Absagen an den Untergang: Warum einige Verfechter des Konstruktiven Journalismus viel zu pessimistisch sind

Hervorgehoben

Auszug aus dem E-Book: Absagen an den Untergang.

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Wir leben in schrecklichen Zeiten: Terror in Europa, Krieg im Nahen Osten, Armut in Afrika. Die Schlagzeilen schreien täglich Katastrophen hinaus. Vieles davon mag für sich genommen korrekt sein. Doch stimmt auch das Gesamtbild vom allgemeinen Niedergang?

Weltweit formiert sich seit ein paar Jahren eine Bewegung der „rationalen Optimisten“ als Gegengewicht zu apokalyptischen Warnern, die immerzu den globalen Kollaps heraufbeschwören. Doch die Absagen an den Niedergang verschwinden oft hinter finsteren Schlagzeilen, die dem Sprichwort folgen: Probleme schreien – Lösungen flüstern.

Krieg und Mord zum Beispiel würden nicht mehr, sondern weniger, argumentiert der Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“.

Hans Rosling, Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet in Stockholm, unterhält sein Publikum mit kurzweiligen Pointen, die von einer besseren Welt erzählen: „Don’t Panic“ heißt eine Filmreihe, die er mit dem britischen Sender BBC produziert hat.

Max Roser, Datenspezialist am Institute for New Economic Thinking der Universität Oxford, stellt fast täglich erstaunliche Statistiken vor auf seiner Website Ourworldindata.org: Die Kindersterblichkeit etwa hat sich alleine seit 1990 weltweit halbiert. Ein großartiger Erfolg, von dem kaum jemand Notiz nimmt. Denn schlechte Nachrichten lassen sich oft genau datieren, gute dagegen beruhen meist auf sehr langsamen Trends, sagt Roser: „Ich kann keine Schlagzeile machen, die lautet: ‚Die Kindersterblichkeit fiel gestern wieder einmal um sensationelle 0,00719 Prozent‘.

Hart geht Roser mit den Medien ins Gericht – und nimmt auch die SPIEGEL-Gruppe nicht aus. „If it bleeds, it leads“, heißt ein zynisches Sprichwort: Rotlicht, Blaulicht, Kriege dominieren die Schlagzeilen. Es gehört zum Selbstverständnis vieler Journalisten, eher nach dem Haar in der Suppe zu suchen als nach Sahnehäubchen darauf. Wie wäre es, hin und wieder die Blickrichtung umzukehren: „If it succeeds, it leads“?

„Konstruktiver Journalismus“ oder „Solutions Journalism“ wird ein Ansatz genannt, der auch bei schwierigen Themen Hoffnung macht, Erfolgsmodelle erwähnt und über das Tagesgeschehen hinausweist. . Dabei geht es nicht um Gutelaunejournalismus, sondern um kritische Recherchen zu Themen wie Klimawandel, Drogenpolitik oder Kinderarbeit. Denn wer nach Lösungen sucht, muss zunächst einmal die Probleme benennen. Die Auswahl soll dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern vor allem unterhalten und anregen.

Was ist Konstruktiver Journalismus?

Wer zehn Journalisten danach fragt, bekommt mindestens elf Antworten. Die Website des amerikanischen „Solutions Journalism Network“ hat jedoch ein paar Kernelemente herausdestilliert, die einen konstruktiven Beitrag oft kennzeichnen:

-Erklärt er die Hintergründe eines Problems?

-Präsentiert er eine passende Lösung?

-Erwähnt er auch die Grenzen des vorgeschlagenen Ansatzes?

-Feiert er nicht einfach einen Held ab, sondern präsentiert eher eine Methode?

Derlei Fragen dienen lediglich als Richtschnur, nicht als Patentrezept. Oft handelt es sich bei dem Genre um Mischformen, die Lösungen eher andeuten als hinausposaunen. Das muss keine Schwäche sein, sondern kann Vorteile bieten: It’s not a bug – it’s a feature. Denn jeder Verstoß gegen das stilistische Reinheitsgebot kann ein Risiko des Konstruktiven Journalismus abmildern: Er neigt hochdosiert teils zu moralinsaurer Besserwisserei. Und verstößt damit gegen ein ehernes Gesetz: Du sollst nicht langweilen.

Ist konstruktiver Journalismus naiv?

Manchmal wird dem Konstruktiven Journalismus unterstellt, dass er optimistisch oder sogar blauäugig sei. Schlagwort: „Keine Angst vorm Kuscheln.“

An diese Kritik schließt sich oft eine zweite an: dass er den Lesern und Zuschauern pädagogisch, paternalistisch und penetrant vorschreibe, wie sie die Welt zu sehen haben. Totschlagwort: „Nanny-Journalismus„.

