Technikkultur

Die Informationsgesellschaft ist vor allem eine Erzählgemeinschaft. Ihre Erzählform ist das Futur. Es wird einmal. Das große Mañana. Das freie Prophezeien ist zum Volkssport geworden.

 

Der andere Steve: Die Technikwelt schaut auf San Francisco: Regelmäßig wirft Apple heiße Neuheiten auf den Markt. Apple-MitbegründerSteve Wozniak erinnert sich an die Anfänge des Mythos in einer kalifornischen Garage: Fast wäre der erste Rechner ein Hewlett-Packard-Computer geworden.

 

 

 

 

 

Light Field Photography: How Insect Eyes could Change our Lives. And how the mp3 Patent is Paying for that Innovation.

 

Hacker am Stellpult: Der Tech Model Railroad Club am MIT, Mekka des kreativen Umgangs mit Technik.

Die Urahnen der Bewegung hatten schon Anfang der sechziger Jahre an der Elite-Universität MIT bei Boston mit technischen Streichen begonnen. Besonders kreative Basteleien nannten die Studenten “Hack” – wahrscheinlich geht der Begriff auf die jiddische Sprache zurück: Ein ungeschickter Tischler heißt darin “Hacker”.

Im Jahr 1961 entdeckten MIT-Studenten den neuen “Supercomputer” PDP-1. Er hatte derart wenig Speicherplatz, dass sie sich darin überboten, Programme mit so wenig Zeilen wie möglich zu schreiben. Man half sich aus, geistiges Eigentum galt nichts, man sah sich als verschworene Bruderschaft, als Überflieger-Elite.

Schnell entwickelte sich ein eigener Slang, Humor und etwas, das der Autor Steven Levy in seinem Standardwerk über die Szene als “Hacker-Ethik” bezeichnete: Information wolle frei sein, schrieb er; Autoritäten sei zu misstrauen; und gute Programmcodes könnten eine eigene Schönheit haben.”

Die @-BombeDas Schauer-Märchen vom bösen Genie hinter dem apokalyptischen Computervirus

Lost in Translation. Superhits, verschlimmbessert durch Google Tranlsate.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ideen als Waffen: Weltweit führen Konzerne einen Krieg um Software-Patente. Eines der wichtigsten Schlachtfelder ist Deutschland – Verlierer sind oft die Kunden.

 

 

Der Virus und das Virus: Vom programmierten Leben zum lebenden Programm. In: „Virus – Mutationen einer Metapher“ (Ruth Mayer und Brigitte Weingart, Hgg.)

Feuerwerk im Archiv: Vernichten oder archivieren? Historische Filme aus der Gründerzeit des Kinos sind so explosiv, dass sie wie Sprengstoff behandelt werden.

Drohnenballett: Ein EU-Projekt erforscht die Zukunft fliegender Autos. Sie könnten sich in Schwärmen bewegen wie Zugvögel. Das Lehrreichste dabei sind derzeit oft noch die Abstürze. Hier ein Video auf Spiegel.tv.

Nacktscanner: Eine geheimnisvolle Strahlung hält die Physiker in Bann: Allgegenwärtig und doch kaum nachweisbar strahlen die Terahertz-Wellen im Frequenzbereich zwischen Infrarotlicht und Mikrowellen. Nun sollen sie die Krebsvorsorge verbessern und die Flughäfen sicherer machen. (2002)

Der Vater der Zettel-Suchmaschine: Er träumte von einem Weltnetz der Information, das Bücher, Filme und Tonaufnahmen verbindet. Nun wird der Belgier Paul Otlet als Vordenker des Internet wiederentdeckt.

Selbst bei Medienwissenschaftlern ist der Brüsseler Bibliotheksexperte Otlet (sprich: Otlé) fast unbekannt, sogar in seiner Heimat Belgien. Und wenn es um die Vor- und Frühgeschichte des World Wide Web geht, beginnen die meisten Historiker mit dem amerikanischen Wissenschaftler Vannevar Bush, der in seinem Aufsatz „As we may think“ eine kühne Vision entwarf: eine Multimediamaschine namens Memex.

Bushs Artikel allerdings erschien erst 1945, elf Jahre nach dem Buch des Belgiers. Ist das Internet also keine amerikanische Vision, sondern eine europäische?

