Wissenschaft

Urknall in Kapstadt: Der nächste Einstein soll aus Afrika kommen, findet der Physiker Neil Turok. Hauptberuflich denkt er über den Big Bang nach. Nebenher will er Afrika retten – indem er die Mathe-Cracks des Kontinents in ein Elite-Internat in Südafrika lockt.

Das Dritte Auge: Zeit kann Wunden heilen – oder krank machen. Eine neue Medizin, die Chronotherapie, verspricht Gesundung mit weniger Nebenwirkungen.

Dahinter steckt ein Paradox der Mo- derne: Während elektrisches Licht hell genug ist zum Arbeiten, ist es viel zu dunkel für die Lichtrezeptoren der in- neren Uhr. Thomas Edison, der Erfinder der modernen Glühlampe, betrachtete Schlaf als Zeitverschwendung (aller- dings machte er selbst gern zwischen- durch ein Nickerchen). Die Ironie der Elektrifizierung: Der Siegeszug des Kunstlichts stürzt die innere Uhr in Dau- erdunkel.

Die französischen Aufklärer nannten sich einst selbst „Lumières“ – die Leuch- ten. Doch die Moderne macht uns zu Höhlenmenschen – zumindest aus Sicht der Chronobiologie.

Professor Haartolles Wortgestöber: Mit Computern und 3-D-Kameras kartieren Hamburger Forscher ein kaum ergründetes Territorium: die deutsche Gebärdensprache. Bayern machen andere Gebärden als Berliner, Junge andere als Alte. Das weltweit einmalige Wörterbuch soll sich interaktiv mit Gesten durchsuchen lassen.

iPad-Supplement zum Artikel über die Gebärdenspracherkennung mit dem Kinect-Sensor.

Wissenschaftszeitschriften: No Nature, No Impact. Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch. Eine Uni braucht einen neuen Professor, ein Institut einen neuen Dekan. Die Kommission tagt, die Kandidaten „singen vor“. Ein ungeladener Gast ist meist mit dabei. Dieser Zahlengeist ist unsichtbar, stumm und doch so beredt, dass er oft über Forschungsvorhaben und Millionenbeträge mitbefindet. „Citation Index“ und „Impact Factor“ wird er genannt. 

Der Vogelversteher: Seit 35 Jahren beobachtet der Biologe Amotz Zahavi Wüstenvögel. Seine Hypothesen lösen immer wieder hitzige Debatten in der Biologenzunft aus. Nun will der Professor die Zellforschung aufmischen (Bild der Wissenschaft, 1/2008)

„Ground Zero“ ergrünt: Dürren, Hunger, Wüstenbildung: Die Sahelzone gilt als Inbegriff einer Katastrophenregion. Nun gibt es gute Nachrichten: Viele Millionen Bäume wachsen in kargem Sandboden heran. Hier ein selbstgemachtes Video dazu.

Viren sind auf dem Vormarsch: Fast scheint es, als würden sie allmählich salonfähig werden in einigen Kreisen, und sich fast einer gewissen Sympathie erfreuen. Ein apokryphes Gegenschema behauptet doch glatt: Wir sind nicht nur mit den Affen verwandt. Sondern auch mit den Viren. Näher, als bisher geglaubt. Unverzichtbare Teile unseres Erbgutes stammen sogar von Viren. Schlimmer noch: Einige unserer besten Freunde sind Viren.

Die Zeitfabrik: In einem kupferverkleideten Maschinenraum in Braunschweig wird die feinste Qualitätszeit des Kontinents hergestellt. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt koordiniert die Millisekunden vieler Länder und entwickelt die genaueste Uhr der Welt.

Die Uhr tickt nachts am besten, nachts und bei Wind- stille, wenn das Gebäude wenig schwankt. Dann hocken die Forscher vor den Rechnern und flüstern, um ja keinen Lufthauch zu verursachen. Sogar die Monitore löschen sie, denn schon ein einziges Photon könnte die Zeit aus dem Takt bringen – oder das, was man von ihr sehen kann.

Vor kurzem war eine Delegation aus Mekka in der Sekundenfabrik, um fünf Atomuhren eichen zu lassen, die direkt neben der Zentralmoschee laufen sol- len – schließlich spielen genaue Zeit- angaben eine wichtige Rolle für religiöse Feste wie das Ende des Ramadan. Für manche ist Zeit eine Glaubensfrage.

