Neues E-Book über Berlin: Vorsicht, Sie verlassen den langweiligen Sektor!

Hervorgehoben

 „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, rief der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, als die Sowjetunion 1948 versuchte, den westlichen Teil der Stadt auszuhungern, und der Kalte Krieg begann. Der Appell funktionierte, die Stadt wurde durch die Luftbrücke gerettet. Doch die Völker der Welt schauen auch 70 Jahre später immer noch auf diese Stadt, vielleicht sogar intensiver denn je; teils schwärmerisch, teils befremdet, immer fasziniert. 

Berlins wichtigstes Exportgut ist sein eigener Mythos, und er verkauft sich bestens. Serien wie „Dogs of Berlin“ oder „4 Blocks“ sind internationale Blockbuster, im Sommer soll der Episodenfilm „Berlin, I Love You“ in die Kinos kommen. 

Nun erscheint unser neues E-Book zum Thema, basierend auf der dreiteiligen Serie auf SPIEGEL PLUS, ergänzt durch etliche Original-Beiträge aus dem Spiegel-Archiv seit der Berlin-Blockade 1949. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch.

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Für den größten Rummel sorgte „Babylon Berlin“, die aufwändigste Fernsehserie, die je in Deutschland gedreht wurde. Sie trifft offenbar einen Nerv: In den USA gilt sie Rezensenten teils als Parabel auf den Niedergang einer Demokratie, in Großbritannien als Erklärstück zum Brexit, in Indien als Warnung vor nationalistischen Bauernfängern.

 Scharen von Touristen strömen in die Stadt, angelockt vom schillernden Image. Doch wie sieht es vor Ort wirklich aus, welche Triebkräfte brodeln hinter der Hipsterfassade der kurzatmigen medialen Selbstdarstellung, wie ist Berlingeworden, was es ist? Dieses E-Book begibt sich auf eine Spurensuche, eine Reise durch die Geschichte, ausgehend von einer dreiteiligen Artikelserie auf SPIEGEL Plus, ergänzt und erweitert mit historischen Beiträgen aus dem SPIEGEL-Archiv.

Ist das Berlin-Fieber mehr als nur ein Hype? Wie unter einem Brennglas treten hier viele Probleme deutlicher und krasser hervor, mit denen sich so oder so ähnlich auch andere Städte herumschlagen. Doch vielleicht lassen sich hier auch Lösungsansätze besser erkennen. Man kann diese Stadt als ein großes Labor begreifen, in dem fast vier Millionen Menschen Tag für Tag herumexperimentieren, wie man trotz aller Unterschiede zusammenleben kann. 

Um diese Vielfalt der Kulturen und Lebensentwürfe geht es auch in „Babylon Berlin“. Vordergründig handelt die Serie von einer Polizeiermittlung im wilden Berlin der „Goldenen Zwanziger“, zwischen Glamour und Chaos, Freizügigkeit und Gewalt, zwischen Gaunern, Neureichen und Revoluzzern. Berlin drohte damals zu explodieren unter dem Druck von Globalisierung und Kleinkariertheit, Großmannssucht und privatisiertem Elend. 

 Die Metropole war damals ein wirrer Flickenteppich aus über 80 Einzelgemeinden, die teils gegeneinander arbeiteten. Erst im Jahr 1920 raufte man sich mühsam zu einem „Groß-Berlin“ zusammen. Schon damals galt Berlin als eine Stadt, in der geduldet wird, was andernorts verboten ist. Für jede sexuelle Orientierung gab es das passende Etablissement. Dann kam der Krieg, die Luftbrücke, 1961 wurde die Mauer gebaut, 1989 fiel sie wieder. 

 Kaum zu glauben, wie sich das Image der Stadt über die Jahrzehnte gewandelt hat. Die vorliegenden Artikel zeigen vor allem, wie dynamisch die Entwicklung war und ist – und wie schwierig daher auch immer wieder Vorhersagen sind. 

 „Die Stadt, die nicht mehr Hauptstadt sein darf, droht im Vakuum zwischen Ost und West zu ersticken. Sie krankt an einer schlecht strukturierten, hinfälligen Wirtschaft“, schrieb der SPIEGEL 1967: „Sie ächzt unter inneren Spannungen, die sich in Straßenkrawallen entladen und den Konsensus ihrer Bürger zerstören. Sie leidet unter einem Mangel an Jugendlichkeit, und sie ist dabei, geistig zu veröden.“

 Dann Mauerfall, Aufatmen, Euphorie. 1989 steht im SPIEGEL: „West-Berliner Wanderer an Ost-Berliner Seeufern, Ost-Berliner Kids in West-Berliner Diskotheken, West-Berliner Makler auf Ost-Berliner Kundenfang – diese Zukunft hat schon begonnen. Mehr scheint nun sehr wohl möglich: ein gesamtberliner Flughafen, ein gesamtberliner Olympia, ein Gesamtberlin Smog-Alarmplan. Kein Tag vergeht, ohne daß neue Ideen publik werden.“

 Auf die Wiedervereinigungsparty folgt Katerstimmung. 1995 fragt der SPIEGEL: „Wird die Stadt von ihren Nachhol- und Aufbauproblemen erdrückt, bleibt der große Aufbruch im Pleitesumpf von Fehlinvestitionen und leeren öffentlichen Kassen stecken? Droht gar, wie der Berliner Ökonom Eberhard von Einem schon mal spekulierte, ‚die Armutsmetropole‘, die mit ‚billigen Behelfssiedlungen am Stadtrand‘, kaputten Altbauquartieren und einer Million armer Einwanderer zum größten sozialen Reparaturbetrieb der Republik verkommt?“

Dieses E-Book versucht, die verschlungenen und teils widersprüchlichen Handlungsstränge eines urbanen Epos zu entwirren, das immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet. Spoiler Alert: Auf Dekaden der Stagnation und Überalterung folgt nun eine fiebrige Expansion, hitzig, wirr und oft chaotisch. 

 Das heutige Berlin ist ein fragiler Moloch. Rund 40 000 Menschen ziehen derzeit pro Jahr her, wahrscheinlich bis 2030 rund eine halbe Million. Ungefähr so viele Besucher sind außerdem tagtäglich auf den Straßen unterwegs. 

 Keine andere deutsche Stadt hat sich in den letzten Jahren so stark verändert. In Stadtvierteln wie Neukölln wurde die Bevölkerung in kurzer Zeit weitgehend ausgetauscht. In Cafés, in denen jahrzehntelang nur Türkisch gesprochen wurde, verstehen die Bedienungen jetzt nur noch Englisch. Das nervt sogar einen Russen wie Wladimir Kaminer.

 Berlin ist die Emigrationshauptstadt der Welt. Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, türkische Intellektuelle, denen in ihrer Heimat Verfolgung droht, Briten, die nach dem Brexit-Votum nach Berlin gezogen sind, oder Trump-Gegner wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally treffen in dieser Stadt aufeinander. 

 Eine erstaunliche Wandlung, wenn man bedenkt, dass große Teile Berlins während des Kalten Krieges von einer Mauer umschlossen waren, bedroht von „mangelnder Jugendlichkeit“ und „geistiger Verödung“. Heute spuckt Easy Jet jeden Tausende von Touristen auf den Berliner Flughäfen aus. Sie kommen aus Großbritannien und Spanien, aus China und den USA, sie kommen hierher, um Spaß zu haben und zu tun, wozu ihnen zu Hause der Mut fehlt.

 Angelockt von Kinofilmen, Fernsehserien, Romanen und Blogs, sind sie auf der Suche nach der großen Lockerheit, die aber genau durch den gewaltigen Nachfragedruck immer weiter zusammenschrumpft auf wenige Quadratmeter: Für Studenten, die sich keine Wohnung leisten können, bieten Kleinanzeigen eine Couch zur Untermiete – oder ein Zelt auf dem Balkon. 

Berlin, jahrelang Sorgenkind des Bundes, hat heute nicht zuletzt deshalb einen ausgeglichenen Haushalt, weil es sehr gut von der Spaßkultur lebt. Gleichzeitig leben immer noch erstaunlich viele Menschen in der Stadt, die arbeiten müssen oder vielleicht sogar wollen. Es gibt Kampfzonen wie die Kreuzberger Admiralsbrücke, an der die Anwohner, die gerne schlafen möchten, gegen die Nachtschwärmer antreten. 

 Und es leben auch Menschen in dieser Stadt, die von dieser Amüsierwut angeekelt sind und sie für einen Ausdruck von Dekadenz halten. Der Tunesier Anis Amri war einer von ihnen. Am 19. Dezember 2016 steuerte er einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Breitscheid-Platz und tötete dort elf Menschen. Eine tolerante Metropole wie Berlin ist besonders angreifbar. Multikulturell kann eben auch bedeuten: tödlich verfeindet.

 Die Spannungen in Berlin nehmen zu. In der traditionell armen Arbeiter-Stadt zeigt sich der Reichtum heute unverhohlen. Die Gentrifizierung verdrängt ganze Bevölkerungsgruppen an den Stadtrand. Das passiert auch in anderen Metropolen, aber selten in einem solchen Tempo wie in Berlin. Wer mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, wird auf jeder Strecke mindestens dreimal von Obdachlosen anbettelt.

 Wir haben uns auf einen Rundgang durch die sich beschleunigende Stadt begeben, an Orte, die für die Einzigartigkeit Berlins und ihren wachsenden Zwiespalt stehen: in Startup-Clubs am ehemaligen Todesstreifen, wo Jungunternehmer als aller Welt im Bällebad treiben, an den Alexanderplatz, wo es immer wieder zu Massenschlägereien kommt. Und auf das Tempelhofer Feld, den vielleicht größten Spielplatz der Welt. 

In das Areal des ehemaligen Flughafengeländes, auf dem während der Luftbrücke die Rosinenbomber im Minutentakt landeten und die eingekesselte Stadt versorgten, würde der New Yorker Central Park locker hineinpassen. Hier tummeln sich Skater, Drachenflieger und Tai-Chi-Gruppen, wie die ersten Kapitel dieser Sammlung erzählen: „Tempelhofer Freiheit. Berlins Utopie. Berlins leere Mitte. Alle zusammen, jeder für sich.“

Die Völker der Welt, hier schauen sie auf Berlin. Und jeder erkennt etwas anderes. 

Auf eine ähnliche Weise kann sich auch dieser Sammelband lesen lassen: Die Artikel sind nach den ersten drei Kapiteln in chronologischer Reihenfolge sortiert, sie lassen sich aber in beliebiger Reihenfolge lesen. Alle zusammen, jeder für sich. Viel Spaß dabei.

Lars-Olav Beier, Hilmar Schmundt

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Aus dem Inhalt:

Das Babylon-Gefühl

Alle 20 Stunden ein neues Start-up

Die Stadt als Kampfzone

Kalter Krieg: Berlin hinterm Eisernen Vorhang

Die Berliner Luftbrücke 1948-1949: Schlaf der Gerechten

Hilflose Reaktionen im Westen auf den Mauerbau in Berlin 1961

Das Glitzerding: Leben in der Exklave West-Berlin fünf Jahre nach dem Mauerbau

Schein am Horizont: Durch die Politik der friedlichen Koexistenz gerät West-Berlin immer mehr in die Krise – der neue Bürgermeister Klaus Schütz soll’s richten

Berlin nach dem Mauerfall

Zwei Staaten, eine Stadt: Wie Ost- und West-Berlin nur Wochen nach dem Mauerfall bereits zusammenwachsen

Hausbesetzer: Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz

Berlin wird wieder Regierungssitz: Von New York lernen“

Künstler haben die Allzweck-Ruine „Tacheles“ gerettet

Hier regiert der Schlamm: Auf Europas größter Baustelle – kämpfen Experten mit modernster Technik gegen Sand, Wasser und die Zeit

Die Macht der Mauern: Im neuen Berliner Regierungsviertel ist Geschichte allgegenwärtig

Spaßhaus Mitte: Die Autorin Tanja Dückers über das Leben der Jugendlichen in Berlin
Erregend anders

Die schrille Szene der Jungtürken in Berlin

Großstadt ohne Größenwahn: Innerhalb von nur 16 Jahren gelang Berlin ein Comeback als Weltstadt: Sie gilt als kulturell führend, architektonisch aufregend und voll von Sehenswürdigkeiten

Die ersten drei Kapitel dieses E-Books basieren auf der Artikelserie auf SPIEGEL PLUS. Koordination: Alex Neubacher.

Hier ein Link zum ersten Teil, mit Foto- und Videobeiträgen von Marco Kasang

Hier ein Link zum zweiten Teil in multimedialer Form auf SPIEGEL Plus

Hier ein Link zum dritten Teil auf SPIEGEL Plus

Hier ein Link zum Video

 

Hier ein paar Passagen daraus:

 

Kaum eine andere europäische Metropole hat sich im letzten Jahrzehnt so stark gewandelt wie Berlin. Die vielen Brachen und Baulücken, die teilweise seit dem Zweiten Weltkrieg bestanden und das Bild der Stadt prägten, werden aufgefüllt wie hohle Zähne: Nachverdichtung nennen Stadtplaner das. Und doch herrscht in der Stadt eine stetig wachsende Wohnungsnot.
Berlin ist inzwischen auch die Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Allein am Alexanderplatz wurden 2017 über 6000 Verbrechen begangen. Die Stadt nimmt es fast so stoisch hin wie das Wetter.
Berlin ist ebenfalls die Hauptstadt der Startups. Die Pioniere der Digitalisierung kommen hierher, Firmen wie der Online-Versand Zalando und die E-Learning-Plattform Babbel schufen in den letzten Jahren Tausende von Arbeitsplätzen und expandieren von Berlin aus in die Welt.
Die Stadt funktioniert als gigantisches Zukunftslabor, in dem wild herumexperimentiert wird, was passiert, wenn sehr viele verschiedene Menschen aus sehr vielen verschiedenen Kulturen aufeinander treffen. Spanier, die Jobs suchen, Briten, die gegen den Brexit sind, Amerikaner, die nicht unter Trump leben wollen, irakische Flüchtlinge und türkische Intellektuelle. Wer sich in seiner Heimat nicht mehr heimisch fühlt, kommt gerne nach Berlin.

