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Hansel Mieth goes #Metoo – eine unbekannte Berühmtheit

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Erst jetzt komme ich zum Lesen der neuen Buchausgabe des Hansel-Mieth-Preises. Glückwunsch an die Gewinner, an die Jury, an die Gestalter, an die ganze Unternehmung. Auf der Website des HMP gibt es dazu die Details.

Wer aber war Hansel Mieth, die Frau mit dem komischen Männernamen? Diese PBS-Dokumentation erzählt die unglaubliche Odyssee der kleinen Johanna aus Oppelsbohm in Baden-Württemberg, die wenige Jahre später die zweite fest angestellte Fotoreporterin der legendären Zeitschrift „LIFE“ wurde, nach Margaret Bourke-White.

Und das kam so. Man müsste eigentlich eine Graphic Novel dazu machen. Über den Teenager Johanna, dem vom Lehrer eingebimst wird, dass sie als Mädchen minderwertig sei,  die mit 15 Jahren gemeinsam mit ihrer Jugendliebe durchbrennt, sich mit dem Jungennamen „Hansel“ tarnt, durch Europa vagabundiert, dann 1930 in die USA emigiert, dort als Baumwollpflückerin arbeitet, dann mit dem Fotografieren beginnt im Umfeld von Streiks und Gewerkschaftstreffen, rasch aufsteigt in die High Society von New York, von „LIFE“, damals dem Goldstandard der Reportagefotografie, fest angestellt wird, sich zu langweilen beginnt, wieder nach Kalifornien zurückgeht, nach dem Angriff von Pearl Harbor die verfassungswidrige Internierung amerikanischer Bürger aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens als „Japaner“ in Zwangslagern unter Präsident Franklin Delano Roosevelt, ihren eigenen Heimatort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei viele ihrer ehemaligen Ortsnachbarn nur eines bereuen: dass Deutschland nicht gesiegt hat.

Doch Mitgefühl und soziales Engagement sind gefährlich, bald gerät Hansel Mieth in die Mühlen des reaktionären, zutiefst unamerikanischen, verfassungsfeindlichen „House Unamerican Activities Committee“ (HUAC). Hansel Mieth kommt auf die „Black List“ – was einem Berufsverbot gleichkommt, aus parteitaktisch motivierten Gesinnungsgründen, und das im Land der verbrieften Meinungsfreiheit. So eine politische Phase kann schon einmal vorkommen von Zeit zu Zeit, wenn Ressentiments überhandnehmen, und Paranoia und Populismus rationale politische Strategien ersetzen. Hansel Mieth kennt das ja schließlich aus ihrer Heimat. Also arbeitet sie fortan eben wieder mit ihrem Mann Otto auf ihrer Farm in Kalifornien, sie züchten Hühner. Gegen ihre Freunde in der Gewerkschaftsbewegung sagt sie nie aus vor der unseligen Inquisition des HUAC.

Was all das mit #metoo zu tun hat? Nun, Hansel Mieth war immer wieder diversen sexistischen Zumutungen ausgesetzt. Als sie irgendwann in den Vierzigern in New York bei einer „Stag Night“ von einem Fremden begrapscht wurde, schlug sie ihm die schwere Kamera über den Kopf. „Ich habe gerade einen Mann umgebracht“, beichtete sie in der Redaktion. Wieso hast du ihn umgebracht? „Because he pested me!“. Entwarnung und Spoiler Alert: Der Grapscher überlebte laut Überlieferung.

Ich kannte das Werk ihrer Freunde wie Dorothea Lange, Margaret Bourke-White oder Ansel Adams (auch dessen Dokumentation des Internierungslagers „Manzanar“), aber das Werk von Hansel Mieth? War mir neu.

Danke, PBS, für diese Dokumentation auf Vimeo.**

Hier noch ein paar Screenshots, um Appetit zu machen.

 

** Ein paar Fragen allerdings lässt die Dokumentation offen: Wie kamen die beiden jungen Vagabunden überhaupt an eine Kamera, woher hatte Hansel Mieth das Geld für ihr Auto, als sie von New York nach San Francisco fuhr direkt nach der Ankunft? Wer brachte ihnen das Fotografieren bei, wer die Dunkelkammertechnik?

