Er ist über­zeugt, dass Feh­ler wert­voll sind – je ab­we­gi­ger, des­to bes­ser. Denn er sieht Feh­ler nicht als Nie­der­la­ge, son­dern als Chan­ce, dar­an zu wach­sen.

Bei ihm im Se­mi­nar muss je­der Stu­dent stän­dig für sich al­lein neue Auf­ga­ben be­ar­bei­ten. Die Lö­sun­gen wer­den dann ge­mein­sam im Kreis mit al­len an­de­ren Stu­den­ten dis­ku­tiert – an­ge­lei­tet von Wie­man, der als obers­ter Feh­ler­su­cher und Kor­rek­tor fun­giert. Selbst Un­sinn fei­ert er noch als Er­folg. Bei ihm wird der Feh­ler­teu­fel zum Feh­ler­en­gel.

Den größ­ten Feh­ler hat er in­des in den Köp­fen der Pro­fes­so­ren aus­ge­macht – weil sie an ei­ner so rück­stän­di­gen Lehr­me­tho­de wie der Vor­le­sung fest­hal­ten.

Er ver­weist auf eine ak­tu­el­le Ver­gleichs­stu­die un­ter Lei­tung des ame­ri­ka­ni­schen Bil­dungs­for­schers Scott Free­man. Dem­nach schnei­den durch­schnitt­li­che Stu­den­ten, die bis­lang ei­ner Vor­le­sung ge­lauscht ha­ben, durch ak­ti­ves Ler­nen bes­ser ab als 68 Pro­zent ih­rer Kom­mi­li­to­nen. Au­ßer­dem sinkt die Durch­fall­quo­te um rund ein Drit­tel (sie­he Gra­fik).

„Han­del­te es sich um eine me­di­zi­ni­sche Stu­die, müss­te man tra­di­tio­nel­le Vor­le­sun­gen so­fort ab­bre­chen, weil es nicht zu ver­ant­wor­ten wäre, Pa­ti­en­ten ei­ner solch un­taug­li­chen The­ra­pie aus­zu­set­zen“, schimpft Wie­man. „Die Vor­le­sung ist eine jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on aus dem Mit­tel­al­ter – aber da­mals gal­ten teils auch Ader­lass und Zau­ber­sprü­che als All­heil­mit­tel. Bei­des hat sich als weit­ge­hend un­wirk­sam er­wie­sen.“

Dass der be­rühm­te Phy­si­ker so viel vom ak­tiv an­ge­lei­te­ten Ler­nen hält, kommt nicht von un­ge­fähr. Schon als Kind war er ein ei­gen­wil­li­ger Sel­ber­ma­cher – not­ge­drun­gen. Wie­man wuchs in den Wäl­dern Ore­gons auf. Sein Va­ter ar­bei­te­te in ei­nem Sä­ge­werk, ei­nen Fern­se­her gab es nicht im Haus, so ver­schlang Carl sta­pel­wei­se Bü­cher aus der Leih­bi­blio­thek.

Mit ei­nem Bru­der tüf­tel­te er an kom­pli­zier­ten Spiel­zeu­gen. Als er in die 8. Klas­se kam, zog die Fa­mi­lie um, er freun­de­te sich mit dem Sohn ei­nes Ma­the­ma­tik­pro­fes­sors an, der mit den Kin­dern nach­mit­tags auf spie­le­ri­sche Wei­se Geo­me­trie­pro­ble­me lös­te. Au­ßer­dem lern­te Carl Wie­man Schach und wur­de durch fort­wäh­ren­des Üben so gut dar­in, dass er bald auf Tur­nie­ren an­trat. „Aber im rei­fen Al­ter von 16 Jah­ren gab ich die­se Kar­rie­re auf“, sagt er.

Schließ­lich schrieb er sich als Phy­sik­stu­dent am MIT bei Bos­ton ein, doch sei­ne wah­re Lei­den­schaft blie­ben da­mals Ten­nis und Squash: „Ich habe ge­gen ein paar der bes­ten Spie­ler des Lan­des ver­lo­ren, so­gar ge­gen ei­nen spä­te­ren US-Meis­ter.“

Die Vor­le­sun­gen in Op­tik oder Atom­phy­sik da­ge­gen schwänz­te er oft. Lie­ber bil­de­te er sich im La­bor fort, durch Aus­pro­bie­ren und Schei­tern und Wei­ter­ma­chen. Mit die­ser zu­pa­cken­den Lern­tech­nik schaff­te er es bis in den Olymp sei­nes Fachs.