(….)

„In Berlin hat sich schon immer der Gewiefteste, der Skrupelloseste, der Virtuoseste durchgesetzt“, sagt Henk Handloegten, einer der drei Regisseure von „Babylon Berlin“. Die Fernsehserie, die vor rund einem Jahr auf dem Privatsender Sky lief und ab dem 30. September Free-TV-Premiere im Ersten hat, spielt in den späten Zwanzigerjahren und zeigt eine Stadt voller Energie und Lebenslust, Gewalt und Terror. „Babylon Berlin“ ist ein Sittenbild, ein Spiegel des heutigen Berlin – oder zumindest ein Zerrspiegel.“

Auch damals strömten die Emigranten nach Berlin. In Charlottenburg lebten so viele Russen, dass der Stadtteil den Spitznamen Charlottengrad erhielt. Es gab nicht genug Wohnungen für alle, Armut und Obdachlosigkeit nahmen zu, die wachsenden sozialen Spannungen ließen die Parteien am rechten und linken Rand erstarken.
Wie die babylonische Stadt der Serie ist das heutige Berlin ein fragiler Moloch. Mehrere Zehntausend Menschen ziehen jedes Jahr hierher, wahrscheinlich eine halbe Million allein zwischen 2005 und 2030. Das entspräche dem Komplettumzug aller Einwohner von Leverkusen, Kaiserslautern, Trier und Wolfsburg – nur eben leider, leider ohne die dazugehörigen Wohnungen.
Und jeden Tag sind im Schnitt schätzungsweise 400 000 Besucher auf den Straßen unterwegs. Immer wieder zeigt sich die Stadt von diesem Ansturm überfordert. In Berlin ziehen Partyhorden durch die Gegend, trinkend, urinierend, kotzend, ein Tourist ohne Bierflasche in der Hand wirkt so unvollständig wie Obelix ohne Hinkelstein.

(….)

Der Flughafen Tegel im Nordwesten Berlins, mit inzwischen über 20 Millionen Gästen pro Jahr völlig überlastet, ist der unpünktlichste Flughafen Deutschlands. Und der neue Airport BER im Südosten wird und wird nicht fertig. Als er geplant wurde, war nicht abzusehen, dass über 12 Millionen Touristen pro Jahr nach Berlin kommen würden. Mehr Besucher haben in Europa nur Paris und London. Schon bevor der BER fertig wird, ist er viel zu klein. Es scheint, als würde Berlin vom eigenen Erfolg überrollt.
Die Partymetropole bietet Spaß, Glamour und Karrierechancen. Forscher, Firmengründer, Musiker, Medienfuzzis und Möchtegerns überbieten sich mit schrillen Ideen. Es herrscht gleichzeitig Aufbruch und Chaos, Großspurigkeit und Inkompetenz, Exzess und Wut.

Immer werden, niemals sein

So ähnlich aufgeheizt war die Stimmung auch damals, in der Weimarer Republik, meint Klaus Brake, Stadtforscher am Center for Metropolitan Studies der TU. Er empfängt in seiner Altbauwohnung in Wilmersdorf, voller Möbel im Stil der Zwanzigerjahre. Das Filmteam von „Babylon Berlin“ könnte hier sofort drehen.

„Berlin hatte drei große Probleme, mit denen es sich immer noch herumschlägt“, sagt der zierliche Emeritus: „Erstens: Berlin wächst heftig, mit rund 50 000 Zuzügen pro Jahr. Zweitens: Berlin ist marode, was Finanzen, Wirtschaft, Infrastruktur, Verwaltung angeht. Und drittens: Berlin fehlt eine Vision und eine Strategie.“

Teile der Stadtgeschichte wiederholen sich gerade, findet Brake. Vor 100 Jahren bestand der Großraum aus einem zerfaserten Flickenteppich von 374 Einzelgemeinden. Dann, 1920, gelang es, wenigstens rund 80 Gemeinden zusammenzufassen zu einem „Groß-Berlin“.“

Das war nicht visionär, sondern überfällig. Eine lange verschleppte, verschlampte Anpassung. Denn in der Gründerzeit war die Bevölkerung um das Vierfache explodiert auf fast zwei Millionen in den 50 Jahren seit der Reichsgründung 1871. Die preußische Residenzstadt und ihre Nachbardörfer hatten sich in kürzester Zeit zur drittgrößten Metropole der Welt entwickelt, nach New York und London. Und das bemerkte sie dann irgendwann sogar selbst, mit vielen Jahren Verzögerung. Klingt irgendwie bekannt.
Einige der umliegenden Kommunen, Dörfer und Kleinstädte wehrten sich vehement gegen eine umfassende Raumplanung und drohten mit einer Art Vorort-Brexit: „Los von Berlin!”. Die Gartenstadt Frohnau, heute ein Stadtteil der Metropole, spielte sich auf wie eine Steueroase vom Schlage der Cayman Islands und lockte als „Steuerfreie Stadt” die Reichen mit dem Slogan: „Keine Kommunalsteuer! Keine Gemeinde-, Wertzuwachs- oder Umsatzsteuer!“
Durch das Fehlen einer koordinierten Sozialpolitik war Berlin damals extrem „polarisiert strukturiert“, sagt Brake. In den Vororten residierte das Großbürgertum, in der Innenstadt hausten Arbeiterschaft und Lumpenproletariat, jeder sechste Bewohner teilte sich ein beheizbares Zimmer mit vier anderen Menschen.

Doch durch die Enge entstand in den schier endlosen Hinterhofsystemen auch eine einzigartige Mixtur aus Wohnen, Gewerbe und Ladengeschäften, die sogenannte „Berliner Mischung“. Das bedeutete kurze Wege zwischen diversen Gewerken, aber auch Industrielärm in den Wohnungen. Im würzigen Lokaldialekt: Dit Kind schielt nicht, dit muss so kieken. Denn heute gilt diese gegenseitige Befruchtung unterschiedlichster Milieus auf engstem Raum als Zauberwort der Stadtentwicklung. Erzwingen lässt sie sich kaum, zerstören leicht.“

„Dort drüben stand sie, die rote Burg.“ Uli Hanisch, Production Designer der Serie „Babylon Berlin“, steht mitten auf dem Alexanderplatz, direkt an der Weltuhr, und zeigt Richtung Osten. Die rote Burg, so wurde in den Zwanzigerjahren das Berliner Polizeipräsidium genannt, ein gewaltiger Repräsentationsbau aus rotem Backstein.
Im Krieg wurde das Gebäude zerstört. Heute steht dort eine rosa Burg, das „Alexa“, ein Einkaufszentrum im Disney-Art-déco-Stil, die Bausünde gewordene Sehnsucht nach dem vergangenen Glamour der Stadt. Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen gab es Shopping & Swinging mit Models, frisiert und kostümiert wie in dem Film „Cabaret“, der die wilden Zwanziger feierte.
Es war der Viehmarkt vor den Toren der Stadt, es war die Baustelle der Moderne, so wie Alfred Döblin ihn in seinem Roman beschrieb, es war der Prachtplatz der DDR und der Ort, an dem der Widerstand dagegen seine größte Form annahm, am 4. November 1989, als Hunderttausende hier demonstrierten.
Es ist ein starker, ein kaputter, ein Ort mit einer ganz besonderen Energie und so ziemlich das einzige Zentrum, das diese Stadt ohne Mitte hat.“

(….)

„Die robuste Nachfrage ausländischer Investoren” treibe diese Entwicklung an, so die Studie. Doch der internationale Glanz der Metropole wirft vor Ort oft harte Schlagschatten. Immer mehr Menschen haben Angst, aus dem eigenen Quartier vertrieben zu werden. Das lässt sich erleben im Stadtteil Wedding, der früher als klassisches Arbeiterviertel galt, selbstbewusst auch „Roter Wedding” genannt. Das war einmal. Bei Altverträgen lagen die Mietpreise oft unter vier Euro, wer neu einzieht, muss oft locker das Dreifache zahlen.
Im „Kugelblitz” brennt die Luft, wenn der Fußballclub Hertha spielt. Die Luft ist zum Schneiden dick von Zigarettenqualm in der uralten Arbeiterkneipe, die ist Stimmung prächtig, selbst wenn die „Alte Dame” ein Tor kassiert. Ein Bier kostet zwei Euro.
Das kann sich nicht jeder leisten. Ein paar Häuser weiter hat ein Spätkauf Bänke rausgestellt, hier treffen sich die, denen der „Kugelblitz“ zu schnieke ist. Bärbel und Andreas zum Beispiel, die gerade geheiratet haben, mit Ende 50. Eigentlich wollten sie gleich zusammenziehen, aber es ist gar nicht so leicht, eine Wohnung zu finden, die sie sich leisten können. Bärbel kann nicht mehr arbeiten, „hat was am Bein“. Sie ist mit dem Rollator unterwegs, was ein Problem ist wegen „dem ganzen Kopfsteinpflaster hier“.  Andreas hilft in einer Behindertenwerkstatt aus. Jetzt holt er noch mal zwei Sternburg. Die Eckkneipe auf der anderen Seite hat schon vor einer Weile dicht gemacht, unter nackten Neonröhren hängt noch der vergilbte Werbespruch: „Nette Leute, Schnaps & Bier, jarnich teuer jibt det hier”. Vorbei.
Haushaltsauflösungen dagegen scheinen gut zu gehen in der Gegend. Viele Ladengeschäfte stehen leer, es sei denn, es zieht ein linkes Projekt ein, mit einem Che Guevara im Schaufenster. Oder ein Internethändler, der Melatonin-Schlafdrinks in alle Welt verschickt.
Der Leerstand lockt Kreative an. Vieles, was oft vorschnell mit dem Schlagwort der „Gentrifizierung” abgetan wird, muss nicht schlecht sein, sagt Professor Brake. Die Durchmischung von Stadtvierteln könne Erneuerung bedeuten – solange die negativen Begleiterscheinungen bekämpft werden: Mietenexplosion und Verdrängung. Anfang der Nullerjahre hatte Berlin mit dem umgekehrten Problem zu kämpfen, die Stadt quälte sich durch ein „Tal der Tränen”, geprägt von Bevölkerungsrückgang, Massenarbeitslosigkeit und dem Leerstand von über 100 000 Wohnungen.
Heute dagegen droht der Immobilienmarkt zu überhitzen. Doch offizielle Stellen verdrängen die Verdrängungsproblematik immer wieder, teils mit skurrilen Argumenten. So empfahl das Sozialgericht Berlin im Juni einem BAföG-Schüler, in seiner 28-Quadratmeter-Wohnung die Couch unterzuvermieten oder ein Zelt auf dem Balkon – das sei „möglich und wirtschaftlich interessant”.
Demnächst dient der Späti, wo Bärbel und Andreas gerne trinken, als authentische Kulisse für die Verfilmung der „Känguru-Chroniken”, von derselben Produktionsfirma wie „Babylon Berlin”. Die fiktiven Abenteuer eines linksradikalen Beuteltiers spielen zwar eigentlich in Kreuzberg, aber dort haben die hohen Mieten das Arme-Leute-Flair weitgehend verfliegen lassen, das im Wedding noch weht. Hoch oben von einer Brandwand schreit ein Graffito den Kunden am Späti zu: „FICK NEOLIBERALISMUS”.“

(….)

„Wobei es der Späti-Clique noch gold geht. Obdachlose sind allgegenwärtig, schätzungsweise 40.000 Menschen sind hier ohne festen Wohnsitz. Die Mitarbeiter des Grips-Theaters am Hansaplatz müssen oft über Menschen steigen, die in Decken vor sich hin dämmern.
Wer heute in Berlin U-Bahn fährt, kann dem Elend nicht mehr aus dem Weg gehen. Ständig steigen Obdachlose ein und bieten Zeitungen wie die „Motz“ zum Verkauf an. Kleinstkünstler tragen selbstgedichtete Rap-Songs vor und bitten um Spenden. Rumänische Musiker spielen Schlager, ihre Kinder halten die Hand auf.
Die Stadt tut sich schwer, mit der rasant wachsenden Armut klarzukommen. Vielleicht liegt das auch an einem veralteten Selbstbild, dem Berlin immer noch nachhängt: Hier ließ es sich viele Jahre lang geradezu grotesk günstig leben. Wer bereit war, sich mit Ofenheizung und Außenklo zu begnügen, kam mit ein paar Hundert Euro im Monat über die Runden.

(….)

