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Zeitwände, Wändezeit

Finanz-Contor, Torte tötet, OBST UND GEMÜSE, Yuppiecide, KONSUM, MITROPA, Sarg-Magazin 

Hunderte von verwitternden Fassadenschriften in verblassenden Pastelltönen und schrillen Sprayspuren, ihre rissige Haut ist porös, eine durchlässige Membran zwischen heute und gestern. 

Schriftarten und Inhalte ändern sich, die Schrift an der Wand aber bleibt. Sie ist vielstimmig zusammengewürfelt aus Sütterlin-Schrift und offiziösen DDR-Parolen, aus Anarchismus und Liebesgeständnissen, die neben- und übereinanderwuchern, ein Palimpsest der Alltagsgeschichte, ein gedankenlos hingekritzeltes Tagebuch ohne Datumsangabe, reduziert auf das Wichtigste vom Tage in Kürze: 

Aus Alt Mach Neu Schneiderei, Wer das Beste will raucht Pil, Motanol ­ das rein deutsche Motoröl,

NEUE ZEIT, Miethaie zu Fischstäbchen, Oh du mein Zierspargel 

Wände sind älter als Bücher. Der Mensch verwendete sie lange, bevor er Ersatz-Wände aus Papyrus, Lumpen und Zellstoff bastelte. Seit dem ersten mit Lehm und Kohle, Wasser und Blut gemalten Bison von Altamira sind sie Behausung, Kerker, Projektionsfläche und Magie. 

Die Schatten auf der Höhlenwand waren für Platon ein Gleichnis für göttliche Wahrheit und menschlichen Geist. Gewogen und zu leicht befunden, schreibt die biblische Gotteshand im Buch Daniel „gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand: Mene, mene tekel“. 

Für Brecht dagegen war das Sgraffito an der Kerkermauer Ausdruck und Werkzeug unbändiger Freiheitsliebe: 

Aber tief in die Mauer geritzt, die unbesiegliche Inschrift:

Hoch Lenin!

 Jetzt entfernt die Mauer! sagte der Soldat. 

Die Schrift an der Wand ist Beschwörung und Drohung, Werbung und Propaganda, eine Manifestation des Unterbewußten, an das sie sich wendet. „Rauchwaren“ verspricht eine rotverblichene Schrift an der Köpenicker Straße in Berlin ­ „und Brandbomben“ wurde dies unvollständige Freizeitangebot eines schönen Maitages von Kreuzberger Autonomen ergänzt. 

So entspinnt sich ein Dialog der Generationen, scheinbar ohne Autoren, doch dafür mit einem um so größeren Publikum, das sich dem Reich der Zeichen nicht entziehen kann, da es ja in ihnen wohnt. 

Die Wände haben Ohren und Stimmen und geben gleichmütig untergegangene Warenwelten und zeitgenössische Weltbilder wieder. Wenn Papier geduldig ist, sind Mauern das schon lange. Die Geschichten, die sie erzählen, machen das Gestern erlesbar, erfahrbar, ergehbar.

„Es ist wörtlich ein Hinterherlaufen hinter der Geschichte“, sagt Uri Hart, und geht, aufgeregt redend, noch einen Tick schneller, bis sie abrupt vor der Auguststraße 26 stehen bleibt. Für andere ein Haus wie jedes andere. Für sie ein Einstieg ins Gestern. „Tapetenhaus Gebr. Untermann“ steht verwaschen an der verfallenen Fassade von 1864. 

1888 begannen die beiden Untermänner, alteingesessene Urberliner, mit zwei Angestellten ihr Tapetenimperium aufzubauen, und als es sich elf Jahre später zum größten in ganz Brandenburg und Ostpreußen entwickelte, nahmen sie auch in der Auguststraße die Produktion auf. Doch 1951 wurden ihre Nachfahren enteignet, so daß nur noch das Ladengeschäft in der Nürnberger Straße unweit des Ku’damms erhalten blieb ­ und die große Tradition: Die hauseigenen Dekorateure und Polsterer statteten das Theater des Westens und das Deutsche Theater aus sowie das Schloß Bellevue, als der neue Mieter einzog: Bundespräsident Roman Herzog. 

„Lithographie, Buch- und Steindruckerei“ stand noch vor kurzem neben der schmalen Eisentreppe links auf dem Hof, die auch Käthe Kollwitz heraufstieg, als sie ihr Plakat zur deutschen Heimarbeiterausstellung 1906 bei Meister Rudolf Graetz drucken ließ. Sein Sohn Walter druckte hier das Plakat für die Klaus-Staeck-Ausstellung mit dem Titel „Die Gedanken sind frei“ ­ und setzte direkt hinter den Titel den Termin: „vom 3. 12. bis 19. 12. 1981.“ Offiziell waren die Gedanken natürlich nicht nur zwei Wochen lang frei, weshalb das Plakat umgehend von den Behörden eingezogen wurde. 

All das erzählt die verblassende Schrift an der zerbröselnden Wand mitten in Mitte geneigten Lesern wie Uri Hart. Sie ist die beharrlichste Wandleserin Berlins und recherchiert die Geschichte des jüdischen Handwerks anhand von Fassadenschriften. „Nur die Wandreklame ist vom jüdischen Handwerk geblieben“, sagt sie. „Es ist nicht mehr hier und doch noch da.“ 

Die ehemalige Weddinger Briefträgerin verliebte sich 1987 in die Zeitwände, als sie das erste Mal Ost-Berlin besuchte: „Ich fühlte mit, als wäre ich plötzlich in die Geschichte gefallen. Anfänglich bin ich durch die Hinterhöfe geschlichen ohne Stadtplan und habe mich treiben lassen, von Schrift zu Schrift.“ 

Mit ihren „Briefträgeraugen“ entdeckte sie selbst das kaum lesbare KOSHER, das sich, von Jahr zu Jahr deutlicher werdend, in der Almstadtstraße durch die billige 750-Jahr-Feier-Tünche paust. „Es soll regnen“, sagt sie, in der Hoffnung, daß so die Schrift wieder lesbar wird, „regnen, regnen, regnen, und möglichst sauer.“ 

Erst nach dem Studium des steinernen Buches konsultierte Hart auch die Pläne des Katasteramtes und die Adressliste eines Gewerbeverzeichnisses von 1934. Von den 350 von ihr fotografierten Fassaden, so fand sie heraus, gehörten 50 zu jüdischen Geschäften. 

In Ausstellungen und Buchbeiträgen hat sie diese fotografische Alltagsgeschichte veröffentlicht. Ihr Archiv umfaßt heute 1 236 Adressen in 600 Straßen, sortiert in 26 Schuhkartons. 

Die Zeitwände sind ein dadaistischer Großstadtroman. Gestern noch standen sie für das hastige Heute; für Alfred Döblin waren sie Ausdruck und Motor der Konsummaschine, der kommerziellen Mobilmachung, des modernen Molochs. Zeile um Zeile zitiert er in „Berlin Alexanderplatz“ die marktschreierischen Schriften: 

Diverse Fruchtbrandweine zu Engrospreisen, Dr. Bergell, Rechtsanwalt und Notar,

Lukutate, das indische Verjüngungsmittel der Elefanten,

Fromms Akt, der beste Gummischwamm…

Auf seiner fieberhaften Jagd nach der proletarischen Umgangssprache setzte er gar Werbung und Literatur gleich. Wie er spürten auch Joseph Roth und Siegfried Kracauer als Flaneure zwischen den noch heute erhaltenen Zeitwänden den Sensationen des Alltags nach, mit detektivischem Gespür. 

Dies Gespür wird immer wichtiger, denn die meisten Schriften geben den Flaneuren heute Kreuzworträtsel auf, da sie oft übertüncht oder zerbröckelt sind. „F…EUR“ müßte FRISEUR geheißen haben. Und der Suchbegriff für „W….NNAHME“, so stellte sich in der Ackerstraße nach Freilegung und Erhalt der Schrift schließlich heraus, lautete: „WETTANNAHME“. 

Gegenüber prangte fünfzig Jahre lang in blütenzartem Blau der Schriftzug PERSIL, ungefähr dort, wo einst Biberkopf seine Frau ermordet hatte, bevor er ins Kittchen wanderte. Seit Juni ist die PERSIL-Wand geweißt, verwaist, erblindet. Wie soll nun einer lesen? 

Was für Döblin noch Teil der infernalischen Werbeflut war, verblaßt heute, wird leiser und verstummt. 

Doch bisweilen bricht das fossile Stimmengewirr wieder theatralisch in den zukunftshungrigen Bauboom der Schaustelle Berlin ein, wie etwa an jenem Nachmittag im Frühjahr 1993: Krachend frißt sich ein gelber Bagger in die Fassade des alten Café Lindencorso an der Friedrichstraße. Die Wände ächzen, wackeln, stürzen. Und als die letzte Brandmauer auf die Steinhalde poltert und sich die Staubwolke verzieht, steht an der freigelegten Fassade das Menetekel: „Museum für deutsche Geschichte“. Darüber die Adresse: Clara-Zetkin-Straße sowie ein triumphierender Bauernkrieger mit einer Fahne, auf der sein Schlachtruf weht: „Freyheit“. 

Der Fund der stalinistischen Propaganda für das Zeughaus-Museum von 1953 war selbst für den Baustellenleiter unerwartet: „Wir ham ja schon Kassetten mit Münzen gefunden“, sagt er, „aber so was hier “ So etwas ist ihm noch nicht vorgekommen. 

Das Motiv des aufbegehrenden Bauern geriet durch den Arbeiteraufstand am 17. Juni in Verruf. Das Logo wurde vom Museum fallengelassen, die Freyheit eingemauert hinterm neuen Lindencorsett. Und nach der kurzen Befreyung des Bauern durch die Arbeiter ist er nun wieder verpackt hinter einem Neubau. 

Nicht nur die Entstehung der Zeitwände ist Ausdruck des Zeitgeistes, auch die Art ihres Verschwindens spricht Bände: „Nationale Front stand vierzig Jahre lang in der Pankower Behrenstraße über der Außenstelle der wichtigsten DDR-Organisation. Vor zwei Jahren wurde die Schrift in Rente geschickt, passenderweise von der knallorangen Leuchtwerbung einer WÜSTENROT-Filiale. 

In der Bauwüste gegenüber den Hackeschen Höfen geschieht Ähnliches: Aus einem fünf Meter tiefen Sandloch wächst ein neues Ensemble empor und verdeckt bis Jahresende eine Werbung für Damenschuhe im unwiderstehlichen Nierentisch-Design. Die Vorstellung von Damenschuhen inspirierte einen Sprayer derartig, daß er in einer waghalsigen Abseilaktion seinen Künstlernamen danebensprühte: POET. 

Die Zeitwände sind Straßenpoesie, Proletkult. Denn wer sich Zeitungsannoncen oder Leuchtwerbung nicht leisten kann, beschreibt eben das, was die eigenen vier Wände per Definition bieten. Der größte Feind der Alltagspoesie ist daher ökonomischer Aufschwung samt Investition. 

Auch die Werbung der Mineralwasserfabrik hinter der berühmten „Rothen Apotheke“ in der Rosenthaler Straße 47 fiel der Abrißbirne zum Opfer ­ gemeinsam mit dem Haus, an dem sie stand. „Da ham se mir ein Stück Geschichte geklaut“, sagt die Wandleserin Uri Hart zur Putz-Wut der Nach-Wändezeit. Doch da sie schließlich das begehbare Buch in ihren 26 Schuhkartons dokumentiert hat, fügt sie versöhnlich hinzu: „Aber ich würde auch nicht in einem bewohnten Museum leben wollen.“ 

Bücher haben Schicksale. Und das des steinernen Großstadtromans wird gerade besiegelt. Das fand allerdings schon der Stern-Fotograf Thomas Höpker, als er 1976 in seinem ergreifenden und vergriffenen Buch „Berliner Wände“ auf den Spuren von Heinrich Zille wandelte, der Wandschriften und Milieu fotografierte als Vorlage für seine Zeichnungen. 

„Besuch im versunkenen Berlin“ betitelte der Ostberliner Schriftsteller Günter Kunert die schwermütig-ironische Einleitung zu diesem Band. Er beschreibt die Zeitwände als „das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie“. Und wendet listig dieses Marx-Zitat gegen die SED und ihre Verachtung für die Altbauten: 

Diese verkommenen und vergammelten Häuser, echte Plebejer in einer Gegenwart, die dem Plebejischen hauptsächlich Lippendienst leistet, reden lauter und ungenierter von ihrer durchlebten Zeit, und manche von ihnen tun das sogar schriftlich: in Worten, Zeichen, Symbolen, zu enigmatischen Chiffren gewordenen Buchstaben, mit Kritzeleien und Graffiti, wie es für das Altertum kennzeichnend gewesen ist. Die ironische Schlußfolgerung, wir stünden im Endstadium einer neuen Antike überlasse ich anderen. 

Er übersiedelte drei Jahre darauf in den Westen und überließ mit seiner Leseanleitung den widerständigen Zeitwänden das Wort. 

Doch die Botschaft der steingewordenen Worte ist paradox wie die Schrift des Brechtschen Soldaten, die doch ihre eigene Auf-Hebung vehement einfordert: Reißt nun die Mauer ein! 

Die Alltagsgeschichte ist durch ihre Zeitgebundenheit eine Ästhetik des Verschwindens, denn der Zeitgeist ist flüchtig und Freyheitsliebend. Sie widerstreben der Musealisierung, und dieser Widerstand ist aktenkundig: Fassaden allein können in Berlin nicht unter Denkmalschutz gestellt werden. Es sei denn, sie sind unverzichtbarer Teil eines Baudenkmals, erklärt Henrik Schnedler vom Denkmalamt Berlin. Das treffe jedoch nur selten zu, etwa bei der Brückenmeisterei in Schöneberg, deren Mauer mahnt: „Ordnung Disziplin Sauberkeit ­ Ehrensache eines jeden Eisenbahners.“ 

„Nun, Reklame ist schließlich nicht für die Ewigkeit gemacht“, faßt der Denkmalschützer Schnedler zusammen. Meist wäre die Erhaltungsaufwendung unzumutbar für den Eigentümer, „dann müßte entschädigt werden ­ und nicht zu knapp.“ Was wiederum für die Steuerzahler eine Zumutung wäre. Schnedlers Fazit: „Alte Wandreklame sollte man in Ehrfurcht sterben lassen.“ 

Das Menetekel lautet: reißt nun die Mauer ein. Und nur durch Privatinitiative kann diese paradoxe Forderung erhalten werden. Wie etwa in dem Lädchen in der Invalidenstraße, wo in Sütterlin prangt „Laßt Blumen sprechen“ ­ obwohl dort Schmuck verkauft wird.

Oder wie in der „Volksküche“ in der Tucholskystraße mit der irreführenden Wandschrift „Buchhandlung“. Obwohl darin die Wände Leihbücher anpreisen, geht über den handgeschnitzten Tresen hochgeistige Ware nur in flüssiger Form. Der zu Worten geronnene Alltag stellt die uralte Frage der Schriftauslegung: wie soll nun einer lesen? 

Akribisch haben Restaurateure in der Hofdurchfahrt der Linienstraße 145 Schicht um Schicht freigelegt und numeriert, mal rötlich, mal grünlich, mal braun. Sechs Schichten kamen so zum Vorschein, fast wie in Troja. Erst auf der relativ jungen Schicht Nummer 5.1 wirbt ein längst eingegangener oder umgezogener „Evers Lorenz Verlag“. Aber ist diese Schicht auch die wahre, dies Troja das richtige? Seit drei Jahren steht diese Frage im Raum der Tordurchfahrt, denn sie ist unentscheidbar. 

Auch ist nicht alles historisch, was blättert: „Kleiderfabrikation GOLDSTEIN“ stand über einer Autowerkstatt im Hinterhof der Auguststraße 10, dazu eine vierstellige Telefonnummer. Sie war nicht etwa aus den Zwanzigern, sondern wurde 1991 angebracht: Als Kulisse für eine Tatort-Folge im Shtetl-Ambiente. Das Verräterische ist, daß die Schrift auch dort stand, wo der Putz längst weggebrochen war. 

Ähnlich sieht es im Nachbarhof aus: „,Alle Sorten verschiedene Biere lasen sie“, so heißt es in Erdmann Graesers Roman „Lemkes sel. Witwe“, „der Höhepunkt aber war erreicht, als der geniale Künstler mit einem kolossalen Aufwand von blauer Farbe die Inschrift anbrachte: 

ZUR UNTERIRDISCHEN TANTE

Eigentlich spielte die Geschichte in der Ackerstraße, aber die Inschrift in der Auguststraße ist nun mal da, und auch historisch ist sie in gewisser Weise: Noch in der DDR hatte die DEFA sie für eine Verfilmung des Romans an die Mauer pinseln lassen ­ und diese Alltagsgeschichtsklitterung ist mittlerweile selbst Geschichte, weil die Episode in Führern und Bildbänden erzählt wird. 