Wer hat Buch- oder Artikelempfehlungen zum Thema? Oder wie wäre vielleicht ein interaktives Multimediaprojekt im Jahr 20 des HMP? Vielleicht mit einer Kickstarter-Finanzierung?

 

Hightechmärchen – revisited (und republiziert)

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MEDIENMAGAZIN VOM 16.04.2017

„Es wird einmal, in nicht allzu langer Zeit“ – so beginnen Hightechmärchen

… und sie werden uns schon seit Jahrzehnten erzählt von der Besiedlung des Mondes über Roboter, die uns den Alltag erleichtern bis hin zum Digitalradio. Diese Märchen begegnen uns im Medienbereich im Rhythmus der Medienmessen und -kongresse bis heute. Manches bleibt ein Hightechmärchen, anderes dauert nur länger. Vor 15 Jahren las der Wissenschafts- und Computerjournalist des SPIEGEL, Hilmar Schmundt im Medienmagazin aus seinem Buch “Hightechmärchen” vor und machte den Realitätscheck auf der CeBIT 2002. In diesem Medienmagazin des Jahres 2017 gibt es den Realitätscheck des Realitätschecks. Welche Kritik an den Märchenonkels von damals mit ihrem Cyber-Blabla war berechtigt und wie können wir in der Gegenwart besser aus der Vergangenheit lernen für eine realistische Hochrechnung der Zukunft?
Gespräch mit Hilmar Schmundt (Foto) und O-Tönen aus dem Jahr 2002

Hier geht es zum Podcast auf Soundcloud: https://soundcloud.com/schmundt/r1mm-16042017

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Michael Rutschky, 1943-2018

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Niemand kriegt, was er sich wirklich wünscht. Deshalb machen wir ja weiter. Wenn man nur ein einziges Mal bekäme, was man sich wirklich wünscht, man würde auf der Stelle mit dem Leben aufhören.

So muss man fortfahren, sich etwas zu wünschen, das nicht da ist, Jedermann braucht seinen höchstpersönlichen Roman, wie das Leben auszusehen hätte.

Michael Rutschky, Lebensromane

 

Hier ein Hypertextprojekt, das Michael Rutschky 1999 entwickelt hat für das Hypertext-Festival „Die Softmoderne“. Die Idee: Man stelle sich ein Fotoprojekt ein bisschen wie einen Zauberwürfel vor. Der „Berlinroman“ von R. stellt dabei nur eine Seite des Würfels dar – bietet aber eine fast Unendliche Zahl von Anknüpfungspunkten zu weiteren Projekten auf anderen Würfelseiten von anderen Autoren, die noch gar nicht wissen, dass sie später einmal teilnehmen werden. Kein in sich geschlossenes Überwältigungsprojekt, im Gegenteil. Eine bewusst unfertige, offene, zukunftshungrige Skizze. Das Vernetzungs-Projekt eines Authors‘ author. Typisch Rutschky.

 

Ich dachte, der Berlinroman sei verschollen. Heute sehe ich: Die wunderbare Wayback Machine des Internet Archive“ hat anscheinend eine (leider unvollständige) Kopie gespeichert. Das Vergangene ist nicht vergangen – es ist nur ungleich verteilt.

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Einem Team aus Hirnforschern und Klippenspringern gelingt der erste Bungeesprung mit gleichzeitiger EEG-Messung

 

Wie Bungeespringer die Angst besiegen

 

(Aus dem SPIEGEL 5/2018)

Ein eisiger Wind weht herauf an diesem Morgen. Fast 200 Meter hoch ist die Europabrücke am Brennerpass. Wie eine Modelleisenbahnlandschaft sehen die Häuser, Wiesen und Wälder von hier aus.

Gleich soll sich ein Freiwilliger in die Tiefe stürzen – im Dienste der Wissenschaft. Hirnforscher haben sich auf einer schwankenden Reparaturplattform verschanzt und schauen auf ihre Monitore. Die Wissenschaftler wollen live verfolgen, was im Kopf eines verkabelten Bungeespringers vor sich geht.