Die Straßen sind weit und offen, die Gebäude niedriger als in anderen Metropolen. Die Berliner Traufhöhe von lediglich 22 Metern wurde von Stadtplanern jahrzehntelang so vehement verteidigt wie ein Artikel im Grundgesetz.
Der Soziologe Andreas Reckwitz, Professor an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, sieht Berlin als Prototyp für andere globale Dörfer. In ihnen darf man nicht nur einzigartig sein – man muss es sogar. Dieser Kreativitäts-Imperativ lautet: Mach was aus dir, kuratier dein Leben, sei individuell, sei spontan. „Singularisierung“ nennt Reckwitz diesen Prozess, der Berlins Buntheit antreibt: eine Kulturmaschine der Einzigartigkeiten. „In den Zwanzigerjahren war der Mythos der bunten, chaotischen, kreativen Metropole ein Thema von Avantgardisten und Minderheiten”, sagt Reckwitz. „Aber diese plurale Metropole ist heute ein Mainstreamformat geworden.”
Das Unsystematische hat hier System. Die Vielstimmigkeit bedeutet nicht Zerfall und Niedergang, nicht babylonischen Sündenfall, wie ihn Kulturpessimisten gerne beschwören. Sondern die Basis einer neuartigen, globalen Kulturökonomie.

Die Wurzeln dieser Kreativitäts-Industrie reichen hier tief, mindestens bis in die Golden Twenties, das Schräge wirkt fast wie Folklore: Heimat Babylon. Das ist der Grund, warum die Serie „Babylon Berlin” die Creative Classes in London ebenso wie in Mumbai anspricht. Der Erfolg kommt nicht aus dem Nichts, er verdankt sich den Zeitläuften und der Geschichte der Stadt. Das Wort Babylon, das oft als Synonym für Dekadenz verwendet wird, ist in den Augen der drei Regisseure der Serie eher ein Versprechen.
Berlin musste sich in 100 Jahren mindestens viermal neu erfinden und definieren, nach den beiden Weltkriegen, nach dem Bau der Mauer und nach ihrem Fall. Die Epochen stehen im Stadtbild unvermittelt nebeneinander, Berlin ist ein wüstes Sammelsurium architektonischer Stile. Da findet jeder eine Ecke, an der er sich wie zu Hause fühlen kann.
Und das Schöne ist: In Berlin darf man Dinge tun, die man zu Hause niemals tun würde.

(….)

Elektronische Musik wabert durch den Nachtclub, ein Sopran schwebt über der Melodie, aber es ist keine menschliche Stimme. Die Musikerin singt nicht selbst, sondern spielt die Melodie, indem sie mit ihren Händen im Leeren gestikuliert und ganz ohne Berührung dem verkabelten Apparat vor sich geheimnisvolle Töne entlockt – einem sogenannten Theremin.„Wat is’n dit für‘n Jefiepe?”, blafft sie der Restaurantbesitzer an.
Mit dieser Szene in der ersten Folge von „Babylon Berlin”intoniert der Film ein Grundmotiv: Berlin als Raum für Neues und für die damit verbundenen Dissonanzen. Das gilt seit über 100 Jahren.
Heute ist Berlin eine Start-up-Kapitale, alle 20 Stunden wird hier ein neues Digitalunternehmen gegründet, jubelte die Investitionsbank Berlin vor einem Jahr. Jeder achte neue Arbeitsplatz entsteht in diesem Bereich. Die Stadt steht unter Strom, das hat hier Tradition, auch davon erzählt die Serie.
Nur ein paar Blocks vom Alexanderplatz entfernt liegt ein neues, ein digitales Babel: „Babbel“ heißt eine der erfolgreichsten Sprachlern-Apps, mit über einer Million zahlenden Nutzern.“

„Für uns ist Babylon, Babel oder Babbeln nichts Negatives, im Gegenteil“, sagt Markus Witte, einer der Gründer der Firma Babbel, ein Endvierziger mit rahmenloser Brille und Apple Watch am Handgelenk: „Das Durcheinander beim Turmbau zu Babel ist für uns etwas Positives!“
Rund 600 Mitarbeiter aus 50 Nationen wuseln in dem hellen Altbau durcheinander, teils mit bunten Haaren und oft tätowiert. Die fünf Stockwerke sind nach Kontinenten benannt. Vor wenigen Jahren noch war die Firma halb so groß, mittlerweile hat sie amerikanische Konkurrenten geschluckt und besitzt eine Filiale in New York mit über 30 Mitarbeitern.
Angefangen hat alles in der Musikszene Berlins, die Gründer trafen sich bei Native Instruments, einer erfolgreichen Elektronikschmiede, gegründet vor über 20 Jahren in einer Kreuzberger Wohnung. Die Musik-Software von Native Instruments ist ein digitales Chamäleon, das fast jedes Musikinstrument nachahmen kann – und damit ein entfernter Nachfahre des guten alten Theremins der Goldenen Zwanziger.
Das Leben als Party, Babbel überträgt diesen Ansatz von der Musik in die Welt der Grammatik: nicht diszipliniertes Vokabelbimsen, sondern elektronisch aufgepimptes Losbrabbeln auf Teufel komm raus, frei nach dem Motto „Fake it till you make it!“

„Das „Netflix für Sprachenlernen” setzt dabei auf das Nachplaudern von alltagstauglichem Smalltalk, korrigiert die Aussprache, merkt sich, was man kann und was nicht, legt Sätze, die noch holpern, nach ein paar Tagen erneut vor und auf die Zunge.
Die App setzt dabei vor allem auf Motivation, nicht so sehr auf Präzision; im Gegensatz zu manch anderem System kommt man mit Babbel recht weit, wenn man einfach mutig drauflos nuschelt. Die App ist sozusagen permissiv wie Berlin, sie lässt die Lernenden machen und tritt ihnen selten mit Erinnerungen in den Hintern. Einigen Kunden ist das zu luschig, vor allem in Märkten wie Indien legen viele Menschen Wert auf klare, strenge Ansagen, belohnt mit offiziösen Zertifikaten, mit denen man bei einer Bewerbung angeben kann. Hier könnte Babbel in Zukunft nachbessern, erzählt der Brite Geoff Stead, ein leitender Didaktiker beim Unternehmen: „Berlin ist ziemlich kreativ, aber auch ein bisschen hippiemäßig.” Das meint er positiv.“

„Dabei muss das Permissive nicht indifferent sein, es hat manchmal auch etwas Kämpferisches, erzählt Lars, der vor ein paar Jahren aus einer russischen Kleinstadt herzog, um für Babbel Sprachkurse zu entwickeln. Seinen Nachnamen möchte der athletische Vierzigjährige mit dem Dreitagebart nicht öffentlich lesen, damit seine Familie in der Heimat nicht unter Druck gerät. Denn er ist transgender: „Ich wurde Ende der Siebzigerjahre in der Sowjetunion geboren, aber im Körper einer Frau”, erzählt Lars. Der Großmutter fiel auf, dass das Mädchen die falschen, die männlichen Grammatikformen verwendete, wenn es über sich sprach.
Heute lebt Lars als Mann in Berlin und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber in seinen Babbel-Kursen für Fortgeschrittene erwähnt er die Zumutungen einer Sprache, die ihren Sprechern ein heterosexuelles Denkmuster aufzwingt.
„Ich bin verheiratet”, dieser Satz lautet im Russischen für Männer komplett anders als für Frauen: „Ja schenat”, also sinngemäß „Ich habe eine Frau”. Lars erfand nun eine ganz neue Formulierung, um zu sagen: „Ich habe eine Frau – und bin eine Frau”: „Ja schenata” – also ein männlicher Begriff, aber mit einem „a“ am Ende für die weibliche Form – unerhört!

„In Russland dachten manche Leute, ich hätte einen Grammatikfehler gemacht”, sagt Lars lachend. Bis ihnen dämmerte: Diese Formulierung ist ja hochpolitisch, eine kleine russische Revolution.
Die Babbel-Gründer bekamen einst auch Angebote von Investoren aus dem Silicon Valley – allerdings mit der Auflage, dorthin zu ziehen. Aber das hätte wohl nicht geklappt, denn das Besondere an der Software ist, dass jede Fremdsprache anders unterrichtet wird, je nach der Muttersprache der Lernenden. Es gibt also nicht nur einen einzigen Portugiesischkurs für alle, sondern einen für Russischsprachige und einen anderen für Deutschsprachige und so weiter. Aber dieses babylonische Sprachgewirr findet man eben eher in Berlin als in Palo Alto. Daher entschlossen sie sich, hierzubleiben, in der sogenannten Silicon Allee.“

„Elektropolis” wurde die Stadt genannt, seit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Start-ups wie Siemens & Halske und AEG die Wirtschaft prägten und sogar eigene Stadtviertel für ihre Arbeiter aus dem Boden stampften, mit Namen wie „Siemensstadt”. Schon im Kaiserreich bastelten hier die Brüder Skladanowsky mit die ersten Kinoschnipsel weltweit zusammen. Einer ihrer ältesten Filme, gedreht 1895: ein boxendes Känguru.
Bei der ersten Funkausstellung in Berlin im Jahr 1924 bestaunten 170.000 Besucher ungläubig den letzten Schrei: Röhrenradios! Vier Jahre später fand unterm Funkturm eine der ersten Fernsehübertragungen der Welt statt, grau flimmernde Schatten mit 96 Zeilen Auflösung.

Fiebrige Technikträume folgten. Bertolt Brecht beschrieb den Rundfunk in seiner Radiotheorie als „ungeheures Kanalsystem”, in dem jeder Empfänger auch ein Sender ist, angelegt, um „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.” Für heutige Ohren klingt das verdammt nach Internet unplugged.

„Jeder Empfänger auch ein Sender, jeder Amateur auch ein Gründer? Damals wirkte das nicht nur wie eine Verheißung, sondern auch wie eine Bedrohung und Verrohung. Würde die technische Ermächtigung der Konsumenten nicht zu einer babylonischen Sprachverwirrung führen? Würde dieser Hightech-Turmbau zu Babel aus Telefon, Telegraf und Theremin nicht bald krachend einstürzen? Diese Angstlust griff um sich.
Ein Babylon-Fieber packte die Stadt, spätestens mit dem Bau des Pergamonmuseums in den Zwanzigern, mitsamt seinem Prachtstück: dem Ischtar-Tor aus dem antiken Babylon im Zweistromland. Ein Gassenhauer frotzelte: „Wir ha’m Babel, Bibel, Bebel und die Reichswehr mit’m Säbel.“
Paradoxerweise sahen viele Besucher in den archäologischen Funden aus dem Zweistromland aber nicht eine fremde Vergangenheit, sondern eher ihre eigene Gegenwart. Das Sündenbabel, wie es in der Bibel beschrieben wird, polyglott und multikulturell, das wirkte für viele Beobachter damals wie eine Prophezeiung der wild wuchernden Hauptstadt an der Spree: Das Gestern als Albtraum aus der Zukunft.
Immer wieder wurde dieses Zerrbild vom Euphrat an die Spree übertragen, eine Projektion tief sitzender Ängste der frisch Zugezogenen aus der Provinz gegenüber ihrem neuen Wohnort, die Metropole als monströser Maschinen-Moloch aus einem fremden Übermorgen-Land, traditionslos, herzlos, heimatlos.“

Auch im Science-Fiction-Klassiker „Metropolis” tanzte 1927 ein Cyborg als „Große Hure Babylon” lüstern vor einer frenetischen Masse. Babylon sells: Als zwei Jahre darauf im modernistischen Neubauviertel unweit des Alexanderplatzes ein neues Kino eröffnet wurde, kam nur ein Name infrage: Babylon. Noch heute prangt dieser Name über dem Eingang, und immer noch werden Stummfilme hier mit einer Kinoorgel von 1929 begleitet.
Wer in der Serie „Babylon Berlin” den Elektrosound des Theremin-Synthesizers hört, dem mag es teilweise fast so scheinen, als würde nur ein technologischer Wimpernschlag die Weimarer Hightech-Avantgarde von den fiependen Modems der Achtzigerjahre trennen.“

Die neue Gründerzeit steht auf den Schultern von Künstlern, Hackern und Idealisten. 1981 zum Beispiel wurde der Chaos Computer Club in den Räumen der linken Tageszeitung taz am ehemaligen Checkpoint Charlie gegründet. Die sogenannten Komputerfrieks hatten die Möglichkeiten der Computernetze schon damals erkannt, heute gilt der CCC als die größte organisierte Hackervereinigung Europas. Immer wieder sorgten sie mit künstlerischen Aktionen für Aufsehen, mal verwandelten sie die Fenster eines Hochhauses am Alexanderplatz in ein Computerspiel, das man über eine spezielle Telefonnummer mit dem Handy spielen konnte: „Blinkenlights”. Mal hackten sie einen Wahlautomaten, der angeblich manipulationssicher war, und programmierten die Wahlmaschine um zu einem Schachcomputer.
Ein weiterer Talentpool ist die C-Base, ein Treffpunkt der Hackerszene, gestaltet wie ein schummriges Raumschiff. Nächtelang reden sich hier Aktivisten die Köpfe heiß über Blockchains und Freifunk und Datenschutz, und an der Bar gibt es bisweilen blau gefärbtes Bier. Auch die Gründungsveranstaltung der Piratenpartei fand hier 2006 statt. Ständig mutiert die Szene weiter, 2009 etwa eröffnete das Betahaus als erster großer Coworking-Space mit Büros, Bar und 3-D-Druckern. Und immer noch gilt Kreuzberg als Mekka der Bitcoin-Szene, die schräge Digitalwährung wird in einigen Kneipen und Läden akzeptiert.