Diese Frage zumindest wirft ein belgisches Museum auf, das Otlets Lebenswerk gewidmet ist und sich mit einer neuen Veröffentlichung schon einmal warm läuft für den 100. Jahrestag von Paul Otlets wohl größtem Triumph: einer internationalen Konferenz in Brüssel, die zur Gründung des sogenannten Mundaneums führte*.

Das Mundaneum (von „mundus“, die „Welt“ auf Lateinisch) war gedacht als Auskunftei allen Weltwissens. In einem ausgeklügelten Karteikartensystem waren über 15 Millionen Werke handschriftlich verzeichnet und nach Themengebieten geordnet, hinzu kam eine riesige Bilderdatenbank. Wer eine Frage hatte, sandte einen Brief an das Mundaneum, wo Bibliothekare sich durch den Superkatalog wühlten, um die Anfrage zu beantworten – handschriftlich und per Post, für fünf Centimes pro Karteikarte. Allein im Jahr 1912 wurden 1500 Anfragen gestellt, zu allen erdenklichen Themen, von Bumerang bis zum bulgarischen Finanzwesen.

Rückblickend erscheint das Mundaneum wie eine Art analoge Suchmaschine, ein Papier-Google. Statt aus riesigen Serverfarmen bestand es aus einem schier endlosen Spalier hölzerner Karteikästen, seit 1920 untergebracht im herrschaftlichen Palais Mondial im Zentrum von Brüssel.

Der Fluch des Zahnradhirns: 1823 begann der Erfinder Charles Babbage mit dem Bau einer visionären Rechenmaschine – und scheiterte. Erst jetzt wurde der mechanische Computer vollendet. (2001)

Das ist ein kleines Wunderwerk der Technik, das die mathematischen Ergebnisse gleichzeitig auf Papier ausdruckt und auf eine Druckplatte prägt. Vergangenen Dienstag wurde das neue, alte Gerät erstmals getestet.

Ohne den Drucker wäre die „Difference Engine No. 2“ wertlos gewesen, wusste schon ihr Erfinder Charles Babbage. Sein Ziel waren absolut zuverlässige Zahlen – um Leben zu retten. Es war die Zeit der so genannten Tabellenkrise: Anfang des 19. Jahrhunderts mussten Seefahrer astronomische Daten für ihre Positionsbestimmung in Tabellenbüchern nachschlagen; diese Navigationshilfen wurden in mühsamer Handarbeit von einem Heer von so genannten Computern vorausberechnet – so nannte man damals Hilfsarbeiter mit Rechenschiebern.

Doch weil die lebenden Computer beim Rechnen und Drucken häufig schlampten, fuhren immer wieder Schiffe in die Irre oder liefen gar auf Grund. „Ich wünschte bei Gott“, fluchte Mathematiker Babbage beim Verwenden der Zahlenkolonnen, „dass eine Dampfmaschine diese Berechnungen gemacht hätte!“ Also entwarf er eine mechanische Rechenmaschine und ließ eine erste kleine Demoversion bauen. 1823 wurde er dann von der englischen Regierung beauftragt, seine „Differenzenmaschine“ zu bauen, um „Logarithmentafeln so billig wie Kartoffeln“ am Fließband herzustellen.

Mit diesem Großauftrag nahm eine Tragödie ihren Lauf, die viele Probleme der heutigen Software-Branche vorwegnahm: verpasste Deadlines und verzweifelte Updates, spektakuläre Demoversionen und gigantische Fehlinvestitionen.

Das erste Computerspielemuseum Europas eröffnet (anno 1997 – DIE ZEIT)

Am 31. Januar eröffnet im Berliner Bezirk Mitte Deutschlands erstes Computer- und Videospielemuseum. Es besteht zwar nur aus zwei Zimmern in einer liebevoll umfunktionierten Wohnung, aber auf den fünfzig Quadratmetern finden immerhin einige Monitore und Konsolen Platz, und Schautafeln erläutern die Geschichte der digitalen Spiele.

Der Rundgang beginnt mit Pong (Pong für zwei Personen zum Herunterladen), dem ersten kommerziell erfolgreichen Spiel: Je ein beweglicher Balken links und rechts und ein springender Punkt dazwischen verwandeln den Bildschirm in einen minimalistischen Tennisplatz. Neben der kapitalistisch bunten Ausgabe von 1972 findet sich, ganz in Schwarzweiß, ein zehn Jahre jüngerer Klon namens BSS 01, das erste und letzte Videospiel der DDR, gefertigt im VEB Halbleiterwerk Frankfurt. 