„Wir machen ein Experiment, an das sich noch niemand vor uns gewagt hat“, sagt Lüder Deecke, ein distinguierter Herr mit wehender weißer Haartolle: „Wir wollen der Frage nach dem freien Willen nachgehen, und zwar nicht im Labor, sondern erstmals draußen unter extremen Bedingungen.“

Eigentlich ist Lüder Deecke zu alt für solche Abenteuer. Der emeritierte Professor für Neurologie wird in diesem Sommer 80 Jahre alt. Er muss sich auch nichts mehr beweisen, nach über 600 Fachpublikationen, mehreren Büchern und Auszeichnungen. Sein Ruhm gründet sich auf einem Experiment, mit dem er bereits 1964 als Student ein bis dahin unbekanntes Hirnphänomen entdeckte: das sogenannte Bereitschaftspotenzial.

Gemeinsam mit seinem Doktorvater Hans Helmut Kornhuber fand er an der Uni Freiburg heraus: Wenn wir eine willkürliche Bewegung machen, geht dieser rund anderthalb Sekunden vorher ein elektrisches Potenzial im Hirn voraus. Die Forscher hatten Versuchspersonen Elektrodenkappen aufgesetzt. Anhand der gemessenen Hirnströme (EEG) konnten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „voraussagen“, dass ein Proband gleich die Hand heben würde – was dann tatsächlich geschah.

Doch was bedeutet diese wissenschaftlich fundierte Hellseherei? Deecke trat mit seiner Entdeckung eine erbitterte Kontroverse los, die auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch nicht beendet ist. Macht unser Gehirn wirklich mit uns, was es will? Ist der freie Wille eine Illusion?

Nach dieser Deutung wäre der Mensch nur eine bessere Maschine, die von Instinkten und äußeren Reizen gelenkt wird. Das Bereitschaftspotenzial macht demnach sichtbar, wie bei jeder Entscheidung von uns das allmächtige Unbewusste wirkt.

Spätere Messungen schienen das zu untermauern, denn sie ergaben sogar: Erst rund eine Sekunde nach dem Beginn des Bereitschaftspotenzials wird Probanden bewusst, dass sie gleich ihren Finger bewegen (wollen). Diese zeitliche Verzögerung wurde von einigen Hirnforschern als Beweis gewertet, dass der freie Wille nur eine tröstliche Fantasie sei; in Wahrheit würden wir fremdgesteuert durch unbewusste Vorgänge. Der Neurobiologe Gerhard Roth formulierte es so: „Nicht das Ich, sondern das Gehirn entscheidet.“

Ausgerechnet den Mit-Entdecker des Bereitschaftspotenzials aber macht diese Interpretation wütend, das würden seine Messungen überhaupt nicht hergeben. „Die Debatte ist völlig entgleist“, sagt Deecke. „Natürlich haben wir einen freien Willen.“ Genau das, ist er überzeugt, könne der ungewöhnliche Versuch auf der Alpenbrücke anschaulich zeigen.

Der erste Freiwillige macht sich bereit – ein athletischer Mann von 19 Jahren, dessen Hobby das Klippenspringen ist, bei dem er aus über 20 Metern Höhe von Felsen aus in natürliche Felsbecken eintaucht. Geld erhält er für seine wissenschaftliche Heldentat nicht. Aber das ist ihm egal. Er ist neugierig, was in seinem Kopf abläuft bei einen Sprung.

„Du darfst nicht blinzeln oder mit den Zähnen knirschen, das verfälscht die Messungen“, sagt Surjo Soekadar. Der jugendlich wirkender Hirnforscher von vierzig Jahren leitet die Arbeitsgruppe Angewandte Neurotechnologie am Universitätsklinikum Tübingen. Er stülpt dem Bungeejumper eine weiße EEG-Kappe über, aus der ein Strauß bunter Kabel herausquillt.

Jeder Gedanke, jeder Traum, geht mit einem elektrischen Potenzial im Gehirn einher. Doch die messbare Spannung ist extrem schwach, weniger als 20 Mikrovolt an der Kopfhaut. Schon Kauen übertönt das Rauschen der Gedanken.

Soekadar setzt sich wieder vor sein Notebook. Ein Sender am Hinterkopf des Springers überträgt die Messungen per Bluetooth. Der Proband tritt an den Rand der Plattform. Nur wenige Meter über ihm rumpeln Lastwagen Richtung Italien.