Derlei Einwände sind nicht neu. Sie werden seit Jahren intensiv diskutiert, vor allem in den USA, in Dänemark und Schweden. Schon 2007 forderte Lisbeth Knudsen in einem Leitartikel einen stärkeren Fokus auf Konstruktiven Journalismus. Knudsen tat das als Chefin des dänischen Medienkonzerns Berlingske, einem Schwergewicht mit einer über 250-jährigen Tradition. Etliche Medienhäuser haben seitdem eigene Angebote entwickelt, vom niederländischen Startup „De Correspondent“ bis hin zur Washington Post mit der Rubrik „The Optimist“ oder zur New York Times mit  dem Blog „Fixes“ („Lösungen“).

„Fixes“ wurde mit ins Leben gerufen vom Buchautor und Reporter David Bornstein, der außerdem das bereits genannte Solutions Journalism Network mit betreibt. Bornstein geht es nicht um Wohlfühl-Journalismus – ganz im Gegenteil. Er sieht weichgespülte Gutelaunegegeschichten nicht als Teil des lösungsorientierten Journalismus, sondern als Teil des Problems. Seine Website warnt explizit vor Trittbrettfahrern („Solutions Journalism Impostors“), die mit naiven Gutgemeintheiten unter falscher Flagge segeln.

Ist Konstruktiver Journalismus dasselbe wie Positiver Journalismus?

Wenn Konstruktiver Journalismus umkippt in seine Kuschelform, den Positiven Journalismus, blickt er oft nur noch mit einem Auge auf die Welt: gutgläubig, handzahm und durch eine rosarote Brille. Christin Fink vom Deutschen Fachjournalisten-Verband schreibt dazu im Sammelband „Positiver Journalismus“, dieser versuche „beim Rezipienten positive kognitive, affektive und motivationale Wirkungen hervorzurufen. Damit stellt positiver Journalismus einen normativen – gegebenenfalls sogar pädagogischen – Ansatz dar.“

Beispiele für derlei Positiven Journalismus finden sich immer wieder in der Reihe „Heroes“ von CNN, in der Rubrik „Good News“ des Senders ABC, bei der Huffington Post oder auf der Website Positive News.

Konstruktiver Journalismus dagegen ist nach dieser Definition nicht positiv. Sondern zunächst einmal handwerklich sauber: kritisch, relevant, offen für unangenehme Wahrheiten. Denn wer Lösungen sucht, muss zunächst einmal die Probleme sehen. Im vorliegenden E-Book tauchen daher auch Artikel über Seuchen, Drogen und religiösen Hass auf. Aber eben ergänzt um eine Zusatzfrage: Wie könnten Lösungsansätze aussehen?

Was ist das „Sechste W“?

Wer, was, wo, wann, warum, diese Fragen gehören zum kanonischen Katalog der journalistischen Fragen. Die dänische Journalistin Cathrine Gyldensted fordert in ihrem Buch „From Mirrors to Movers„, dass diesen fünf Ws ein sechstes W hinzugefügt werden sollte: „Was nun“?

Gyldensted leitet an der Fachhochschule Windesheim in den Niederlanden den Fachbereich „Constructive Journalism“. Im Jahr 2011 schrieb sie in den USA ihre Magisterarbeit zum Thema Positive Psychologie – eine Denkrichtung, die weniger in alten Traumata kramt als Gefühle wie Glück, Optimismus und Zuversicht untersucht. Aus dieser Forschung ging später ihr Buch „From Mirrors to Movers“ hervor. Jahrelang hatte sie zuvor als investigative Reporterin gearbeitet. Ein Ergebnis überraschte sie besonders: Teils reichen schon wenige lösungsorientierte Sätze, um den Grundtenor eines ganzen Artikels grundlegend ins Konstruktive zu drehen – in Richtung des Sechsten W.

Kann Konstruktiver Journalismus kriselnde Medien retten?

„Die Leser von Konstruktiven Artikeln sagen, dass sie sich besser informiert und stärker involviert fühlen und mehr über ein Thema wissen wollen im Vergleich zu Lesern, die Geschichten ohne Lösungshinweise bekamen“, schreibt Gyldensted. Sie untermauert diese Beobachtung mit diversen wissenschaftlichen Studien.

Die amerikanische Zeitung „Deseret News“ zum Beispiel hat einen Vergleichstest gemacht mit zwei Versionen eines Online-Artikels über Gefängnisse. In der ersten Version war der Beitrag auf herkömmliche Weise geschrieben, in der zweiten erwähnte er zusätzlich Lösungsansätze. Die Abstimmung mit der Maus soll eindeutig ausgefallen sein, schreibt Gyldensted: Der konstruktive Artikel fand angeblich 21-mal mehr Leser.

Kann also Konstruktiver Journalismus auch in eigener Sache problemlösend wirken und die Reichweite eines schwächelnden Mediums entscheidend steigern? Das dürfte zu optimistisch sein, vermutet die Fachzeitschrift „Columbia Journalism Review„: „Good news is good business, but not a cure-all for journalism“ – Gute Nachrichten brächten zwar gutes Geld, seien aber kein Allheilmittel.