Die Zeitwände sind ein Fortsetzungsroman, der noch lange nicht abgeschlossen ist, auch wenn alte Episoden getilgt und neue dazugemogelt werden. 

Im Hof der gefälschten Unterirdischen Tante etwa tobt ein echter Fassadenkrieg zwischen den exmittierten Besetzern und dem Besitzer Otto Kern. „Kernspaltung“ steht in einer Ecke. Unübersehbar die Mahnung am Hoftor der Auguststraße gegenüber: 

MIT VERLAUB NICHT IN DEN FLUR PISSEN 

Die ironische Fortsetzung folgt drinnen, im besagten, nach Urin stinkenden Flur: „Und jetzt Luft anhalten und lächeln.“ 

Eine Straße weiter wurden im Zuge der Sanierung der Linienstraße 158 nicht nur die Besetzer exmittiert, sondern mit ihnen auch die alte Reklame für Schreibwaren und Zeichengeräte, vielsagend verstümmelt zu „Sch… Zeichen.“ 

An der Toreinfahrt wirbt Daniel Kirschenbaum noch stammelnd für die Anfertigung von Damenmänteln: „…fertigung…menmant.“ 

Und ihm gegenüber wird ein unbekannter Besetzer von seinen Freunden getröstet: „THE STUFF OF YOU IS IN THE BRUNNENSTR. (EARLIER SUBVERSIV). 

Das Traurige ist das Tröstliche, das Tragische witzig. Und das ist das Schöne an dem begehbaren Buch: Der Rosenthaler Platz, die Spandauer Vorstadt, ganz Altbau-Ostberlin werden sich auch in Zukunft nicht das Maul verbieten lassen.

Dieser Text und diese Bildauswahl stammt aus einem Fotoprojekt (1990-1994) für die Ausstellung „Zeitwände“. Hier die Ankündigung 1994:

Zeitwände

Fotografien von Hilmar Schmundt und Amin Akhtar

Galerie Am Scheunenviertel

(2 81 73 32)

Mo-Sa 15-20 Uhr, So 11-16 Uhr,

Weinmeisterstr. 8 (bis 27. 10.)

Buffy Studies? Been there, done that. Now we need Bully Studies as an academic field.

 

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Brexit, MAGA, Uber, you name it. Why does the Bullying-Industrial complex scale so well as a platform?

Maybe because Bullying is infectious and asymmetric, with just one bad apple turning a whole nation toxic, or a whole office, with the pinprick precision of just a couple of surgical bullying attacks. Bullying gives you a lot of bang for your buck.

OK, but what is the business case behind bullying? Maybe Bullying is simply a pretty blunt Weapon of Mass Distraction that allows Bullies to secretly rob their gawking audience blind? Personally, I find the Distraction Theory, put forward by Obama, quite sound.  https://www.youtube.com/watch?v=k-8umkOxCsQ

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So. Who are pioneers in studying Bully-ology?

Maybe professor David Graeber from Paris, with his framing the Deep Structure of Bullying as a triad of Bully, Victim, Audience as a destructive performance piece? What makes the Bullying drama so effective is that it pulls the gawking onlookers into the „You Two Cut it Out“ fallacy (also known as False Equivalence or He-Said-She-Said) https://theanarchistlibrary.org/library/david-graeber-the-bully-s-pulpit.a4.pdf

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Another thought leader in Jerkology seems to be professor Robert Sutton from Stanford with his pretty convincing tripartite terminology of „Temporary A-hole“, „Certified A-hole“ and „Enabler“. 

https://www.youtube.com/watch?v=wFTkQmPw2Gk

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What can be done about A-Holes, be their Certified or Temporary?

These options get discussed quite a bit: Finding allies, reading up on the phenomenon, studying bullies like specimens of Ebola, never giving in or up. And lastly: the Noble Art of Not Giving a F—. 

What are your favorite approaches to the current era of Bullying as a Business Model? How do you deal with it yourselves?

 

Zuschauer des eigenen Lebens

Liebe Leserin, lieber Leser,

beim Beantworten Ihrer Kommentare zu meinem Newsletter der vergangenen Woche musste ich an eine Recherche denken. Vor etwa einem Jahr stieg ich einen Gletscher hoch, auf den Spuren einer Skitourengruppe, die kurz zuvor in eine Katastrophe geschlittert war. Trotz einer Unwetterwarnung waren die zehn Bergsportler morgens in Richtung Gipfel aufgebrochen. Bald tobte der angekündigte Schneesturm, die Sicht ging gegen null, stundenlang irrten sie durch die Wildnis. Die Nacht verbrachten sie kauernd im schneidenden Wind. Unterkühlung, Koma, Tod. Von zehn Tourengängern überlebten nur drei.

Wie konnte es dazu kommen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt, noch gibt es keine klaren Antworten. Aber es gibt Hinweise, dass weder Sturm noch fehlende Ausrüstung entscheidend waren. Sondern ein Mangel an Kommunikation über die gemeinsame Verantwortung aller. Am Abend zuvor waren in der Gruppe durchaus Sorgen und Zweifel aufgekommen, aber niemand wollte der Partypooper sein und die Stimmung drücken.

Wird schon gut gehen – diese weit verbreitete Haltung wird Verantwortungsdiffusion genannt. Oder auch: Zuschauereffekt. Er tritt immer wieder auf, wenn zum Beispiel bei einem Unfall keiner der Umstehenden hilft, weil alle denken: wieso ich? Lass doch die anderen machen.

Aber was hat ein Unfall in den Alpen mit Ihnen zu tun, liebe Leserinnen und Leser? Möglicherweise eine ganze Menge. Diesen Eindruck zumindest hatte ich, als ich jetzt einen ganzen Schwung an E-Mails beantwortete.

Ich hatte vergangene Woche darüber geschrieben, dass viele Antibiotika bald ihre heilsame Wirkung verlieren könnten, mit der Gefahr einer Pandemie: Spanische Grippe 2.0. Ich zitierte die Vereinten Nationen, die dazu aufrufen, Antibiotika sparsamer einzusetzen – sowohl bei menschlichen Bagatellkrankheiten als auch in der Tierhaltung -, um diese pharmazeutischen Klingen scharf zu halten für den Ernstfall.

Aber richtig spannend wird dieser Artikel erst durch Ihre Zuschriften. Martin A. aus Tirol, Sie schrieben mir: „Ich bin überzeugt, dass wir anstelle von Antibiotika auf Bakteriophagen setzen sollen.“ Bakteriophagen sind heilende Viren, welche gefährliche Bakterien „fressen“, daher ihr Name. Sie sind ein Hoffnungsschimmer, aber leider sind Phagentherapien meist noch experimentell, wir sollten uns nicht zu sehr auf sie verlassen.

Noch mehr zu denken gaben mir Antworten von Tierärzten, die meine Kritik zurückwiesen. Lieber Anton N., Sie fuhren mich an: „Könnte es sein, dass Sie nur das nachplappern, was die Humanmediziner vorbeten, um von ihrem eigenem Versagen abzulenken?“ Das eigentliche Problem sei nicht in Ställen zu suchen, sondern in Krankenhäusern, etwa bei schlampigen Ärzten und Patienten, die Antibiotikatherapien zu früh abbrechen und dann die Pillen im Klo herunterspülen, so Ihr Argument.

Einerseits haben Sie recht: Auch Patienten und Ärzte sind in der Pflicht. Andererseits ist das aber kein Grund, Tierärzte und Landwirte aus der Pflicht zu nehmen. Das wäre Verantwortungsdiffusion, sozusagen eine wütende Geschmacksvariante des Zuschauereffekts: mit dem Finger auf Schuldige zeigen, dann schnaubend abwarten, dass andere das Problem lösen.

So schlittern wir immer tiefer in die Krise – als Zuschauer unseres eigenen Lebens. Wie möglicherweise damals die Bergsteiger im Sturm.

Gerade beim Thema Tierhaltung ist die Kommunikation tiefgreifend gestört, das erklärt ein hervorragendes Gutachten aus dem Jahr 2015, veröffentlicht ausgerechnet vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das leider oft als Lobbyverein für Landwirte agiert. Der Antibiotikaeinsatz in Deutschland sei im EU-Vergleich relativ hoch, es bestehe „erhebliches Potenzial“ zur Reduzierung, heißt es im Papier. Die Konsumenten seien zwar verunsichert, doch das schlage sich selten in Kaufentscheidungen nieder. Das Gutachten warnt: „Es wäre problematisch, wenn sich die Nutztierhalter und die Fleischwirtschaft unverstanden fühlen und darauf dauerhaft mit Abschottung reagieren würden.“ Die Autoren konstatieren eine „Entfremdung der Bürger von der Landwirtschaft“ und raten zu einem „Prozess gegenseitigen Lernens“.

Wie also kommen wir aus dem Zuschauereffekt heraus? Wie lässt sich der Verantwortungsdiffusion gegensteuern bei Themen wie Antibiotikaresistenz, Impfmüdigkeit, PlastikmüllArtensterben? Können wir von der Bergkatastrophe lernen für ein besseres Leben im Alltag? Gute Frage, nächste Frage. Vielleicht fangen wir einfach genau hier an, liebe Leserinnen und Leser des Newsletters: mit Ihren Ideen und Kommentaren. Was brennt Ihnen auf den Nägeln, welche Themen sollen wir aufgreifen?

Ich freue mich auf den Austausch, am liebsten per Twitter unter dem Hashtag #elementarteilchen

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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Wieder einmal sind die Leserzuschriften extrem anregend. Hier nur ein paar Beispiele.

Felicitas F. aus Brüssel schreibt, dass sich verantwortliches Handeln und das Gefühl, Zuschauer zu sein, nicht ausschließen müssen:

Bei planetaren Ausmassen kann man durchaus aktiv sein und sich trotzdem als Zuschauer fühlen/Zuschauer sein.

    Es ist ja so schön, wenn ich (wie bereits in der Biologen WG in den 90iger Jahren) wieder mit meiner Tupperware zum Markt gehe, um mir dort den Quark abfüllen zu lassen. Und wie herrlich dieses Gefühl, im « Abfüllladen » die Cashwewkerne aus dem grossen Behälter in meine mehrfachverwendete Papiertüte rieseln zu lassen. Ökowonderwoman. Wie schön, dass ich die Zeit für solche Spielereien habe und die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten in Laufabstand.

    Aber was ist mit all den anderen? Die keine Zeit und kein Geld, keine Informationen, keine Infrastruktur haben, um sich umzustellen? Oder, wenn wir « the bigger picture » betrachten und mal über den deutschen Tellerrand schauen: was ist mit dem Grossteil der Menschheit, die in der Warteschlange stehen, um überhaupt mal an sowas wie Konsumleben teilhaben zu können? Wie sollen die in andere Startlöcher als « mein Haus, mein Auto, mein.. » kommen?

    Ich möchte keine Appelle an die « Vernunft des Verbrauchers » mehr lesen. Ich möchte wissen, wie wir das gesellschaftlich schaffen können. (…)

Wir haben wunderbare wissenschaftliche Instrumente, Universitäten, Forschungsinstitute, Think-Tanks: wir müssen nicht mehr nur raten oder « meinen“, was vielleicht besser wäre oder besser funktionieren würde, wir könnten es eigentlich recht gut über relative kurze Zeiträume hinweg testen, herausfinden – wie bringt man Regierungen dazu, ernsthaft, massiv Geld in solche Fragen zu stecken? Und wieso schaffen wir es noch nicht einmal, die erfolgreichen, gut dokumentierten Projekte von Nachbarländern zu übernehmen? (Schreiben Sie mal was über « maison médicale » in Belgien) Wieso nutzen wir unser bereits vorhandenes Wissen, unsere Möglichkeiten als Gesellschaft so wenig? Warum sind wir Geiseln von unkontrollierten Interessengruppen? Interessengruppen, die sich selbst völlig kopflos und unkontrolliert sich in den Abgrund wirtschaften?

 

Auch Olav B. aus Gifhorn ist an konkreten Schritten im persönlichen Umfeld interessiert:

„…vielen Dank für Ihr treffend beschriebenes Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“ oder des „Zuschauereffekts“. Dieses Phänomen ist von extremer Bedeutung u wird dementsprechend viel zu wenig bei seinem Namen genannt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch dafür, dass Sie einen Einblick in die Leserzuschriften gewähren, die Sie jeden Tag beantworten und die Ihnen nahe gehen. Ihr Artikel hat mich umgekehrt so berührt, dass ich Ihnen gerne (m)einen Loesungsansatz im Umgang mit „Verantwortungsdiffusion“ nennen möchte: Dem Phänomen der Verantwortungsdiffusion kann man aus meiner Einschätzung auf der Ebene des Einzelindividuums u.a. mit einer Gegenbewegung entgegen treten: Z.B mit Ansätzen, die unter Begrifflichkeiten wie „Achtsamkeitspraxis“ usw genau o.g. Phänomen der Un-Achtsamkeit, Un-Betroffenheit entgegen wirken. Und… wenn eine Person damit in einem sozialen Umfeld anfängt, inspiriert das ander, mit zu ziehen. D.h. die o.g. Negativspirale von Verantwortungslosigkeit lässt sich (mühsam) umdrehen. Als Leitender Angestellter kann ich diese Phänomen jeden Tag selber an mir u in meinem Umfeld ausprobieren. (…)

Danke für Ihren Einsatz ( !!) und bitte weiter machen, sich nicht entmutigen lassen. Mit einem freundlichen Gruß ans ganze Team“

 

Dieser Fokus auf die persönliche Ansprache erscheint mir spontan einleuchtend. Warum? Unter anderem wegen einer Überraschung, die ich hier bei den Zuschriften erlebe: Bislang war kein einziger Troll-Kommentar mit dabei, was eigentlich untypisch ist für die oft (zumindest für Anfänger) als anonym wahrgenommenen Weiten des Internet. Diese (scheinbare) Anonymität mündet dann oft in das, was früher „Flame War“ genannt wurde und seit ein paar Jahren als „Shitstorm“ firmiert.

Jürgen S. schreibt:

„… ich glaube, dass viele Menschen mit dem Finger auf andere Zeigen, da sie insgeheim wissen (oder zumindest ahnen), dass a) wir alle – ohne Ausnahme – schuld sind am Zustand der Umwelt und b) wir ein Stadium erreicht haben, dass eine Wiederherstellung einer gesunden und lebenswerten Umwelt bereits unmöglich gemacht hat. Wir befinden uns alle längst in einem 3D-Katatastrophen-Film, nur leider nicht als Zuschauer sondern als Akteure.“

 

Ja, das ist das Paradox des Zuschauereffekts: Auch wer nichts tut, handelt. Indirekt. Aber mit großer Wirkung. Wie kommt man also aus dieser passiv-handelnden Verantwortungsdiffusion heraus? Steffen S. aus Mannheim schreibt:

Bei jedem Kauf und jeder Handlung überlegen welche Auswirkungen diese auf die Umwelt haben. Verpackung und Fahrten vermeiden“

 

Doch wie lässt sich individuelles Handeln anregen? Hier helfen womöglich Positivbeispiele, wie sie im sogenannten Konstruktiven Journalismus wohldosiert eingesetzt werden (ohne gleich eine rosa Brille aufzusetzen). Uwe H. weist auf diesen Rohstoff verantwortungsvollen Handelns hin:

„Bitte greifen Sie best practice Beispiele auf- wie es so schön neudeutsch heißt. Dinge die funktionieren gegen Klimawandel, Platikberge etc- aber nicht nur auf der individuellen Ebene-Decken Sie auf was die Politik tun müsste! und warum Sie es nicht tut! viel Spass uns allen bei der Rettung der Welt.“

 

Wie wichtig ist die Gruppengröße? Möglicherweise reden wir in der Mediengesellschaft zu sehr in riesige, anonyme Publika hinein? Diese Frage wirft Karl K. aus Jena auf:

„…nach meiner langjährigen Erfahrung in den unterschiedlichsten Situationen klappt es meist redlich mit dem Verantwortungsbewußtsein bei einer Gruppe von bis zu vier Personen. Ab fünfen wird wird es sehr schnell schwierig, und ab sieben Personen herrscht kann man es vergessen. Über diese Zahl hinaus fehlt dann nicht nur das von Ihnen angesprochene Verantwortungsbewußtsein und dazugehörige Kraft und Mut zur Aktion. Im Gegenteil, man kann hier regelmäßig von einer organisierten und oft sogar institutionalisierten Nichtverantwortung sprechen. Ein weiteres Thema ist die dann ebenfalls einsetzende Tendenz zur Bestrafung eines trotzdem aus gefühlter Verantwortung Handelnden unabhängig vom Erfolg seiner Aktion.“

@praemandatum aus Hannover geht auf Twitter noch einen Schritt weiter, was die Gruppengröße angeht:

„Lesenswerter Artikel. Zumal der Zuschauereffekt gefühlt bei jeder Gruppe größer zwei Individuen aufzutreten scheint. //PL“

 

Christiane S. bringt das Thema der Verantwortungsdiffusion eher dadaistisch auf den Punkt:

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber…

Ja, aber….