Bert Brecht hätte wohl kein Problem gehabt, in den Mailboxen und Blockchaintreffen das von ihm prophezeite „ungeheure Kanalsystem“wiederzukennen, in dem jeder Empfänger auch ein Sender ist.
Die Zukünfte sind in der Stadt sehr ungleich verteilt, aber für jeden ist eine dabei. Wer etwa als Gründer an der Börse Geld scheffeln will, dient sich einer Beteiligungsgesellschaft wie Rocket Internet an, bekannt geworden durch Dienste wie Zalando oder Delivery Hero. Doch derlei Börsengänge sind eher die Ausnahme. Zum Tüfteln und zum lustvollen Scheitern ist die Stadt an der Spree wie gemacht. Für den Start perfekt – aber für den Sprint zum Börsengang oft viel zu gechillt.
Nun, wo alle 20 Stunden ein neues Start-up gegründet wird, reicht dieses Biotop nicht mehr aus, um Tausende von neuen Mitarbeitern auszuspucken. Das Spontihafte wird daher professionalisiert.

(….)

Ein Bällebad von acht Metern Länge, wie für einen gigantischen Kindergeburtstag – na logisch! Das Bällebad musste als Allererstes rein in die neue Factory am Görlitzer Park. Ein türkischer Programmierer lümmelt wie ein Seelöwe zwischen den schwarzen Plastikbällen, man sieht nur sein Notebook, zwei Hände und zwei Augen. Er steuert den Quasselroboter, der am anderen Ende des Raumes wahllos Besucher von der Seite anquatscht. Nebenan spielen zwei Programmierer Pingpong.
Ist dies ein Coworking-Space? Wer Sandrine Perrier ärgern will, muss ihr diese Frage stellen. „Coworking”, pfui, das ist ein böses Schimpfwort für die lebhafte Französin von Mitte Dreißig, die als Chief Marketing Officer für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist: „Beim Coworking arbeiten Fremde nebeneinander her. Bei uns geht es um Austausch.“ Leicht aufgekratzt führt sie durch die Factory, eine Mischung aus Firmengründungslabor, Investorenschaufenster und Jugendfreizeitheim.
„Business Club” nennt sich die Factory offiziell, gegen einen Monatsbeitrag ab 119 Euro können Kleingründer dabei sein. Wer sich bewirbt, sollte gute Gründe mitbringen, ein Drittel der Bewerber muss leider draußen bleiben. Derlei Exklusivität ist relativ neu für Berlin.

Aber der Andrang ist riesig. Angeblich 3000 Mitglieder aus 70 Nationen gehören bereits zur Factory, einer bunten Mischung aus Programmierern und Schülern, Kleinunternehmern und Konzernen, Künstlern und Lebenskünstlern.
Das Durcheinander ist akribisch geplant in diesem umgebauten Industriegebäude zwischen Treptow und Kreuzberg am früheren Todesstreifen, wo einst Stacheldraht und Wachtürme die Stadt durchschnitten. Heute beginnt auf der anderen Seite des Kanals die Partyzone am Görlitzer Park, so wunderbar unübersichtlich, dass selbst am Nachmittag, zwischen Kinderwagen und bolzenden Kids, die Dealer ein schwunghaftes Geschäft treiben.
Die neue Factory ist ein Ableger der ursprünglichen Factory im Stadtteil Mitte, am anderen Ende der Innenstadt, ebenfalls am ehemaligen Todesstreifens gelegen. Sie wurde vor vier Jahren berühmt als die Heimat von Firmen wie Soundcloud. Der Musikdienst wurde jahrelang bejubelt, obwohl er weder Profite noch überhaupt einen stimmigen Geschäftsplan vorweisen konnte. Im Sommer 2017 musste er dann über 170 Mitarbeiter entlassen, inklusive des Mitgründers Alexander Ljung. Aber egal, am nächsten großen Ding wird längst gebastelt.
Und das braucht Platz: 14.000 Quadratmeter bieten die neuen Factory-Räume, mit Schreibtischen und Bibliothek und einem Kino und natürlich dem unausweichlichen Bällebad.“

„Gemeinschaftsküchen laden zum gemeinsamen Kochen ein, selbst die Wasserhähne der Toiletten sind so angelegt, dass sich Männer und Frauen beim Händewaschen begegnen. Wer Ruhe braucht, zieht sich in eine der knallbunten Sitzecken zurück oder in die gediegen eingerichtete Bibliothek.
Weil es in Berlin nicht mehr genügend Programmierer gibt, lernen Studenten an der Code University of Applied Sciences das Zusammenreimen von Algorithmen. Und mittendrin sitzt eine winzige Privatschule namens „New School“, wo die Kids nicht nach strengem Lehrplan arbeiten, sondern ihren eigenen Interessen folgend und projektorientiert.
Das Durchschnittsalter der Factory liegt bei 33 Jahren, der Frauenanteil bei 35 Prozent. All das wäre nichts Besonderes für Berlin. Das Ungewöhnliche ist vielmehr der hohe Anteil von schwer seriösen, professionellen Angestellten, die zwischen den schrägen Vögeln im Bällebad planschen. Rund ein Viertel der Factory-Mitglieder kommt von großen Firmen wie Audi, BASF, Ergo, Deutsche Bank oder Siemens. Diese „Corporates” können hier über jeweils eigene, streng aufgeräumte Büros verfügen, um Aktenkoffer und Schlips wegzuschließen, wenn sie den inneren Geek entdecken wollen.“

(….)

Babylon als Businessmodell: Das Durcheinander wurde hier akribisch geplant, denn es ist das Kernprodukt. War das Industriezeitalter von Standardisierung und Gleichförmigkeit geprägt, herrscht in der Factory Dauerstimulation: Vorträge, Workshops, Yogaseminare, vom „Blockchain Brunch”bis zum „Tech Halloween”, insgesamt über 600 Veranstaltungen pro Jahr. Sogar einen DJ in Residence soll es bald geben.
Die Factory simuliert so die einzigartige Berliner Mischung von einst, mit ihren Hinterhofsystemen, in denen diverse Gewerke auf engstem Raum zusammenarbeiteten. Diese „innere Urbanisierung” ist ein paradoxes Produkt: das Unangepasste als Bonus, das Unfertige als Upgrade. Nicht jeder beherrscht diesen gekonnten virtuosen Dilettantismus. „Das ist in Paris, London oder Singapur oft anders”, sagt Perrier: „Dort wird sehr perfektionistisch, wettbewerbsorientiert und systematisch gearbeitet.”
In den Zwanzigerjahren residierte im roten Klinkerbau eine Fabrik der Firma Agfa, nach dem Krieg verlief direkt davor die Berliner Mauer. Ausgerechnet der frühere Todesstreifen erweist sich heute als vitale Reservefläche in einer Stadt, in der es allerorten eng wird.

Nach der Wende zogen Künstler und Kleinunternehmer in die alten Agfa-Fabrik ein, dann wurden sie von der Factory verdrängt, Brandsätze und Farbbeutel flogen. Ähnlich lief es bei der Gründung des neuen Google-Campus, gut einen Kilometer entfernt, gelegen in einem ehemaligen Umspannwerk am sonnigen Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Gegner sehen darin eine ausbeuterische „Google-Farm zur Gewinnung von Kreuzbergs kreativen Köpfen”, und protestieren: „Fuck off, Google!“

Es ist das brutale Schauspiel von Werden und Vergehen, von Neugründung und Kannibalisierung, von aufgezwungener Bewegung, wo man sich doch zuvor gemütlich in seinem Provisorium eingerichtet hatte. „Schöpferische Zerstörung“nannte das der österreichische Wirtschaftswissenschaftler, Finanzminister und Bonvivant Joseph Schumpeter zwischen den Kriegen: Kapitalismus als Chaos.
Über 150 Innovations-Einheiten gibt es derzeit in Deutschland, sogenannte Digital Innovation Units, rund ein Drittel davon sitzt in Berlin: Ideenfabriken und Spielwiesen von Firmen wie VW und Porsche, Lufthansa und Microsoft. Berlin ist in Zukunftsthemen stark, obwohl es in der Realwirtschaft bei der Wertschöpfung immer noch schwächelt.
Der Ideen-Export läuft. Allerdings nur so lange, bis ein Produkt den Vertrieb erreichen soll. Dann ist die Euphorie oft vorbei. Trotz der vielen Ideenlabore in Berlin gibt es ganz wenige Erfolgsgeschichten zu erzählen, bei denen die Visionen aus dem Bällebad wirklich auf den Markt gekommen sind.
„Bislang können diese Labore betriebswirtschaftlich kaum etwas vorweisen“, sagt Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin: „Wie bekomme ich die Idee aus Berlin in die Umsetzung am Firmensitz in Neckarsulm, Herzogenaurach oder Gütersloh?“
Die Übersetzungsarbeit sei extrem schwierig, sagt Kawohl. Eine Zukunftsvision aus Berlin mag für einen konservativen Vertriebler im Rheinland wie Hochstapelei wirken. „Ein typisches Beispiel ist das Innovationslabor der Telekom in Berlin, für die es eine große Herausforderung ist, ihre Berliner Ideen dann am Hauptsitz in Bonn umzusetzen.“

Avantgarde mit Welpenschutz

Viele Konzerne stehen unter Druck, sich dem babylonischen Gewusel auszusetzen. Großstädte sind Magneten für Fremde aus aller Herren Länder, die heute kommen und morgen bleiben, auf diese Formel brachte einst der Soziologe Georg Simmel das Geheimnis der Innovationskraft der Zuzügler.
Die Gleichzeitigkeit von Nähe und Fremdheit bleibt eine Zumutung. Spätestens wenn die wilden Ideen aus dem bunten Bällebad in Berlin auf die konservativen Vertriebsmitarbeiter in der Provinz stoßen, erlischt so mancher Blütentraum.
„Noch stehen viele Ideenlabore unter Welpenschutz“, schreibt Professor Kawohl in einer Studie zum Thema: „Noch ist die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben.“ Doch schnell könne Begeisterung in Enttäuschung umschlagen. Ein bisschen wie in der Fernsehserie angesichts der neuartigen Elektroklänge des Theremins: „Wat is’n dit für’n Jefiepe?“
Der Gründerszene fehlt eine solide industrielle Basis? Macht nüscht. Schon in den Zwanzigern lautete ein Gedicht:

„Wir tanzen
in Fransen
die Welt unserer Väter:
Was dann kommt,
und dran kommt,
das findet sich später!“

(….)

„Wer nach Paris zieht, will Pariser werden. Wer nach München zieht, will Münchner werden. Wer nach Berlin zieht“, sagt „Babylon Berlin“-Regisseur Henk Handloegten, „will sich die Stadt untertan machen.“ Jeder erklärt den öffentlichen Raum zu seinem persönlichen Besitz und gibt allen anderen zu verstehen: Hey, das ist meine Stadt!
Überall pinkeln Männer an Bäume wie Hunde, die ihr Revier markieren. Sprayer und Tagger machen sich über Häuserwände her, Mütter schieben mit ihren Zwillingskinderwagen wie Rollkommandos über die Gehwege: Weg da, hier kommt deine Rente! Kampfradler brettern über die Bürgersteige und wie selbstverständlich bei Rot über die Ampel.
Wie die meisten Menschen in dieser Stadt hegen sie keinen Zweifel, dass sie recht haben, dass sie die Guten sind. Öko-Athleten, die urbane Avantgarde, im Nahkampf mit Fußgängern, die ihnen ständig den Weg blockieren, und mit dem Automob, der sich nur hinters Lenkrad gesetzt hat, um sie über den Haufen zu fahren.“

Der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund beträgt in Neukölln über 40 Prozent, viele stammen aus der Türkei und arabischen Ländern. Es ist der Berliner Bezirk mit dem niedrigsten Bildungsstand, der stärksten Abhängigkeit von Sozialleistungen und der größten Armutsgefährdung. Die Arbeitslosenquote liegt in einigen Kiezen bei 25 Prozent, der Migrantenanteil in manchen Schulen bei rund 90 Prozent.
Neuköllns früherer SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky wurde zum Medienstar, indem er die Verhältnisse in seinem Stadtteil in zahllosen Talkshows laut und drastisch beschrieb. Einige Genossen wollten ihn aus der Partei ausschließen. Er habe sich in der Migrationsdebatte „rechtspopulistisch“ geäußert, so der Vorwurf.“

Vor einigen Wochen wurde im Süden Neuköllns der arabische Intensivstraftäter Nidal R. regelrecht hingerichtet, mit acht Schüssen, auf offener Straße, am helllichten Tag. Zu seiner Beerdigung kamen rund 2000 Trauergäste, überwiegend Muslime, nach Geschlechtern getrennt. Einige sagten in die Mikrofone der Fernsehteams, dass der 36-jährige doch eigentlich ein guter Junge gewesen sei. Nidal R. hatte über 90 Straftaten begangen und 14 Jahre in Haft verbracht.
Guter Junge? Großer Held! Auf eine Betonwand nahe des Tatorts sprühte ein Unbekannter ein heroisches Graffiti des Getöteten. Und wieder einmal stand der Rest Deutschlands staunend vor einer Parallelgesellschaft, die offenbar ganz eigene Vorstellungen von Heldentum und Männlichkeit hat, vielleicht sogar von Recht und Gesetz.
Die Berliner FDP wollte Stellung beziehen und stellte flugs ein Plakat vor die Wand: „Es zählt das Gesetz des Staates, nicht der Straße.“ Das musste mal gesagt werden. Die Stadt Berlin schickte Maler vorbei und ließ das Graffiti unter weißer Farbe verschwinden.“

(….)