Auch bei SPIEGEL ONLINE wurde die Erfahrung gemacht, dass schon ein minimalinvasiver Eingriff einen großen Unterschied machen kann. Ein Artikel wurde in zwei Varianten freigeschaltet, die sich durch nur sieben Wörter im Vorspann unterschieden. Die erste Variante wurde so angekündigt:

„In Westafrika sollten deutlich weniger Kinder im Kakaoanbau arbeiten – das versprachen Konzerne und Regierungen. Doch eine neue Studie belegt ihr Scheitern: Die Zahl der minderjährigen Arbeiter auf den Plantagen ist stark gestiegen.“

Die zweite Variante des Vorspanns war genau gleich – aber um einen einzigen Satz länger:

Dabei könnte jeder Verbraucher etwas dagegen tun.“ 

Die Seiten-Abrufe verdoppelten sich daraufhin kurzfristig. Es scheint also eine gewisse Nachfrage zu geben nach lösungsorientierten Berichten. Noch allerdings ist die Datenlage dazu recht dünn. (Der Artikel ist Teil dieser Sammlung.)

Wie engagiert darf Konstruktiver Journalismus sein?

„Nachrichten dienen oft als Grundlage für politische Entscheidungen. Natürlich bewegen wir die Gesellschaft“, schreibt Cathrine Gyldensted in ihrem Buch. Schon der Titel „From Mirrors to Movers“ unterstreicht ihre Forderung, dass Journalisten sich eben nicht nur als neutralen Spiegel der Verhältnisse betrachten sollten, sondern als Motor von Veränderungen.

Gyldensted sieht ihren Ansatz in der Tradition des aus Dänemark in die USA immigrierten Reporters und Aktivisten Jacob Riis, der um 1890 herum mit seinen Fotoreportagen im Buch „How the Other Half Lives“ zum Anführer einer Reformbewegung wurde, welche die Lebensbedingungen in den Slums von New York verbesserte. Diese Denkschule meint: Beim Konstruktiven Journalismus komme zur Funktion eines gesellschaftlichen „Wachhundes“ die eines „Hirtenhundes“ hinzu, der die Leser wohlwollend in eine Richtung lenkt.

Gyldensted kokettiert dabei mit einer eher provokanten Position. Viele Journalisten würden sich traditionell stärker am Motto des Fernsehjournalisten Hans-Joachim Friedrichs orientieren, der einmal sagte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Wie also lässt sich eine Gute Sache erwähnen, ohne sie gleich zu propagieren? Ein Mittelweg könnte darin bestehen, zwar Beispiele für „Best practice“ zu nennen, diese aber möglichst sachlich und auch kritisch zu beschreiben. Was von ihnen zu halten ist, kann dann jeder für sich selbst entscheiden. Der Journalismus wäre bei diesem Ansatz weniger Hirtenhund als „Ideenbasar“, wie es der Essayist Georg Diez in dieser Sammlung formuliert.

Brauchen wir eine Quote für Konstruktiven Journalismus?

Mediale Miesepetrigkeit ist nicht gleichmäßig verteilt, sondern konzentriert sich bei bestimmten Themen. Über Afrika zum Beispiel berichten große deutsche Medienhäuser „zu 60 bis 79 Prozent im Kontext gewaltsamer, latent aggressiver oder zumindest kontroverser Themen“, schreiben die Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez und Anne Grüne im bereits genannten Sammelband „Positiver Journalismus„. Generell gilt: Je näher und vertrauter ein Ort, desto positiver und differenzierter die Berichterstattung.

Um derlei systematische Verzerrungen zu korrigieren, werden bisweilen Quoten ins Spiel gebracht. „Die Medien konzentrieren sich auf negative Berichte“, kritisierte etwa der Chef der öffentlichen südafrikanischen Medienanstalt South African Broadcasting Corporation (SABC) 2013: „Ich glaube, SABC sollte zu 70 Prozent positive Berichte bringen und 30 Prozent negative.“

Diese Forderung löste einen Sturm der Entrüstung aus. „Sunshine news“ wird diese Form von Infotainment in Südafrika genannt. Die meisten Beobachter finden eine solche Quote für Kuscheljournalismus gefährlich. Und ähnlich abwegig, als wollte man im Wetterbericht einen Regenguss schönreden als „flüssigen Sonnenschein“.

Zerstören ‚bad news‘ die Medien und die Demokratie?

Constructive News“ heißt eines der bekanntesten Bücher zum Thema. Es stammt vom dänischen Rundfunk-Journalisten Ulrik Haagerup. Er trägt darin eine Fülle gelungener Experimente zusammen. Tenor: „Constructive news geht es um das Morgen: um Geschichten, die eine öffentliche Debatte über eine bessere Zukunft anregen und für sie werben.“

Um seiner Reform-Forderung Nachdruck zu verleihen, warnt der Untertitel des Buches allerdings leicht alarmistisch: „Why negativity destroys the media and democracy“. Doch wie negativ ist die Medienwelt eigentlich?