Nein.“

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Den Elementarteilchen-Newsletter der vergangenen Woche finden Sie hier.

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Neuschnee glitzerte, weit ging der Blick, es war eine perfekte Skitour. Aber kurz vor dem Gipfel spürte ich plötzlich ein Pochen im Kiefer: eine Entzündung. Zurück in Berlin, zog mir mein Arzt den faulen Zahn, verschrieb mir ein Antibiotikum, nach ein paar Tagen ging es mir wieder gut.

Was für ein Glück, dass ich im 21. Jahrhundert lebe – sonst würde ich vielleicht nicht mehr leben. Noch vor hundert Jahren hätte mich die harmlose Infektion niederstrecken können wie ein blutiger Axthieb. Früher blieb den behandelnden Quacksalbern oft nichts zu tun, als ihre Patienten ein bisschen zu amüsieren mit Gebet, Hexenverbrennung oder Aderlass, bis sie wieder von allein gesund wurden. Oder starben.

Bald könnte diese schlechte alte Zeit uns einholen, die Medizingeschichte wiederholt sich, wenn wir nicht handeln. Die Vereinten Nationen registrieren trocken: Jahr für Jahr sterben weltweit rund 700.000 Menschen durch „Superbugs“. Gegen derlei multiresistente Erreger sind selbst die stärksten Medikamentencocktails wirkungslos. Ärzte warnen vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Besonders gefährliche Orte sind ausgerechnet Krankenhäuser. Manch Wissenschaftler zieht schon Parallelen zur Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren mehrere Millionen Menschen tötete, wahrscheinlich sogar mehr als alle Gemetzel des Ersten Weltkriegs.

American Unofficial Collection of World War I Photographs/ PhotoQuest/ Getty Images

Halt, bevor Sie genervt weiterwischen: Nein, auch ich reagiere allergisch auf Panikmache, Hypochondrie und Weltuntergangsrummel. Aber das Thema „Superbugs“ bereitete mir gestern fast eine schlaflose Nacht. Ich hatte nämlich den Fehler gemacht, im Buch „The Perfect Predator“ zu lesen. Darin berichtet eine Forscherin von einer Urlaubsreise mit ihrem Mann. Nach einem romantischen Dinner bricht dieser nachts zusammen und fällt ins Koma. Nichts hilft, denn ein „Superbug“ frisst ihn von innen auf, Acinobacter baumanii genannt, Spitzname „Iraqibacter“. Wie diese Gruselgeschichte ausgeht, verrät der Link in den Lektüreempfehlungen unten.

Sind wir Killererregern wie „Iraqibacter“ hilflos ausgeliefert? Nein. Seit Langem ist bekannt, was die Erreger zu unbesiegbaren Killern mutieren lässt: der leichtsinnige Einsatz von Antibiotika, unter anderem in der Tiermast und sogar auf Orangenplantagen. Gier frisst Hirn.

Was tun? Ein erster Schritt könnte sein, im Supermarkt nicht das billige Schrottfleisch zu kaufen. Oder bei einem grippalen Infekt keine Antibiotika zu schlucken, denn die sind bei Viren wirkungslos.

Ach so, und dann steht ja auch die Europawahl an. Durchforsten Sie doch die Parteiprogramme nach Begriffen wie „Antibiotika“. Und machen Sie am 26. Mai Ihr Kreuz an einer Stelle, die uns und unsere Kinder schützen kann vor einer Spanischen Grippe 2.0.

Die Wahlprogramme finden Sie zum Beispiel hier.

Herzlich

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

Feedback & Anregungen?


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Im Urlaub wird ihr Ehemann plötzlich krank durch einen „Superbug“. Ein Wissenschaftskrimi, den die renommierte Epidemiologin Steffanie Strathdee selbst durchlebt hat.
  • „Superbugs“ könnten so teuer werden wie die Weltwirtschaftskrise 2008, warnt dieser Bericht der Vereinten Nationen.
  • Wie schütze ich mich vor einer Sommergrippe? Küssen ist ungefährlich, aber verzichten Sie lieber aufs Händeschütteln, verrät meine Kollegin Irene Berres.

 

 

 

 

Neues E-Book über Berlin: Vorsicht, Sie verlassen den langweiligen Sektor!

 „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, rief der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, als die Sowjetunion 1948 versuchte, den westlichen Teil der Stadt auszuhungern, und der Kalte Krieg begann. Der Appell funktionierte, die Stadt wurde durch die Luftbrücke gerettet. Doch die Völker der Welt schauen auch 70 Jahre später immer noch auf diese Stadt, vielleicht sogar intensiver denn je; teils schwärmerisch, teils befremdet, immer fasziniert. 

Berlins wichtigstes Exportgut ist sein eigener Mythos, und er verkauft sich bestens. Serien wie „Dogs of Berlin“ oder „4 Blocks“ sind internationale Blockbuster, im Sommer soll der Episodenfilm „Berlin, I Love You“ in die Kinos kommen. 

Nun erscheint unser neues E-Book zum Thema, basierend auf der dreiteiligen Serie auf SPIEGEL PLUS, ergänzt durch etliche Original-Beiträge aus dem Spiegel-Archiv seit der Berlin-Blockade 1949. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch.

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Für den größten Rummel sorgte „Babylon Berlin“, die aufwändigste Fernsehserie, die je in Deutschland gedreht wurde. Sie trifft offenbar einen Nerv: In den USA gilt sie Rezensenten teils als Parabel auf den Niedergang einer Demokratie, in Großbritannien als Erklärstück zum Brexit, in Indien als Warnung vor nationalistischen Bauernfängern.

 Scharen von Touristen strömen in die Stadt, angelockt vom schillernden Image. Doch wie sieht es vor Ort wirklich aus, welche Triebkräfte brodeln hinter der Hipsterfassade der kurzatmigen medialen Selbstdarstellung, wie ist Berlingeworden, was es ist? Dieses E-Book begibt sich auf eine Spurensuche, eine Reise durch die Geschichte, ausgehend von einer dreiteiligen Artikelserie auf SPIEGEL Plus, ergänzt und erweitert mit historischen Beiträgen aus dem SPIEGEL-Archiv.

Ist das Berlin-Fieber mehr als nur ein Hype? Wie unter einem Brennglas treten hier viele Probleme deutlicher und krasser hervor, mit denen sich so oder so ähnlich auch andere Städte herumschlagen. Doch vielleicht lassen sich hier auch Lösungsansätze besser erkennen. Man kann diese Stadt als ein großes Labor begreifen, in dem fast vier Millionen Menschen Tag für Tag herumexperimentieren, wie man trotz aller Unterschiede zusammenleben kann. 

Um diese Vielfalt der Kulturen und Lebensentwürfe geht es auch in „Babylon Berlin“. Vordergründig handelt die Serie von einer Polizeiermittlung im wilden Berlin der „Goldenen Zwanziger“, zwischen Glamour und Chaos, Freizügigkeit und Gewalt, zwischen Gaunern, Neureichen und Revoluzzern. Berlin drohte damals zu explodieren unter dem Druck von Globalisierung und Kleinkariertheit, Großmannssucht und privatisiertem Elend. 

 Die Metropole war damals ein wirrer Flickenteppich aus über 80 Einzelgemeinden, die teils gegeneinander arbeiteten. Erst im Jahr 1920 raufte man sich mühsam zu einem „Groß-Berlin“ zusammen. Schon damals galt Berlin als eine Stadt, in der geduldet wird, was andernorts verboten ist. Für jede sexuelle Orientierung gab es das passende Etablissement. Dann kam der Krieg, die Luftbrücke, 1961 wurde die Mauer gebaut, 1989 fiel sie wieder. 

 Kaum zu glauben, wie sich das Image der Stadt über die Jahrzehnte gewandelt hat. Die vorliegenden Artikel zeigen vor allem, wie dynamisch die Entwicklung war und ist – und wie schwierig daher auch immer wieder Vorhersagen sind. 

 „Die Stadt, die nicht mehr Hauptstadt sein darf, droht im Vakuum zwischen Ost und West zu ersticken. Sie krankt an einer schlecht strukturierten, hinfälligen Wirtschaft“, schrieb der SPIEGEL 1967: „Sie ächzt unter inneren Spannungen, die sich in Straßenkrawallen entladen und den Konsensus ihrer Bürger zerstören. Sie leidet unter einem Mangel an Jugendlichkeit, und sie ist dabei, geistig zu veröden.“

 Dann Mauerfall, Aufatmen, Euphorie. 1989 steht im SPIEGEL: „West-Berliner Wanderer an Ost-Berliner Seeufern, Ost-Berliner Kids in West-Berliner Diskotheken, West-Berliner Makler auf Ost-Berliner Kundenfang – diese Zukunft hat schon begonnen. Mehr scheint nun sehr wohl möglich: ein gesamtberliner Flughafen, ein gesamtberliner Olympia, ein Gesamtberlin Smog-Alarmplan. Kein Tag vergeht, ohne daß neue Ideen publik werden.“

 Auf die Wiedervereinigungsparty folgt Katerstimmung. 1995 fragt der SPIEGEL: „Wird die Stadt von ihren Nachhol- und Aufbauproblemen erdrückt, bleibt der große Aufbruch im Pleitesumpf von Fehlinvestitionen und leeren öffentlichen Kassen stecken? Droht gar, wie der Berliner Ökonom Eberhard von Einem schon mal spekulierte, ‚die Armutsmetropole‘, die mit ‚billigen Behelfssiedlungen am Stadtrand‘, kaputten Altbauquartieren und einer Million armer Einwanderer zum größten sozialen Reparaturbetrieb der Republik verkommt?“

Dieses E-Book versucht, die verschlungenen und teils widersprüchlichen Handlungsstränge eines urbanen Epos zu entwirren, das immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet. Spoiler Alert: Auf Dekaden der Stagnation und Überalterung folgt nun eine fiebrige Expansion, hitzig, wirr und oft chaotisch. 

 Das heutige Berlin ist ein fragiler Moloch. Rund 40 000 Menschen ziehen derzeit pro Jahr her, wahrscheinlich bis 2030 rund eine halbe Million. Ungefähr so viele Besucher sind außerdem tagtäglich auf den Straßen unterwegs. 

 Keine andere deutsche Stadt hat sich in den letzten Jahren so stark verändert. In Stadtvierteln wie Neukölln wurde die Bevölkerung in kurzer Zeit weitgehend ausgetauscht. In Cafés, in denen jahrzehntelang nur Türkisch gesprochen wurde, verstehen die Bedienungen jetzt nur noch Englisch. Das nervt sogar einen Russen wie Wladimir Kaminer.

 Berlin ist die Emigrationshauptstadt der Welt. Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, türkische Intellektuelle, denen in ihrer Heimat Verfolgung droht, Briten, die nach dem Brexit-Votum nach Berlin gezogen sind, oder Trump-Gegner wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally treffen in dieser Stadt aufeinander. 

 Eine erstaunliche Wandlung, wenn man bedenkt, dass große Teile Berlins während des Kalten Krieges von einer Mauer umschlossen waren, bedroht von „mangelnder Jugendlichkeit“ und „geistiger Verödung“. Heute spuckt Easy Jet jeden Tausende von Touristen auf den Berliner Flughäfen aus. Sie kommen aus Großbritannien und Spanien, aus China und den USA, sie kommen hierher, um Spaß zu haben und zu tun, wozu ihnen zu Hause der Mut fehlt.

 Angelockt von Kinofilmen, Fernsehserien, Romanen und Blogs, sind sie auf der Suche nach der großen Lockerheit, die aber genau durch den gewaltigen Nachfragedruck immer weiter zusammenschrumpft auf wenige Quadratmeter: Für Studenten, die sich keine Wohnung leisten können, bieten Kleinanzeigen eine Couch zur Untermiete – oder ein Zelt auf dem Balkon. 

Berlin, jahrelang Sorgenkind des Bundes, hat heute nicht zuletzt deshalb einen ausgeglichenen Haushalt, weil es sehr gut von der Spaßkultur lebt. Gleichzeitig leben immer noch erstaunlich viele Menschen in der Stadt, die arbeiten müssen oder vielleicht sogar wollen. Es gibt Kampfzonen wie die Kreuzberger Admiralsbrücke, an der die Anwohner, die gerne schlafen möchten, gegen die Nachtschwärmer antreten. 

 Und es leben auch Menschen in dieser Stadt, die von dieser Amüsierwut angeekelt sind und sie für einen Ausdruck von Dekadenz halten. Der Tunesier Anis Amri war einer von ihnen. Am 19. Dezember 2016 steuerte er einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Breitscheid-Platz und tötete dort elf Menschen. Eine tolerante Metropole wie Berlin ist besonders angreifbar. Multikulturell kann eben auch bedeuten: tödlich verfeindet.

 Die Spannungen in Berlin nehmen zu. In der traditionell armen Arbeiter-Stadt zeigt sich der Reichtum heute unverhohlen. Die Gentrifizierung verdrängt ganze Bevölkerungsgruppen an den Stadtrand. Das passiert auch in anderen Metropolen, aber selten in einem solchen Tempo wie in Berlin. Wer mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, wird auf jeder Strecke mindestens dreimal von Obdachlosen anbettelt.

 Wir haben uns auf einen Rundgang durch die sich beschleunigende Stadt begeben, an Orte, die für die Einzigartigkeit Berlins und ihren wachsenden Zwiespalt stehen: in Startup-Clubs am ehemaligen Todesstreifen, wo Jungunternehmer als aller Welt im Bällebad treiben, an den Alexanderplatz, wo es immer wieder zu Massenschlägereien kommt. Und auf das Tempelhofer Feld, den vielleicht größten Spielplatz der Welt. 

In das Areal des ehemaligen Flughafengeländes, auf dem während der Luftbrücke die Rosinenbomber im Minutentakt landeten und die eingekesselte Stadt versorgten, würde der New Yorker Central Park locker hineinpassen. Hier tummeln sich Skater, Drachenflieger und Tai-Chi-Gruppen, wie die ersten Kapitel dieser Sammlung erzählen: „Tempelhofer Freiheit. Berlins Utopie. Berlins leere Mitte. Alle zusammen, jeder für sich.“

Die Völker der Welt, hier schauen sie auf Berlin. Und jeder erkennt etwas anderes. 

Auf eine ähnliche Weise kann sich auch dieser Sammelband lesen lassen: Die Artikel sind nach den ersten drei Kapiteln in chronologischer Reihenfolge sortiert, sie lassen sich aber in beliebiger Reihenfolge lesen. Alle zusammen, jeder für sich. Viel Spaß dabei.

Lars-Olav Beier, Hilmar Schmundt

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Aus dem Inhalt:

Das Babylon-Gefühl

Alle 20 Stunden ein neues Start-up

Die Stadt als Kampfzone

Kalter Krieg: Berlin hinterm Eisernen Vorhang

Die Berliner Luftbrücke 1948-1949: Schlaf der Gerechten

Hilflose Reaktionen im Westen auf den Mauerbau in Berlin 1961

Das Glitzerding: Leben in der Exklave West-Berlin fünf Jahre nach dem Mauerbau

Schein am Horizont: Durch die Politik der friedlichen Koexistenz gerät West-Berlin immer mehr in die Krise – der neue Bürgermeister Klaus Schütz soll’s richten

Berlin nach dem Mauerfall

Zwei Staaten, eine Stadt: Wie Ost- und West-Berlin nur Wochen nach dem Mauerfall bereits zusammenwachsen

Hausbesetzer: Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz

Berlin wird wieder Regierungssitz: Von New York lernen“

Künstler haben die Allzweck-Ruine „Tacheles“ gerettet

Hier regiert der Schlamm: Auf Europas größter Baustelle – kämpfen Experten mit modernster Technik gegen Sand, Wasser und die Zeit

Die Macht der Mauern: Im neuen Berliner Regierungsviertel ist Geschichte allgegenwärtig

Spaßhaus Mitte: Die Autorin Tanja Dückers über das Leben der Jugendlichen in Berlin
Erregend anders

Die schrille Szene der Jungtürken in Berlin

Großstadt ohne Größenwahn: Innerhalb von nur 16 Jahren gelang Berlin ein Comeback als Weltstadt: Sie gilt als kulturell führend, architektonisch aufregend und voll von Sehenswürdigkeiten

Die ersten drei Kapitel dieses E-Books basieren auf der Artikelserie auf SPIEGEL PLUS. Koordination: Alex Neubacher.