Wer Tag für Tag und Nacht für Nacht Drogen an amüsierwütiges Partyvolk oder an hippe Selbstoptimierer verkauft, wer immer wieder auf freien Fuß kommt, entwickelt möglicherweise das Gefühl, in einer ziemlich dekadenten Gesellschaft gelandet zu sein, einem Sündenbabel, einem regellosen Moloch.
Das ist zwar ein Missverständnis, doch ist es weit verbreitet, am rechten Rand des politischen Spektrums ebenso wie bei klammheimlichen Sympathisanten des globalisierten Terrorismus.
Vielleicht ist es aber genau anders herum. Konflikte seien oft kein Zeichen für das Scheitern einer babylonischen Gesellschaft, sondern für ihr Gelingen, glaubt der Soziologe Aladin El-Mafaalani: „Gelungene Integration steigert das Konfliktpotenzial“, schreibt er in seinem Buch „Das Integrationsparadox“. Und fragt: „Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es ausgerechnet jetzt harmonisch werden soll?“
El-Mafaalani, der im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration arbeitet, fordert, den Dauerzoff als Basis für ein „Neues Wir“ zu begreifen. Doch was soll man tun, wenn die Werte und Moralvorstellungen mit großer Wucht, mit Sprachlosigkeit, mit zerstörerischer Gewalt aufeinander prallen?“

„Die beste Leitkultur ist dabei eine Streitkultur“, so sein Fazit. Es gehe nicht darum, permissiv alles zuzulassen: „Wenn alles gleich gültig ist, dann ist es gleichgültig.“ Doch jahrzehntelang habe sich die Gesellschaft um eine ernsthafte Diskussion gedrückt, die deutsche Migrationsgeschichte zu verarbeiten.
„Keine Sprachkurse, keine Arbeitsgenehmigungen, alle sechs Monate drohte die Abschiebung, keine überwachte Schulpflicht für die Kinder, katastrophale Wohnverhältnisse – all das beschreibt nicht den Zeitraum von fünf oder zehn Jahren, sondern gilt für viele Libanesen, die in den Achtzigerjahren gekommen sind, auch heute noch“, so El-Mafaalani: „Dass wir heute ein Problem mit organisierter Kriminalität haben, kommt nicht aus dem Nichts. Es sind die Schatten der vergangenen Fehler.“
Doch wie könnte die von El-Mafaalani geforderte Streitkultur entstehen? Die Vorstellung, dass all die verschiedenen Zuwanderer in Berlin zusammenkommen und ganz von alleine in eine Art interkulturellen Dialog treten, ist eine schöne Illusion. Man redet oft übereinander und selten miteinander. Weltfremde Vorstellungen von Multikulti treffen oft auf eine ebenso weltfremde Monokulti-Nostalgie.

Die deutsche Fernsehserie „4 Blocks“, deren zweite Staffel gerade auf dem Sender TNT läuft, beschreibt amüsant den Culture Clash zwischen alteingesessenen Mitgliedern arabischer Clans und den neuen Bewohnern – Studenten und Hipstern. Viele Araber in Neukölln fühlen sich inzwischen wie Ur-Berliner.
Tatsächlich führt Vielfalt auch zu Abgrenzung. Wer beispielsweise mit muslimischen Mädchen spricht, stellt nicht selten fest, dass sie ihr Viertel nur ungern verlassen. Viele von ihnen sind in Kreuzberg oder Neukölln verwurzelt. Im vornehmen Zehlendorf im Südwesten der Stadt fühlen sich manche von ihnen unwohl. Da werde man ja als „Schleiereule“ beschimpft, wenn man ein Kopftuch trage. Da fühle man sich gar nicht mehr wie in Deutschland. Warum nicht? „Weil da ja nur Deutsche leben.“
In dieser skurril wirkenden Äußerung steckt ein Fünkchen Wahrheit: Begriffe wie „Migrationshintergrund“ suggerieren oft eine Einheit, die es gar nicht gibt. Die Einwohner Neuköllns etwa stammen aus über 160 Nationen und teilen oft weder Sprache noch Religion noch sonst sehr viel – außer eben den Wohnort, unterfinanzierte Schulen und schlechte Berufsperspektiven.

(….)

Der Druck auf den Immobilienmarkt führt dazu, dass jeder, der vor Jahren einen günstigen Mietvertrag abgeschlossen hat, in seiner Wohnung bleibt. Da lebt ein 60-jähriges Paar, dessen Kinder schon lange aus dem Haus sind, auf 150 Quadratmetern. Würden sie in eine halb so große Wohnung umziehen, müssten sie unter Umständen das Doppelte bezahlen.
Auf diese Weise erzeugt die Dynamik Berlins auch Statik, führt die Veränderung auch zur Verharrung. Droht die Stadt also in ihre Kieze zu zerfallen, zurück in die sieben Städte, 59 Landgemeinden und 72 Gutsbezirke, aus denen sie vor fast 100 Jahren hervorgegangen ist?
Um der wild wuchernden Stadt Herr zu werden, plant der Senat derzeit eine Strategie namens „Berlin 2030“. Im Jahr 2020 soll sie verabschiedet werden. Die wachsende Stadt, so das interne Strategiepapier, werde „von großen Teilen der Bevölkerung nicht als Vorteil, sondern zunehmend als Bedrohung wahrgenommen (…) – vor allem durch die Mietenentwicklung und damit einhergehende Gentrifizierung“.
Der Plan: „Die Gesellschaft möglichst repräsentativ mit einzubinden“ durch Workshops mit „100 Stakeholdern“, „20 Vertretern der organisierten Gesellschaft“ und „30 zufällig ausgewählten, repräsentativ zusammengesetzten Bürgerinnen und Bürgern.“ Klingt erst einmal ganz nett. Ist aber kaum mehr als Wortgeklingel für die Kritiker. Der Plan sei viel zu engstirnig nur auf das Thema Wohnungsbau fokussiert, protestierten sie.
„Die Berlin-Strategie 2030 in der derzeitigen Form taugt nicht“, sagt der Stadtforscher Klaus Brake. Das Papier mache die Verwaltung zum Spielführer und den zweiten Schritt vor dem ersten. Sie beiße sich sofort an einer städtebaulichen Agenda fest, noch bevor die eigentliche Grundfrage geklärt sei: Wie wollen wir zusammenleben in Berlin, was sollen die neuen und angestammten Großstädter arbeiten?
In einem offenen Brief fordern Kritiker eine „Mobilisierung der Stadtgesellschaft“, um sie „nicht als zerstrittene und egoistische Lobbyistengruppen auftreten zu lassen“. Das klingt erst einmal nach mäkeligen Sonntagsreden und weltfremdem Idealismus. Denn wie bitte soll sich ein Moloch mit über drei Millionen Einzelgängern untereinander verständigen?“

Wer dieser Frage nachgeht, stolpert leicht in ein Tohuwabohu aus Hunderten von Einzelinitiativen hinein. Da wäre zum Beispiel die „Lause“, ein alternatives Hausprojekt in der Lausitzer Straße, mit Ateliers und Handwerksbetrieben, das zum Spekulationsobjekt auf dem Immobilienmarkt zu werden droht. Bei einer Demonstration gegen den Besitzer, einen dänischen Immobilienmogul, war auch der „Eismann der Herzen“ mit dabei, Mauro Luongo, der bislang in der Lause sein Eis lagert und bei der Demo kostenlos Gelato verteilte. Und zwar aus demselben Eiswagen, der bei der Hinrichtung des Clanmitglieds Nidal R. von fünf Kugeln getroffen worden war, während vor dem Fahrzeug Kinder in einer Schlange auf ihr Eis warteten.
Direkt in der Nachbarstraße sollte eigentlich ein neuer Google-Campus entstehen, regelmäßig wurde dort bis spät in die Nacht demonstriert. „Google ist kein guter Nachbar“, stand auf Plakaten und: „Google ab nach Adlershof“. Diese räumliche Trennung von Wohnen und Jobs wäre allerdings das Gegenteil der legendären Berliner Mischung. Ende Oktober schließlich gab der Suchmaschinenkonzern auf und kündigte an, das Gebäude gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung zu stellen.

(….)
Auch der Holzmarkt hat eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Wer vom Alex her, wo sich in den Zwanzigern das riesige Polizeipräsidium befand, zur Spree flaniert, landet am Holzmarkt. Hier, wo einst der Todesstreifen die Stadt durchtrennte, wuchert heute ein zusammengewürfeltes Holzhüttendorf mit Restaurant, Friseur, Kita, Lagerfeuer, Club, Theater und einem Bäcker namens „Backpfeife“. Delegationen aus Tel Aviv oder New York kommen her, um das Modellprojekt zu bestaunen.
Einst betrieben die Macher hier die legendäre Bar 25, bis sie vertrieben wurden, dann nutzten sie am anderen Ufer eine Ruine, nun haben sie wieder die Flussseite gewechselt. Ständig umtänzeln sie die Trägheit und Ignoranz diverser Ämter und Instanzen, denen die urbanen Aktivisten nicht so recht in die Excel-Tabellen passen und die das Gelände lieber nach Schema F einem klassischen Investor überlassen würden.

Die Hilflosigkeit der Verwaltung ermöglicht in Berlin viele Freiräume, die aber ebenso beliebig wieder zunichte gemacht werden. Egal, die Holzmarkt-Leute feiern so lange es geht in ihrem Klub, die ganze lange Nacht von Freitag auf Montag. Gerne auch in Form eines Kostümballs „im güldenen Gangstertum der Zwanziger: düster, glamourös, prohibitionös“. Ihr Logo illustriert den Habitus der feierwütigen Metropole: ein Kater mit einem blauen Auge – und einem breiten Grinsen.
Das hat Tradition. Wenn die Serie „Babylon Berlin“ über ein Kraftzentrum verfügt, dann ist es der verruchte Klub Moka Efti, wo Sprachen und Schichten durcheinanderwuseln, russische Revolutionäre und deutsche Adlige, Gauner, Polizisten und Nachtschwärmer.“

(….)

Doch all das sind Einzelprojekte, die allenfalls ein paar Tausend Anwohner betreffen. Wer nach der großen Berliner Strategiediskussion sucht, der landet früher oder später bei einem katholischen Priester.
Wie bitte?
Leo Penta gründete 2006 das Deutsche Institut für Community Organizing in der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Sonntags zelebriert der vollbärtige Charismatiker die Heilige Messe, und zwar auf Englisch. Geboren wurde er 1952 in New York, mit 27 Jahren war er Priester. Er half dabei, das Elend in den Slums zu bekämpfen, ganz im Sinne der katholischen Soziallehre.
„Als ich in den Siebzigerjahren Jahren in Brooklyn als Community Organizer angefangen habe, sah es dort teils viel schlimmer aus als alles, was man sich hier in Berlin auch nur vorstellen kann“, erzählt Penta: „Die Gegend namens Brownsville und East New York waren völlig zerrüttet und verwüstet, fast wie Dresden nach dem Krieg.“
Seit 22 Jahren lebt Penta in Berlin und arbeitet daran, die Methoden des Community Organizing auch hier zu vergraswurzeln.“

Was hält er von der Einbindung der „Stakeholder“ bei Projekten wie der „ Strategie 2030“? Nicht viel: „ Staatliche angeregte Bürgerbeteiligung ist in der Regel entweder Bürgerbeteiligung light oder eine Elitenveranstaltung“.
Sein Deutsch ist druckreif und fast akzentfrei, er ist ein Beispiel für das Integrationsparadox. Penta ist völlig in Berlin angekommen – und brennt dafür, die Verhältnisse in seiner neuen Heimat zum Tanzen zu bringen. Er ist der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt. Und der übermorgen eine neue Lokaltradition etabliert hat.
Pentas Gottesdienste sind eigenwillig. Ein Messdiener assistiert ihm in Sneakers, T-Shirt und mit Pferdeschwanz. Wer eine halbe Stunde zu spät kommt, ist trotzdem willkommen, denn der Graswurzel-Pfarrer weiß, halb elf Uhr morgens gilt in Berlin am Wochenende als fast unchristlich früh. Erst gegen elf füllt sich seine Kapelle, freundlich weist er den Zuspätkommern Sitzplätze zu. Nach der Kommunion kommt der Höhepunkt des Gottesdienstes, wenn statt einer Predigt alle gemeinsam mit slawischen, deutschen oder italienischem Akzenten über die Bibel babbeln – oder einfach über persönliche Erlebnisse.