„Eine Story, die niemand wütend macht, ist bezahlt“, bimsten Haagerups Dozenten ihm schon am ersten Tag auf der Journalistenschule ein. Er hielt sich daran, wurde ein journalistischer „Bluthund“ und schrieb fortan „kurz und kantig und mit möglichst wenigen Zwischentönen“, wie er mit einem gewissen Sündenstolz vermerkt. Zusammen mit zwei Kollegen deckte er einen Betrug im Finanzsektor auf und bekam dafür den Cavling-Preis, so etwas wie den dänischen Pulitzer. Dann entdeckte Haagerup den Konstruktiven Journalismus und führte ihn als leitender Redakteur beim Sender „DR News“ ein.

Heute sei die Medienbranche „paralysiert und von Zynismus befallen“, schreibt Haagerup: „Die westlichen Demokratien kämpfen um ihr Fortbestehen“.

Die SPIEGEL-Gruppe dient ihm dabei als Negativbeispiel. Am 30. Juli 2013 etwa seien die Schwerpunkte großenteils deprimierend gewesen, schreibt er: Absturz des Goldpreises, Auslieferung von Kriminellen, der Papst spricht über Homosexualität, Polizisten erschießen einen Mann, Überwachung im Alltag, Schwerkranke Teenager.

Dies Programm klingt in der Tat nach medialem Masochismus. Doch zum Glück war es nicht ganz so schlimm, wie Haagerups selektive Auswahl suggeriert.

Denn allein das SPIEGEL-Heft, das an jenem Tag im Juli 2013 am Kiosk auslag, bot eben auch ganz andere Artikel, die Haagerup nicht erwähnt: Beiträge über die Lockerung der Zensur in Burma; über Ärzte, die ehrenamtlich Unversicherte behandeln; über einen ehemaligen Zivi aus Bayern, der in einem Slum in Südafrika eine preisgekrönte Fußballschule aufgezogen hat.

Es geht hier nicht darum, berechtigte Kritik abzubügeln. Der SPIEGEL hat sich seinen Ruf als eher düstere Lektüre schließlich über viele Jahrzehnte mühsam erarbeitet. Aber Haagerups negatives Zerrbild zeigt, dass manchmal gerade diejenigen, die mehr Konstruktiven Journalismus fordern, selbst zur Schwarzmalerei neigen, um aufzurütteln. Dann schlägt Lösungsorientierung um in Erlösungsorientierung.

Was ist der „Negativity Bias“?

„Heute twittern Redaktionen und Politiker – jede Story und jede Politik mit weniger als 140 Buchstaben. Das Produziert Trivialität“, schrieb Ex-Kanzler Helmut Schmidt im Vorwort zu Haagerups Buch: „Die Trivialität und Negativität der Medien infiziert die Politik.“

Doch diese Pessimismuskritik ist wohl zu pessimistisch und einseitig. Denn der Journalismus hat die Negativität nicht erfunden, sondern steht auf den Schultern von Riesen der Niedergangslyrik: Die Geistesgeschichte blickt auf eine stolze, jahrtausendelange Tradition der Untergangsstimmungsmache zurück, von Oswald Spengler über Friedrich Nietzsche bis zur biblischen Apokalypse.

„Jahrzehntelang war es fünf vor zwölf, waren insbesondere die Intellektuellen rechts wie links schier verrückt vor der Sorge, es könnten Nazis oder Kommunisten die Macht übernehmen“, schreibt der Essayist Nils Minkmar in dieser Sammlung: „In Wahrheit wurde das Leben in Deutschland besser, und zwar in allen Bereichen.“

Dennoch scheint die Nachfrage nach unterhaltsamen Untergängen ungebrochen zu sein. „Jedes abgestürzte Flugzeug ist eine Nachricht – tausend sicher gelandete sind keine“, schreibt Wolf Schneider, der Generationen von Journalisten ausgebildet hat, in einem ablehnenden Kommentar zu Haagerups Buch. Sein Fazit: „Mit so viel Unheil, wie die Leute sehen wollen, können selbst sensationsgierige Journalisten nur schwer konkurrieren.“

Möglicherweise ist die Angstlust eine anthropologische Konstante, Psychologen vermuten einen allgemeinmenschlichen Hang zu negativen Verzerrungen: Der „Negativity Bias“ könnte einst eine wichtige Überlebensstrategie gewesen sein, wenn man aus dem Knacken im Gebüsch auf ein Raubtier schließen musste, um zu überleben. Napoleon soll seinen Soldaten gesagt haben: „Lasst mich schlafen bei guten Nachrichten, weckt mich aber bei schlimmen!“

Doch was, wenn all die einseitig-schlechten Nachrichten einem die Ruhe rauben, bis man nicht mehr klar denken kann? Wer überprüfen will, wie negativ-verzerrt das eigene Weltbild ist, kann hier den sogenannten Ignoranz-Test auf SPIEGEL Online machen. Paradoxerweise schneiden in diesem Test die gebildeten Stände besonders schlecht ab.

Ist Konstruktiver Journalismus eher konservativ oder progressiv? 