In der Öffentlichkeit erregen Computerspiele noch immer Argwohn; vor allem wegen der gewissen Neigung zu Gewalt und Zerstörung, die ihnen von Anfang an innewohnte. Schon das erste Computerspiel namens Space War, 1961 vom Bostoner Informatikprofessor Steve Russel programmiert.

Schmundt, Hilmar: „Strom, Spannung, Widerstand. Hyperfictions – die Romantik des elektronischen Zeitalters“ in: Martin Klepper, Ruth Mayer, Ernst-Peter Schneck (Hrsg.): Hyperkultur. Zu Fiktion des Computerzeitalters.Berlin, NewYork 1996

Schmundt Hilmar: Hyperfiction: The Romanticism of the Information Revolution, in: Southern Humanities Review, Vol. XXIX No 4 Fall 1995, Seite 309-325 

„Precisely this prelapsarian reunification of writer and reader is what Michael Joyce attempts: He does not mark the words that yield in afternoon. Instead, he assumes that the reader will know, somehow which words to choose; What I shall assume you shall assume. For every atom belonging to my hyertext as well belongs to you.“ 

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Mekkas der Moderne: Paradiese für Nerds

In 76 Kapiteln führen bekannte Schriftsteller, Forscher und Journalisten quer durch den Kosmos der globalisierten Wissensgesellschaft (Hier ein Film dazu auf  Youtube).

Es gibt verschiedene Lesepfade durch das Buch (Hier ein Mashup auf Google Earth). Einer davon folgt Orten der Technik, mit Kapiteln von Steve Wozniak, Peter Glaser, Gundolf S. Freyermuth.

Der Technik-Lesepfad verläuft so:

1 Cape Canaveral, Florida: Das Kap der hohen Hoffnung (Peter Glaser)

11 Das Cern bei Genf: Eine Kathedrale der Physik (Mathias Kläui)

14 Die Bibliothek von Alexandria: Wissen als politische Macht (Bernd Musa)

15 Google: Der Schlitz (Peter Glaser)

16 Antarktis: Flucht ins Eis (Gerald Traufetter)

27 Bangalore:     Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips (Ilija Trojanow)

29 Die Apple-Garage:     Die Legenden des Rocky Raccoon Clark (Steve Wozniak)

30 Miraikan, Tokio:     Humanoide hinterm Absperrband (Charlotte Kroll)

31 Baikonur, Kasachstan:     Himmelfahrt in der Steppe (Hilmar Schmundt)

34 Mauna Loa, Hawaii:     Eine Kurve verändert die Welt (Christopher Schrader)

39 Oberwolfach:     Der Welt entrückt im Paradies der Mathematiker

(Christian Fleischhack)

42 Nature, Crinon Street 4, London:     Plaudern, Rauchen, Picheln

(Hilmar Schmundt)

44 Kernforschungszentrum Dubna, Russland:     Atom rabotschij

(Meinhard Stalder)

52 Europäische Südsternwarte, Chile:     Nach den Sternen greifen

(Dirk H. Lorenzen)

55 Aspen, Colorado:     Gipfelstürme der Physik (Ulrich Schollwöck)

59 Porthcurno, Cornwall:     Die lange Leitung (Simone Müller)

61 Deutschland:     Kraftwerk Autobahn (Erhard Schütz)

62 Bureau International des Poids et Mesures, Sèvres:     Der Welt Standard(Milos Vec)

71 Phoenix, Arizona:     Der kühle Kult der Kryonik (Gundolf S. Freyermuth)

74 Mars:     Krieg der Welten (Karlheinz und Angela Steinmüller)

75 Second Life:     Der Niedergang (Andreas Rosenfelder)

76 Der Unerreichbarkeitspol der Erde (Martin Wilmking)

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Interaktive Karten mit ausgewählten Mekkas

http://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=en&oe=UTF8&msa=0&msid=104813293798535141111.00049156f49f5437e5c1a&ll=21.289374,-94.21875&spn=151.485441,298.828125&z=1&output=embed
View Larger MapAUSSCHNITT: EUROPAhttp://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=en&oe=UTF8&msa=0&msid=104813293798535141111.00049156f49f5437e5c1a&ll=51.013755,5.537109&spn=19.399054,37.353516&z=4&output=embed
View Larger Map