Auch die Jagd nach der Aluminiumuhr, die seit dem Beginn des Universums nur um Sekunden falsch gegangen wäre, liegt in einer Grauzone zwischen Physik und Metaphysik: eine Meditation über das Wesen der Zeit mit den Methoden der Quantenoptik. Auf der Rückseite der Cäsium-Atomuhr CS2, dem Blick der Be- sucher abgewandt, klebt ein Zettel: „Mors certa, hora incerta“, der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.

Chemie ist sehr poetisch:

Chemie ist poetisch: Beim Weltkongress in Turin wollten sich die Chemiker als Vorkämpfer für Umwelt und Gesundheit feiern. Doch ein Nobelpreisträger verdarb die Jubelstimmung – mit Theater.

Auf den ersten Blick wirkt der rüstige 70-Jährige wie ein Hippie-Dichter, mit seinen zerknitterten Leinenhosen, dem bunten Schmuckbändchen am rechten Handgelenk und der handgemachten Brosche am linken Revers.

Die Brosche ist ein Insiderwitz. Seinesgleichen trägt sonst gern am linken Revers eine Anstecknadel mit dem Porträt von Alfred Nobel. Auch Hoffmann bekam den Preis für seine Arbeiten in der theoretischen Chemie. Aber seine Brosche zeigt eine Art eckiges Smiley-Gesicht.

Diesmal ist sein Forum die Weltkonferenz der internationalen Chemikervereinigung IUPAC, die vergangenen Freitag im norditalienischen Turin zu Ende ging. Mit sanfter Stimme appelliert er an das Gewissen: „Egal ob man ein Gewehr macht oder ein Molekül, ein Gemälde oder ein Gedicht, man sollte immer fragen: Könnte ich damit jemandem Schaden zufügen?“

Dann beginnt er ein Experiment: Er zeigt ein Theaterstück, das er selbst geschrieben hat. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Chemikervereinigung, dass einer der Hauptvorträge in Form eines Schauspiels gehalten wird.

Der Plot: Ein Chemiker hat Selbstmord begangen. Er hatte ein tödliches Nervengift entwickelt, das in die Hände von Kriminellen gelangt ist. Hat ihn die Verzweiflung in den Tod getrieben? Eine Stunde lang diskutiert seine tief zerstrittene Familie über diese Frage. Am Ende liegt man sich in den Armen und weint, die Musik schwillt an. Vorhang. Verhaltener Applaus.

Das Stück heißt „Should’ve“ – „Hätte man bloß“. Literarisch ist es kein großer Wurf. Es geht drunter und drüber, im Schweinsgalopp vom Holocaust über die Spanische Grippe bis zum Papst und zur Unvereinbarkeit von Forscherleben und Familie, das alles in 26 kurzen Szenen.

Und dennoch entfaltet das Theaterstück in den folgenden Tagen eine erstaunliche Wirkung als Katalysator für vielerlei Reaktionen. Denn die Chemie ist zerrissen in viele hochspezialisierte Fachbereiche, die kaum eine gemeinsame Sprache finden. Im Zweifelsfall also redete man dann einfach über Hoffmanns Stück – und darüber, warum man es nicht mochte.

Hoffmann verbucht auch Kritik als Erfolg: „Hauptsache, wir reden miteinander.“ Sein Familiendrama soll schließlich der zerrissenen Familie der Chemiker zu einem neuen, positiven Selbstbild verhelfen.

Denn die Zunft fühlt sich missverstanden von der Öffentlichkeit.

Das schwere Leben der Alphamännchen: Anfänglich schien alles so zu sein, wie er es in der Standardliteratur gelesen hatte: In rücksichtslosen Beißereien machten die Männchen unter sich aus, wer das Leittier ist, und dieses Alphamännchen terrorisierte dann ungestraft rangniedrigereTiere, bekam als erster zu fressen, und konnte sich nach Belieben fortpflanzen. Doch je länger Robert Sapolsky das brutale Treiben beobachtete, desto offensichtlicher wurde, was die herkömmliche Literatur verschwieg: Es gibt auch eine zweite Strategie der Fortpflanzung: Kommunikation statt Prügeln. 

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