Liebe Leserin, lieber Leser,

beim Beantworten Ihrer Kommentare zu meinem Newsletter der vergangenen Woche musste ich an eine Recherche denken. Vor etwa einem Jahr stieg ich einen Gletscher hoch, auf den Spuren einer Skitourengruppe, die kurz zuvor in eine Katastrophe geschlittert war. Trotz einer Unwetterwarnung waren die zehn Bergsportler morgens in Richtung Gipfel aufgebrochen. Bald tobte der angekündigte Schneesturm, die Sicht ging gegen null, stundenlang irrten sie durch die Wildnis. Die Nacht verbrachten sie kauernd im schneidenden Wind. Unterkühlung, Koma, Tod. Von zehn Tourengängern überlebten nur drei.

Wie konnte es dazu kommen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt, noch gibt es keine klaren Antworten. Aber es gibt Hinweise, dass weder Sturm noch fehlende Ausrüstung entscheidend waren. Sondern ein Mangel an Kommunikation über die gemeinsame Verantwortung aller. Am Abend zuvor waren in der Gruppe durchaus Sorgen und Zweifel aufgekommen, aber niemand wollte der Partypooper sein und die Stimmung drücken.

Wird schon gut gehen – diese weit verbreitete Haltung wird Verantwortungsdiffusion genannt. Oder auch: Zuschauereffekt. Er tritt immer wieder auf, wenn zum Beispiel bei einem Unfall keiner der Umstehenden hilft, weil alle denken: wieso ich? Lass doch die anderen machen.

Aber was hat ein Unfall in den Alpen mit Ihnen zu tun, liebe Leserinnen und Leser? Möglicherweise eine ganze Menge. Diesen Eindruck zumindest hatte ich, als ich jetzt einen ganzen Schwung an E-Mails beantwortete.

Ich hatte vergangene Woche darüber geschrieben, dass viele Antibiotika bald ihre heilsame Wirkung verlieren könnten, mit der Gefahr einer Pandemie: Spanische Grippe 2.0. Ich zitierte die Vereinten Nationen, die dazu aufrufen, Antibiotika sparsamer einzusetzen – sowohl bei menschlichen Bagatellkrankheiten als auch in der Tierhaltung -, um diese pharmazeutischen Klingen scharf zu halten für den Ernstfall.

Aber richtig spannend wird dieser Artikel erst durch Ihre Zuschriften. Martin A. aus Tirol, Sie schrieben mir: „Ich bin überzeugt, dass wir anstelle von Antibiotika auf Bakteriophagen setzen sollen.“ Bakteriophagen sind heilende Viren, welche gefährliche Bakterien „fressen“, daher ihr Name. Sie sind ein Hoffnungsschimmer, aber leider sind Phagentherapien meist noch experimentell, wir sollten uns nicht zu sehr auf sie verlassen.

Noch mehr zu denken gaben mir Antworten von Tierärzten, die meine Kritik zurückwiesen. Lieber Anton N., Sie fuhren mich an: „Könnte es sein, dass Sie nur das nachplappern, was die Humanmediziner vorbeten, um von ihrem eigenem Versagen abzulenken?“ Das eigentliche Problem sei nicht in Ställen zu suchen, sondern in Krankenhäusern, etwa bei schlampigen Ärzten und Patienten, die Antibiotikatherapien zu früh abbrechen und dann die Pillen im Klo herunterspülen, so Ihr Argument.

Einerseits haben Sie recht: Auch Patienten und Ärzte sind in der Pflicht. Andererseits ist das aber kein Grund, Tierärzte und Landwirte aus der Pflicht zu nehmen. Das wäre Verantwortungsdiffusion, sozusagen eine wütende Geschmacksvariante des Zuschauereffekts: mit dem Finger auf Schuldige zeigen, dann schnaubend abwarten, dass andere das Problem lösen.

So schlittern wir immer tiefer in die Krise – als Zuschauer unseres eigenen Lebens. Wie möglicherweise damals die Bergsteiger im Sturm.