Seine Gegner tun den Konstruktiven Journalismus teils als Forschrittsfrömmigkeit ab, teils als Vorwand für Tatenlosigkeit. Wer auf positive Entwicklungen verweist, zum Beispiel bei der Armutsbekämpfung, lädt der nicht die reichen Nationen zum Nichtstun ein? Nach dieser Lesart wäre Konstruktiv gleichzusetzen mit konservativ. Andererseits: Artikel über das erfolgreiche Absenken der Kindersterblichkeit beschreiben oft starke öffentliche Gesundheitssysteme als Teil der Lösung – und könnten daher möglicherweise als links gelten.

„Innerhalb von nur neun Minuten wurde ich beschuldigt, eine rechtsgerichtete Politik zu verfolgen, ein nordkoreanischer Kommunist zu sein oder als eine Art Terminator des Journalismus aufzutreten, der die Absicht hat, die kritische Berichterstattung niederzumachen“, skizziert Ulrik Haagerup einen Talkshow-Auftritt, in dem er für den Konstruktiven Journalismus warb.

Vielleicht kann die Symmetrie der Kritik aus mehreren politischen Richtungen auch als Kompliment gelten: als Indiz für Unabhängigkeit.

Was nun?

„Der heutige Journalismus macht mir Sorgen. Die Betonung der negativen Ereignisse ist viel zu stark“, hat der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer in seiner Dschungelklinik einmal gesagt: „Wirklicher Fortschritt ist eng verbunden mit dem Glauben einer Menschheit, die ihn für möglich hält.“

Diese Einschätzung ist immer noch aktuell. Aber Schweitzer sprach sie vor über fünfzig Jahren aus. Das Unbehagen an der Negativität der Medien ist also nichts Neues.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die langfristigen Trends. Nach Jahrhunderten, in denen Nachrichten ein knappes Gut waren, erleben wir derzeit eine Überfülle der Information, eine Art Newstopia.

Wer Gute Nachrichten sucht, kann sie heute einfach finden: im Netz, in Büchern, im persönlichen Gespräch und natürlich bei SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Konstruktiver Journalismus liegt auch im Auge der Betrachter.

Dies E-Book lädt dabei zu einer zweigleisigen Erkundungstour ein, die vielleicht zeigt: Die Welt ist nicht so finster, wie es manchmal scheint. Und die Medienwelt auch nicht.

Wer beim Lesen Lust auf mehr bekommen hat, findet im Anhang ein paar Lektüretipps.

Und auch auf Twitter ist zu diesen Fragen ein lebhafter Austausch im Gang. Diskutieren Sie mit unter dem Hashtag #KonstruktiverJournalismus

Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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  • ANHANG: Quellen und Lektüretipps 
  • Our World in Data
  • http://ourworldindata.org/
  • Eine Fülle von Fakten zu globalen Fortschritten, präsentiert vom deutschen Datenexperten Max Roser an der Oxford University.
  • Twitter: @maxroser
  • Gapminder
  • http://www.gapminder.org/
  • Statistiken und Videos zur Weltgesundheit, unterhaltsam vorgestellt vom Daten-Rockstar und Arzt Hans Rosling.
  • Twitter: @Gapminder
  • Solutions Journalism Network:
  • http://www.solutionsjournalism.org/
  • Aktueller, kritischer Überblick.
  • Ulrik Haagerup: „Constructive News – Warum bad news die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren“. Verlag Oberauer, Salzburg; ca. 212 Seiten; 24,90 Euro.
  • Twitter: @ulrikhaagerup
  • Unterhaltsame Einführung eines dänischen Chefredakteurs mit vielen Beispielen.
  • Cathrine Gyldensted: „From Mirrors to Movers: Five Elements of Positive Psychology in Constructive Journalism“. CreateSpace Independent Publishing Platform; ca. 204 Seiten; ca. 27 Euro. 
  • Engagierter Überblick einer dänischen Reporterin und Unidozentin aus eher psychologischer Sicht.
  • Constructive Journalism Project:
  • http://constructivejournalism.org
  • Aktuelle Website mit vielen Beispielen.
  • Steven Pinker: „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“.  S. Fischer, Frankfurt; 1216 Seiten; ca. 12 Euro.
  • Gut lesbare Menschheitsgeschichte, die zu dem Resultat kommt: Nie war die Welt so friedlich wie heute.
  • Matt Ridley: „The Rational Optimist: How Prosperity Evolves“. Harper, New York; 448 Seiten; ca. 26 Euro.
  • Daniel Kahnemann: „Schnelles Denken, langsames Denken“. Siedler Verlag, München; 624 Seiten; ca. 17 Euro.
  • Ein Nobelpreisträger schreibt unterhaltsam über Fallstricke des Denkens.
  • Ian Macaskill: „Doing good Better: Effective Altruism and How You can make a Difference“. Faber and Faber, London; 324 Seiten; ca. 15 Euro.
  • Arthur Herman: „The Idea of Decline in Western History“. Free Press, New York; 528 Seiten; ca. 24 Euro.
  • Bissige, unterhaltsame Geschichte des Kulturpessimismus.
  • Deutscher Fachjournalistenverband (Hg.): „Positiver Journalismus“. UVK, Konstanz; 224 Seiten; 34 Euro
  • Akademische Aufsatzsammlung.
  • Lutz Mükke: „Journalisten der Finsternis. Akteure, Strukturen und Potenziale deutscher Afrika-Berichterstattung“. Herbert von Halem Verlag, Köln; 560 Seiten; 34 Euro.