Penta hört zu, redet, bohrt nach, er findet, es gehe in den Evangelien auch um eine Art „Counter Culture“. Seine Bibelauslegung dreht sich weniger um die Reine Lehre als um Missverständnisse und Knatsch zwischen Jesus und seinen Jüngern. Immer wieder fragt Penta seine Gemeinde: Oder was meint ihr? Ja und Amen ist sein Ding nicht. Ist das noch römisch-katholisch? Oder doch schon eher berlinerisch-katholisch?
Auch in seinem zweiten Job als Community Organizer geht Penta unorthodox vor, ganz anders, als die Senatspläne das vorsehen: nicht Bürgerbeteiligung von oben und von außen verordnet, sondern wild wuchernd „ von unten und von innen“. Als im Stadtteil Schöneweide die Industrie abgewickelt wurde auf dem ehemaligen AEG-Gelände des Kabelwerks Oberspree, drohten Niedergang und Arbeitslosigkeit. Schöneweide war bei hochnäsigen Innenstädtern als „Schweineöde“ verschrien, ein vermeintlich hoffnungsloser Fall. Pastor Penta kamen die Krisensymptome bekannt vor aus Brooklyn. So machte er sich daran, im Jahr 2000 die erste Bürgerplattform Deutschlands zu koordinieren: einen Zusammenschluss von 23 zivilgesellschaftlichen Gruppen, Vereinen, Kirchengemeinden.“

Pentas Plattform hat die ehemalige Industriebrache geprägt, indem sie zum Beispiel erfolgreich für die Ansiedlung eines Teils der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) kämpfte. Heute tummeln sich hier Tausende von Studenten. Der Bürgerverein kann natürlich auch kleiner, er hat zum Beispiel den Weiterbetrieb der F11 erstritten, der ältesten Fährverbindung Berlins. Während das Silicon Valley auf Plattform-Kapitalismus macht, setzt Penta auf Plattform-Kommunitarismus.
Vier Bürger-Allianzen hat er bereits angeregt in der Stadt, in Schöneweide, Neukölln, Wedding-Moabit und Spandau, insgesamt sind darin etwa 80 Gruppen zusammengeschlossen, die laut eigenen Angaben 100.000 Bürger vertreten. Sie sehen sich dabei nicht als harmlose Quasselveranstaltung, sondern wollen mit Bezirksverordneten und Stadtverwaltung auf Augenhöhe verhandeln.
Kann ausgerechnet das kopflose, chaotische, babylonische Berlin ein Labor neuer Bürgertugenden werden? Und dann auch noch koordiniert von einem katholischen Priester in der Diaspora, in einer gottlosen Stadt, in der heute rund 60 Prozent der Bürger konfessionslos sind?
Auch das gehört vielleicht zum Laissez-faire dieser Stadt, dass neben all den anderen schrägen Vögeln sogar ein katholischer Priester sein Ding machen darf, wenn sich die tief ungläubige Berliner Zivilgesellschaft neu erfindet.“

(….)

Pentas Skepsis gegenüber den von oben verordneten Großvisionen scheint einen mehrheitsfähigen Nerv zu treffen. Das lässt sich am Tempelhofer Feld beobachten, einer riesigen Brachfläche im Herzen der Stadt. Nach der Schließung 2008 schlug der Senat vor, hier eine neue Siedlung hinzusetzen. Was aber wollten die Bürger? Das lässt sich nicht klar benennen, es lässt sich bestenfalls erahnen, erlaufen, erleben durch einen Ortsbesuch.“

Früher war hier ein Flughafen, bis vor zehn Jahren konnte man von Tempelhof nach Wien oder Brüssel fliegen. Heute ist hier: nichts. Die reine Leere. Eine Fläche, so groß, dass der New Yorker Central Park locker hineinpassen würde. In einer Stadt, in der Wohnraum immer knapper wird, ein gigantischer Luxus.
Doch das Volk hat 2014 abgestimmt und sich für das Nichts entschieden. Nichts sollte hier verändert werden. Keine Wohnungen am Rand, keine Internationale Gartenschau in der Mitte, kein See, kein Berg, kein Fels. Nicht mal Klohäuschen und Parkbänke dürfe man hier nunmehr aufstellen, spotteten die Kritiker.
Es war ein großes, trotziges Aufbegehren gegen den Turbokapitalismus, der die Stadt und ihre Freiräume aufzufressen droht und den Berliner Immobilienmarkt in ein Eldorado für Spekulanten verwandelt hat. Es war ein großes, lautes Nein gegen die Veränderung der Stadt.
Und es war der Traum, eine riesige Wohlfühloase zu schaffen, die vielleicht größte, die es auf der Welt im Zentrum einer Metropole gibt, einen Ort, an dem alle zusammenkommen können, um gemeinsam zu entspannen, die alteingesessenen Berliner und die Zugewanderten, in der jeder tun und lassen kann, was er will.
Nur die Start- und Landebahnen von einst, ein paar Bäume, die verträumt in der[…]“

Nur die Start- und Landebahnen von einst, ein paar Bäume, die verträumt in der Gegend herumstehen, eine sechs Kilometer lange Asphaltstrecke, die das Areal umrundet und auf der rote Punkte die Idealstrecke für die das Nichts umrundenden Sportler markieren.
Es war und ist der utopische Ort all der überforderten, gestressten, panischen Großstadtmenschen, die sich nach draußen sehnen, in die Ruhe, die Weite, den Blick aufs Meer statt immer nur ins Grau und in die Gesichter all der gehetzten Menschen, in denen sie auf Schritt und Tritt an sich selbst erinnert werden.
Es sollte der freie, der regellose, der ungeplante, anarchische Möglichkeitsort der stetig wachsenden deutschen Hauptstadt werden. Dort, wo Adolf Hitler am 1. Mai 1933 eine große Machtdemonstration abgehalten hatte. Wo unterirdisch Kriegsflugzeuge montiert wurden. Wo die alliierten Rosinenbomber landeten, als die Sowjets den Westteil der Stadt aushungern wollten.

„Das ist das Faszinierende an Berlin“, sagt die britische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Helen Mirren, während sie über das Feld blickt. „Diese Stadt definiert historische Orte immer wieder um.“ Mirren hat für den Episodenfilm „Berlin, I Love You“, der im kommenden Jahr ins Kino kommt, eine Episode über Flüchtlinge gedreht, die auf dem Flughafen untergebracht sind. „Es ist einfach großartig, eine solche Fläche zu haben, auf der jeder sich selbst verwirklichen kann. In London wäre das undenkbar.“
Doch tatsächlich ist auf dem Feld eine Art Mikro-Deutschland entstanden. Es scheint kompartimentiert wie das ganze Land, Volksabstimmung hin oder her. Scheinbar jede Bevölkerungsgruppe hat sich ein Abteil abgezweigt, lebt, schwebt, fährt, läuft dort nach seinen eigenen Regeln, getrennt vom Rest der Welt.
Hier die Hundezäune. Auslaufgebiete heißen diese Abteile und sind eher große Zwinger, in denen Männer Bälle werfen, rauchend am Rand stehen und ihren tobenden Hunden zusehen. Dann Kleinstgartenparzellen der Stadtgärtner, so winzig, dass es einem die Tränen des Mitleids in die Augen treibt im Vergleich zu den alten, von Neuberlinern natürlich als superspießig abgelehnten Schrebergärten.“

Im Südwesten des Feldes hat ein Segway-Verleiher ein eigenes Kompartment abgetrennt. Er braucht es, um taumelnden Touristen das Fahren beizubringen. Nebenan der Kettkar-Verleih. Der Mini-Elektroautoverleih. Jede Freizeitgerätesammlung hinter einem eigenen Zaun.
Die Sonderlinge mit ihren winzigen Hubschraubern und ferngesteuerten Jeeps haben sich ein Stück Asphalt gesichert. Schilder erklären, wo die Bereiche für Windsportler beginnen und wo sie enden. Aber Achtung! Da gibt es einen Bereich auf „ unbefestigtem Untergrund“ und einen anderen auf „ befestigtem Untergrund inkl. 15m-Wiesenrandstreifen“.
Etwas weiter weg ist eine der Grillwiesen, die keinen Zaun brauchen, weil der Rauch all der Feuer, des verbrannten Fleischs, der Lämmer am Spieß im Sommer einen natürlichen Luftzaun bildet.
Einen guten Teil des Jahres wird die Mitte des Feldes weiträumig von Freunden der Feldlerche abgesperrt. Nur hier könne sie noch brüten, steht auf roten Schildern. Deshalb: Durchgang verboten.

Im Herbst zog ein Schäfer mit seiner Herde eine Woche lang über das Feld, das vom trockenen Sommer ausgedörrt und braun ist. Zwei Hütehunde hielten die Tiere zusammen. Es gab keine Zäune zu überwinden. Dafür die ehemalige Landebahn. Doch bevor er dies riskierte, machte sich der Schäfer über einen kurzen Anruf noch mal schlau, ob das auch okay sei.
In einem Miniwäldchen hat sich eine Cross-Strecke für Mountainbikes gebildet. Es wird sehr ungern gesehen, wenn sich Liebespärchen hierhin zurückziehen, an den einzigen sichtgeschützten Ort des Feldes. Hier ist halt Cross und nicht Küssen.
Ein Kifferkompartment gibt’s auch. Immerhin nicht hinter Zaun, aber abends sind die Cannabisschwaden manchmal fast so dicht wie in der Grillabteilung.

Auf einer Anhöhe hat man wie nirgendwo sonst in der Stadt einen postkartenhaft-idyllischen Blick auf den Sonnenuntergang. Abends liegen sie alle im Gras und sehen den scharf hervortretenden Konturen des aufgeteilten Feldes beim Verschwinden zu.
In weiter Ferne, auf der anderen Seite des Feldes, weiße Container. Ein kleines Dorf für die Flüchtlinge. Auch hinter einem Zaun. Doch damit die Bewohner nicht durch ein Gitter schauen müssen, hat man auf der Innenseite einen etwa einen Meter hohen Laufsteg gebaut, der um das Dorf geht und einen Blick über den Zaun ermöglicht.
Tempelhofer Freiheit. Berlins Utopie. Berlins leere Mitte. Alle zusammen, jeder für sich.

 

Auszug aus: SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. „SPIEGEL E-Books 1/2019.“ iBooks.

Autoren: Lars-Olav Beier, Markus Deggerich, Georg Diez, Paula Grabosch, Tobias Rapp, Hilmar Schmundt, Dajana Suljkanovic, Xaver von Cranach, Peter Wensierski, Volker Weidermann

Auszug aus: SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. „SPIEGEL E-Books 1/2019.“ iBooks.

Gestaltung: Jens Kuppi
Koordination: Ulrike Preuß
Produktion: Heike Schaarschmidt

 

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Der neue Drohnen-Führerschein: Wir müssen leider unten bleiben

Hervorgehoben

 

Bildschirmfoto 2017-09-29 um 18.46.50Eigentlich sollte der neue Drohnenführerschein, der ab Oktober erforderlich ist für Drohnen über 2 Kilogramm, das Copterfliegen sicherer machen.

 

Doch die meisten der rund 500.000 unbemannten Flugobjekte hierzulande sind leichter als zwei Kilo, der Inhalt der neuen Verordnung erreicht daher 90 Prozent der Piloten gar nicht – zumal er in unlesbarem Juristendeutsch formuliert ist. Doch es hakt an der Übersetzung und Kommunikation der Regeln, von denen viele durchaus sinnvoll sind (wenn auch nicht alle).

Dabei wäre es ein Leichtes, mit klugen Apps Klarheit zu schaffen, indem die Piloten einfach und klar erklärt bekommen, ob sie starten dürfen. Oder was genau dagegen spricht. Eine solche naheliegende Aufklärungskampagne für Piloten wurde leider von Verkehrsminister Dobrindt versäumt.

Ein Faltblatt des Ministeriums vergisst sogar, eine wichtige Flugverbotszone aufzulisten: im Umkreis von Krankenhäusern, weil dort oft Hubschrauber mit Verletzten landen.

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Der Effekt: Woche für Woche kommt es zu Fast-Kollisionen mit Flugzeugen oder Hubschraubern. Wir erklären in der aktuellen Ausgabe, was erlaubt ist und was nicht.

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Hier noch ein Gespräch, dass ich heute dazu im Kulturradio des RBB geführt habe mit Achim Friedl, Vorstandsmitglied beim Verband für unbemannte Luftfahrt (UAV DACH).

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Durch die Unklarheit und Unsicherheit kommt es immer wieder zu gefährlichen Annäherungen zwischen Drohnen und Flugzeugen. Doch bislang werden die Copter-Chaoten nicht erreicht. Für mich ist völlig unverständlich, warum das Verkehrsministerium und die Deutsche Flugsicherung nicht eine umfassende Warn- und Lernapp auf GPS-Basis herausgegeben haben, die jeder Nutzer vor der Inbetriebnahme installieren muss, vielleicht sogar einfach also Teil der Steuerungs-Software integriert. Als ich gestern so tat, als wollte ich am Berliner Alexanderplatz eine Drohne fliegen, warnte mich die Software nur schwammig: „Fly with caution“.

Von wegen fly with caution.

Dort ist eine Flugverbotszone. Aus mehreren Gründen. Die Bahn geht direkt daneben vorbei, dort schiebt sich jeden Tag eine riesige Menschenmenge über den Platz. Und natürlich liegt der Alex mitten im Bannkreis von fünf Kilometern, der den Reichstag und das Regierungsviertel vor UAV schützen soll.

Die neue Drohnen-Verordnung ist zahnlos, solange sie nicht verständlich kommuniziert wird.

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat zwar einen Papier-„Flyer“ herausgebracht. Aber was nützt ein Flyer, wenn er für die Piloten vor Ort nicht verfügbar ist?

Hier müsste dringend nachgebessert werden. Diese Versäumnisse leisten nur dem teils verbreiteten Gefühl der Angst Vorschub, das hierzulande gerne auf neue Technologien projiziert wird. Je schneller ein digitaler Beipackzettel in jeder Steuer-Software für Drohnen integriert ist, am besten mit einem interaktiven Quiz und GPS-basierten Warnungen, desto besser kann einer oft leicht hysterischen Angst-Debatte begegnet werden.