FÜR MAUSPOTATOES: die ersten 16 Kapitel als Flug durch Google Earth auf Youtube


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Online-Debatte über Sinn und Unsinn der Suche nach Mekkas der Wissenschaft

Pilgerorte der Wissensgesellschaft? Diese Vorstellung stößt im Forum der “Brights” bei vielen Teilnehmern auf erheblichen Widerstand. Doch gibt es immer wieder Stimmen, die dann doch faszinierende Orte nennen, die einen emotionalen Mehrwert versprechen, der über rein rationale Ansätze der wissenschaftlichen Arbeit hinausgehen. Ein Diskussionsteilnehmer namens Twilight schreibt:

“Wer hat noch nie an einem schulischen Wandertag teilgenommen, dessen Ziel ein Naturkundemuseum war? Ich denke, hier gibt es eine gewisse Parallele zu einer Pilgerfahrt. Das Ziel, ein Gefühl für das zu bekommen, was hinter der “Erhabenheit” dieses Ortes steckt. Wie ich schon mal schrieb, geht es dabei nur um Emotionen, die aber auch für Naturalisten wichtig sind.”

Welche Orte also werden in der Diskussion der Brights genann als potentiell erhaben? Es geht vor allem um  Bibliotheken und um Naturschönheit. Genannt werden unter anderem:
-Das Barrier Reef
-Die kanadischen  Berge und Wälder
-Die Haardanger Vidda in Norwegen
-Rocky Mountains, Alpen, Himalaya
-Der Grand Canyon
-Das Altmühltal
-Die Skyline einer Großstadt
-Ein Raketenstart
-Geysire

Immer wieder taucht ein Einwand auf im Diskussionsforum: die Vergleichbarkeit von Religion und Wissenschaft in Bezug auf das Erhabene. Ein Forumsteilnehmer namens Whatshisname schreibt:

“Ich will einfach nicht mit Theisten in einen Sack gesteckt werden…als ob wir Naturalisten irgendwann als “normale Religion” gelten würden, um dann jeden Tag unseren Glauben durch die Neigung unseres Kopfes in Richtung Darwins Geburtsorts zu bekunden.”

Lassen sich religiöse und areligiöse Verhaltensweisen und Formen der Inspiration miteinander vergleichen? Immer wieder taucht diese Frage auf in “Mekkas der Moderne”. Hildegard Westphal zum Beispiel, eine der Herausgeberinnen des Buches, schreibt über Stevns Klint, eine geologisch einzigartige Klippe in Dänemark:

“Die Besucher, die mit diesem Szenario vertraut sind, erkennt man leicht. Sie wandern in kleinen Gruppen am Kliff entlang. Bleiben stehen, diskutieren. Auch bei Sommerhitze tragen sie schwere Bergstiefel. Sie fahren mit ihren Fingern vorsichtig über das Gestein, insbesondere dort, wo sich ein grauer Streifen durch die Wand zieht. Sie gehen so nah heran, dass sie es fast mit der Nasenspitze berühren, wie kurzsichtige Leser, die geheimnisvolle Zeilen in einem uralten Folianten entziffern.
Dieser graue Streifen im Gestein – Fischton oder auch »Fiskele- ret« genannt – ist weltberühmt. Hier, genau in diesem Moment, sind die Dinosaurier ausgestorben, und mit ihnen Ammoniten und etliche andere Tiergruppen. Man kann den Finger auf den Augenblick des Verschwindens legen, zumindest, wenn man, wie Geologen sich das näherungsweise gestatten, Gestein und Zeit gleichsetzt. Doch man sieht keine Dinosaurierknochen und auch sonst keine direkten Anzeichen einer Katastrophe. Wer die Zeichen an der Wand entschlüsseln will, muss sich auf die Finessen feinsinnigster Detektivarbeit einlassen.”