170 Millionen unerwünschte Flugobjekte…

…kreisen um die Erde: Satellitentrümmer, Raketenteile, sonstiger Schrott. Über 18 000 Trabanten haben die Teleskope im Blick, nur 1100 davon sind funktionierende Satelliten, die restlichen 94 Prozent dagegen sind tödliche Geschossen, die teils mit 56 000 km/h durchs All rauschen und Satelliten wie Astronauten gefährden. Wer bringt den Müll runter? Darum kreiste bis Freitag eine Konferenz in Darmstadt.

Das Thema Satellitenschrott ist ein altes Ärgernis.

Hier eine Passage aus meinem Buch „Hightechmärchen“. Leider ist es immer noch aktuell.

 

Der Satellit ist aufgegangen

Der Himmel über der Kieler Förde hat die Farbe eines Monitors vor Eingabe des ersten Befehls. Nur das Blinken des Leuchtturms von Friedrichsort punktiert die Dunkelheit wie ein Prompt-Zeichen.

„Noch drei Sekunden“, flüstert Marco Hahn, legt den Kopf in den kräftigen Nacken und starrt ans schwarze Firmament. Wellen glucksen unter dem Holzsteg. „Zwei, eins. Da ist er! Zehn Grad links von Wega! Ich sehe ihn!“ Ein winziger Punkt rast von Süden her scharf am Sternbild Leier vorbei, schneller als ein Flugzeug, mit dem bloßen Auge sichtbar und heller als eine Sternschnuppe. Nach zehn Sekunden erlischt der Punkt wieder. Darf man sich jetzt was wünschen? „Nein, das war ein Iridium-Satellit“, sagt Hahn, „Das war Iridium 69“. Sein Beobachtungstagebuch wies damals, Ende der Neunziger, bereits fast 200 Einträge auf, heute werden es vielleicht doppelt so viele sein. Viele Satelliten kennt er auswendig mit vollem Namen, RS-10/11 zum Beispiel oder Noaa-10. Hahn hatte damals gerade sein Studium der Mathematik und Physik abgeschlossen und begann gerade seinen ersten Job. Aber in seiner Freizeit blieb er weiter Satellitenbeobachter.

Nicht jeder kann Hobbyraumfahrer werden, selbst wenn sich die Raumfahrtindustrie einem breiten Publikum öffnen sollte. Manche haben einen schwachen Kreislauf, anderen fehlt Geld oder Zeit. Ihnen bliebe nur, die märchenhaften Abenteuer der anderen am Bildschirm mitzuverfolgen. Oder aber der Blick zum Himmel. Für eine kleine Erzählgemeinschaft ereignet sich dort oben jede Nacht ein Schauspiel von exquisiter Schönheit: der Tanz der Satelliten um die Erde. Hier gibt es keine abenteuerlichen Raumfahrer, nur die Schönheit angewandter Mathematik.

Treffpunkt der Satellitenbeobachter ist das Internet, vor allem die Mailingliste SeeSat mit ihren weltweit über 400 Abonnenten. Hier verabreden sie sich zu internationalen Konferenzen oder spekulieren darüber, welche Satelliten zu Silvester am besten zu sehen sein werden.

Sie selbst nennen sich gern „Birdwatcher“, Vogelbeobachter, denn Satelliten heißen in ihrem Jargon „Birds“. Tatsächlich sind sie ein Update von Vogelstimmensammlern oder Trainspottern, jenen einsamen Gestalten, die Sonntagnachmittags auf Eisenbahnbrücken stehen und Zugfabrikate notieren.

Doch Birdwatcher sind mehr als nur verschrobene Eigenbrötler. Ihre Verweise im Internet sind Missing Links zwischen dem Alltag auf Erden und den Wundern angewandter Raumfahrt am Himmel, den Telefon- und Fernseh- und Wettersatelliten, die heute das erdnahe Weltall möblieren. Wer Satelliten beobachtet, gibt den immateriellen Datenströmen ihr Gesicht zurück. Fast 9 000 Satelliten umkreisen ständig die Erde, jedes Jahr werden rund 100 weitere hinaufgeschossen. Allmählich wird es eng am Himmel, auf der beliebten geostationären Bahn zum Beispiel herrscht dichtes Gedränge wie Feierabendverkehr von Neapel. Die unbemannte Raumfahrt ist längst banaler Alltag, eine Satellitenbörse vermakelt von London aus die Plätze am Himmel an das jeweils meistbietende Konsortium. Oft geht es dabei um schattige Geschäfte, denn auch das kleinste Land hat Anrecht auf Satellitenplätze, selbst wenn es weder willens noch in der Lage ist, einen kleinen Erdtrabanten hinaufzukatapultieren – sondern nur, um den Himmelsparkplatz gegen viel Geld zu vertickern. So werden Schrottmühlen von Position zu Position verschoben, nur um Plätze freizuhalten.