Im Jahr 1995 ge­lang es ihm mit sei­nem Team, eine 70 Jah­re alte Vor­her­sa­ge von Al­bert Ein­stein zu be­stä­ti­gen: dass stark her­un­ter­ge­kühl­te Ma­te­rie ei­nes be­stimm­ten Typs in ei­nen neu­ar­ti­gen Ag­gre­gat­zu­stand über­geht, we­der flüs­sig noch fest oder gas­för­mig – das le­gen­dä­re Bose-Ein­stein-Kon­den­sat.

Doch Wie­man blieb hung­rig und neu­gie­rig. Nach der No­bel­prei­seh­rung stell­te er sei­ne Phy­sik­kar­rie­re zu­rück und wid­me­te sich fort­an sei­nem Le­bens­the­ma: Ler­nen ler­nen. Mit sei­nem No­bel­preis­geld star­te­te er eine Bil­dungs­in­itia­ti­ve, bau­te die Cur­ri­cu­la von 235 uni­ver­si­tä­ren Kur­sen um und ließ die Lern­er­fol­ge von un­ab­hän­gi­gen Bil­dungs­for­schern tes­ten.

Ne­ben­her über­prüf­te er et­li­che wei­te­re re­form­päd­ago­gi­sche Ide­en, die als Er­folg ver­spre­chend gal­ten: cha­ris­ma­ti­sche Pro­fes­so­ren? Kom­men bei Stu­den­ten gut an, sor­gen für Un­ter­hal­tung – brin­gen aber we­nig Lern­er­folg. Kleinst­grup­pen? Kein mess­ba­rer Vor­teil. Un­ter­richt mit Smart­boards und Han­dys? Di­gi­tal­schnick­schnack len­ke eher ab, hat er her­aus­ge­fun­den: „Auch das Mit­schrei­ben per Hand stört beim ak­ti­ven Mit­den­ken, das Mit­schrei­ben am Note­book aber ist noch stö­ren­der.“

Gut da­ge­gen schnei­den spie­le­ri­sche Tech­ni­ken ab, etwa in­ter­ak­ti­ve Ab­stim­mun­gen („Cli­cker“ ge­nannt), bei de­nen die Stu­den­ten ein­fa­che Ja-Nein-Fra­gen be­ant­wor­ten müs­sen, wie man es von Quiz­shows kennt. Die häu­fi­ge Rück­mel­dung von Stu­den­ten er­laubt den Leh­ren­den, den Lern­fort­schritt bes­ser ein­zu­schät­zen.

Am bes­ten aber, so zeig­te sich, sind die Er­geb­nis­se beim ak­ti­ven Ler­nen. Die von Wie­man pro­pa­gier­te Me­tho­de hat in­zwi­schen auch deut­sche Uni­ver­si­tä­ten er­reicht.

(…) Der Rest des Artikels in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL



Hier eine Antwort auf einen Leserbrief:

„…da ich selbst lange Zeit gelehrt habe, interessiert mich dieser Artikel über Carl Wiemann besonders. Meine Frage: gibt es von ihm oder anderen Autoren ein Buch über diese Methoden? Danke für ihre Mühe und schöne Grüsse aus Dortmund.“

Ja, es gibt eine Menge großartiger Bücher zum Thema. Hier eine kleine Auswahl:  

„Peak“ von Anders Ericsson ist spannend. Sehr praktisch, sehr anwendbar:

https://www.amazon.com/Peak-Secrets-New-Science-Expertise/dp/1531864880

 

Auch „Talent is Overrated“ ist sehr lesenswert:  

https://www.amazon.com/Talent-Overrated-Separates-World-Class-Performers-ebook/dp/B01HPVHLT4/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1518772648&sr=1-1&keywords=talent+is+overrated

 Ganz konkret um Unis geht es bei Cathy Davidson, sie ist ein Fan der Community Colleges. Gute historische Perspektive auf diverse historische Umbrüche und Innovationen, zum Beispiel dem Pivot der Harvard-Uni von Theologie zu Wissenschaft:

https://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_ss_i_1_13?url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=new+education+cathy+davidson&sprefix=new+education%2Cstripbooks%2C6085&crid=B7QRU5BSCV6I

 

Und natürlich schreibt Carl Wieman selbst über seinen eigenen Ansatz und seine Projekte und Forschung:

https://www.amazon.com/Improving-How-Universities-Teach-Science-ebook/dp/B072NYYHT1/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1518884634&sr=1-1&refinements=p_27%3ACarl+Wieman

 

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