Was ist erlaubt, was verboten? Droht mir nach Überfliegen eines Wohngebietes vielleicht Jahre später ein Rechtsstreit? Welche App erklärt mir rechtssicher und klipp und klar, wann und wo ich fliegen darf? Diese Planungssicherheit fehlt bislang.

Vor kurzem wollte ich am russischen Ehrenmal in Treptow fliegen. Zwei Apps gaben mir die Auskunft: Alles OK. Doch kaum war ich gestartet, stoppte mich ein Polizeibeamter: Fliegen verboten, aufgrund der aktuellen Gefahrenlage. Genauer dürfe er mir das nicht erläutern. Aber ich solle doch nächstes Mal einfach beim zuständigen Polizeirevier anrufen. Wohlwollend sagte der Beamte mir aber, dass ich auf der anderen Straßenseite fliegen darf, im Park an der Spree. Was er nicht dazu sagte: Das dürfte ein etwa 10 Meter breiter Streifen sein, denn auf der einen Seite läuft eine Bundesstraße, auf der anderen eine Wasserstraße, und von beiden muss ich 100 Meter Abstand halten. Weder Apps noch Polizei sind also eine Hilfe beim Versuch, legal und mit Rechtssicherheit und Planungssicherheit zu fliegen.

Aufgrund der unklaren Rechtslage, vor allem was das Überfliegen von Wohngebieten angeht, heißt derzeit das Signal für Copter-Interessierte eher: Wir müssen leider unten bleiben. Zumindest im Umkreis von Städten. Auf dem Lande sieht die Lage oft einfacher aus, aber auch dort gibt es viele Regeln zu beachten. Zum Beispiel darf nicht über Naturschutzgebieten geflogen werden. Die aber werden in vielen Copter-Apps nicht berücksichtigt, sondern müssen separat von der Website des Bundesministeriums für Naturschutz heruntergezogen werden.

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Und ein ein paar Jahren kommen dann eh neue Regeln, denn die EU bastelt derzeit an einer einheitlichen Direktive. Noch ist Europa ein bunter, chaotischer Flickenteppich. Wer in Deutschland fliegen darf, hat damit in Österreich noch lange keine Flugerlaubnis, die muss man separat beantragen, 10 Tage vorher, sie kostet 330 Euro und gilt ein Jahr. Und wer dann auf dem Weg in den Urlaub auch noch in Italien fliegen will, muss sich wiederum mit den dortigen Regeln auseinandersetzen.

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Eine Helmpflicht für Radfahrer lenkt vom eigentlichen Problem ab. (Kommentar auf SPIEGEL Daily)

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Soll­te man die Helm­pflicht für Rad­ler ein­füh­ren, weil sie ja schließ­lich auch bei Mo­tor­rad­fah­rern gilt?

Nein. Es gibt Dis­kus­sio­nen, die sind so über­flüs­sig wie Stütz­rä­der an ei­nem Moun­tain­bike. Denn Stu­di­en von Si­cher­heits­for­schern be­le­gen im­mer wie­der das Pro­hi­bi­ti­ons­pa­ra­dox: Was im Ein­zel­fall gut ist, geht als Ge­setz manch­mal nach hin­ten los.

Ein Bei­spiel war die Al­ko­hol­pro­hi­bi­ti­on in den USA: Si­cher, für mich pri­vat ist es na­tür­lich ge­sün­der, nicht zu viel Schnaps zu trin­ken. Wird die­se Bin­sen­weis­heit aber in ein Al­ko­hol­ver­bot um­ge­münzt, be­för­dert sie Ne­ben­ef­fek­te wie Schwarz­markt, Ma­fia und Ge­walt­ver­bre­chen, die deut­lich un­ge­sün­der sein kön­nen als der Al­ko­hol selbst.

Was macht den Verkehr wirklich sicherer?

Die Par­al­le­le zwi­schen Fu­sel und Fahr­rad: Na­tür­lich be­nut­ze ich fast im­mer ei­nen Fahr­rad­helm und fin­de ihn vor al­lem für Kin­der sinn­voll. Aber ers­tens bringt die Fahr­rad­helm­pflicht we­nig: In Ka­na­da zum Bei­spiel ha­ben ei­ni­ge Pro­vin­zen sie ein­ge­führt, an­de­re nicht. In der Kran­ken­haus­sta­tis­tik macht das fast kei­nen Un­ter­schied aus.

Zwei­tens hält die Helm­pflicht vie­le Men­schen da­von ab, das Rad zu be­nut­zen. Und da­durch wird drit­tens ein kol­lek­ti­ver Schutz­ef­fekt ab­ge­schwächt: Je mehr Rad­ler un­ter­wegs sind, des­to sel­te­ner ge­ra­ten sie in Un­fäl­le (war­um, hat die For­schung noch nicht ge­klärt).

Vie­le der Stu­di­en lei­den zwar an me­tho­di­schen Un­si­cher­hei­ten. Er­staun­lich ei­nig sind sich vie­le Ver­kehrs­ex­per­ten, was den Ver­kehr wirk­lich si­che­rer ma­chen wür­de. Dazu ge­hö­ren Rad­we­ge, die nicht hin­ter ge­park­ten Au­tos ver­lau­fen, son­dern auf der Stra­ße. Oder Tem­po 30 in Ort­schaf­ten. Die Helm­de­bat­te lenkt nur da­von ab, das Not­wen­di­ge zu tun  und ist da­her fahr­läs­si­ger als das Ra­deln ohne Helm.

 

HIER ABSTIMMEN AUF SPIEGEL DAILY

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Alpen-Traum: Can global tourism help save remote mountain farms?

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My story about the Alps is out. It’s been a trip of pure Gonzo Alpinism* all over the wild heart of Europe.

I went to Switzerland, Austria, Italy, Bavaria. And partly down (and up) memory lane: I managed to reconnect to the farmers in a remote valley where we spent our summer vacations in 1975, 1976, 1977, 1978, living under the same roof, helping out with making hay, baking bread, getting honey from the neighbors, the full monty.

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One of our family rambles ended up as a photo in a book by climbing legend Reinhold Messner („Klettersteige Ostalpen“, 1978). That book sparked a stampede into the mountains, something Messner loathed. So he took the book off the market. But I still had my copy. He signed it for me when I met him on one of his castles near Bolzano two weeks ago. I am so thankful that my adventurous, wonderful parents took us three kids to Südtirol over and over and took us up to a couple of peaks, thus giving us three lowlanders from Hannover (55m above see level), a second Heimat away from home in the Alps.

 

 

Here’s a little video I made of our conversation with Messner:

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The 1200 km long crescent is technically the product of a collision between Europe and Africa, the Matterhorn for example is African, geologists insist. The lovely Edelweiss, too, epitome of regionalist nostalgia for a better past and Heimatseligkeit, is an immigrant from Asia after the last ice age. But here’s the thing: The Alps are what they are because of an influx of new people, ideas and botanical tourists.

 

Whenever I could, I went back to the mountains. After having spent many summers as a kid in the Alps, I joined a transalpine „Alpenüberquerung“ hike with my awesome sports teacher Welf Haase, who also tought us free climbing. On that Alpine crossing my attire was close to what Günter Aloys used to call „rotweißes Wanderschwein“, a hiker with a predilection for red-and-white plaid. Guilty as charged, but I didn’t care, as long as I was up there.

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Years later, I lived in Reichenhall and Berchtesgaden (Bavaria) for nearly two years when I worked with the Red Cross in my early twenties. Then I went on to get my degrees in geography, science journalism and American studies. Geography I liked not because I know all capitals by heart (I am often at a loss. Berne? Really?). I always liked spatial thinking, I used that approach for my books on memorial landscapes in Germany („Böse Orte“) and on inspiring Meccas of Modernity and Science („Mekkas der Moderne„).

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Although I had spent some time in the Alps, I was surprised at every turn during my trip this time. The Alps, for one thing, are home to over 14 million people, that’s roughly the size of London. Urbanization and demographic change is happening twice as fast as in the rest of the Alpine countries on average. And climate change, too, is happening at twice the speed of the global average, so far temperatures in the Alps have risen by 2 degrees centigrade. The reason for this speeded-up change? Self-reinforcing processes in an extreme environment where little initial changes often beget big consequences.

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What is even more striking: Many mountain farmers are struggling. They need to work in the tourism industry on the side. And tourism is getting more globalized. So you could argue: Globalization is saving traditional mountain farms (Almbauern). I never made that connection. It would be great to get some geographers, maybe from the amazing institutes in Innsbruck or Grenoble, to research that connection.

 

 

 

Take places like Interlaken, Engelberg, Zermatt or Salzburg, for example, catering to a colorful crowd of visitors from all over the place: Japan, India, UAE, you name it. Many people working in those hotspots of globalisation use that money to finance their lives as part time small holding farmers in the mountains for the rest of the year. I met a couple of them. But then again: Even the fiercest critics of tourism often overestimate the importance of travel, maybe because they, as travellers, live in a bubble, albeit angrily so: Only around 10 percent of the Alpine economy is tourism-related. So even if the tourism industry is helping in some cases with preserving wildlife or farms, tourism can only do so much. Other sectors of the economy, and politics, of course, may be way more important than what is most visible to the wanderer’s eye.

The Alps are changing fast, climate change is twice as fast (ca. 2 degrees centigrade) as the global average. They are not a museum of a better, more quiet past, but rather: a futuristic innovation lab, a crash course in change management for plants, animals and humans.

 

 

 

So. I consider my article to be part of a work in progress. I would love to report again about new and noteworthy research, projects, conflicts: avalanche protection, winter wild fires, wolves, Periurbanisierung, Parahotellerie. Let me know if you have new, relevant, hard hitting stuff I could write about. Also, I am interested in all maps and data that span ALL of the Alps. They are so rare. What I can recommend are books like „Gletscher im Treibhaus“ and „Bildatlas Alpen„.

Any article can only provide so much insight. My article in Der Spiegel can only be a first start – if that. So if you want to find out more about the Alps yourself (after getting a copy of Der Spiegel of course), why not join a trekking tour from Vienna to Nice, where they will arrive on September 29th, to have a beach party (weather permitting). They call themselves „Whatsalp„; but they are impossible to google because Sergey Brin tends to send you in the direction of a messaging app. You can check where the Whatsalp team is right now here.

Here are some links to places, people, apps ’n stuff  that I mention in the article:

Whoever might be interested: Here’s the link to Helga’s Alm.

This is a great AR app that tells you the names of the mountain peaks around you: Peakfinder.

This is a great map ressource for hikers: Mapout.

Here’s a link to the movie „Nordwand„. Pretty intense stuff, beware. Some people have trouble sleeping after watching it.

What to read? Maybe start with „Die Alpen“ by Werner Bätzing.

Also a great read, more focused on Alpine culture: Jon Mathieu, „Die Alpen – Raum, Kultur, Geschichte„.

Hilmar Watzmann Krähe

Me on Watzmann Mittelspitze with another Gonzo Alpinist

 


 

  • „Gonzo Alpinism“ is a neologism that the science historian Philipp Felsch („Laborlandschaften„) from Berlin came up with. He uses it to distinguish the classic, athletic forms of leisure on the Playground of Europe from a more open ended, contemporary, relaxed form of travel. Reinhold Messner’s next ten Mountain Museums should be exclusively dedicated to Gonzo Alpinism, some think.

Fett macht schlank: Diäten als Beispiel für die „Broken Clock Theory“

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Gesunde Ernährung braucht eine gesunde Portion gesundes Fett. Die weit verbreitet Fett-Phobie, die oft mit Magermilch und dem Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate einhergeht, führt paradoxerweise nicht zum Abnehmen, sondern steckt wohl teils hinter der Zunahme von Adipositas.

Ich habe dazu im Spiegel einen Artikel geschrieben (erhältlich für € 0,39).

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Schluss mit Magerquark und Knäckebrot! Ein Harvard-Mediziner rät von Kalorienzählerei ab und sorgt mit einer neuen Ess-Regel für Aufsehen: Wer Fettpolster loswerden will, muss mehr Fett essen.

Mit 30 Jahren bemerkte David Ludwig, dass sein Problemchen immer größer wurde: Nach etwas Hüftspeck drohte eine Wampe, pro Jahr legte er bis zu zwei Pfund zu, schließlich erreichte er die Grenze zum Übergewicht. Eigentlich ernährte er sich gesund: nicht zu viel Fett, reichlich Vollkorn, Obst – und genug Bewegung.

Nichts half. Der Wabbel blieb.

David Ludwig, ein Herr mit runder Gelehrtenbrille, war erst verblüfft, dann frustriert. „Ich bin zwar Arzt, hatte aber keine Ahnung von Ernährung“, sagt er heute. „Wie so viele meiner Kollegen.“ Niemand konnte ihm erklären, warum er immer fülliger wurde, obwohl er weniger Fett zu sich nahm.

Dabei war Ludwig mit seinem Problem beileibe nicht allein. Übergewicht hat sich in den Industrienationen zu einem gigantischen Problem entwickelt; mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung hat zu viel Speck auf den Rippen. In den USA leidet jeder dritte Erwachsene gar an krankhafter Fettleibigkeit (Adipositas), in Deutschland ist es fast jeder vierte. Nur noch knapp vierzig Prozent der Bürger gehen als normalgewichtig durch.