Plötzlich schnellt die EEG-Kurve auf dem Bildschirm nach oben. „Jetzt!“, flüstert Deecke. Und siehe da: Einen Wimpernschlag später kippt der Springer wie in Zeitlupe vornüber dem Abgrund entgegen und stürzt in die Tiefe.

„Eine wunderschöne Kurve“, schwärmt Deecke: „Ich hätte mir früher nicht träumen lassen, dass eine solche Messung einmal außerhalb des Labors möglich sein könnte.“

Als Deecke einst mit seinen Experimenten begann, mussten seine Probanden noch stundenlang in einem Metallkäfig sitzen, der die Sensoren vor der Störung durch Stromleitungen im Labor schützen sollte. Sie nannten diesen Faraday-Käfig scherzhaft „Hühnerstall“.

Die Testpersonen mussten nichts weiter tun, als hin und wieder ihren Zeigefinger zu krümmen – größere Bewegungen hätten die Messungen gestört. Und weil die Forscher so hart an der Nachweisgrenze operierten, mussten die Versuche hundertfach wiederholt werden. Insbesondere eine Studentin mit Namen Gertraud Flinspach war mit eiserner Disziplin dabei, sogar an ihrem eigenen Geburtstag. Später heiratete Deecke seine Probandin, heute leben sie gemeinsam in Wien und sind mehrfache Großeltern.

Auch die Sprünge von der Europabrücke müssen mindestens zehnmal wiederholt werden, um eine möglichst hohe Genauigkeit zu erzielen. Eine Seilwinde kurbelt den Springer immer wieder empor, kurzer Technikcheck, ein Schluck Wasser, dann steht er erneut an der Kante zum Nichts. Auf dem Bildschirm zuckt die Kurve empor, schon kippt er, fällt, rast dem Erdboden entgegen. Der Rechner speichert die Elektronenspur seiner inneren Kämpfe. Sauber schmiegen sich die Kurven übereinander.

Deecke nennt die Aktion „Sprung in die Freiheit“. Aufgekratzt tigert er über die Plattform, filmt Szenen, und schickt sie dann per WhatsApp an seine Frau. Ihm geht es wie dem sprichwörtlichen Zauberlehrling, der die Abschaffung des freien Willens stoppen will, die er selber mit seiner Pionierarbeit ungewollt ins Rollen gebracht hat. Und so steht er nun hier am Abgrund, um zu zeigen, dass seine damaligen Beobachtungen nicht dazu taugen, den freien Willen zu widerlegen – im Gegenteil: „Mein Gehirn kann nicht gegen mich sein. Mein Gehirn – das bin doch auch ich!“

Einfach gesagt, geht seine Argumentation so: Wenn das Bereitschaftspotential wirklich ein Effekt des Unbewussten wäre, dann müsste es vor einem Bungeesprung deutlich schwächer ausfallen als beim Fingerkrümmen im Labor. Denn instinktiv wehrt sich alles in einem Menschen, in die Tiefe zu springen.

Selbst erfahrene Springer haben ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie an der Kante zum Nichts stehen, sie haben „einen Kloß im Hals“, manche zittern, der Puls rast. Ihr Inneres wehrt sich gegen den Sprung, das wird durch die Körpersignale überdeutlich.

„Ich habe hier schon Kunden weinen gesehen“, sagt Rupert Hirner, der Chef des Bungee-Unternehmens, das den Versuch begleitet. Der frühere Skispringer ist ein väterlicher Meister des guten Zuredens.

Hirner ist schon hunderte Male selbst gesprungen. „Aber ich habe immer noch Respekt“, sagt er. Fast jeder Kunde, der so dicht vor dem Abgrund steht, spüre Kribbeln in der Magengegend und bekomme feuchte Fingerspitzen.

„Die Angst vor dem Abgrund ist ein Überlebensinstinkt, das ist angeboren, schon Babys vermeiden eine Tischkante“, sagt Hirnforscher Deecke. „Diese Instinkte sind im Stammhirn fest verankert.“

Die Angst, die  jeder Springer überwinden muss, ist die wertvollste Zutat bei dem heutigen Experiment. Denn bei allen früheren Versuchen zum freien Willen ging es um nichts. Was spielt es schon für eine Rolle, ob ich den Finger krümme? Doch über dem Abgrund geht es um Leben und Tod – zumindest fühlt es sich für den Bungeespringer so an.