Hier ein Link zum ersten Teil, mit Foto- und Videobeiträgen von Marco Kasang

Hier ein Link zum zweiten Teil in multimedialer Form auf SPIEGEL Plus

Hier ein Link zum dritten Teil auf SPIEGEL Plus

Hier ein Link zum Video

 

Hier ein paar Passagen daraus:

 

Kaum eine andere europäische Metropole hat sich im letzten Jahrzehnt so stark gewandelt wie Berlin. Die vielen Brachen und Baulücken, die teilweise seit dem Zweiten Weltkrieg bestanden und das Bild der Stadt prägten, werden aufgefüllt wie hohle Zähne: Nachverdichtung nennen Stadtplaner das. Und doch herrscht in der Stadt eine stetig wachsende Wohnungsnot.
Berlin ist inzwischen auch die Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Allein am Alexanderplatz wurden 2017 über 6000 Verbrechen begangen. Die Stadt nimmt es fast so stoisch hin wie das Wetter.
Berlin ist ebenfalls die Hauptstadt der Startups. Die Pioniere der Digitalisierung kommen hierher, Firmen wie der Online-Versand Zalando und die E-Learning-Plattform Babbel schufen in den letzten Jahren Tausende von Arbeitsplätzen und expandieren von Berlin aus in die Welt.
Die Stadt funktioniert als gigantisches Zukunftslabor, in dem wild herumexperimentiert wird, was passiert, wenn sehr viele verschiedene Menschen aus sehr vielen verschiedenen Kulturen aufeinander treffen. Spanier, die Jobs suchen, Briten, die gegen den Brexit sind, Amerikaner, die nicht unter Trump leben wollen, irakische Flüchtlinge und türkische Intellektuelle. Wer sich in seiner Heimat nicht mehr heimisch fühlt, kommt gerne nach Berlin.

(….)

„In Berlin hat sich schon immer der Gewiefteste, der Skrupelloseste, der Virtuoseste durchgesetzt“, sagt Henk Handloegten, einer der drei Regisseure von „Babylon Berlin“. Die Fernsehserie, die vor rund einem Jahr auf dem Privatsender Sky lief und ab dem 30. September Free-TV-Premiere im Ersten hat, spielt in den späten Zwanzigerjahren und zeigt eine Stadt voller Energie und Lebenslust, Gewalt und Terror. „Babylon Berlin“ ist ein Sittenbild, ein Spiegel des heutigen Berlin – oder zumindest ein Zerrspiegel.“

Auch damals strömten die Emigranten nach Berlin. In Charlottenburg lebten so viele Russen, dass der Stadtteil den Spitznamen Charlottengrad erhielt. Es gab nicht genug Wohnungen für alle, Armut und Obdachlosigkeit nahmen zu, die wachsenden sozialen Spannungen ließen die Parteien am rechten und linken Rand erstarken.
Wie die babylonische Stadt der Serie ist das heutige Berlin ein fragiler Moloch. Mehrere Zehntausend Menschen ziehen jedes Jahr hierher, wahrscheinlich eine halbe Million allein zwischen 2005 und 2030. Das entspräche dem Komplettumzug aller Einwohner von Leverkusen, Kaiserslautern, Trier und Wolfsburg – nur eben leider, leider ohne die dazugehörigen Wohnungen.
Und jeden Tag sind im Schnitt schätzungsweise 400 000 Besucher auf den Straßen unterwegs. Immer wieder zeigt sich die Stadt von diesem Ansturm überfordert. In Berlin ziehen Partyhorden durch die Gegend, trinkend, urinierend, kotzend, ein Tourist ohne Bierflasche in der Hand wirkt so unvollständig wie Obelix ohne Hinkelstein.

(….)

Der Flughafen Tegel im Nordwesten Berlins, mit inzwischen über 20 Millionen Gästen pro Jahr völlig überlastet, ist der unpünktlichste Flughafen Deutschlands. Und der neue Airport BER im Südosten wird und wird nicht fertig. Als er geplant wurde, war nicht abzusehen, dass über 12 Millionen Touristen pro Jahr nach Berlin kommen würden. Mehr Besucher haben in Europa nur Paris und London. Schon bevor der BER fertig wird, ist er viel zu klein. Es scheint, als würde Berlin vom eigenen Erfolg überrollt.
Die Partymetropole bietet Spaß, Glamour und Karrierechancen. Forscher, Firmengründer, Musiker, Medienfuzzis und Möchtegerns überbieten sich mit schrillen Ideen. Es herrscht gleichzeitig Aufbruch und Chaos, Großspurigkeit und Inkompetenz, Exzess und Wut.

Immer werden, niemals sein

So ähnlich aufgeheizt war die Stimmung auch damals, in der Weimarer Republik, meint Klaus Brake, Stadtforscher am Center for Metropolitan Studies der TU. Er empfängt in seiner Altbauwohnung in Wilmersdorf, voller Möbel im Stil der Zwanzigerjahre. Das Filmteam von „Babylon Berlin“ könnte hier sofort drehen.

„Berlin hatte drei große Probleme, mit denen es sich immer noch herumschlägt“, sagt der zierliche Emeritus: „Erstens: Berlin wächst heftig, mit rund 50 000 Zuzügen pro Jahr. Zweitens: Berlin ist marode, was Finanzen, Wirtschaft, Infrastruktur, Verwaltung angeht. Und drittens: Berlin fehlt eine Vision und eine Strategie.“

Teile der Stadtgeschichte wiederholen sich gerade, findet Brake. Vor 100 Jahren bestand der Großraum aus einem zerfaserten Flickenteppich von 374 Einzelgemeinden. Dann, 1920, gelang es, wenigstens rund 80 Gemeinden zusammenzufassen zu einem „Groß-Berlin“.“

Das war nicht visionär, sondern überfällig. Eine lange verschleppte, verschlampte Anpassung. Denn in der Gründerzeit war die Bevölkerung um das Vierfache explodiert auf fast zwei Millionen in den 50 Jahren seit der Reichsgründung 1871. Die preußische Residenzstadt und ihre Nachbardörfer hatten sich in kürzester Zeit zur drittgrößten Metropole der Welt entwickelt, nach New York und London. Und das bemerkte sie dann irgendwann sogar selbst, mit vielen Jahren Verzögerung. Klingt irgendwie bekannt.
Einige der umliegenden Kommunen, Dörfer und Kleinstädte wehrten sich vehement gegen eine umfassende Raumplanung und drohten mit einer Art Vorort-Brexit: „Los von Berlin!”. Die Gartenstadt Frohnau, heute ein Stadtteil der Metropole, spielte sich auf wie eine Steueroase vom Schlage der Cayman Islands und lockte als „Steuerfreie Stadt” die Reichen mit dem Slogan: „Keine Kommunalsteuer! Keine Gemeinde-, Wertzuwachs- oder Umsatzsteuer!“
Durch das Fehlen einer koordinierten Sozialpolitik war Berlin damals extrem „polarisiert strukturiert“, sagt Brake. In den Vororten residierte das Großbürgertum, in der Innenstadt hausten Arbeiterschaft und Lumpenproletariat, jeder sechste Bewohner teilte sich ein beheizbares Zimmer mit vier anderen Menschen.

Doch durch die Enge entstand in den schier endlosen Hinterhofsystemen auch eine einzigartige Mixtur aus Wohnen, Gewerbe und Ladengeschäften, die sogenannte „Berliner Mischung“. Das bedeutete kurze Wege zwischen diversen Gewerken, aber auch Industrielärm in den Wohnungen. Im würzigen Lokaldialekt: Dit Kind schielt nicht, dit muss so kieken. Denn heute gilt diese gegenseitige Befruchtung unterschiedlichster Milieus auf engstem Raum als Zauberwort der Stadtentwicklung. Erzwingen lässt sie sich kaum, zerstören leicht.“

„Dort drüben stand sie, die rote Burg.“ Uli Hanisch, Production Designer der Serie „Babylon Berlin“, steht mitten auf dem Alexanderplatz, direkt an der Weltuhr, und zeigt Richtung Osten. Die rote Burg, so wurde in den Zwanzigerjahren das Berliner Polizeipräsidium genannt, ein gewaltiger Repräsentationsbau aus rotem Backstein.
Im Krieg wurde das Gebäude zerstört. Heute steht dort eine rosa Burg, das „Alexa“, ein Einkaufszentrum im Disney-Art-déco-Stil, die Bausünde gewordene Sehnsucht nach dem vergangenen Glamour der Stadt. Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen gab es Shopping & Swinging mit Models, frisiert und kostümiert wie in dem Film „Cabaret“, der die wilden Zwanziger feierte.
Es war der Viehmarkt vor den Toren der Stadt, es war die Baustelle der Moderne, so wie Alfred Döblin ihn in seinem Roman beschrieb, es war der Prachtplatz der DDR und der Ort, an dem der Widerstand dagegen seine größte Form annahm, am 4. November 1989, als Hunderttausende hier demonstrierten.
Es ist ein starker, ein kaputter, ein Ort mit einer ganz besonderen Energie und so ziemlich das einzige Zentrum, das diese Stadt ohne Mitte hat.“

(….)

„Die robuste Nachfrage ausländischer Investoren” treibe diese Entwicklung an, so die Studie. Doch der internationale Glanz der Metropole wirft vor Ort oft harte Schlagschatten. Immer mehr Menschen haben Angst, aus dem eigenen Quartier vertrieben zu werden. Das lässt sich erleben im Stadtteil Wedding, der früher als klassisches Arbeiterviertel galt, selbstbewusst auch „Roter Wedding” genannt. Das war einmal. Bei Altverträgen lagen die Mietpreise oft unter vier Euro, wer neu einzieht, muss oft locker das Dreifache zahlen.
Im „Kugelblitz” brennt die Luft, wenn der Fußballclub Hertha spielt. Die Luft ist zum Schneiden dick von Zigarettenqualm in der uralten Arbeiterkneipe, die ist Stimmung prächtig, selbst wenn die „Alte Dame” ein Tor kassiert. Ein Bier kostet zwei Euro.
Das kann sich nicht jeder leisten. Ein paar Häuser weiter hat ein Spätkauf Bänke rausgestellt, hier treffen sich die, denen der „Kugelblitz“ zu schnieke ist. Bärbel und Andreas zum Beispiel, die gerade geheiratet haben, mit Ende 50. Eigentlich wollten sie gleich zusammenziehen, aber es ist gar nicht so leicht, eine Wohnung zu finden, die sie sich leisten können. Bärbel kann nicht mehr arbeiten, „hat was am Bein“. Sie ist mit dem Rollator unterwegs, was ein Problem ist wegen „dem ganzen Kopfsteinpflaster hier“.  Andreas hilft in einer Behindertenwerkstatt aus. Jetzt holt er noch mal zwei Sternburg. Die Eckkneipe auf der anderen Seite hat schon vor einer Weile dicht gemacht, unter nackten Neonröhren hängt noch der vergilbte Werbespruch: „Nette Leute, Schnaps & Bier, jarnich teuer jibt det hier”. Vorbei.
Haushaltsauflösungen dagegen scheinen gut zu gehen in der Gegend. Viele Ladengeschäfte stehen leer, es sei denn, es zieht ein linkes Projekt ein, mit einem Che Guevara im Schaufenster. Oder ein Internethändler, der Melatonin-Schlafdrinks in alle Welt verschickt.
Der Leerstand lockt Kreative an. Vieles, was oft vorschnell mit dem Schlagwort der „Gentrifizierung” abgetan wird, muss nicht schlecht sein, sagt Professor Brake. Die Durchmischung von Stadtvierteln könne Erneuerung bedeuten – solange die negativen Begleiterscheinungen bekämpft werden: Mietenexplosion und Verdrängung. Anfang der Nullerjahre hatte Berlin mit dem umgekehrten Problem zu kämpfen, die Stadt quälte sich durch ein „Tal der Tränen”, geprägt von Bevölkerungsrückgang, Massenarbeitslosigkeit und dem Leerstand von über 100 000 Wohnungen.
Heute dagegen droht der Immobilienmarkt zu überhitzen. Doch offizielle Stellen verdrängen die Verdrängungsproblematik immer wieder, teils mit skurrilen Argumenten. So empfahl das Sozialgericht Berlin im Juni einem BAföG-Schüler, in seiner 28-Quadratmeter-Wohnung die Couch unterzuvermieten oder ein Zelt auf dem Balkon – das sei „möglich und wirtschaftlich interessant”.
Demnächst dient der Späti, wo Bärbel und Andreas gerne trinken, als authentische Kulisse für die Verfilmung der „Känguru-Chroniken”, von derselben Produktionsfirma wie „Babylon Berlin”. Die fiktiven Abenteuer eines linksradikalen Beuteltiers spielen zwar eigentlich in Kreuzberg, aber dort haben die hohen Mieten das Arme-Leute-Flair weitgehend verfliegen lassen, das im Wedding noch weht. Hoch oben von einer Brandwand schreit ein Graffito den Kunden am Späti zu: „FICK NEOLIBERALISMUS”.“

(….)

„Wobei es der Späti-Clique noch gold geht. Obdachlose sind allgegenwärtig, schätzungsweise 40.000 Menschen sind hier ohne festen Wohnsitz. Die Mitarbeiter des Grips-Theaters am Hansaplatz müssen oft über Menschen steigen, die in Decken vor sich hin dämmern.
Wer heute in Berlin U-Bahn fährt, kann dem Elend nicht mehr aus dem Weg gehen. Ständig steigen Obdachlose ein und bieten Zeitungen wie die „Motz“ zum Verkauf an. Kleinstkünstler tragen selbstgedichtete Rap-Songs vor und bitten um Spenden. Rumänische Musiker spielen Schlager, ihre Kinder halten die Hand auf.
Die Stadt tut sich schwer, mit der rasant wachsenden Armut klarzukommen. Vielleicht liegt das auch an einem veralteten Selbstbild, dem Berlin immer noch nachhängt: Hier ließ es sich viele Jahre lang geradezu grotesk günstig leben. Wer bereit war, sich mit Ofenheizung und Außenklo zu begnügen, kam mit ein paar Hundert Euro im Monat über die Runden.

(….)

Die Straßen sind weit und offen, die Gebäude niedriger als in anderen Metropolen. Die Berliner Traufhöhe von lediglich 22 Metern wurde von Stadtplanern jahrzehntelang so vehement verteidigt wie ein Artikel im Grundgesetz.
Der Soziologe Andreas Reckwitz, Professor an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, sieht Berlin als Prototyp für andere globale Dörfer. In ihnen darf man nicht nur einzigartig sein – man muss es sogar. Dieser Kreativitäts-Imperativ lautet: Mach was aus dir, kuratier dein Leben, sei individuell, sei spontan. „Singularisierung“ nennt Reckwitz diesen Prozess, der Berlins Buntheit antreibt: eine Kulturmaschine der Einzigartigkeiten. „In den Zwanzigerjahren war der Mythos der bunten, chaotischen, kreativen Metropole ein Thema von Avantgardisten und Minderheiten”, sagt Reckwitz. „Aber diese plurale Metropole ist heute ein Mainstreamformat geworden.”
Das Unsystematische hat hier System. Die Vielstimmigkeit bedeutet nicht Zerfall und Niedergang, nicht babylonischen Sündenfall, wie ihn Kulturpessimisten gerne beschwören. Sondern die Basis einer neuartigen, globalen Kulturökonomie.

Die Wurzeln dieser Kreativitäts-Industrie reichen hier tief, mindestens bis in die Golden Twenties, das Schräge wirkt fast wie Folklore: Heimat Babylon. Das ist der Grund, warum die Serie „Babylon Berlin” die Creative Classes in London ebenso wie in Mumbai anspricht. Der Erfolg kommt nicht aus dem Nichts, er verdankt sich den Zeitläuften und der Geschichte der Stadt. Das Wort Babylon, das oft als Synonym für Dekadenz verwendet wird, ist in den Augen der drei Regisseure der Serie eher ein Versprechen.
Berlin musste sich in 100 Jahren mindestens viermal neu erfinden und definieren, nach den beiden Weltkriegen, nach dem Bau der Mauer und nach ihrem Fall. Die Epochen stehen im Stadtbild unvermittelt nebeneinander, Berlin ist ein wüstes Sammelsurium architektonischer Stile. Da findet jeder eine Ecke, an der er sich wie zu Hause fühlen kann.
Und das Schöne ist: In Berlin darf man Dinge tun, die man zu Hause niemals tun würde.

(….)