„Das meiste, was man sieht, sind Schrottteile“, kommentiert Hahn, „Abgesprengte Raketenstufen, explodierte Satelliten, abgefallene Solaranlagen“. Der Orbit gleicht einer gigantischen Müllkippe: Über hunderttausend mindestens handschuhgroße Satellitentrümmer umschweben die Erde in sogenannten „Schrottwolken“ aus untoter Technik („Debris clouds“). Das ist eine schöne Scheiße, und zwar wörtlich, denn viele der Schrottteilchen sind von einem hauchdünnen Kotfilm überzogen, der von defekten Astronautentoiletten stammt. Diese Beobachtung regte den Autor Arthur Clarke zu der Überlegung an, dass das irdische Leben vielleicht aus dem All stamme – aus den Fäkalien fremder Alien-Raumfahrer. Wenn dem so sei, so Clarke, „müsste das erste Kapitel der Genesis drastisch umgeschrieben werden.“ Norad, das nordamerikanische Frühwarnzentrum für Flugobjekte, betreibt eigens einen Dienst, um die fliegenden Köttel zu verfolgen. Das Johnson Space Center bildet den Trümmer-Reigen im Internet ab (http://sn-callisto.jsc.nasa.gov/graphics/beehive3.jpg). Auf dieser Seite sieht der Heimatplanet überhaupt nicht aus wie eine blaue Murmel, gebettet auf das samtene Schwarz des Firmaments. Sondern vielmehr wie ein verfaulter Apfel, umschwärmt von tausenden Schmeißfliegen. Das blaue Gemurmel erscheint durchs Okular des Satellitenbeobachters absurd. Die Marsmärchenonkels versprechen das blaue vom Himmel herunter für eine Handvoll Milliarden Dollars. In Wahrheit herrschen im Orbit politisches und technisches Chaos, Geheimniskrämerei, Betrug, Verklappung und Gefeilsche. Die blaue Murmel ersäuft im Orbitalschrott.

 

Der Alltag im All hat wenig zu tun mit den faden Aufklärungsmythen der Marsonkels. Sie ist chaotisch, bedrohlich, verkommen – und unglaublich schön. Eigentlich sind Satelliten fast unsichtbar. Kleiner als ein Autobus, schneller als der schnellste Kampfjet, weiter weg als die Strecke Hamburg-München. Sichtbar sind sie meist nur während eines „Flare“. So nennt man das Aufleuchten, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf das Metall von Sonnensegeln oder Antennen fällt und die Oberfläche aufgleißen lässt. Anfänger der Sternenbeobachtung interpretieren Flares oft fälschlicherweise als Supernova und nerven mit ihren aufgeregten Anrufen die Sternwarten ihrer Umgebung.

Hahn fummelt eine Taschenlampe aus seinem Rucksack. „Iridiums sind Anfängerzeug“, sagt er. Hahn dagegen ist ein alter Hase. „Ich halte lieber nach amerikanischen Spionagesatelliten Ausschau“, sagt er, denn deren Bahnelemente werden oft geheimgehalten. Das stachelt den Ehrgeiz noch weiter an. Vor allem Lacrosse-Satelliten mag er, die mit ihrem Radarauge auch durch Wolken spähen können und am rötlichen Schimmern ihrer Thermobeschichtung erkennbar sind.

Eigentlich muss jeder Satellit bei einem Speziaregister der Uno angemeldet werden, das sieht eine Konvention von 1976 vor, genannt „Convention on the Registration of Objects Launched into Outer Space“. 43 Staaten haben diese Konvention verabschiedet, auch die USA. Trotzdem fährt der Weltpolizist gerne ohne Nummernschild Patrouille. Und es sind die Birdwatcher, die sie überführt haben. Derzeit kreisen über hundert falsch oder gar nicht angemeldete US-Satelliten am Himmel, mindestens acht davon zu Spionagezwecken. Die Konvention ist eine jener idealistischen Gutgemeintheiten ohne Biss. Sanktionen bei Zuwiderhandlungen gibt es nicht und die Formulierungen sind butterweich. „Wenn das Beispiel der USA Schule macht, hält sich bald niemand mehr an die Konvention“, klagt Charles Vick, Spezialist für Raumfahrtpolitik bei der Wissenschaftlervereinigung Federation of American Scientists, „Dann hätten wir das absolute Chaos im All.“

Eigentlich müsste allen Beteiligten klar sein, wie wichtig die Anmeldung der Satelliten ist, spätestens seit jenem Januarvormittag im Jahr 1978: Um sieben vor zwölf Weltzeit zerbarst ein sowjetischer Satellit mit Atomreaktor an Bord untweit des Großen Sklavensees in Kanada. Dank korrekter Registrierung war der Schuldige sofort ausgemacht: Die Sowjetunion zahlte Schadensersatz. Seitdem halten sich die Russen vorbildlich an die Konvention.