In vielen Kapiteln geht es genau um dies zentrale Problem der Evidenz. Was ist ein Faktum – und wie erkenne ich es? Viele besondere Orte erschließen ihre Bedeutung nicht von sich selbst. Sie werden erst bedeutsam, wenn ihre Größe oder Schönheit durch Verständnis komplizierter Prozesse nachvollzogen wird. “Meine Wahrnehmung übersteigt gleichsam den reinen Gegenstand – das ist das Erhabene”, wie es der Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann sagt (in Rückbezug auf Kant). Ähnlich verläuft auch die Diskussion im Internet-Forum der Brights. Twilight schreibt:

“Für echte Gelehrte, die professionelle Forschung betreiben, sind solche speziellen Orte eher zweitrangig. Aber sie tragen die wichtige Aufgabe, Begeisterung zu wecken und halbgeschlossene Augen zu öffnen – die Menschen emotional an die Wissenschaft zu binden, wie Mekka, Jerusalem, Ararat, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris oder der Uluru es für die verschiedensten Religionen tun.”

(HS)

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Willkommen im Inder-Net

Bangalore, das indische Hightech-Mekkas, ist Schauplatz einer neuen Fernsehserie in einem neuen Format, die am 16. November beginnt. “Dark Fibre”heißt die halbdokumentarische Internet-Serie (sagt man das: Internet-Serie?), die über das Videonetzwerk http://www.babelgum.com exklusiv per Internet “ausgestrahlt” wird (“ausgestrahlt”?).

Der Regisseur Jamie King (“Steal this Video”) folgt dabei den Mitarbeitern einer kleinen Kabelfernsehfirma in Bangalore, die nachts als “Cable wallahs” illegal DVDs ins Netzspeisen und tags die morschen Kabelstränge reparieren – und dabei wie durch Zufall in die finsteren Machenschaften eines Unternehmers verstrickt werden. Als Gastkommentator tritt niemand anders auf als Noam Chomsky, der umstrittene Linguist vom MIT, der immer wieder durch politische Fundamentalkritik auf sich aufmerksam macht.

Das einzigartige Nebeneinander von Internet-Träumen und traditioneller Mystik beschreibt auch Ilija Trojanow in dem Buch “Mekkas der Moderne” .

(WERBEUNTERBRECHUNG: “Mekkas der Moderne” hat es übrigens gerade auf die Shortlist als “Wissenschaftsbuch des Jahres” geschafft.Nun dürfen die Leser abstimmen im Netz.)

Danke. Hier nun also Trojanows Kapitel, frei herunterladbar, verteilbar, empfehbar, ganz im Sinne der Cable Wallahs aus “Dark Fibre”.

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Kapitel 26: Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips

Ilija Trojanow

Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Bangalore erfährt der indienerfahrene Reisende angesichts glatter Alleen, leuchtender Laternen und begehbarer Bürgersteige einen Kulturschock. Zu beiden Seiten des dichten Verkehrs wird eifrig gebaut: Luxushotels, Appartementblocks mit imposanten Namen wie Akropolis und Säulen, die bis in den zehnten Stock hinaufreichen, sowie Einkaufszentren wie das bizarre Kemp Fort – einem Neuschwanstein unter den Shopping Malls, das sich uns schon am Flughafen mit einer in Zellophan eingewickelten Rose empfahl.

Trotz jüngster Unkenrufe von Übersiedlung und Verwahrlosung: der Großraum Bangalore wird seinem Namen als Silikon-Plateau weiterhin gerecht. Immer noch entscheiden sich viele internationale Investoren für diesen Standort, obwohl mit Hyderabad in den letzten Jahren ein ernsthafter Konkurrent um ihre Gunst herangewachsen ist. Die Sieben-Millionen-Metropole rüstet sich für die Zukunft: Planierraupen ebnen den Weg für eine zweispurige Ringautobahn; die Stadtväter planen eine Hochbahn, und am Stadtrand glänzt die blaue Glasfassade des kurz vor der Jahrtausendwende eröffneten »International Tech Park«.

Wer das Gelände betritt, verlässt das gemeine Indien. Mehrere Bauten, um einen frisierten Rasen gruppiert und unterirdisch miteinander verbunden, bekennen sich in ihrer Nomenklatura zu einer postmodernen Trinität: Entdecker – Schöpfer – Erfinder. Die so benannten Büropaläste haben ein wahres »Who is Who« der zeitgenössischen IT-Wirtschaft angelockt.