„Wenn wir an der Kante stehen, melden sich Überlebenstriebe im Stammhirn“, sagt Deecke: „Die höheren Funktionen im Frontalhirn müssen versuchen, dieses Überlebensprogramm zu überstimmen.“

Der freie Wille ist auch für Deecke keine übermächtige Instanz, er kann nicht einfach so das Hungergefühl ausschalten oder eine Drogensucht. Aber das Frontalhirn lasse sich trainieren, fast wie ein Muskel, sagt der Forscher, um dann in Extremsituationen die Kontrolle zu übernehmen.

(….)

Den ganzen Artikel lesen Sie hier (Paywall): http://www.spiegel.de/spiegel/hirnforscher-messen-wie-bungeespringer-ihre-angst-ueberwinden-a-1190399.html

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2FDerSpiegel%2Fvideos%2F1647345382017107%2F&show_text=0&width=560

 

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Der E-Book-Umsatz bricht um 1,4% ein. Wenden sich Leser vom elektronischen Lesen ab?

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Der E-Book-Umsatz schrumpft um 1,4 %, meldet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels:

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Was steckt dahinter? Digitalmüdigkeit? Liebe zur Papier-Haptik?

Wahrscheinlich wohl noch am ehesten eine fragwürdige Metrik. Wer Wattpad, Fan-Fiction-Portale, Flatrate-Lesen, Onleihe und andere aktuelle Lesetrends überhaupt nicht berücksichtigt in der Erhebnung, riskiert, einfach nur verwirrenden Datenmüll zu produzieren. Erfreulich wäre eine systematische akademische Bestandsaufnahme von Lesemarkt und Leseverhalten jenseits der unterkomplexen Bipolarität von Papierbuch zu E-Buch. Hier mein Aufruf, aussagekräftigere Metriken zu entwickeln:

http://www.spiegel.de/spiegel/die-zukunft-des-lesens-ist-digital-a-1175657.html

 

Der Fehler-Engel

So kann (fast) jeder (fast) alles erlernen: Der amerikanische Physiknobelpreisträger Carl Wieman feiert große Erfolge mit einer Ausbildungsmethode, die auf „Active Learning“ setzt.

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(Auszug aus der SPIEGEL-Ausgabe 7/2918 vom 10. Februar)


Ein son­ni­ger Diens­tag­mor­gen auf dem weit­läu­fi­gen Cam­pus der ka­li­for­ni­schen Stan­ford Uni­ver­si­ty bei San Fran­cis­co. Ent­spann­tes Büf­feln un­ter Pal­men. Nur in ei­nem Se­mi­nar­raum im Un­ter­ge­schoss geht es hoch her: Zwölf Stu­den­ten pa­la­vern in klei­nen Grüpp­chen, strei­ten und la­chen mit­ein­an­der.

Will­kom­men im Se­mi­nar des Phy­sik­no­bel­preis­trä­gers Carl Wie­man! Mit ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Me­tho­de bringt er heu­te zwölf Stu­den­ten aus Fach­be­rei­chen wie Geo­lo­gie, Ma­the und Me­di­zin bei, wie sie Stu­den­ten spä­ter bes­ser un­ter­rich­ten kön­nen.

„Vie­le glau­ben, sie sei­en für Na­tur­wis­sen­schaf­ten ein­fach nicht be­gabt“, sagt Wie­man, ein zu­pa­cken­der Lehr­meis­ter mit Wan­der­stie­feln, kurz­ärm­li­gem Hemd und ei­ner Ur­alt-Quarz­uhr am Hand­ge­lenk: „Doch das ist Quatsch. Mit dem rich­ti­gen Un­ter­richt kann je­der in je­dem Fach rie­si­ge Fort­schrit­te ma­chen.“

Nie­mand wer­de als Ge­nie ge­bo­ren, ist Wie­man über­zeugt – nicht ein­mal ein Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart. Ge­ni­al sei vor al­lem sein Va­ter Leo­pold ge­we­sen, ein mit­tel­mä­ßi­ger Gei­ger, aber aus­ge­buff­ter Mu­sik­päd­ago­ge, der ei­nes der ers­ten Bü­cher zur Mu­sik­erzie­hung für die Vio­li­ne schrieb. Er ließ Wol­ferl schon kom­po­nie­ren, als die­ser ein klei­ner Jun­ge war – und schau­te ihm per­ma­nent über die Schul­ter, um je­den kleins­ten Feh­ler zu ver­bes­sern. Voilà.