Hahn schaut auf seinen Terminplan, was die Nacht noch so bietet: ausgebrannte Satellitenstufen, ein Rudel Iridiums und einen Spionagesatelliten mit dem Qualitätsprädikat „classified“ – geheim. All das ist fein säuberlich verzeichnet auf einem Computerausdruck mit Uhrzeit und benachbarten Sternbildern, zur leichteren Orientierung. Hahn hat die satellitenklare Nacht gut vorbereitet. Am Nachmittag hat er sich eingeloggt auf einer Birdwatcher-Site, um sich dort eine neue Version des Beobachtungsprogramms Quicksat herunterzuladen. Dann hat er die genauen geographischen Daten von Kiel eingegeben und die Satelliten angeklickt, die er sehen will.

„Früher habe ich mich für Astronomie interessiert“, sagt Hahn, „aber das ist ja langweilig, immer dieselben Sterne zu beobachten. Bei Satelliten ist viel mehr Action dabei.“ Birdwatching ist Trendsport für Astronomen: Der Himmel als Videospiel. Jede Spielrunde beginnt und endet dabei im Internet. Denn nur duch die weltweite Vernetzung können die Freunde der fliegenden Technik genügend Daten sammeln, um die Flares für jeden Ort der Erde vorauszuberechnen. Birdwatching ist ein Wettlauf einer kleinen, globalen Öffentlichkeit gegen die Spezialisten und Geheimniskrämer in den Raumkontrollzentren weltweit.

„Der nächste ist ein Lacrosse, ein amerikanischer Spionagesatellit“, sagt Hahn. Er starrt hoch und zählt runter. Null. Kein Lacrosse. Nirgends. „Die haben ihn auf eine andere Umlaufbahn geschossen“, ärgert sich Hahn, Denn Spionagesatelliten werden ständig herummanövriert, statt sich in eintönigen Kepler-Bahnen zu bewegen. In diesem Spiel der angewandten Mathematik gilt: Was unberechenbar ist, bleibt unsichtbar.

Begonnen hat seine Leidenschaft mit einer fünfzeiligen Meldung in der Bild-Zeitung, in der stand, wann und wo genau man die Raumstation Mir sehen kann, damals, lange bevor sie verglühte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Am liebsten beobachtet er seitdem im Winter, wenn die Nächte klarer sind. Sein schönstes Erlebnis war das Aussetzen einer Handvoll neuer Iridium-Satelliten, die sich langsam und schillernd von der Trägerrakete wegbewegten, „fast wie ein Feuerwerk.“

Vergebens protestieren die professionellen Astronomen in ihren Sternwarten gegen diese unbemannte Zersiedelung des Weltraums. Ihre Teleskope drohen durch die visuelle Umweltraumverschmutzung partiell zu erblinden, warnen sie, und haben sich zusammengetan in der Vereinigung „International Dark-Sky Association“ (www.darksky.org). Kaum eine Langzeitbelichtung des Himmels, die nicht von einem hellen Strich durchkreuzt wäre – dem Lichtreflex eines Satelliten. Viele Sterngucker werden so zu Satellitenbeobachtern wider Willen.

Die freiwiligen Birdwatcher sind natürlich nur eine winzige Splittergruppe innerhalb der globalen Erzählgemeinschaft der Weltraumfans. Die Sprache der Satellitenbeobachter beruht auf Zahlen, die sie per Internet austauschen: Flugbahnen, sekundengenaue Zeitangaben, Helligkeitsmessungen. Sie sind auf der Jagd nach dem technisch Erhabenen und erledigen die Politik gleich mit, indem sie bewaffnet mit ihren Beobachtungsdaten auf Einhaltung der Uno-Konvention drängen. Dafür brauchen sie keinen bemannten Raumflug. Im Gegenteil. Die Internationale Raumstation Iss würdigen sie kaum eines Blickes. Denn die ist schließlich das dritthellste Gestirn am Abendhimmel, nach Mond und Venus, und jedermann kann sie mit bloßen Auge erkennen, weil sie so groß ist. Also ist sie langweilig. Die verschrobene Weltsicht der Birdwatcher verschließt sich den abgegriffenen Normalmythen mit all ihren Heilsverspechen und verbalen Kraftmeiereien von grünenden Almen auf dem Mars und ritterlichen Raketenmännern. Sie kommen ohne künstlich herbeigeredete Sensationen aus. Denn sie schauen genau genug hin, um Poesie und Schönheit auch im scheinbar banalen Verkehrsstau am Himmel zu entdecken.

Drei Uhr. Es taut. Hahn fröstelt. Vom Halten des Fernglases hat er eine verspannte Schulter – fast vergleichbar einem Tennisarm: die Satellitenschulter. Er packt seine Sachen und geht. Zu Hause angekommen, setzt er sich in sein Wohngemeinschaftszimmer, schaltet den alten 286er-Rechner mit der scharrenden Lüftung ein und aktualisiert sein Beobachtungstagebuch. Im Morgengrauen schickt er seine Beobachtungsdaten an die Netzliste, damit die Birdwatcher in Amerika seine aktuellen Daten noch verwenden können. Denn dort bricht gerade der Abend herein, und der Himmel erwacht zum Leben.