Der überwiegende Teil der hier niedergelassenen Firmen stammt aus dem Ausland, darunter auch SAP und Siemens. Die etwa 24.000 Mitarbeiter hingegen werden – von einigen Geschäftsführern abgesehen – allesamt vor Ort angeworben. Denn vier renommierte Hochschulen in Bangalore bringen eine beachtliche jährliche Ernte an qualifizierten, ambitionierten Fachkräften hervor, die sich gewiss glücklich schätzen, in diesem »technischen El Dorado« (laut Prospekt) arbeiten zu dürfen.

Tatsächlich erscheint einem der schicke Technopark wie aus einer Märchenwelt, wie eine von hohen Mauern umfasste Insel der Glückseligen mit eigener Stromversorgung und eigener Kanalisation, auf der man sich im Fitnessstudio oder bei Billard von seinen Aufgaben erholt (»Arbeiten-Leben-Spielen«, laut Prospekt). Bank, Bar, Krankenhaus sowie diverse Läden greifen schon auf die zweite Baustufe vor, bei der auch ein Wohnkomplex entstehen soll, um die Entwicklung zur autarken High-Tech-Station erfolgreich abzuschließen. Eigentlich fehlt dem golfplatzgroßen Gelände nur eines: ein Tempel.

Religiöse Abhilfe findet sich im nahe gelegenen Ashram Brindavan. Hausherr Sai Baba, dem zum 75. Geburtstag vor ein paar Jahren ein Stadion voller Anhänger gratulierte, nennt sich ohne falsche Bescheidenheit Bhagwan – der Noble, der Heilige, der Erhöhte, kurzum: Gott. Kein Wunder, dass er sich selbst zu Ehren einen Tempel mit klassizistisch-orientalischen Kuppeln hat errichten lassen (wer als Gott neben ihm steht, kümmert Sai Baba wenig, weswegen Menschen aller Konfessionen zu ihm pilgern). Der Ashram ist so streng bewacht wie der Tech-Park. In beiden Fällen obliegt die Verantwortung für die Sicherheit pensionierten Offizieren der indischen Armee, steifschlanke Asketen, die in einem merkwürdigen Gegensatz zu den barocken architektonischen Manifestationen ihrer jeweiligen Arbeitgeber stehen.

Sai Baba dürfte der politisch einflussreichste Guru Indiens sein. Zum Geburtstag wartete ihm eine Galerie von Ministern und Philistern auf. Obwohl der Wunderwirker schon mehrfach des Betrugs entlarvt worden ist – seine Materie-ist-Energie-Philosophie offenbart sich durch billige Zaubertricks – ist er erst neuerdings in unrühmliche Schlagzeilen geraten. Eine Reihe ehemaliger Verehrer haben ihn des sexuellen Missbrauchs bezichtigt und Medien in Australien, Schweden, London und München orale Details anvertraut. Der Skandal sickerte – wie so oft – zuerst ins Internet. Für wahre Gläubige kein Grund zur Skepsis, denn der Guru lehrt, dass »wir nicht ins Internet, sondern ins innere Netz blicken sollten«. Zudem sei jede Handlung des Babas ein »Lehren« – was Unverständigen falsch oder verwerflich erscheinen mag, wird zweifellos seinen rechten Grund und Sinn haben.

Dem Erfolg des aus ärmlichen Verhältnissen in die Sinnstiftungselite aufgestiegenen Sektenführers wird diese Kontroverse wenig anhaben können. Das gerade fertig gestellte Shri Sai Baba Institute of Higher Learning, ein gigantischer »When-Xanadu- met-Stalin«-Bau, setzt den Errungenschaften des Heiligen ein philanthropisches Denkmal. Sai Baba scheint die okkulten Bedürfnisse der Ersten Welt ebenso effizient zu befriedigen wie der Tech-Park die professionellen.

Hinter Bangalore, nachdem man die National Aerospace Laboratories, das Indian Satellite Research Center und die Hindustan Aeronautics Limited hinter sich gelassen hat, fällt man durch die Zeit und landet irgendwo im Mittelalter. Der Strom der Moderne erweist sich als urbanes Binnenmeer ohne Ausflüsse. Die Menschen leben in Lehmhütten mit Palmdächern, die Frauen tragen Wasserkrüge zum Brunnen, trennen die Spreu vom Weizen, indem sie das Getreide aus vollen Tellern in den Wind hinein werfen. In einem seltenen Zugeständnis an die Technologisierung breiten sie das Korn über die Straße aus und bedienen sich der Autoreifen zum Dreschen.

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