Gerade beim Thema Tierhaltung ist die Kommunikation tiefgreifend gestört, das erklärt ein hervorragendes Gutachten aus dem Jahr 2015, veröffentlicht ausgerechnet vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das leider oft als Lobbyverein für Landwirte agiert. Der Antibiotikaeinsatz in Deutschland sei im EU-Vergleich relativ hoch, es bestehe „erhebliches Potenzial“ zur Reduzierung, heißt es im Papier. Die Konsumenten seien zwar verunsichert, doch das schlage sich selten in Kaufentscheidungen nieder. Das Gutachten warnt: „Es wäre problematisch, wenn sich die Nutztierhalter und die Fleischwirtschaft unverstanden fühlen und darauf dauerhaft mit Abschottung reagieren würden.“ Die Autoren konstatieren eine „Entfremdung der Bürger von der Landwirtschaft“ und raten zu einem „Prozess gegenseitigen Lernens“.

Wie also kommen wir aus dem Zuschauereffekt heraus? Wie lässt sich der Verantwortungsdiffusion gegensteuern bei Themen wie Antibiotikaresistenz, Impfmüdigkeit, PlastikmüllArtensterben? Können wir von der Bergkatastrophe lernen für ein besseres Leben im Alltag? Gute Frage, nächste Frage. Vielleicht fangen wir einfach genau hier an, liebe Leserinnen und Leser des Newsletters: mit Ihren Ideen und Kommentaren. Was brennt Ihnen auf den Nägeln, welche Themen sollen wir aufgreifen?

Ich freue mich auf den Austausch, am liebsten per Twitter unter dem Hashtag #elementarteilchen

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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Wieder einmal sind die Leserzuschriften extrem anregend. Hier nur ein paar Beispiele.

Felicitas F. aus Brüssel schreibt, dass sich verantwortliches Handeln und das Gefühl, Zuschauer zu sein, nicht ausschließen müssen:

Bei planetaren Ausmassen kann man durchaus aktiv sein und sich trotzdem als Zuschauer fühlen/Zuschauer sein.

    Es ist ja so schön, wenn ich (wie bereits in der Biologen WG in den 90iger Jahren) wieder mit meiner Tupperware zum Markt gehe, um mir dort den Quark abfüllen zu lassen. Und wie herrlich dieses Gefühl, im « Abfüllladen » die Cashwewkerne aus dem grossen Behälter in meine mehrfachverwendete Papiertüte rieseln zu lassen. Ökowonderwoman. Wie schön, dass ich die Zeit für solche Spielereien habe und die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten in Laufabstand.

    Aber was ist mit all den anderen? Die keine Zeit und kein Geld, keine Informationen, keine Infrastruktur haben, um sich umzustellen? Oder, wenn wir « the bigger picture » betrachten und mal über den deutschen Tellerrand schauen: was ist mit dem Grossteil der Menschheit, die in der Warteschlange stehen, um überhaupt mal an sowas wie Konsumleben teilhaben zu können? Wie sollen die in andere Startlöcher als « mein Haus, mein Auto, mein.. » kommen?

    Ich möchte keine Appelle an die « Vernunft des Verbrauchers » mehr lesen. Ich möchte wissen, wie wir das gesellschaftlich schaffen können. (…)

Wir haben wunderbare wissenschaftliche Instrumente, Universitäten, Forschungsinstitute, Think-Tanks: wir müssen nicht mehr nur raten oder « meinen“, was vielleicht besser wäre oder besser funktionieren würde, wir könnten es eigentlich recht gut über relative kurze Zeiträume hinweg testen, herausfinden – wie bringt man Regierungen dazu, ernsthaft, massiv Geld in solche Fragen zu stecken? Und wieso schaffen wir es noch nicht einmal, die erfolgreichen, gut dokumentierten Projekte von Nachbarländern zu übernehmen? (Schreiben Sie mal was über « maison médicale » in Belgien) Wieso nutzen wir unser bereits vorhandenes Wissen, unsere Möglichkeiten als Gesellschaft so wenig? Warum sind wir Geiseln von unkontrollierten Interessengruppen? Interessengruppen, die sich selbst völlig kopflos und unkontrolliert sich in den Abgrund wirtschaften?