Elektronische Musik wabert durch den Nachtclub, ein Sopran schwebt über der Melodie, aber es ist keine menschliche Stimme. Die Musikerin singt nicht selbst, sondern spielt die Melodie, indem sie mit ihren Händen im Leeren gestikuliert und ganz ohne Berührung dem verkabelten Apparat vor sich geheimnisvolle Töne entlockt – einem sogenannten Theremin.„Wat is’n dit für‘n Jefiepe?”, blafft sie der Restaurantbesitzer an.
Mit dieser Szene in der ersten Folge von „Babylon Berlin”intoniert der Film ein Grundmotiv: Berlin als Raum für Neues und für die damit verbundenen Dissonanzen. Das gilt seit über 100 Jahren.
Heute ist Berlin eine Start-up-Kapitale, alle 20 Stunden wird hier ein neues Digitalunternehmen gegründet, jubelte die Investitionsbank Berlin vor einem Jahr. Jeder achte neue Arbeitsplatz entsteht in diesem Bereich. Die Stadt steht unter Strom, das hat hier Tradition, auch davon erzählt die Serie.
Nur ein paar Blocks vom Alexanderplatz entfernt liegt ein neues, ein digitales Babel: „Babbel“ heißt eine der erfolgreichsten Sprachlern-Apps, mit über einer Million zahlenden Nutzern.“

„Für uns ist Babylon, Babel oder Babbeln nichts Negatives, im Gegenteil“, sagt Markus Witte, einer der Gründer der Firma Babbel, ein Endvierziger mit rahmenloser Brille und Apple Watch am Handgelenk: „Das Durcheinander beim Turmbau zu Babel ist für uns etwas Positives!“
Rund 600 Mitarbeiter aus 50 Nationen wuseln in dem hellen Altbau durcheinander, teils mit bunten Haaren und oft tätowiert. Die fünf Stockwerke sind nach Kontinenten benannt. Vor wenigen Jahren noch war die Firma halb so groß, mittlerweile hat sie amerikanische Konkurrenten geschluckt und besitzt eine Filiale in New York mit über 30 Mitarbeitern.
Angefangen hat alles in der Musikszene Berlins, die Gründer trafen sich bei Native Instruments, einer erfolgreichen Elektronikschmiede, gegründet vor über 20 Jahren in einer Kreuzberger Wohnung. Die Musik-Software von Native Instruments ist ein digitales Chamäleon, das fast jedes Musikinstrument nachahmen kann – und damit ein entfernter Nachfahre des guten alten Theremins der Goldenen Zwanziger.
Das Leben als Party, Babbel überträgt diesen Ansatz von der Musik in die Welt der Grammatik: nicht diszipliniertes Vokabelbimsen, sondern elektronisch aufgepimptes Losbrabbeln auf Teufel komm raus, frei nach dem Motto „Fake it till you make it!“

„Das „Netflix für Sprachenlernen” setzt dabei auf das Nachplaudern von alltagstauglichem Smalltalk, korrigiert die Aussprache, merkt sich, was man kann und was nicht, legt Sätze, die noch holpern, nach ein paar Tagen erneut vor und auf die Zunge.
Die App setzt dabei vor allem auf Motivation, nicht so sehr auf Präzision; im Gegensatz zu manch anderem System kommt man mit Babbel recht weit, wenn man einfach mutig drauflos nuschelt. Die App ist sozusagen permissiv wie Berlin, sie lässt die Lernenden machen und tritt ihnen selten mit Erinnerungen in den Hintern. Einigen Kunden ist das zu luschig, vor allem in Märkten wie Indien legen viele Menschen Wert auf klare, strenge Ansagen, belohnt mit offiziösen Zertifikaten, mit denen man bei einer Bewerbung angeben kann. Hier könnte Babbel in Zukunft nachbessern, erzählt der Brite Geoff Stead, ein leitender Didaktiker beim Unternehmen: „Berlin ist ziemlich kreativ, aber auch ein bisschen hippiemäßig.” Das meint er positiv.“

„Dabei muss das Permissive nicht indifferent sein, es hat manchmal auch etwas Kämpferisches, erzählt Lars, der vor ein paar Jahren aus einer russischen Kleinstadt herzog, um für Babbel Sprachkurse zu entwickeln. Seinen Nachnamen möchte der athletische Vierzigjährige mit dem Dreitagebart nicht öffentlich lesen, damit seine Familie in der Heimat nicht unter Druck gerät. Denn er ist transgender: „Ich wurde Ende der Siebzigerjahre in der Sowjetunion geboren, aber im Körper einer Frau”, erzählt Lars. Der Großmutter fiel auf, dass das Mädchen die falschen, die männlichen Grammatikformen verwendete, wenn es über sich sprach.
Heute lebt Lars als Mann in Berlin und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber in seinen Babbel-Kursen für Fortgeschrittene erwähnt er die Zumutungen einer Sprache, die ihren Sprechern ein heterosexuelles Denkmuster aufzwingt.
„Ich bin verheiratet”, dieser Satz lautet im Russischen für Männer komplett anders als für Frauen: „Ja schenat”, also sinngemäß „Ich habe eine Frau”. Lars erfand nun eine ganz neue Formulierung, um zu sagen: „Ich habe eine Frau – und bin eine Frau”: „Ja schenata” – also ein männlicher Begriff, aber mit einem „a“ am Ende für die weibliche Form – unerhört!

„In Russland dachten manche Leute, ich hätte einen Grammatikfehler gemacht”, sagt Lars lachend. Bis ihnen dämmerte: Diese Formulierung ist ja hochpolitisch, eine kleine russische Revolution.
Die Babbel-Gründer bekamen einst auch Angebote von Investoren aus dem Silicon Valley – allerdings mit der Auflage, dorthin zu ziehen. Aber das hätte wohl nicht geklappt, denn das Besondere an der Software ist, dass jede Fremdsprache anders unterrichtet wird, je nach der Muttersprache der Lernenden. Es gibt also nicht nur einen einzigen Portugiesischkurs für alle, sondern einen für Russischsprachige und einen anderen für Deutschsprachige und so weiter. Aber dieses babylonische Sprachgewirr findet man eben eher in Berlin als in Palo Alto. Daher entschlossen sie sich, hierzubleiben, in der sogenannten Silicon Allee.“

„Elektropolis” wurde die Stadt genannt, seit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Start-ups wie Siemens & Halske und AEG die Wirtschaft prägten und sogar eigene Stadtviertel für ihre Arbeiter aus dem Boden stampften, mit Namen wie „Siemensstadt”. Schon im Kaiserreich bastelten hier die Brüder Skladanowsky mit die ersten Kinoschnipsel weltweit zusammen. Einer ihrer ältesten Filme, gedreht 1895: ein boxendes Känguru.
Bei der ersten Funkausstellung in Berlin im Jahr 1924 bestaunten 170.000 Besucher ungläubig den letzten Schrei: Röhrenradios! Vier Jahre später fand unterm Funkturm eine der ersten Fernsehübertragungen der Welt statt, grau flimmernde Schatten mit 96 Zeilen Auflösung.

Fiebrige Technikträume folgten. Bertolt Brecht beschrieb den Rundfunk in seiner Radiotheorie als „ungeheures Kanalsystem”, in dem jeder Empfänger auch ein Sender ist, angelegt, um „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.” Für heutige Ohren klingt das verdammt nach Internet unplugged.

„Jeder Empfänger auch ein Sender, jeder Amateur auch ein Gründer? Damals wirkte das nicht nur wie eine Verheißung, sondern auch wie eine Bedrohung und Verrohung. Würde die technische Ermächtigung der Konsumenten nicht zu einer babylonischen Sprachverwirrung führen? Würde dieser Hightech-Turmbau zu Babel aus Telefon, Telegraf und Theremin nicht bald krachend einstürzen? Diese Angstlust griff um sich.
Ein Babylon-Fieber packte die Stadt, spätestens mit dem Bau des Pergamonmuseums in den Zwanzigern, mitsamt seinem Prachtstück: dem Ischtar-Tor aus dem antiken Babylon im Zweistromland. Ein Gassenhauer frotzelte: „Wir ha’m Babel, Bibel, Bebel und die Reichswehr mit’m Säbel.“
Paradoxerweise sahen viele Besucher in den archäologischen Funden aus dem Zweistromland aber nicht eine fremde Vergangenheit, sondern eher ihre eigene Gegenwart. Das Sündenbabel, wie es in der Bibel beschrieben wird, polyglott und multikulturell, das wirkte für viele Beobachter damals wie eine Prophezeiung der wild wuchernden Hauptstadt an der Spree: Das Gestern als Albtraum aus der Zukunft.
Immer wieder wurde dieses Zerrbild vom Euphrat an die Spree übertragen, eine Projektion tief sitzender Ängste der frisch Zugezogenen aus der Provinz gegenüber ihrem neuen Wohnort, die Metropole als monströser Maschinen-Moloch aus einem fremden Übermorgen-Land, traditionslos, herzlos, heimatlos.“

Auch im Science-Fiction-Klassiker „Metropolis” tanzte 1927 ein Cyborg als „Große Hure Babylon” lüstern vor einer frenetischen Masse. Babylon sells: Als zwei Jahre darauf im modernistischen Neubauviertel unweit des Alexanderplatzes ein neues Kino eröffnet wurde, kam nur ein Name infrage: Babylon. Noch heute prangt dieser Name über dem Eingang, und immer noch werden Stummfilme hier mit einer Kinoorgel von 1929 begleitet.
Wer in der Serie „Babylon Berlin” den Elektrosound des Theremin-Synthesizers hört, dem mag es teilweise fast so scheinen, als würde nur ein technologischer Wimpernschlag die Weimarer Hightech-Avantgarde von den fiependen Modems der Achtzigerjahre trennen.“

Die neue Gründerzeit steht auf den Schultern von Künstlern, Hackern und Idealisten. 1981 zum Beispiel wurde der Chaos Computer Club in den Räumen der linken Tageszeitung taz am ehemaligen Checkpoint Charlie gegründet. Die sogenannten Komputerfrieks hatten die Möglichkeiten der Computernetze schon damals erkannt, heute gilt der CCC als die größte organisierte Hackervereinigung Europas. Immer wieder sorgten sie mit künstlerischen Aktionen für Aufsehen, mal verwandelten sie die Fenster eines Hochhauses am Alexanderplatz in ein Computerspiel, das man über eine spezielle Telefonnummer mit dem Handy spielen konnte: „Blinkenlights”. Mal hackten sie einen Wahlautomaten, der angeblich manipulationssicher war, und programmierten die Wahlmaschine um zu einem Schachcomputer.
Ein weiterer Talentpool ist die C-Base, ein Treffpunkt der Hackerszene, gestaltet wie ein schummriges Raumschiff. Nächtelang reden sich hier Aktivisten die Köpfe heiß über Blockchains und Freifunk und Datenschutz, und an der Bar gibt es bisweilen blau gefärbtes Bier. Auch die Gründungsveranstaltung der Piratenpartei fand hier 2006 statt. Ständig mutiert die Szene weiter, 2009 etwa eröffnete das Betahaus als erster großer Coworking-Space mit Büros, Bar und 3-D-Druckern. Und immer noch gilt Kreuzberg als Mekka der Bitcoin-Szene, die schräge Digitalwährung wird in einigen Kneipen und Läden akzeptiert.

Bert Brecht hätte wohl kein Problem gehabt, in den Mailboxen und Blockchaintreffen das von ihm prophezeite „ungeheure Kanalsystem“wiederzukennen, in dem jeder Empfänger auch ein Sender ist.
Die Zukünfte sind in der Stadt sehr ungleich verteilt, aber für jeden ist eine dabei. Wer etwa als Gründer an der Börse Geld scheffeln will, dient sich einer Beteiligungsgesellschaft wie Rocket Internet an, bekannt geworden durch Dienste wie Zalando oder Delivery Hero. Doch derlei Börsengänge sind eher die Ausnahme. Zum Tüfteln und zum lustvollen Scheitern ist die Stadt an der Spree wie gemacht. Für den Start perfekt – aber für den Sprint zum Börsengang oft viel zu gechillt.
Nun, wo alle 20 Stunden ein neues Start-up gegründet wird, reicht dieses Biotop nicht mehr aus, um Tausende von neuen Mitarbeitern auszuspucken. Das Spontihafte wird daher professionalisiert.

(….)

Ein Bällebad von acht Metern Länge, wie für einen gigantischen Kindergeburtstag – na logisch! Das Bällebad musste als Allererstes rein in die neue Factory am Görlitzer Park. Ein türkischer Programmierer lümmelt wie ein Seelöwe zwischen den schwarzen Plastikbällen, man sieht nur sein Notebook, zwei Hände und zwei Augen. Er steuert den Quasselroboter, der am anderen Ende des Raumes wahllos Besucher von der Seite anquatscht. Nebenan spielen zwei Programmierer Pingpong.
Ist dies ein Coworking-Space? Wer Sandrine Perrier ärgern will, muss ihr diese Frage stellen. „Coworking”, pfui, das ist ein böses Schimpfwort für die lebhafte Französin von Mitte Dreißig, die als Chief Marketing Officer für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist: „Beim Coworking arbeiten Fremde nebeneinander her. Bei uns geht es um Austausch.“ Leicht aufgekratzt führt sie durch die Factory, eine Mischung aus Firmengründungslabor, Investorenschaufenster und Jugendfreizeitheim.
„Business Club” nennt sich die Factory offiziell, gegen einen Monatsbeitrag ab 119 Euro können Kleingründer dabei sein. Wer sich bewirbt, sollte gute Gründe mitbringen, ein Drittel der Bewerber muss leider draußen bleiben. Derlei Exklusivität ist relativ neu für Berlin.

Aber der Andrang ist riesig. Angeblich 3000 Mitglieder aus 70 Nationen gehören bereits zur Factory, einer bunten Mischung aus Programmierern und Schülern, Kleinunternehmern und Konzernen, Künstlern und Lebenskünstlern.
Das Durcheinander ist akribisch geplant in diesem umgebauten Industriegebäude zwischen Treptow und Kreuzberg am früheren Todesstreifen, wo einst Stacheldraht und Wachtürme die Stadt durchschnitten. Heute beginnt auf der anderen Seite des Kanals die Partyzone am Görlitzer Park, so wunderbar unübersichtlich, dass selbst am Nachmittag, zwischen Kinderwagen und bolzenden Kids, die Dealer ein schwunghaftes Geschäft treiben.
Die neue Factory ist ein Ableger der ursprünglichen Factory im Stadtteil Mitte, am anderen Ende der Innenstadt, ebenfalls am ehemaligen Todesstreifens gelegen. Sie wurde vor vier Jahren berühmt als die Heimat von Firmen wie Soundcloud. Der Musikdienst wurde jahrelang bejubelt, obwohl er weder Profite noch überhaupt einen stimmigen Geschäftsplan vorweisen konnte. Im Sommer 2017 musste er dann über 170 Mitarbeiter entlassen, inklusive des Mitgründers Alexander Ljung. Aber egal, am nächsten großen Ding wird längst gebastelt.
Und das braucht Platz: 14.000 Quadratmeter bieten die neuen Factory-Räume, mit Schreibtischen und Bibliothek und einem Kino und natürlich dem unausweichlichen Bällebad.“

„Gemeinschaftsküchen laden zum gemeinsamen Kochen ein, selbst die Wasserhähne der Toiletten sind so angelegt, dass sich Männer und Frauen beim Händewaschen begegnen. Wer Ruhe braucht, zieht sich in eine der knallbunten Sitzecken zurück oder in die gediegen eingerichtete Bibliothek.
Weil es in Berlin nicht mehr genügend Programmierer gibt, lernen Studenten an der Code University of Applied Sciences das Zusammenreimen von Algorithmen. Und mittendrin sitzt eine winzige Privatschule namens „New School“, wo die Kids nicht nach strengem Lehrplan arbeiten, sondern ihren eigenen Interessen folgend und projektorientiert.
Das Durchschnittsalter der Factory liegt bei 33 Jahren, der Frauenanteil bei 35 Prozent. All das wäre nichts Besonderes für Berlin. Das Ungewöhnliche ist vielmehr der hohe Anteil von schwer seriösen, professionellen Angestellten, die zwischen den schrägen Vögeln im Bällebad planschen. Rund ein Viertel der Factory-Mitglieder kommt von großen Firmen wie Audi, BASF, Ergo, Deutsche Bank oder Siemens. Diese „Corporates” können hier über jeweils eigene, streng aufgeräumte Büros verfügen, um Aktenkoffer und Schlips wegzuschließen, wenn sie den inneren Geek entdecken wollen.“

(….)

Babylon als Businessmodell: Das Durcheinander wurde hier akribisch geplant, denn es ist das Kernprodukt. War das Industriezeitalter von Standardisierung und Gleichförmigkeit geprägt, herrscht in der Factory Dauerstimulation: Vorträge, Workshops, Yogaseminare, vom „Blockchain Brunch”bis zum „Tech Halloween”, insgesamt über 600 Veranstaltungen pro Jahr. Sogar einen DJ in Residence soll es bald geben.
Die Factory simuliert so die einzigartige Berliner Mischung von einst, mit ihren Hinterhofsystemen, in denen diverse Gewerke auf engstem Raum zusammenarbeiteten. Diese „innere Urbanisierung” ist ein paradoxes Produkt: das Unangepasste als Bonus, das Unfertige als Upgrade. Nicht jeder beherrscht diesen gekonnten virtuosen Dilettantismus. „Das ist in Paris, London oder Singapur oft anders”, sagt Perrier: „Dort wird sehr perfektionistisch, wettbewerbsorientiert und systematisch gearbeitet.”
In den Zwanzigerjahren residierte im roten Klinkerbau eine Fabrik der Firma Agfa, nach dem Krieg verlief direkt davor die Berliner Mauer. Ausgerechnet der frühere Todesstreifen erweist sich heute als vitale Reservefläche in einer Stadt, in der es allerorten eng wird.