„Ak­ti­ves Ler­nen“ heißt die­se Me­tho­de heu­te: Stu­den­ten ma­chen las­sen, kor­ri­gie­ren, wei­ter­ma­chen las­sen, wie­der kor­ri­gie­ren, eine Art Au­to­di­dak­ten­tum, aber un­ter An­lei­tung ei­nes Men­tors – qua­si nach dem Vor­bild von Papa Mo­zart.

BES­SER LER­NEN

In der Tat zei­gen ak­tu­el­le Stu­di­en, dass (fast) je­der (fast) al­les ler­nen kann. So be­sag­te eine Lehr­mei­nung frü­her, dass das ab­so­lu­te Ge­hör eine an­ge­bo­re­ne Son­der­be­ga­bung sei. Nur ei­ner von 1000 Men­schen ver­fügt über die Fä­hig­keit, die Höhe ei­nes ge­hör­ten Tons ex­akt zu be­stim­men.

Doch im Jahr 2014 zeig­te eine ja­pa­ni­sche Wis­sen­schaft­le­rin mit ei­nem Ex­pe­ri­ment, dass auch alle an­de­ren das ab­so­lu­te Ge­hör er­ler­nen kön­nen. Sie re­kru­tier­te 24 nor­ma­le Kin­der, zwi­schen zwei und sechs Jah­ren alt. Dann trai­nier­ten Mu­sik­leh­rer mit ih­nen, Ton­hö­hen zu er­ken­nen, pro Tag ein paar Mi­nu­ten. Man­che Kin­der brauch­ten nur we­ni­ge Mo­na­te, an­de­re über ein Jahr. Am Ende aber hat­ten alle, die das Pro­gramm durch­zo­gen, das Ab­so­lu­te Ge­hör.

Der­lei fas­zi­nie­ren­de Ge­schich­ten gibt es in­zwi­schen zu­hauf. Der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­ge An­ders Erics­son von der Flo­ri­da Sta­te Uni­ver­si­ty sorg­te bei­spiels­wei­se für Auf­se­hen, als er eben­falls mit ei­nem Ex­pe­ri­ment den Kult um an­geb­lich be­gna­de­te Ge­dächt­nis­künst­ler ent­zau­ber­te. Die meis­ten Men­schen kön­nen sich in ih­rem Kurz­zeit­ge­dächt­nis nur rund sie­ben be­lie­bi­ge Zah­len mer­ken, die ih­nen vor­ge­le­sen wur­den. Erics­son da­ge­gen brach­te ei­nem Stu­den­ten durch in­ten­si­ves Trai­ning bei, sich bis zu 82 be­lie­bi­ge Zah­len zu mer­ken.

Wich­tig bei der Me­tho­de des ak­ti­ven Ler­nens ist der rich­ti­ge Um­gang mit Feh­lern oder fal­schen Vor­stel­lun­gen. „Vie­le Men­schen glau­ben, dass Som­mer und Win­ter da­durch ent­ste­hen, dass die Erde mal nä­her an der Son­ne ist und mal wei­ter weg“, be­rich­tet ein Geo­lo­gie­stu­dent beim heu­ti­gen Se­mi­nar.

Wie­man ist be­geis­tert, er liebt sol­che Irr­tü­mer. Er ist über­zeugt, dass Feh­ler wert­voll sind – je ab­we­gi­ger, des­to bes­ser. Denn er sieht Feh­ler nicht als Nie­der­la­ge, son­dern als Chan­ce, dar­an zu wach­sen.

Bei ihm im Se­mi­nar muss je­der Stu­dent stän­dig für sich al­lein neue Auf­ga­ben be­ar­bei­ten. Die Lö­sun­gen wer­den dann ge­mein­sam im Kreis mit al­len an­de­ren Stu­den­ten dis­ku­tiert – an­ge­lei­tet von Wie­man, der als obers­ter Feh­ler­su­cher und Kor­rek­tor fun­giert. Selbst Un­sinn fei­ert er noch als Er­folg. Bei ihm wird der Feh­ler­teu­fel zum Feh­ler­en­gel.