 

Auch Olav B. aus Gifhorn ist an konkreten Schritten im persönlichen Umfeld interessiert:

„…vielen Dank für Ihr treffend beschriebenes Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“ oder des „Zuschauereffekts“. Dieses Phänomen ist von extremer Bedeutung u wird dementsprechend viel zu wenig bei seinem Namen genannt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch dafür, dass Sie einen Einblick in die Leserzuschriften gewähren, die Sie jeden Tag beantworten und die Ihnen nahe gehen. Ihr Artikel hat mich umgekehrt so berührt, dass ich Ihnen gerne (m)einen Loesungsansatz im Umgang mit „Verantwortungsdiffusion“ nennen möchte: Dem Phänomen der Verantwortungsdiffusion kann man aus meiner Einschätzung auf der Ebene des Einzelindividuums u.a. mit einer Gegenbewegung entgegen treten: Z.B mit Ansätzen, die unter Begrifflichkeiten wie „Achtsamkeitspraxis“ usw genau o.g. Phänomen der Un-Achtsamkeit, Un-Betroffenheit entgegen wirken. Und… wenn eine Person damit in einem sozialen Umfeld anfängt, inspiriert das ander, mit zu ziehen. D.h. die o.g. Negativspirale von Verantwortungslosigkeit lässt sich (mühsam) umdrehen. Als Leitender Angestellter kann ich diese Phänomen jeden Tag selber an mir u in meinem Umfeld ausprobieren. (…)

Danke für Ihren Einsatz ( !!) und bitte weiter machen, sich nicht entmutigen lassen. Mit einem freundlichen Gruß ans ganze Team“

 

Dieser Fokus auf die persönliche Ansprache erscheint mir spontan einleuchtend. Warum? Unter anderem wegen einer Überraschung, die ich hier bei den Zuschriften erlebe: Bislang war kein einziger Troll-Kommentar mit dabei, was eigentlich untypisch ist für die oft (zumindest für Anfänger) als anonym wahrgenommenen Weiten des Internet. Diese (scheinbare) Anonymität mündet dann oft in das, was früher „Flame War“ genannt wurde und seit ein paar Jahren als „Shitstorm“ firmiert.

Jürgen S. schreibt:

„… ich glaube, dass viele Menschen mit dem Finger auf andere Zeigen, da sie insgeheim wissen (oder zumindest ahnen), dass a) wir alle – ohne Ausnahme – schuld sind am Zustand der Umwelt und b) wir ein Stadium erreicht haben, dass eine Wiederherstellung einer gesunden und lebenswerten Umwelt bereits unmöglich gemacht hat. Wir befinden uns alle längst in einem 3D-Katatastrophen-Film, nur leider nicht als Zuschauer sondern als Akteure.“

 

Ja, das ist das Paradox des Zuschauereffekts: Auch wer nichts tut, handelt. Indirekt. Aber mit großer Wirkung. Wie kommt man also aus dieser passiv-handelnden Verantwortungsdiffusion heraus? Steffen S. aus Mannheim schreibt:

Bei jedem Kauf und jeder Handlung überlegen welche Auswirkungen diese auf die Umwelt haben. Verpackung und Fahrten vermeiden“

 

Doch wie lässt sich individuelles Handeln anregen? Hier helfen womöglich Positivbeispiele, wie sie im sogenannten Konstruktiven Journalismus wohldosiert eingesetzt werden (ohne gleich eine rosa Brille aufzusetzen). Uwe H. weist auf diesen Rohstoff verantwortungsvollen Handelns hin:

„Bitte greifen Sie best practice Beispiele auf- wie es so schön neudeutsch heißt. Dinge die funktionieren gegen Klimawandel, Platikberge etc- aber nicht nur auf der individuellen Ebene-Decken Sie auf was die Politik tun müsste! und warum Sie es nicht tut! viel Spass uns allen bei der Rettung der Welt.“

 

Wie wichtig ist die Gruppengröße? Möglicherweise reden wir in der Mediengesellschaft zu sehr in riesige, anonyme Publika hinein? Diese Frage wirft Karl K. aus Jena auf:

„…nach meiner langjährigen Erfahrung in den unterschiedlichsten Situationen klappt es meist redlich mit dem Verantwortungsbewußtsein bei einer Gruppe von bis zu vier Personen. Ab fünfen wird wird es sehr schnell schwierig, und ab sieben Personen herrscht kann man es vergessen. Über diese Zahl hinaus fehlt dann nicht nur das von Ihnen angesprochene Verantwortungsbewußtsein und dazugehörige Kraft und Mut zur Aktion. Im Gegenteil, man kann hier regelmäßig von einer organisierten und oft sogar institutionalisierten Nichtverantwortung sprechen. Ein weiteres Thema ist die dann ebenfalls einsetzende Tendenz zur Bestrafung eines trotzdem aus gefühlter Verantwortung Handelnden unabhängig vom Erfolg seiner Aktion.“

@praemandatum aus Hannover geht auf Twitter noch einen Schritt weiter, was die Gruppengröße angeht:

„Lesenswerter Artikel. Zumal der Zuschauereffekt gefühlt bei jeder Gruppe größer zwei Individuen aufzutreten scheint. //PL“

 

Christiane S. bringt das Thema der Verantwortungsdiffusion eher dadaistisch auf den Punkt:

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber…

Ja, aber….

