(Un-)Glauben

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Am 28. September fand in Berlin die Premiere einer deutschen Franchise der Sunday-Assembly statt, einer Atheistenkirche, die „radikalinklusiv“ sein will: Auch Christen sind willkommen, denn Glauben ist Privatsache.

Die Predigerin an diesem Tag, Sue Schwerin von Krossigk, hatte in der Spiegel-Titgelgeschichte von der Sunday Assembly erfahren. Daraufhin entschloss sie sich, selbst eine Filiale mitzugründen.

 

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Gottlose Kirchgänger: Die Sunday Assembly will eine Kirche ohne Gott sein. Nach 18 Monaten gibt es bereits über 50 Gemeinden weltweit. Und die ersten Abtrünnigen.

Ostersonntag, die Glocken läuten im Londoner Stadtteil Holborn. Auch in der Kirche ohne Gott feiert die Gemeinde den Tag des Herrn. Die Ungläubigen singen und schnippen mit den Fingern. Die Band spielt „Wake me up before you go-go“. Es folgt eine Predigt über Optimismus und Hirnforschung, dann geht der Klingelbeutel herum.

„Sunday Assembly – a godless congregation“ nennt sich die neue Atheistenkirche, gegründet im Januar 2013. Es könnte eine der am schnellsten wachsenden Weltanschauungsgemeinschaften der Geschichte werden: Nach

einem Jahr gab es bereits 30 Gemeinden, bis Ende des Jahres sollen es 100 sein, von Atlanta bis Adelaide, von São Paulo bis Singapur. Berlin soll bald folgen.

„Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen – und lassen Gott einfach weg“, sagt Sanderson Jones, dessen feuerroter Rauschebart an eine Karikatur von Moses oder Darwin erinnert. Von Berufs wegen ist Jones Stand-up-Comedian, genau wie Mitgründerin Pippa Evans, die meist die Sing- und Tanzeinlagen übernimmt.

(….)

Die Sunday Assembly legt Wert auf Offenheit. Und genau deshalb erlebt sie schon jetzt eine atheistische Variante des Kampfes Luther gegen Papst. Zum einen beschwerte sich der britische Essayist Alain de Botton, dass die gottlose Sonntagspredigt seine Idee gewesen sei. Seine Lebensberatungsfirma School of Life berechnet pro „Sunday Sermon“ Eintrittspreise von 15 Pfund.

Noch erbitterter lief die Abspaltung von der Sunday Assembly in New York: „Was als eine atheistische Komikerkirche anfing, soll jetzt eine zentralisierte humanistische Religion werden“, schimpft ein Mitglied, dessen Wunsch nach antichristlicher Polemik von den gottlosen Oberhirten in London abgeblockt wird. Per Facebook hat der Abweichler eine Konkurrenzkirche gegründet mit Namen „Godless Revival“.

In der Zentrale sieht man die Abspaltung gelassen: „Das ist doch wunderbar“, sagt Jones, „ich sehe das als Produktentwicklung.“

 

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Viertausend Jahre Zweifel: In Oxford berieten Altertumsforscher über frühe Formen des Atheismus: Der Unglaube, so ihre Botschaft, sei keine Erfindung der Neuzeit, sondern älter als das Christentum.

„Einer der Organisatoren der Tagung ist Tim Whitmarsh. Der Professor für Alt- philologie wuchs katholisch auf, ist aber nicht mehr gläubig. In Konferenzpausen twittert er ketzerische Sprüche wie: „Mein liebster Atheisten-Rocksong: Too Much Jesus, Not Enough Whiskey.“

„Viele Menschen denken ja, der Unglaube sei ein Produkt der Aufklärung und Industrialisierung, aber das stimmt nicht“, sagt Whitmarsh. „Schon im alten Ägypten gab es Zweifler und Ungläubige, die Quellenlage ist eindeutig.“

Verglichen mit der altehrwürdigen Tradition des Unglaubens sei das Christentum fast neumodischer Schnickschnack. Ob Osiris, Zeus, Thor, Bhagwan, Jesus oder Mohammed: Die Götter und Erlöser kommen und gehen, das eherne Fundament des Zweifels aber bleibt bestehen – nachweisbar seit mehr als 4000 Jahren.“

Hier ein Video zu einem Teilaspekt: In der Kirche nur ein paar Schritte von der Konferenz entfernt predigt Pastor Brian Mountford. Viele Mitglieder seiner Gemeinde sind „Christliche Atheisten“:

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Gottlose Trendsetter: Worin unterscheiden sich Ungläubige von Gläubigen? Atheisten sind gebildeter, toleranter und wissen mehr über den Gott, an den sie selbst nicht glauben.

„Die Konfessionslosen sind das am schnellsten wachsende Segment auf dem Markt der Weltanschauungen“, sagt Kosmin. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich ihre Zahl in den USA auf 15 Prozent verdoppelt.“

Der Leiter des „Institute for the Study of Secularism in Society and Culture“ am Trinity College in Hartford, Connecticut, gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich dem Studium des Säkularismus verschrieben haben. Dazu gehören Gruppierungen wie Atheisten, Agnostiker, Humanisten und religiös Indifferente.