Den größ­ten Feh­ler hat er in­des in den Köp­fen der Pro­fes­so­ren aus­ge­macht – weil sie an ei­ner so rück­stän­di­gen Lehr­me­tho­de wie der Vor­le­sung fest­hal­ten.

Er ver­weist auf eine ak­tu­el­le Ver­gleichs­stu­die un­ter Lei­tung des ame­ri­ka­ni­schen Bil­dungs­for­schers Scott Free­man. Dem­nach schnei­den durch­schnitt­li­che Stu­den­ten, die bis­lang ei­ner Vor­le­sung ge­lauscht ha­ben, durch ak­ti­ves Ler­nen bes­ser ab als 68 Pro­zent ih­rer Kom­mi­li­to­nen. Au­ßer­dem sinkt die Durch­fall­quo­te um rund ein Drit­tel (sie­he Gra­fik).

„Han­del­te es sich um eine me­di­zi­ni­sche Stu­die, müss­te man tra­di­tio­nel­le Vor­le­sun­gen so­fort ab­bre­chen, weil es nicht zu ver­ant­wor­ten wäre, Pa­ti­en­ten ei­ner solch un­taug­li­chen The­ra­pie aus­zu­set­zen“, schimpft Wie­man. „Die Vor­le­sung ist eine jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on aus dem Mit­tel­al­ter – aber da­mals gal­ten teils auch Ader­lass und Zau­ber­sprü­che als All­heil­mit­tel. Bei­des hat sich als weit­ge­hend un­wirk­sam er­wie­sen.“

Dass der be­rühm­te Phy­si­ker so viel vom ak­tiv an­ge­lei­te­ten Ler­nen hält, kommt nicht von un­ge­fähr. Schon als Kind war er ein ei­gen­wil­li­ger Sel­ber­ma­cher – not­ge­drun­gen. Wie­man wuchs in den Wäl­dern Ore­gons auf. Sein Va­ter ar­bei­te­te in ei­nem Sä­ge­werk, ei­nen Fern­se­her gab es nicht im Haus, so ver­schlang Carl sta­pel­wei­se Bü­cher aus der Leih­bi­blio­thek.

Mit ei­nem Bru­der tüf­tel­te er an kom­pli­zier­ten Spiel­zeu­gen. Als er in die 8. Klas­se kam, zog die Fa­mi­lie um, er freun­de­te sich mit dem Sohn ei­nes Ma­the­ma­tik­pro­fes­sors an, der mit den Kin­dern nach­mit­tags auf spie­le­ri­sche Wei­se Geo­me­trie­pro­ble­me lös­te. Au­ßer­dem lern­te Carl Wie­man Schach und wur­de durch fort­wäh­ren­des Üben so gut dar­in, dass er bald auf Tur­nie­ren an­trat. „Aber im rei­fen Al­ter von 16 Jah­ren gab ich die­se Kar­rie­re auf“, sagt er.

Schließ­lich schrieb er sich als Phy­sik­stu­dent am MIT bei Bos­ton ein, doch sei­ne wah­re Lei­den­schaft blie­ben da­mals Ten­nis und Squash: „Ich habe ge­gen ein paar der bes­ten Spie­ler des Lan­des ver­lo­ren, so­gar ge­gen ei­nen spä­te­ren US-Meis­ter.“

Die Vor­le­sun­gen in Op­tik oder Atom­phy­sik da­ge­gen schwänz­te er oft. Lie­ber bil­de­te er sich im La­bor fort, durch Aus­pro­bie­ren und Schei­tern und Wei­ter­ma­chen. Mit die­ser zu­pa­cken­den Lern­tech­nik schaff­te er es bis in den Olymp sei­nes Fachs.

Im Jahr 1995 ge­lang es ihm mit sei­nem Team, eine 70 Jah­re alte Vor­her­sa­ge von Al­bert Ein­stein zu be­stä­ti­gen: dass stark her­un­ter­ge­kühl­te Ma­te­rie ei­nes be­stimm­ten Typs in ei­nen neu­ar­ti­gen Ag­gre­gat­zu­stand über­geht, we­der flüs­sig noch fest oder gas­för­mig – das le­gen­dä­re Bose-Ein­stein-Kon­den­sat.