Nein.“

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der Neuschnee glitzerte, weit ging der Blick, es war eine perfekte Skitour. Aber kurz vor dem Gipfel spürte ich plötzlich ein Pochen im Kiefer: eine Entzündung. Zurück in Berlin, zog mir mein Arzt den faulen Zahn, verschrieb mir ein Antibiotikum, nach ein paar Tagen ging es mir wieder gut.

Was für ein Glück, dass ich im 21. Jahrhundert lebe – sonst würde ich vielleicht nicht mehr leben. Noch vor hundert Jahren hätte mich die harmlose Infektion niederstrecken können wie ein blutiger Axthieb. Früher blieb den behandelnden Quacksalbern oft nichts zu tun, als ihre Patienten ein bisschen zu amüsieren mit Gebet, Hexenverbrennung oder Aderlass, bis sie wieder von allein gesund wurden. Oder starben.

Bald könnte diese schlechte alte Zeit uns einholen, die Medizingeschichte wiederholt sich, wenn wir nicht handeln. Die Vereinten Nationen registrieren trocken: Jahr für Jahr sterben weltweit rund 700.000 Menschen durch „Superbugs“. Gegen derlei multiresistente Erreger sind selbst die stärksten Medikamentencocktails wirkungslos. Ärzte warnen vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Besonders gefährliche Orte sind ausgerechnet Krankenhäuser. Manch Wissenschaftler zieht schon Parallelen zur Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren mehrere Millionen Menschen tötete, wahrscheinlich sogar mehr als alle Gemetzel des Ersten Weltkriegs.

American Unofficial Collection of World War I Photographs/ PhotoQuest/ Getty Images

Halt, bevor Sie genervt weiterwischen: Nein, auch ich reagiere allergisch auf Panikmache, Hypochondrie und Weltuntergangsrummel. Aber das Thema „Superbugs“ bereitete mir gestern fast eine schlaflose Nacht. Ich hatte nämlich den Fehler gemacht, im Buch „The Perfect Predator“ zu lesen. Darin berichtet eine Forscherin von einer Urlaubsreise mit ihrem Mann. Nach einem romantischen Dinner bricht dieser nachts zusammen und fällt ins Koma. Nichts hilft, denn ein „Superbug“ frisst ihn von innen auf, Acinobacter baumanii genannt, Spitzname „Iraqibacter“. Wie diese Gruselgeschichte ausgeht, verrät der Link in den Lektüreempfehlungen unten.

Sind wir Killererregern wie „Iraqibacter“ hilflos ausgeliefert? Nein. Seit Langem ist bekannt, was die Erreger zu unbesiegbaren Killern mutieren lässt: der leichtsinnige Einsatz von Antibiotika, unter anderem in der Tiermast und sogar auf Orangenplantagen. Gier frisst Hirn.

Was tun? Ein erster Schritt könnte sein, im Supermarkt nicht das billige Schrottfleisch zu kaufen. Oder bei einem grippalen Infekt keine Antibiotika zu schlucken, denn die sind bei Viren wirkungslos.

Ach so, und dann steht ja auch die Europawahl an. Durchforsten Sie doch die Parteiprogramme nach Begriffen wie „Antibiotika“. Und machen Sie am 26. Mai Ihr Kreuz an einer Stelle, die uns und unsere Kinder schützen kann vor einer Spanischen Grippe 2.0.

Die Wahlprogramme finden Sie zum Beispiel hier.

Herzlich

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

Feedback & Anregungen?


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Im Urlaub wird ihr Ehemann plötzlich krank durch einen „Superbug“. Ein Wissenschaftskrimi, den die renommierte Epidemiologin Steffanie Strathdee selbst durchlebt hat.
  • „Superbugs“ könnten so teuer werden wie die Weltwirtschaftskrise 2008, warnt dieser Bericht der Vereinten Nationen.
  • Wie schütze ich mich vor einer Sommergrippe? Küssen ist ungefährlich, aber verzichten Sie lieber aufs Händeschütteln, verrät meine Kollegin Irene Berres.