Weltweit kommen Religionslose mit einem Anteil von rund 15 Prozent (1 Milliarde) bereits an dritter Stelle nach Christen (rund 2,3 Milliarden) und Muslimen (etwa 1,6 Milliarden). Dennoch ist über die Gottlosen erstaunlich wenig bekannt: Wer sind sie, was glauben sie?

Pulitzer Prize 2012: Gott? Gibt es nicht. Der US-Autor Stephen Greenblatt wird am Montag für seine Aufklärungsgeschichte „Die Wende – Wie die Renaissance begann“ mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über seine eigene Bekehrung zum Unglauben, nackte Deutsche im Park – und seine Mutter.

Mekkas der Moderne: Angefangen hat alles mit einem Salonspiel zwischen Forschern, Schriftstellern und Journalisten: Was sind die Pilgerstätten der Wissenschaft?

Panthéon, Paris: Zentralheiligtum und Zankapfel. Hin und her, hin und her. Fast unmerklich voran und immer im Kreis. Träge schwingt das Pendel, ein stummer Beweis: Und sie bewegt sich doch. Die Besucher verstummen und lassen sich von dem Foucaultschen Pendel hypnotisieren, 28 Kilo schwer, hängend an einem über 70 Meter langen Draht, der sich in der Höhe fast verliert, aufgehängt mitten im »Auge Gottes«, dem Scheitelpunkt der Kuppel im Panthéon von Paris, einem Tempel, geweiht dem Fortschritt und der Aufklärung.

Schaufenster einer anderen Aufklärung: Die ganze Welt ein Warenhaus, ein Tempel des Konsums, ein Mekka der Moderne: Über eintausend Jahre des Wissens gepaart mit 275 Geschäften, 50 Restaurants und 21 Filmleinwänden. Willkommen in der Ibn Battuta Mall in Dubai, dem größten Kaufhaus seiner Art, gleichzeitig Freizeitpark, Museum und Zukunftslabor für die globalisierte Gesellschaft.

British Museum: Wer diesen Ort betritt, braucht nicht den Hut zu ziehen oder die Kippa überzustreifen, nicht zu flüstern oder zu schweigen. Ein paar respektlose Fragen genügen – schon ist man Teil der Gemeinde. Willkommen im Lichthof des British Museum, dem Wohnzimmer der Götter – und dem Ort ihrer Entzauberung.

Für Kritiker sind viele der britischen Sammlungsstücke nichts als Beutekunst indigener Völker, zusammengeraubt in den einstigen Kolonien. Griechenland etwa fordert die Parthenon-Reliefs zurück, China die über 23.000 Kunstwerke aus dem Reich der Mitte, auch jüdische Erben haben sich gemeldet. 

Je stärker der moralische Druck wird, desto aggressiver inszeniert das Museum die Werte der Transparenz und des Universalismus. Die gigantische Glaskuppel ist auch eine Verteidigungsstrategie. Ein Schachzug im Kampf um die kulturelle Hoheit könnte der neue Internet-Auftritt werden: Die Besucher können sich dann online über die Bestände informieren, egal ob in Newcastle oder in Nairobi. Damit könnte endlich auch die leidige Debatte um die Rückgabe der Exponate an die Herkunftsländer vom Tisch sein, so mag der Direktor des Online-Museums insgeheim hoffen. Als symbolische Geste des guten Willens hat das British Museum aber dennoch den Stein von Rosette nach Kairo schicken lassen – als Abguss. 

Doch der virtuelle Raum dürfte wohl kaum die Sehnsucht nach einer Pilgerreise zum realen British Museum und zum realen Stein von Rosette ersetzen; jenes erhabene Gefühl, in den hellen Lichthof zu treten und sich mit den Füßen auf das Wort „knowledge“ zu stellen. Nicht jeder versteht das Motto des British Museum auf dieselbe Weise, sein Universalismus scheint nicht universell zu sein. Es macht eben einen erheblichen perspektivischen Unterschied, ob man von unten durch das Glas hinausblickt – oder von draußen hinein. Immer wieder kommt es zu tödlichen Missverständnissen, denn Transparenz birgt eigene Risiken. Möwen stoßen aus heiterem Himmel herab und zerschmettern mit tödlicher Wucht an den Scheiben. Im Museum geht man mit diesen Kollateralschäden pragmatisch um. Um Tauben und Möwen zu verjagen, wird Emu alle paar Wochen auf Patrouille geschickt, hoch droben im Luftraum über der Kuppel und über dem Union Jack. Emu ist ein Falke. Ein entfernter Verwandter des ägyptischen Falkengottes Horus also, dem Inbegriff von Ordnung und Allwissenheit. 

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