Nach der Wende zogen Künstler und Kleinunternehmer in die alten Agfa-Fabrik ein, dann wurden sie von der Factory verdrängt, Brandsätze und Farbbeutel flogen. Ähnlich lief es bei der Gründung des neuen Google-Campus, gut einen Kilometer entfernt, gelegen in einem ehemaligen Umspannwerk am sonnigen Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Gegner sehen darin eine ausbeuterische „Google-Farm zur Gewinnung von Kreuzbergs kreativen Köpfen”, und protestieren: „Fuck off, Google!“

Es ist das brutale Schauspiel von Werden und Vergehen, von Neugründung und Kannibalisierung, von aufgezwungener Bewegung, wo man sich doch zuvor gemütlich in seinem Provisorium eingerichtet hatte. „Schöpferische Zerstörung“nannte das der österreichische Wirtschaftswissenschaftler, Finanzminister und Bonvivant Joseph Schumpeter zwischen den Kriegen: Kapitalismus als Chaos.
Über 150 Innovations-Einheiten gibt es derzeit in Deutschland, sogenannte Digital Innovation Units, rund ein Drittel davon sitzt in Berlin: Ideenfabriken und Spielwiesen von Firmen wie VW und Porsche, Lufthansa und Microsoft. Berlin ist in Zukunftsthemen stark, obwohl es in der Realwirtschaft bei der Wertschöpfung immer noch schwächelt.
Der Ideen-Export läuft. Allerdings nur so lange, bis ein Produkt den Vertrieb erreichen soll. Dann ist die Euphorie oft vorbei. Trotz der vielen Ideenlabore in Berlin gibt es ganz wenige Erfolgsgeschichten zu erzählen, bei denen die Visionen aus dem Bällebad wirklich auf den Markt gekommen sind.
„Bislang können diese Labore betriebswirtschaftlich kaum etwas vorweisen“, sagt Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: „Wie bekomme ich die Idee aus Berlin in die Umsetzung am Firmensitz in Neckarsulm, Herzogenaurach oder Gütersloh?“
Die Übersetzungsarbeit sei extrem schwierig, sagt Kawohl. Eine Zukunftsvision aus Berlin mag für einen konservativen Vertriebler im Rheinland wie Hochstapelei wirken. „Ein typisches Beispiel ist das Innovationslabor der Telekom in Berlin, für die es eine große Herausforderung ist, ihre Berliner Ideen dann am Hauptsitz in Bonn umzusetzen.“

Avantgarde mit Welpenschutz

Viele Konzerne stehen unter Druck, sich dem babylonischen Gewusel auszusetzen. Großstädte sind Magneten für Fremde aus aller Herren Länder, die heute kommen und morgen bleiben, auf diese Formel brachte einst der Soziologe Georg Simmel das Geheimnis der Innovationskraft der Zuzügler.
Die Gleichzeitigkeit von Nähe und Fremdheit bleibt eine Zumutung. Spätestens wenn die wilden Ideen aus dem bunten Bällebad in Berlin auf die konservativen Vertriebsmitarbeiter in der Provinz stoßen, erlischt so mancher Blütentraum.
„Noch stehen viele Ideenlabore unter Welpenschutz“, schreibt Professor Kawohl in einer Studie zum Thema: „Noch ist die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben.“ Doch schnell könne Begeisterung in Enttäuschung umschlagen. Ein bisschen wie in der Fernsehserie angesichts der neuartigen Elektroklänge des Theremins: „Wat is’n dit für’n Jefiepe?“
Der Gründerszene fehlt eine solide industrielle Basis? Macht nüscht. Schon in den Zwanzigern lautete ein Gedicht:

„Wir tanzen
in Fransen
die Welt unserer Väter:
Was dann kommt,
und dran kommt,
das findet sich später!“

(….)

„Wer nach Paris zieht, will Pariser werden. Wer nach München zieht, will Münchner werden. Wer nach Berlin zieht“, sagt „Babylon Berlin“-Regisseur Henk Handloegten, „will sich die Stadt untertan machen.“ Jeder erklärt den öffentlichen Raum zu seinem persönlichen Besitz und gibt allen anderen zu verstehen: Hey, das ist meine Stadt!
Überall pinkeln Männer an Bäume wie Hunde, die ihr Revier markieren. Sprayer und Tagger machen sich über Häuserwände her, Mütter schieben mit ihren Zwillingskinderwagen wie Rollkommandos über die Gehwege: Weg da, hier kommt deine Rente! Kampfradler brettern über die Bürgersteige und wie selbstverständlich bei Rot über die Ampel.
Wie die meisten Menschen in dieser Stadt hegen sie keinen Zweifel, dass sie recht haben, dass sie die Guten sind. Öko-Athleten, die urbane Avantgarde, im Nahkampf mit Fußgängern, die ihnen ständig den Weg blockieren, und mit dem Automob, der sich nur hinters Lenkrad gesetzt hat, um sie über den Haufen zu fahren.“

Der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund beträgt in Neukölln über 40 Prozent, viele stammen aus der Türkei und arabischen Ländern. Es ist der Berliner Bezirk mit dem niedrigsten Bildungsstand, der stärksten Abhängigkeit von Sozialleistungen und der größten Armutsgefährdung. Die Arbeitslosenquote liegt in einigen Kiezen bei 25 Prozent, der Migrantenanteil in manchen Schulen bei rund 90 Prozent.
Neuköllns früherer SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky wurde zum Medienstar, indem er die Verhältnisse in seinem Stadtteil in zahllosen Talkshows laut und drastisch beschrieb. Einige Genossen wollten ihn aus der Partei ausschließen. Er habe sich in der Migrationsdebatte „rechtspopulistisch“ geäußert, so der Vorwurf.“

Vor einigen Wochen wurde im Süden Neuköllns der arabische Intensivstraftäter Nidal R. regelrecht hingerichtet, mit acht Schüssen, auf offener Straße, am helllichten Tag. Zu seiner Beerdigung kamen rund 2000 Trauergäste, überwiegend Muslime, nach Geschlechtern getrennt. Einige sagten in die Mikrofone der Fernsehteams, dass der 36-jährige doch eigentlich ein guter Junge gewesen sei. Nidal R. hatte über 90 Straftaten begangen und 14 Jahre in Haft verbracht.
Guter Junge? Großer Held! Auf eine Betonwand nahe des Tatorts sprühte ein Unbekannter ein heroisches Graffiti des Getöteten. Und wieder einmal stand der Rest Deutschlands staunend vor einer Parallelgesellschaft, die offenbar ganz eigene Vorstellungen von Heldentum und Männlichkeit hat, vielleicht sogar von Recht und Gesetz.
Die Berliner FDP wollte Stellung beziehen und stellte flugs ein Plakat vor die Wand: „Es zählt das Gesetz des Staates, nicht der Straße.“ Das musste mal gesagt werden. Die Stadt Berlin schickte Maler vorbei und ließ das Graffiti unter weißer Farbe verschwinden.“

(….)

Wer Tag für Tag und Nacht für Nacht Drogen an amüsierwütiges Partyvolk oder an hippe Selbstoptimierer verkauft, wer immer wieder auf freien Fuß kommt, entwickelt möglicherweise das Gefühl, in einer ziemlich dekadenten Gesellschaft gelandet zu sein, einem Sündenbabel, einem regellosen Moloch.
Das ist zwar ein Missverständnis, doch ist es weit verbreitet, am rechten Rand des politischen Spektrums ebenso wie bei klammheimlichen Sympathisanten des globalisierten Terrorismus.
Vielleicht ist es aber genau anders herum. Konflikte seien oft kein Zeichen für das Scheitern einer babylonischen Gesellschaft, sondern für ihr Gelingen, glaubt der Soziologe Aladin El-Mafaalani: „Gelungene Integration steigert das Konfliktpotenzial“, schreibt er in seinem Buch „Das Integrationsparadox“. Und fragt: „Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es ausgerechnet jetzt harmonisch werden soll?“
El-Mafaalani, der im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration arbeitet, fordert, den Dauerzoff als Basis für ein „Neues Wir“ zu begreifen. Doch was soll man tun, wenn die Werte und Moralvorstellungen mit großer Wucht, mit Sprachlosigkeit, mit zerstörerischer Gewalt aufeinander prallen?“

„Die beste Leitkultur ist dabei eine Streitkultur“, so sein Fazit. Es gehe nicht darum, permissiv alles zuzulassen: „Wenn alles gleich gültig ist, dann ist es gleichgültig.“ Doch jahrzehntelang habe sich die Gesellschaft um eine ernsthafte Diskussion gedrückt, die deutsche Migrationsgeschichte zu verarbeiten.
„Keine Sprachkurse, keine Arbeitsgenehmigungen, alle sechs Monate drohte die Abschiebung, keine überwachte Schulpflicht für die Kinder, katastrophale Wohnverhältnisse – all das beschreibt nicht den Zeitraum von fünf oder zehn Jahren, sondern gilt für viele Libanesen, die in den Achtzigerjahren gekommen sind, auch heute noch“, so El-Mafaalani: „Dass wir heute ein Problem mit organisierter Kriminalität haben, kommt nicht aus dem Nichts. Es sind die Schatten der vergangenen Fehler.“
Doch wie könnte die von El-Mafaalani geforderte Streitkultur entstehen? Die Vorstellung, dass all die verschiedenen Zuwanderer in Berlin zusammenkommen und ganz von alleine in eine Art interkulturellen Dialog treten, ist eine schöne Illusion. Man redet oft übereinander und selten miteinander. Weltfremde Vorstellungen von Multikulti treffen oft auf eine ebenso weltfremde Monokulti-Nostalgie.

Die deutsche Fernsehserie „4 Blocks“, deren zweite Staffel gerade auf dem Sender TNT läuft, beschreibt amüsant den Culture Clash zwischen alteingesessenen Mitgliedern arabischer Clans und den neuen Bewohnern – Studenten und Hipstern. Viele Araber in Neukölln fühlen sich inzwischen wie Ur-Berliner.
Tatsächlich führt Vielfalt auch zu Abgrenzung. Wer beispielsweise mit muslimischen Mädchen spricht, stellt nicht selten fest, dass sie ihr Viertel nur ungern verlassen. Viele von ihnen sind in Kreuzberg oder Neukölln verwurzelt. Im vornehmen Zehlendorf im Südwesten der Stadt fühlen sich manche von ihnen unwohl. Da werde man ja als „Schleiereule“ beschimpft, wenn man ein Kopftuch trage. Da fühle man sich gar nicht mehr wie in Deutschland. Warum nicht? „Weil da ja nur Deutsche leben.“
In dieser skurril wirkenden Äußerung steckt ein Fünkchen Wahrheit: Begriffe wie „Migrationshintergrund“ suggerieren oft eine Einheit, die es gar nicht gibt. Die Einwohner Neuköllns etwa stammen aus über 160 Nationen und teilen oft weder Sprache noch Religion noch sonst sehr viel – außer eben den Wohnort, unterfinanzierte Schulen und schlechte Berufsperspektiven.

(….)

Der Druck auf den Immobilienmarkt führt dazu, dass jeder, der vor Jahren einen günstigen Mietvertrag abgeschlossen hat, in seiner Wohnung bleibt. Da lebt ein 60-jähriges Paar, dessen Kinder schon lange aus dem Haus sind, auf 150 Quadratmetern. Würden sie in eine halb so große Wohnung umziehen, müssten sie unter Umständen das Doppelte bezahlen.
Auf diese Weise erzeugt die Dynamik Berlins auch Statik, führt die Veränderung auch zur Verharrung. Droht die Stadt also in ihre Kieze zu zerfallen, zurück in die sieben Städte, 59 Landgemeinden und 72 Gutsbezirke, aus denen sie vor fast 100 Jahren hervorgegangen ist?
Um der wild wuchernden Stadt Herr zu werden, plant der Senat derzeit eine Strategie namens „Berlin 2030“. Im Jahr 2020 soll sie verabschiedet werden. Die wachsende Stadt, so das interne Strategiepapier, werde „von großen Teilen der Bevölkerung nicht als Vorteil, sondern zunehmend als Bedrohung wahrgenommen (…) – vor allem durch die Mietenentwicklung und damit einhergehende Gentrifizierung“.
Der Plan: „Die Gesellschaft möglichst repräsentativ mit einzubinden“ durch Workshops mit „100 Stakeholdern“, „20 Vertretern der organisierten Gesellschaft“ und „30 zufällig ausgewählten, repräsentativ zusammengesetzten Bürgerinnen und Bürgern.“ Klingt erst einmal ganz nett. Ist aber kaum mehr als Wortgeklingel für die Kritiker. Der Plan sei viel zu engstirnig nur auf das Thema Wohnungsbau fokussiert, protestierten sie.
„Die Berlin-Strategie 2030 in der derzeitigen Form taugt nicht“, sagt der Stadtforscher Klaus Brake. Das Papier mache die Verwaltung zum Spielführer und den zweiten Schritt vor dem ersten. Sie beiße sich sofort an einer städtebaulichen Agenda fest, noch bevor die eigentliche Grundfrage geklärt sei: Wie wollen wir zusammenleben in Berlin, was sollen die neuen und angestammten Großstädter arbeiten?
In einem offenen Brief fordern Kritiker eine „Mobilisierung der Stadtgesellschaft“, um sie „nicht als zerstrittene und egoistische Lobbyistengruppen auftreten zu lassen“. Das klingt erst einmal nach mäkeligen Sonntagsreden und weltfremdem Idealismus. Denn wie bitte soll sich ein Moloch mit über drei Millionen Einzelgängern untereinander verständigen?“

Wer dieser Frage nachgeht, stolpert leicht in ein Tohuwabohu aus Hunderten von Einzelinitiativen hinein. Da wäre zum Beispiel die „Lause“, ein alternatives Hausprojekt in der Lausitzer Straße, mit Ateliers und Handwerksbetrieben, das zum Spekulationsobjekt auf dem Immobilienmarkt zu werden droht. Bei einer Demonstration gegen den Besitzer, einen dänischen Immobilienmogul, war auch der „Eismann der Herzen“ mit dabei, Mauro Luongo, der bislang in der Lause sein Eis lagert und bei der Demo kostenlos Gelato verteilte. Und zwar aus demselben Eiswagen, der bei der Hinrichtung des Clanmitglieds Nidal R. von fünf Kugeln getroffen worden war, während vor dem Fahrzeug Kinder in einer Schlange auf ihr Eis warteten.
Direkt in der Nachbarstraße sollte eigentlich ein neuer Google-Campus entstehen, regelmäßig wurde dort bis spät in die Nacht demonstriert. „Google ist kein guter Nachbar“, stand auf Plakaten und: „Google ab nach Adlershof“. Diese räumliche Trennung von Wohnen und Jobs wäre allerdings das Gegenteil der legendären Berliner Mischung. Ende Oktober schließlich gab der Suchmaschinenkonzern auf und kündigte an, das Gebäude gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung zu stellen.

(….)
Auch der Holzmarkt hat eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Wer vom Alex her, wo sich in den Zwanzigern das riesige Polizeipräsidium befand, zur Spree flaniert, landet am Holzmarkt. Hier, wo einst der Todesstreifen die Stadt durchtrennte, wuchert heute ein zusammengewürfeltes Holzhüttendorf mit Restaurant, Friseur, Kita, Lagerfeuer, Club, Theater und einem Bäcker namens „Backpfeife“. Delegationen aus Tel Aviv oder New York kommen her, um das Modellprojekt zu bestaunen.
Einst betrieben die Macher hier die legendäre Bar 25, bis sie vertrieben wurden, dann nutzten sie am anderen Ufer eine Ruine, nun haben sie wieder die Flussseite gewechselt. Ständig umtänzeln sie die Trägheit und Ignoranz diverser Ämter und Instanzen, denen die urbanen Aktivisten nicht so recht in die Excel-Tabellen passen und die das Gelände lieber nach Schema F einem klassischen Investor überlassen würden.

Die Hilflosigkeit der Verwaltung ermöglicht in Berlin viele Freiräume, die aber ebenso beliebig wieder zunichte gemacht werden. Egal, die Holzmarkt-Leute feiern so lange es geht in ihrem Klub, die ganze lange Nacht von Freitag auf Montag. Gerne auch in Form eines Kostümballs „im güldenen Gangstertum der Zwanziger: düster, glamourös, prohibitionös“. Ihr Logo illustriert den Habitus der feierwütigen Metropole: ein Kater mit einem blauen Auge – und einem breiten Grinsen.
Das hat Tradition. Wenn die Serie „Babylon Berlin“ über ein Kraftzentrum verfügt, dann ist es der verruchte Klub Moka Efti, wo Sprachen und Schichten durcheinanderwuseln, russische Revolutionäre und deutsche Adlige, Gauner, Polizisten und Nachtschwärmer.“

(….)