Doch Wie­man blieb hung­rig und neu­gie­rig. Nach der No­bel­prei­seh­rung stell­te er sei­ne Phy­sik­kar­rie­re zu­rück und wid­me­te sich fort­an sei­nem Le­bens­the­ma: Ler­nen ler­nen. Mit sei­nem No­bel­preis­geld star­te­te er eine Bil­dungs­in­itia­ti­ve, bau­te die Cur­ri­cu­la von 235 uni­ver­si­tä­ren Kur­sen um und ließ die Lern­er­fol­ge von un­ab­hän­gi­gen Bil­dungs­for­schern tes­ten.

Ne­ben­her über­prüf­te er et­li­che wei­te­re re­form­päd­ago­gi­sche Ide­en, die als Er­folg ver­spre­chend gal­ten: cha­ris­ma­ti­sche Pro­fes­so­ren? Kom­men bei Stu­den­ten gut an, sor­gen für Un­ter­hal­tung – brin­gen aber we­nig Lern­er­folg. Kleinst­grup­pen? Kein mess­ba­rer Vor­teil. Un­ter­richt mit Smart­boards und Han­dys? Di­gi­tal­schnick­schnack len­ke eher ab, hat er her­aus­ge­fun­den: „Auch das Mit­schrei­ben per Hand stört beim ak­ti­ven Mit­den­ken, das Mit­schrei­ben am Note­book aber ist noch stö­ren­der.“

Gut da­ge­gen schnei­den spie­le­ri­sche Tech­ni­ken ab, etwa in­ter­ak­ti­ve Ab­stim­mun­gen („Cli­cker“ ge­nannt), bei de­nen die Stu­den­ten ein­fa­che Ja-Nein-Fra­gen be­ant­wor­ten müs­sen, wie man es von Quiz­shows kennt. Die häu­fi­ge Rück­mel­dung von Stu­den­ten er­laubt den Leh­ren­den, den Lern­fort­schritt bes­ser ein­zu­schät­zen.

Am bes­ten aber, so zeig­te sich, sind die Er­geb­nis­se beim ak­ti­ven Ler­nen. Die von Wie­man pro­pa­gier­te Me­tho­de hat in­zwi­schen auch deut­sche Uni­ver­si­tä­ten er­reicht.

(…) Der Rest des Artikels in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL



Hier eine Antwort auf einen Leserbrief:

„…da ich selbst lange Zeit gelehrt habe, interessiert mich dieser Artikel über Carl Wiemann besonders. Meine Frage: gibt es von ihm oder anderen Autoren ein Buch über diese Methoden? Danke für ihre Mühe und schöne Grüsse aus Dortmund.“

Ja, es gibt eine Menge großartiger Bücher zum Thema. Hier eine kleine Auswahl:  

„Peak“ von Anders Ericsson ist spannend. Sehr praktisch, sehr anwendbar:

https://www.amazon.com/Peak-Secrets-New-Science-Expertise/dp/1531864880

 

Auch „Talent is Overrated“ ist sehr lesenswert:  

https://www.amazon.com/Talent-Overrated-Separates-World-Class-Performers-ebook/dp/B01HPVHLT4/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1518772648&sr=1-1&keywords=talent+is+overrated

 Ganz konkret um Unis geht es bei Cathy Davidson, sie ist ein Fan der Community Colleges. Gute historische Perspektive auf diverse historische Umbrüche und Innovationen, zum Beispiel dem Pivot der Harvard-Uni von Theologie zu Wissenschaft:

https://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_ss_i_1_13?url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=new+education+cathy+davidson&sprefix=new+education%2Cstripbooks%2C6085&crid=B7QRU5BSCV6I

 

Und natürlich schreibt Carl Wieman selbst über seinen eigenen Ansatz und seine Projekte und Forschung:

https://www.amazon.com/Improving-How-Universities-Teach-Science-ebook/dp/B072NYYHT1/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1518884634&sr=1-1&refinements=p_27%3ACarl+Wieman