Doch all das sind Einzelprojekte, die allenfalls ein paar Tausend Anwohner betreffen. Wer nach der großen Berliner Strategiediskussion sucht, der landet früher oder später bei einem katholischen Priester.
Wie bitte?
Leo Penta gründete 2006 das Deutsche Institut für Community Organizing in der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Sonntags zelebriert der vollbärtige Charismatiker die Heilige Messe, und zwar auf Englisch. Geboren wurde er 1952 in New York, mit 27 Jahren war er Priester. Er half dabei, das Elend in den Slums zu bekämpfen, ganz im Sinne der katholischen Soziallehre.
„Als ich in den Siebzigerjahren Jahren in Brooklyn als Community Organizer angefangen habe, sah es dort teils viel schlimmer aus als alles, was man sich hier in Berlin auch nur vorstellen kann“, erzählt Penta: „Die Gegend namens Brownsville und East New York waren völlig zerrüttet und verwüstet, fast wie Dresden nach dem Krieg.“
Seit 22 Jahren lebt Penta in Berlin und arbeitet daran, die Methoden des Community Organizing auch hier zu vergraswurzeln.“

Was hält er von der Einbindung der „Stakeholder“ bei Projekten wie der „ Strategie 2030“? Nicht viel: „ Staatliche angeregte Bürgerbeteiligung ist in der Regel entweder Bürgerbeteiligung light oder eine Elitenveranstaltung“.
Sein Deutsch ist druckreif und fast akzentfrei, er ist ein Beispiel für das Integrationsparadox. Penta ist völlig in Berlin angekommen – und brennt dafür, die Verhältnisse in seiner neuen Heimat zum Tanzen zu bringen. Er ist der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt. Und der übermorgen eine neue Lokaltradition etabliert hat.
Pentas Gottesdienste sind eigenwillig. Ein Messdiener assistiert ihm in Sneakers, T-Shirt und mit Pferdeschwanz. Wer eine halbe Stunde zu spät kommt, ist trotzdem willkommen, denn der Graswurzel-Pfarrer weiß, halb elf Uhr morgens gilt in Berlin am Wochenende als fast unchristlich früh. Erst gegen elf füllt sich seine Kapelle, freundlich weist er den Zuspätkommern Sitzplätze zu. Nach der Kommunion kommt der Höhepunkt des Gottesdienstes, wenn statt einer Predigt alle gemeinsam mit slawischen, deutschen oder italienischem Akzenten über die Bibel babbeln – oder einfach über persönliche Erlebnisse.

Penta hört zu, redet, bohrt nach, er findet, es gehe in den Evangelien auch um eine Art „Counter Culture“. Seine Bibelauslegung dreht sich weniger um die Reine Lehre als um Missverständnisse und Knatsch zwischen Jesus und seinen Jüngern. Immer wieder fragt Penta seine Gemeinde: Oder was meint ihr? Ja und Amen ist sein Ding nicht. Ist das noch römisch-katholisch? Oder doch schon eher berlinerisch-katholisch?
Auch in seinem zweiten Job als Community Organizer geht Penta unorthodox vor, ganz anders, als die Senatspläne das vorsehen: nicht Bürgerbeteiligung von oben und von außen verordnet, sondern wild wuchernd „ von unten und von innen“. Als im Stadtteil Schöneweide die Industrie abgewickelt wurde auf dem ehemaligen AEG-Gelände des Kabelwerks Oberspree, drohten Niedergang und Arbeitslosigkeit. Schöneweide war bei hochnäsigen Innenstädtern als „Schweineöde“ verschrien, ein vermeintlich hoffnungsloser Fall. Pastor Penta kamen die Krisensymptome bekannt vor aus Brooklyn. So machte er sich daran, im Jahr 2000 die erste Bürgerplattform Deutschlands zu koordinieren: einen Zusammenschluss von 23 zivilgesellschaftlichen Gruppen, Vereinen, Kirchengemeinden.“

Pentas Plattform hat die ehemalige Industriebrache geprägt, indem sie zum Beispiel erfolgreich für die Ansiedlung eines Teils der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) kämpfte. Heute tummeln sich hier Tausende von Studenten. Der Bürgerverein kann natürlich auch kleiner, er hat zum Beispiel den Weiterbetrieb der F11 erstritten, der ältesten Fährverbindung Berlins. Während das Silicon Valley auf Plattform-Kapitalismus macht, setzt Penta auf Plattform-Kommunitarismus.
Vier Bürger-Allianzen hat er bereits angeregt in der Stadt, in Schöneweide, Neukölln, Wedding-Moabit und Spandau, insgesamt sind darin etwa 80 Gruppen zusammengeschlossen, die laut eigenen Angaben 100.000 Bürger vertreten. Sie sehen sich dabei nicht als harmlose Quasselveranstaltung, sondern wollen mit Bezirksverordneten und Stadtverwaltung auf Augenhöhe verhandeln.
Kann ausgerechnet das kopflose, chaotische, babylonische Berlin ein Labor neuer Bürgertugenden werden? Und dann auch noch koordiniert von einem katholischen Priester in der Diaspora, in einer gottlosen Stadt, in der heute rund 60 Prozent der Bürger konfessionslos sind?
Auch das gehört vielleicht zum Laissez-faire dieser Stadt, dass neben all den anderen schrägen Vögeln sogar ein katholischer Priester sein Ding machen darf, wenn sich die tief ungläubige Berliner Zivilgesellschaft neu erfindet.“

(….)

Pentas Skepsis gegenüber den von oben verordneten Großvisionen scheint einen mehrheitsfähigen Nerv zu treffen. Das lässt sich am Tempelhofer Feld beobachten, einer riesigen Brachfläche im Herzen der Stadt. Nach der Schließung 2008 schlug der Senat vor, hier eine neue Siedlung hinzusetzen. Was aber wollten die Bürger? Das lässt sich nicht klar benennen, es lässt sich bestenfalls erahnen, erlaufen, erleben durch einen Ortsbesuch.“

Früher war hier ein Flughafen, bis vor zehn Jahren konnte man von Tempelhof nach Wien oder Brüssel fliegen. Heute ist hier: nichts. Die reine Leere. Eine Fläche, so groß, dass der New Yorker Central Park locker hineinpassen würde. In einer Stadt, in der Wohnraum immer knapper wird, ein gigantischer Luxus.
Doch das Volk hat 2014 abgestimmt und sich für das Nichts entschieden. Nichts sollte hier verändert werden. Keine Wohnungen am Rand, keine Internationale Gartenschau in der Mitte, kein See, kein Berg, kein Fels. Nicht mal Klohäuschen und Parkbänke dürfe man hier nunmehr aufstellen, spotteten die Kritiker.
Es war ein großes, trotziges Aufbegehren gegen den Turbokapitalismus, der die Stadt und ihre Freiräume aufzufressen droht und den Berliner Immobilienmarkt in ein Eldorado für Spekulanten verwandelt hat. Es war ein großes, lautes Nein gegen die Veränderung der Stadt.
Und es war der Traum, eine riesige Wohlfühloase zu schaffen, die vielleicht größte, die es auf der Welt im Zentrum einer Metropole gibt, einen Ort, an dem alle zusammenkommen können, um gemeinsam zu entspannen, die alteingesessenen Berliner und die Zugewanderten, in der jeder tun und lassen kann, was er will.
Nur die Start- und Landebahnen von einst, ein paar Bäume, die verträumt in der[…]“

Nur die Start- und Landebahnen von einst, ein paar Bäume, die verträumt in der Gegend herumstehen, eine sechs Kilometer lange Asphaltstrecke, die das Areal umrundet und auf der rote Punkte die Idealstrecke für die das Nichts umrundenden Sportler markieren.
Es war und ist der utopische Ort all der überforderten, gestressten, panischen Großstadtmenschen, die sich nach draußen sehnen, in die Ruhe, die Weite, den Blick aufs Meer statt immer nur ins Grau und in die Gesichter all der gehetzten Menschen, in denen sie auf Schritt und Tritt an sich selbst erinnert werden.
Es sollte der freie, der regellose, der ungeplante, anarchische Möglichkeitsort der stetig wachsenden deutschen Hauptstadt werden. Dort, wo Adolf Hitler am 1. Mai 1933 eine große Machtdemonstration abgehalten hatte. Wo unterirdisch Kriegsflugzeuge montiert wurden. Wo die alliierten Rosinenbomber landeten, als die Sowjets den Westteil der Stadt aushungern wollten.

„Das ist das Faszinierende an Berlin“, sagt die britische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Helen Mirren, während sie über das Feld blickt. „Diese Stadt definiert historische Orte immer wieder um.“ Mirren hat für den Episodenfilm „Berlin, I Love You“, der im kommenden Jahr ins Kino kommt, eine Episode über Flüchtlinge gedreht, die auf dem Flughafen untergebracht sind. „Es ist einfach großartig, eine solche Fläche zu haben, auf der jeder sich selbst verwirklichen kann. In London wäre das undenkbar.“
Doch tatsächlich ist auf dem Feld eine Art Mikro-Deutschland entstanden. Es scheint kompartimentiert wie das ganze Land, Volksabstimmung hin oder her. Scheinbar jede Bevölkerungsgruppe hat sich ein Abteil abgezweigt, lebt, schwebt, fährt, läuft dort nach seinen eigenen Regeln, getrennt vom Rest der Welt.
Hier die Hundezäune. Auslaufgebiete heißen diese Abteile und sind eher große Zwinger, in denen Männer Bälle werfen, rauchend am Rand stehen und ihren tobenden Hunden zusehen. Dann Kleinstgartenparzellen der Stadtgärtner, so winzig, dass es einem die Tränen des Mitleids in die Augen treibt im Vergleich zu den alten, von Neuberlinern natürlich als superspießig abgelehnten Schrebergärten.“

Im Südwesten des Feldes hat ein Segway-Verleiher ein eigenes Kompartment abgetrennt. Er braucht es, um taumelnden Touristen das Fahren beizubringen. Nebenan der Kettkar-Verleih. Der Mini-Elektroautoverleih. Jede Freizeitgerätesammlung hinter einem eigenen Zaun.
Die Sonderlinge mit ihren winzigen Hubschraubern und ferngesteuerten Jeeps haben sich ein Stück Asphalt gesichert. Schilder erklären, wo die Bereiche für Windsportler beginnen und wo sie enden. Aber Achtung! Da gibt es einen Bereich auf „ unbefestigtem Untergrund“ und einen anderen auf „ befestigtem Untergrund inkl. 15m-Wiesenrandstreifen“.
Etwas weiter weg ist eine der Grillwiesen, die keinen Zaun brauchen, weil der Rauch all der Feuer, des verbrannten Fleischs, der Lämmer am Spieß im Sommer einen natürlichen Luftzaun bildet.
Einen guten Teil des Jahres wird die Mitte des Feldes weiträumig von Freunden der Feldlerche abgesperrt. Nur hier könne sie noch brüten, steht auf roten Schildern. Deshalb: Durchgang verboten.

Im Herbst zog ein Schäfer mit seiner Herde eine Woche lang über das Feld, das vom trockenen Sommer ausgedörrt und braun ist. Zwei Hütehunde hielten die Tiere zusammen. Es gab keine Zäune zu überwinden. Dafür die ehemalige Landebahn. Doch bevor er dies riskierte, machte sich der Schäfer über einen kurzen Anruf noch mal schlau, ob das auch okay sei.
In einem Miniwäldchen hat sich eine Cross-Strecke für Mountainbikes gebildet. Es wird sehr ungern gesehen, wenn sich Liebespärchen hierhin zurückziehen, an den einzigen sichtgeschützten Ort des Feldes. Hier ist halt Cross und nicht Küssen.
Ein Kifferkompartment gibt’s auch. Immerhin nicht hinter Zaun, aber abends sind die Cannabisschwaden manchmal fast so dicht wie in der Grillabteilung.

Auf einer Anhöhe hat man wie nirgendwo sonst in der Stadt einen postkartenhaft-idyllischen Blick auf den Sonnenuntergang. Abends liegen sie alle im Gras und sehen den scharf hervortretenden Konturen des aufgeteilten Feldes beim Verschwinden zu.
In weiter Ferne, auf der anderen Seite des Feldes, weiße Container. Ein kleines Dorf für die Flüchtlinge. Auch hinter einem Zaun. Doch damit die Bewohner nicht durch ein Gitter schauen müssen, hat man auf der Innenseite einen etwa einen Meter hohen Laufsteg gebaut, der um das Dorf geht und einen Blick über den Zaun ermöglicht.
Tempelhofer Freiheit. Berlins Utopie. Berlins leere Mitte. Alle zusammen, jeder für sich.

 

Auszug aus: SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. „SPIEGEL E-Books 1/2019.“ iBooks.

Autoren: Lars-Olav Beier, Markus Deggerich, Georg Diez, Paula Grabosch, Tobias Rapp, Hilmar Schmundt, Dajana Suljkanovic, Xaver von Cranach, Peter Wensierski, Volker Weidermann

Auszug aus: SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. „SPIEGEL E-Books 1/2019.“ iBooks.

Gestaltung: Jens Kuppi
Koordination: Ulrike Preuß
Produktion: Heike Schaarschmidt

 

‚That’s It, We’re Dead‘

Ten alpinists, including a guide with years of experience, set off to cross one of the Alps‘ most majestic mountaineering routes, the Haute Route. By the fourth day, a heavy snowstorm was brewing — but the group kept going, with deadly consequences.

 

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Notice:

Nous sommes toujours à la recherche des quatre survivants de France. Si vous connaissez quelqu’un qui pourrait vous aider à me contacter, veuillez transmettre cet article et mes coordonnées. Les sauveteurs de montagne d’Air Glaciers à la base de Sion et l’alpiniste Thomas Pfluegl du Club Alpin d’Autriche à Freistadt aiment aussi apprendre de cette tragédie. Les impressions et les expériences des survivants français pourraient être utiles pour obtenir de nouvelles idées pour améliorer la sécurité alpine. Bien entendu, chaque échange est traité de manière confidentielle. J’attends vos commentaires avec impatience sur www.schmundt.de ou www.spiegel.de ou via Twitter @hilmarschmundt

Note: We are still trying to contact the four French survivors of the tragedy. The alpine rescuers from Air Glaciers in Sion and the Alpine Club guide and organizer Thomas Pflügl from Freistadt, who was one of the first responders in the morning at Cabane des Vignettes, would also be interested in learning more details about what happened that night and how to improve your chances of survival. Maybe we all can glean some new insights from this terrible incident that could be helpful to improve safety in the mountains. So please pass on this article or contact me directly via www.schmundt.de, www.spiegel.de or Twitter: @hilmarschmundt

 

‚That’s It, We’re Dead‘

Ten alpinists, including a guide with years of experience, set off to cross one of the Alps‘ most majestic mountaineering routes, the Haute Route. By the fourth day, a heavy snowstorm was brewing — but the group kept going, with deadly consequences.

By Samiha Shafy and Hilmar Schmundt, Der Spiegel

At 5 a.m. on April 29, 2018, Lisa Hagen awakes in a mountain lodge 2,928 meters (9,606 feet) above sea level. She slept poorly and can’t stop thinking about the weather.

She creeps out of the bedroom, which she shared with the three other women and four men from her group, and walks to the lodge’s common area, where an iPad is kept. She looks out the window and sees the valley below still blanketed in darkness, though the first rays of light have begun to cast a milky glow on a nearby summit. To the south, dark, slender clouds brush across a nearby ridge. Lisa checks the weather report on the iPad. A cold front from the Atlantic has moved in and pushed out the warm Mediterranean air. Snow and storm gusts of over 100 kilometers per hour (62 miles per hour) are forecast. The zero-degree line has sunk from 3,000 meters — only slightly higher than where Lisa sits checking the weather — to below 2,000 meters.

Gradually, the rest of Lisa’s group begins to stir and enter the common room. They want to get an early start. It’s Day Four of their trek, and although they don’t realize it at the time, the worst is yet to come. The group’s guide and his wife were the first to wake up and both immediately checked the weather report. The guide stands there, contemplating and doesn’t say much. It’s his decision whether the group can keep going or not. Let’s have breakfast first and then decide, he says. There’s bread, butter, jam, tea and coffee on the table. He eats and has another look at the iPad. Let’s wait and see what the weather does, he says.

Lisa Hagen is 47, blonde, midheight and athletic. She was born in Munich, where the mountains are never more than a short drive away. Her parents were skiers, and her grandparents lived in a Bavarian ski resort town. Even as a small child, Lisa knew her way around a ski slope.

When Lisa was in her mid-30s, she met a man whose passion for the mountains rivaled her own. The two went ski touring together, climbing higher every time. They found a mountain guide they trusted, but then her partner died in a car accident. After that, Lisa explored the mountains on her own.

A Week on Skis and Crampons

Over the past few months, Lisa had intensified her training regimen. She wanted to fulfill her dream of traversing the Haute Route, or High Route, from Chamonix in France to Zermatt in Switzerland. A week on skis and crampons.

The first recorded summer traverse of the Haute Route was by a group of Britons around 150 years ago. The first winter crossing was in 1911. The route begins in Chamonix in the west, in the shadow of Mont Blanc, the Alps‘ highest peak, and ends in Zermatt in the east, where the Matterhorn reigns supreme. Four of the seven alpinists to first attempt an ascent of this towering, nearly symmetric Swiss peak in 1865 did not survive.

What Lisa Hagen and her group experienced in the days between April 25 and April 30 has been reconstructed through interviews with her and two others, as well as eyewitness reports and the results of investigations by the authorities. Lisa Hagen is not her real name. For a long time, she debated whether to come forward with her story. Once she did, a condition was that her identity be protected.

Lisa was nervous when she pulled into a parking lot outside Milan on April 25. She didn’t know any of the seven people with whom she would be tackling the Haute Route. One man and three women had arrived before her. Lisa’s eyes lingered on one of the women: She wore glitzy jewels on her fingers and thick makeup. She introduced herself: Francesca, from Parma, Italy, a 42-year-old homemaker and mother of three.

The others were from Bolzano in South Tyrol. Among them was a married couple, Gabriella and Marcello, 52 and 53 years old, and their friend Betti, 44. Marcello was a tax adviser, Gabriella worked in human resources and Betti was a school teacher. Betti had been so excited about the upcoming trek that she had baked a cake — which she carried with her in a cardboard box, along with her skis and backpack.

Then a man named Luciano joined the group. He was Swiss and, despite his 72 years, in excellent physical shape. He had many skiing and climbing expeditions on various continents under his belt. There was also Andrea, a 45-year-old male nurse from Como, Italy, who explained that he was taking the place of another Italian who had to cancel at the last minute.

(…) Then Lisa saw a face she recognized: the guide, Mario Castiglioni, 58, an Italian with deep lines in his face. It was the same guide who Lisa and her now deceased partner had for years trusted to navigate them safely through the mountains. Lisa also knew Mario’s wife, who stood next to him. Her name was Kalina Damyanova, 52, from Bulgaria. She often tagged along when her husband guided. She, too, was an experienced mountaineer.

Mario Castiglioni was an internationally certified mountain guide. His wife was not. He was a man of few words. She spoke five languages. Together, they ran the company MLG Mountain Guide in Chiasso, Switzerland. Their shop window contained photos of alpine tours, a Tibetan prayer flag and a mountain bike.

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The group piled into a small bus and a car and headed to Chamonix. They reached their hotel around 5 p.m. and gathered in an inner courtyard, where their guide went over the equipment they would need to cross the Haute Route: skis, poles, climbing skins, helmet, goggles, headlamp with extra batteries, gloves, thermos, travel-sized first-aid kit and sleeping bag. There were also beacons, shovels and probes in case anybody got caught in an avalanche. Not to mention climbing belts, ropes, crampons and ice picks for when things got steep. If anyone had forgotten something, the guide said, now would be the time to say so.

For Lisa, it was clear that Mario expected everything to go smoothly. For instance, he declined to go over certain items during his briefing, such as a balaclava to prevent a person’s head from cooling, a synthetic bivouac sack for sleeping outside on a frigid night or a small beacon that could send an emergency signal with GPS coordinates via satellite. Such items could prove useful if things went awry, but they also added extra weight and tended to be expensive.

Ten people is a lot for an ambitious trek. Such a large group is invariably slow, which is why Mario Castiglioni opted to travel light. In case of emergency, he always had his satellite phone.

Much like Lisa Hagen, Tommaso Piccioli, the heavyset Italian, had also spent years dreaming about the Haute Route. He grew up in Rimini, a coastal city in northern Italy, though the beaches never captured his passion as much as the Dolomites, a mountain range where his parents had a vacation home. He used to work at an architectural firm in Hamburg, Germany, and organized his life in such a way as to maximize his time in the mountains. With his wife, an Australian, he divided his time between Sydney, Milan and the family’s vacation home in South Tyrol. There, in the Italian Alpine Club, he became friends with Betti and the two of them decided to traverse the Haute Route together. He knew not to underestimate the route. It would be his first time with a guide.

Tommaso found it strange that the guide hadn’t mentioned GPS beacons during his briefing. But he didn’t dwell on the thought — after all, he had his own GPS device with which he could orient himself if need be.

A Storm Is Brewing

The first days were just like the catalogue had promised: Blue sky, white snow, descents into valleys and ascents to peaks as high as 2,459 meters. On Friday, Day Two, Tommaso read the weather report: The warm, dry wind that had afforded them clear and sunny skies so far would disappear by Sunday afternoon. The temperature would plummet, and a storm would settle in. But Sunday was a long way off.

On Saturday, Day Three, their journey took them 17 kilometers over a steep landscape to the next lodge. At one point, Tommaso lost his balance and fell nearly 5 meters until the rope caught him. He wasn’t injured.

For dinner they ate vegetable soup and noodles with ground beef. Tommaso ate a large bowl of soup and three helpings of noodles. He didn’t know it then, but his gorging would significantly increase his chances of surviving the next 36 hours. He went to bed around 9 p.m. and couldn’t sleep. He eventually took a sleeping pill.

As the group waited for their guide’s decision the next morning at breakfast, the lodge’s common area was steadily filling up. Most of the other 60 people in staying there would opt to wait out the storm. Tommaso Piccioli talked to a Frenchman who assured him the weather would quickly become perilous.

Mario Castiglioni thought otherwise. He convened his group and informed them they would be summiting the highest peak of the trip, the 3,790-meter Pigne d’Arolla. Once there, they would decide how to proceed.

According to their itinerary, the next lodge, the Cabane des Vignettes, is only six hours away. But something had gone wrong with their reservation and the lodge is fully booked. No problem, the guide says, if the weather takes a turn for the worst, they can always ski down into the valley from Pigne d’Arolla or try their luck at Cabane des Vignettes. In the worst case, they’ll have to sleep on the floor.

Simply because other guests preferred to err on the side of caution does not necessarily mean the guide’s decision to keep going was wrong. Alpinism knows few rigid rules. This ambiguity is what makes the sport so exhilarating — or terrifying, depending on the situation. Mountaineers must work with flexible risk analyses rather than certitudes.

That said, the group could have mitigated its risk fairly easily by using a GPS device to track its progress after leaving the lodge. That way, even if they could no longer see in front of them, they could trace their digital tracks back to safety. But they failed to do this. Instead, they followed their guide.

At 6:30 a.m., the group climbed a gradual, wide snowfield toward the summit.

A half-hour later, Pascal Gaspoz made himself an espresso in the valley below. Gaspoz is in his late 40s and a professional mountain rescuer. He works at the helicopter company Air-Glaciers. He checks his weather apps and prepares for the likelihood that he’ll soon have work to do.

The ascent to Pigne d’Arolla is less challenging than it is long. After 20 minutes, Lisa Hagen turns around and looks back at the lodge. It was the right decision to keep going, she thinks. The clouds are dispersing, and the sun is beginning to shine through. She takes a photo and climbs on.

The group makes its ascent without much conversation. Everyone is trying to conserve energy. They have no idea how long they’ll be climbing. Lisa isn’t exactly sure what Mario Castiglioni has planned as he leads them up the mountain. She could ask him directly, but it would require catching up to him. She stays in line. After all the times they’ve been in the mountains together, she trusts him.

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Tommaso Piccioli is ahead of Lisa. He’s glad he was able to sleep. He had a hearty breakfast and is feeling strong. He’s counting on the group skiing down to the valley or turning around to the lodge before the weather turns. The sky is already overcast again.

They’ve been climbing for three hours when the storm hits. It happens sooner and it’s more aggressive than expected. Snow swirls around them and everything they could see only moments ago — the lodge, the tracks they left behind, the mountains, the valley — is suddenly gone. It’s too late to descend on skis, the view is too poor. They pack away their skis and walk up to the guide. No one speaks. Mario Castiglioni casts a long, colorful rope through the snow behind him so that the others can follow his tracks. His wife takes up the rear, helping those with the least amount of energy. Gabriella is one of them. She lost a crampon somewhere along the way.

Around 10 a.m., the group runs into four other people. They are French alpinists, two women and two men, who have gotten lost. Lisa Hagen notices that one of the men has a compass and a map. How old-fashioned, she thinks — and useless in a storm like this. The Frenchman tries to communicate with their guide, screaming against the wind. She can’t hear what he says, but it appears as if the two of them are disagreeing. The guide then marches on and the French fall in line behind him.

Keep Calm, Don’t Panic

Lisa Hagen still isn’t sure where Mario is leading them. At some point, she sees Kalina, Mario’s wife, through the fog. She calls to her: Why didn’t we ski down to the valley sooner? Not now, Kalina answers, we can discuss everything tonight. Lisa thinks about sitting inside a warm lodge later that evening with a beer in hand. Mario knows what he’s doing, she thinks. He’s never let her down before.

After a while, she realizes the group is ascending the same area they descended earlier. I must keep calm, she tells herself. Don’t panic. She puts one foot in front of the other, jamming her poles into the snow with every step. She can no longer see the guide. Tommaso Piccioli, who has a GPS device with him, catches up to the guide and asks him: Where are you going? It’s OK, Mario calls back to him. They continue for a bit and then Tommaso shows the guide his GPS. At the corner of the display is the beginning of a trail.

They change direction and head to where they think the trail is. A lodge suddenly appears on Tommaso’s screen. „Guys, we’re going the right way!“ Tommaso tells the group. They keep going until they reach the edge of a cliff. They turn around and look for another way down to the lodge. Except there is no way down.

At some point the fog clears and Luciano, the 72-year-old man from Switzerland, sees a black rubber hose hanging over a ledge. Luciano knows that in the summertime, this hose carries water from a spring directly to the Cabane des Vignettes. He says: We just have to follow the hose. But the more they do so, the steeper the ledge becomes. At some point, the hose is so far above their heads they can no longer see it due to all the snow. They have to turn around. Lisa Hagen notices that Gabriella can hardly walk. The guide’s wife has taken her climbing belt and one of her skis. One of the Frenchmen is carrying the other one.

They could stop and dig a hole in the snow. It would offer them shelter for the night. But they keep going.

(….)

Read the full article herehttp://www.spiegel.de/international/europe/that-s-it-we-re-dead-disaster-strikes-along-the-alps-haute-route-a-1220184.html

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Additional material:

There are some detailed discussions going on in a couple of online forums like outdoorseiten.net / („Schwarzer Sonntag am Pigne“). TillmanG from Sondershausen in Thuringia, Germany, is calling for a professional look into the events, from a mountaineering perspective:

„Es ist schon schade, dass es keine unabhängige bergsteigerische Aufarbeitung dieser Katastrophe gibt, von Menschen die über alle Informationen verfügen. Aber wer soll das leisten? Die Bergführerverbände jedenfalls haben sich dafür frühzeitig disqualifiziert. Der schweizerische ohne direkten Anlass, da er keine eigenen Mitglieder schützen musste.“

Dem Wunsch nach einer bergsteigerischen, unabhängigen Aufarbeitung kann ich mich nur anschließen. Wäre super, wenn sich die Franzosen, gerne anonym und vertraulich, bei Rettern oder Sicherheitsbeauftragten melden würden. Wir könnten so viel lernen von den Ereignissen!

Here’s an interview I did with the Swiss mountain guide Marco Mehli about the incident: „Die Gäste haben bezahlt und wollen im Zweifelsfall auf den Gipfel“.

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Here’s an interview with the mountain guide Hans Peter Eisendle from South Tyrol about the incident and safety in the mountains in general: „Diener und Herr zugleich“.

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An article in NZZ about the incident: „21 Stunden in der Hölle: So verlief das Walliser Bergdrama“.

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Hansel Mieth goes #Metoo – eine unbekannte Berühmtheit

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Erst jetzt komme ich zum Lesen der neuen Buchausgabe des Hansel-Mieth-Preises. Glückwunsch an die Gewinner, an die Jury, an die Gestalter, an die ganze Unternehmung. Auf der Website des HMP gibt es dazu die Details.

Wer aber war Hansel Mieth, die Frau mit dem komischen Männernamen? Diese PBS-Dokumentation erzählt die unglaubliche Odyssee der kleinen Johanna aus Oppelsbohm in Baden-Württemberg, die wenige Jahre später die zweite fest angestellte Fotoreporterin der legendären Zeitschrift „LIFE“ wurde, nach Margaret Bourke-White.

Und das kam so. Man müsste eigentlich eine Graphic Novel dazu machen. Über den Teenager Johanna, dem vom Lehrer eingebimst wird, dass sie als Mädchen minderwertig sei,  die mit 15 Jahren gemeinsam mit ihrer Jugendliebe durchbrennt, sich mit dem Jungennamen „Hansel“ tarnt, durch Europa vagabundiert, dann 1930 in die USA emigiert, dort als Baumwollpflückerin arbeitet, dann mit dem Fotografieren beginnt im Umfeld von Streiks und Gewerkschaftstreffen, rasch aufsteigt in die High Society von New York, von „LIFE“, damals dem Goldstandard der Reportagefotografie, fest angestellt wird, sich zu langweilen beginnt, wieder nach Kalifornien zurückgeht, nach dem Angriff von Pearl Harbor die verfassungswidrige Internierung amerikanischer Bürger aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens als „Japaner“ in Zwangslagern unter Präsident Franklin Delano Roosevelt, ihren eigenen Heimatort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei viele ihrer ehemaligen Ortsnachbarn nur eines bereuen: dass Deutschland nicht gesiegt hat.

Doch Mitgefühl und soziales Engagement sind gefährlich, bald gerät Hansel Mieth in die Mühlen des reaktionären, zutiefst unamerikanischen, verfassungsfeindlichen „House Unamerican Activities Committee“ (HUAC). Hansel Mieth kommt auf die „Black List“ – was einem Berufsverbot gleichkommt, aus parteitaktisch motivierten Gesinnungsgründen, und das im Land der verbrieften Meinungsfreiheit. So eine politische Phase kann schon einmal vorkommen von Zeit zu Zeit, wenn Ressentiments überhandnehmen, und Paranoia und Populismus rationale politische Strategien ersetzen. Hansel Mieth kennt das ja schließlich aus ihrer Heimat. Also arbeitet sie fortan eben wieder mit ihrem Mann Otto auf ihrer Farm in Kalifornien, sie züchten Hühner. Gegen ihre Freunde in der Gewerkschaftsbewegung sagt sie nie aus vor der unseligen Inquisition des HUAC.

Was all das mit #metoo zu tun hat? Nun, Hansel Mieth war immer wieder diversen sexistischen Zumutungen ausgesetzt. Als sie irgendwann in den Vierzigern in New York bei einer „Stag Night“ von einem Fremden begrapscht wurde, schlug sie ihm die schwere Kamera über den Kopf. „Ich habe gerade einen Mann umgebracht“, beichtete sie in der Redaktion. Wieso hast du ihn umgebracht? „Because he pested me!“. Entwarnung und Spoiler Alert: Der Grapscher überlebte laut Überlieferung.

Ich kannte das Werk ihrer Freunde wie Dorothea Lange, Margaret Bourke-White oder Ansel Adams (auch dessen Dokumentation des Internierungslagers „Manzanar“), aber das Werk von Hansel Mieth? War mir neu.

Danke, PBS, für diese Dokumentation auf Vimeo.**

Hier noch ein paar Screenshots, um Appetit zu machen.

 

** Ein paar Fragen allerdings lässt die Dokumentation offen: Wie kamen die beiden jungen Vagabunden überhaupt an eine Kamera, woher hatte Hansel Mieth das Geld für ihr Auto, als sie von New York nach San Francisco fuhr direkt nach der Ankunft? Wer brachte ihnen das Fotografieren bei, wer die Dunkelkammertechnik?

Wer hat Buch- oder Artikelempfehlungen zum Thema? Oder wie wäre vielleicht ein interaktives Multimediaprojekt im Jahr 20 des HMP? Vielleicht mit einer Kickstarter-Finanzierung?

 

Hightechmärchen – revisited (und republiziert)

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MEDIENMAGAZIN VOM 16.04.2017

„Es wird einmal, in nicht allzu langer Zeit“ – so beginnen Hightechmärchen

… und sie werden uns schon seit Jahrzehnten erzählt von der Besiedlung des Mondes über Roboter, die uns den Alltag erleichtern bis hin zum Digitalradio. Diese Märchen begegnen uns im Medienbereich im Rhythmus der Medienmessen und -kongresse bis heute. Manches bleibt ein Hightechmärchen, anderes dauert nur länger. Vor 15 Jahren las der Wissenschafts- und Computerjournalist des SPIEGEL, Hilmar Schmundt im Medienmagazin aus seinem Buch “Hightechmärchen” vor und machte den Realitätscheck auf der CeBIT 2002. In diesem Medienmagazin des Jahres 2017 gibt es den Realitätscheck des Realitätschecks. Welche Kritik an den Märchenonkels von damals mit ihrem Cyber-Blabla war berechtigt und wie können wir in der Gegenwart besser aus der Vergangenheit lernen für eine realistische Hochrechnung der Zukunft?
Gespräch mit Hilmar Schmundt (Foto) und O-Tönen aus dem Jahr 2002

Hier geht es zum Podcast auf Soundcloud: https://soundcloud.com/schmundt/r1mm-16042017

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