„Es ist verheerend!“, schimpft Ludwig und rattert die schlimmen Zahlen herunter: „Fast jeder zweite Erwachsene in den USA ist zuckerkrank oder hat Prädiabetes, Leiden, die im Zusammenhang mit Übergewicht stehen, kosten rund 190 Milliarden Dollar pro Jahr.“ Das sei deutlich mehr als die gesamten Kosten des Mondlandungsprogramms. Damals, Anfang der Neunzigerjahre, beschloss Ludwig, nach Lösungen für das Rätsel der Fettzunahme bei doch so gesunder Ernährung zu suchen.

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Nun bekomme ich eine ganze Flut von Leserzuschriften. Das freut mich. Ich möchte die zentralen Themen kurz vorstellen und dann knapp darauf eingehen.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist dabei: Fett macht schlank, das ist doch nichts Neues. Das weiß ich schon lange. Dazu nachfolgend ein paar Beispiele.

Jörg Wunderwald aus Littenheid zum Beispiel schreibt mir:

„Wirklich erleuchtend Ihr spannender Artikel, doch erschien bereits 2002 das erwähnenswerte Buch „Fett macht schlank“.“

Lorenz Borsche schreibt mir:

„Alles nix neues, Michel Montignac: Essen gehen und dabei abnehmen… – aber

     trotzdem sehr wichtig, die KHD-Verfechter immer wieder zurück zu drängen…“

Andy Runge aus Fürstenfeldbruck schreibt mir:

„…da hat sich David Ludwig sehr viel Mühe gegeben,
um das festzustellen was Herr Atkins in den 70-er
Jahren schon genau beschrieben hat. Neue Erkenntnisse sind das beileibe nicht.“

Dr. Nicolai Worm aus München schreibt mir:

„Seit Jahren setze ich mich als Ernährungswissenschaftler dafür ein, dass diese Datenlage, die auch David Ludwig in seinem Buch beschreibt, endlich mehr Beachtung findet.“

Philip Lutz schreibt:

Der von Ihnen vorgestellte Harvard-Mediziner David Ludwig hat erkannt, daß es ihm ohne Kohlenhydrate besser geht. Er erklärt dem Publikum die unnatürliche Steigerung der Insulin-Produktion und das Risiko an Diabetes usw. zu erkranken. Die Ursache vieler positiver Effekte einer Lebensweise unter Kohlenhydratbeschränkung scheinen für ihn jedoch im Dunkeln zu bleiben. 

Ich möchte an dieser Stelle auf die jahrzehntelangen Untersuchungen, medizinischen Erfolge und Veröffentlichungen unseres Vaters Dr. Wolfgang Lutz zu diesem Thema hinweisen. Er hatte keine Universität im Rücken, keine Industrie, lediglich seine internistische Praxis in Salzburg als Betätigungsfeld. In den 60er, 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war er ein einsamer Rufer für eine Ernährung mit Kohlenhydratbeschränkung, und das nicht nur im deutschen Sprachraum, als alle Welt noch tierische Fette verdammte. 

(….) Ich finde eine anhaltende Diskussion über Ernährung sehr wichtig. Es ist mir auch völlig klar, daß bei der heutigen Lage der Welternährung nicht empfohlen werden kann, sich weitgehend von tierischem Eiweiß zu ernähren. Es ist immer Vorsicht geboten und die journalistischen Recherchen sind mitunter zeitraubend. Aber ich denke, man sollte aktuelle Veröffentlichungen in den Kontext der jeweiligen geistigen Vorfahren stellen, wir alle stehen mit unseren geistigen Leistungen „auf den Schultern von Riesen“, nicht nur im kulturellen sondern auch im naturwissenschaftlichen Bereich.“

 

Dr. Heinrich Everke aus Konstanz schreibt:

Es stimmt, dass Hungerdiäten die Menschen nur immer dicker machen und das Kalorienzählen nichts nützt.

Es gibt aber nicht nur die „Insulinfalle“, sondern zum Beipiel auch das Ghrelin, das wir produzieren, wenn wir Hunger haben, was unseren Energieverbrauch reduziert und dadurch dicker macht. Und noch ein paar Dinge mehr, die es den Dicken fast unmöglich machen einfach abzunehmen.

Was mich ärgert ist, dass die meisten Ratschläge für Dicke von dünnen Asketen kommen, die meinen, man müsse nur die Schokolade weglassen und schon würde man dünn.

Man kann auch aus einem Bernhardiner keinen Windhund machen, indem man ihm das Essen kürzt!“

Rainer F. Voss aus Überlingen schreibt mir:

„…Ich hatte Ihnen die E-Mail geschickt quasi als Bestätigung des Inhalts „fat burns fat“, nur scheint diese Erkenntnis nicht neu zu sein sondern schon lange zumindest in Fachkreisen in den USA vorhanden. Wir hatten diese Diät 1999 von einer Bekannten bekommen welche damals mit einem amerikanischen Arzt befreundet war an dessen Klinik diese spezielle Diät bei übergewichtigen Patienten vor der OP angewendet wurde.

Die wissenschaftlichen Einzelheiten hierzu liegen mir nicht vor, Tatsache ist jedoch das es funktioniert und gleichzeitig ein Umdenken bei den betreffenden Personen bewirkt, dass Fett nicht unbedingt fett macht und es somit leichter fällt, die Ernährung auf nachhaltigere Kost umzustellen.

Wichtig beim Ganzen hierbei erscheint mir auch noch der Punkt, dass man sich richtig satt essen kann, das alberne Kalorienzählen fällt unter den Tisch und somit auch weitgehend die Gefahr des angesprochenen Jojo-Effekts.

Jasro schreibt im Forum auf Spiegel Online:

Ein UR-alter Hut….

Ich habe den Artikel eben in der aktuellen Printausgabe geärgert und mich schon darüber geärgert, dass „Low Carb/High Fat“ als „brandneue Erkenntnis“ verkauft wird.

Das gab es schon in den 1970er (!) Jahren als „Atkins-Diät“ des US-amerikanischen Arztes Robert Atkins (1930-2003). Sogar etwas früher veröffentlichte der österreichische Internist Wolfgang Lutz (1913-2010) sein bekanntes Buch „Leben ohne Brot“ und Ende der 1970er der deutsche Arzt Alexander Felix (Lebensdaten leider nicht bekannt) sein Buch „Das Schlankheitskonzept“.

Ein einziger Widerspruch war bislang unter den Zuschriften, der aber recht vehement. Chrisian Ückert schreibt mir recht ausführlich. Hier ein paar Kernpunkte, zitiert aus mehreren unterschiedlichen E-Mails:

„Zunächst einmal sind kohlenhydratreduzierte Low-carb oder ketogene Diäten ein alter Hut und nichts Neues. Trotzdem enthält ihr Artikel so viele haarsträubende Fehler und Halb-/Unwahrheiten, dass es mir beim Lesen fast die Fußnägel umgeklappt hat. Von einem Redakteur des Wissenschaftsressorts würde ich mir eine etwas gründlichere Recherche wünschen (….)

Was bitteschön soll an einer Kartoffel UNGESUND sein? bitte schauen Sie hier nach, wieviele „Nährstoffe“ eine Kartoffel enthält: http://nutritiondata.self.com/facts/vegetables-and-vegetable-products/2556/2 Sie finden dort die Liste aller enthaltenen Aminosäuren, Vitamine, Mineralstoffe. Kartoffeln werden erst dann „ungesund“, wenn man sie in billigem Fett frittiert.

(….)

Ob das Kaloriendefizit durch die Reduktion von Fettkalorien oder Kolenhydratkalorien oder durch eine Erhöhung des Kalorienverbrauchs zustande kommt, ist irrelevant.

(….)

Ich sage nicht, dass es leicht ist, abzunehmen. Aber die biochemische Grundlage ist simpel: Mehr Energie verbrauchen als man zuführt. Die Frage lautet eigentlich nur: Wie erreiche ich ein Kaloriendefizit, ohne ständig hungrig zu sein? Hier hilft meiner Meinung nach eine vollwertige Mischkost eher als irgendein Extrem.

(….)

Zum Schluss empfehle ich Ihnen noch etwas Lektüre und hoffe, dass ihr nächster Artikel über das Thema Ernährung etwas fundierter daher kommt.

Sehr lesenswert, die Artikel von Dr. Kurt Moosburger aus Österreich: http://www.dr-moosburger.at/publikationen.php (Internist, Sport- und Ernährungsmediziner). Lesen Sie ALLE Artikel, die Sie dort finden, es lohnt sich!“


Soweit ein paar Zuschriften.

In der Tat ist die vorgeschlagene Ernährungsumstellung in Richtung Mediterran/Flexi-Carb, nicht unähnlich der South Beach-Variante. Auch Omas Küche spielt eine Rolle (minus Zuckerzeug).

Den entscheidenden Unterschied sehe ich in diesem Falle jedoch darin, dass es sich, soweit das geht, um eine evidenzbasierte Küche handelt, die mit großen, randomisierten Studien untermauert ist. Das ist ungewöhnlich, denn auf dem bunten, widersprüchlichen Markt der Diäten gibt es nicht viele Autoren, die wirklich aus der klinischen Forschung kommen.
Warum aber sollte es wichtig sein, die Ernährungsumstellung evidenzbasiert zu gestalten? Nun, weil die Ernährungsbranche ein massives, zentrales Problem hat: Vertrauensverlust. Es gibt eine Flut von unfundierten, beliebigen Diäten, viele von ihnen auf schnelle Erfolge fokussiert, die aber nicht nachhaltig sind, einige so extrem, dass sie geradezu gefährlich sind.

Hier spielt ein zweiter Effekt eine Rolle: Die Broken Clock Theory. Natürlich gibt es in der Vielzahl von Ernährungsguru-Empfehlungen immer einzelne Aspekte, die sich als richtig und nachweislich sinnvoll erweisen: Alles nichts neues, ein alter Hut, schon seit den Siebzigern, schon seit den Zwanzigern. Nur: Welche von den unzähligen Diäten sind wirklich nachhaltig und warum? Warum genau sollten wir Atkins, Wolfgang Lutz oder Alexander Felix glauben? Und warum nicht den diametral entgegengesetzten Empfehlungen der USDA mit ihrer berühmten „Food Pyramid“ von 1992 (die heute als widerlegt gilt)?

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Kurzum: Wem kann ich glauben? Und warum sollte man Ernährung überhaupt als  Glaubensfrage behandeln? Das Argument „Alles nichts Neues“ hilft hier nicht weiter.

Die Öffentlichkeit wird häufig mit Diätgurus, Lobbyisten und Fanatikern alleine gelassen. Natürlich liegt auch ein Guru oder Marathonläufer oder Apotheker oder Koch immer mal wieder richtig mit einzelnen Diät-Aspekten. Es wäre sogar unwahrscheinlich, dass alle immer falsch liegen.

Hier hilft das Bild der „Broken Clock Theory“ zum Verständnis: Auch eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig. Nur: wann?

Um herauszufinden, welche der vielen Diäten wann sinnvoll ist, braucht es Quellentransparenz: Was ist die Beobachtungsgrundlage einer Diät? Fußt sie auf religiösen Prinzipien, auf den Vorlieben einzelner, auf großen randomisierten Studien? Und ist sie offen für Überprüfung und Falsifizierbarkeit? Genau diesen Prinzipien folgen Autoren wie David Ludwig, soweit ich das erkennen kann. Und das ist eben sehr selten auf dem Kochbuch- und Diätmarkt.

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Wir alle kennen Paläo, South Beach, Mediterran,  Vegan, Vegetarisch, Flexitarisch.

Die Beleglage, die Tests, die Veröffentlichungen in Peer-Review-Journals? Oft  schwach bis nonexistent.

Eine evidenzbasierte Diskussion könnte dazu beitragen, das Vertrauen der Verbraucher in Diätempfehlungen zurückzugewinnen.

 

Doch noch gibt es keinen Namen für die neue Form der Evidenzbasierten Küche.  Wie würden Sie diese Küche nennen?

Ich freue mich über Zuschriften.


Ach so, und ein Leser bittet mich:

„…habe heute beim Arzt im Wartezimmer den aktuellen Spiegel mit Ihrem Artikel gelesen. Sehr interessant !

Gerne möchte ich das genannte Fritatta-Rezept unter diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen kochen. Darf ich Sie um das Rezept bitten?

Das wäre soo nett.“

 

Kein Problem. Hier ist das Rezept:


 

Dr. Ludwigs Lieblings-Frittata (für alle Ernährungsphasen)

Abgetippt aus dem Buch „nimmersatt“ von David Ludwig:

 

Dieses Gericht gibt s bei mir regelmäßig. Die Zubereitungs ist einfach, und was übrig bliebt, kann man unter dem Backofengrill rasch aufwärmen.

Eine kleine Restmenge eignet sich auch als schnelle Zwischenmahlzeit.

 Zubereitungszeit: 8 Minuten

Gesamtzeit: 25 Minuten

 Für 4 Portionen

 -3 TL Olivenöl, extra vergine

-5 Eier

-3 Eiweiß

-1 bis 2 Knoblauchzehen, gehackt

-1/2 TL Salz

-1/4 TL schwarzer Pfeffer, gemahlen

-1 kleine Zucchini, in dünnen Scheiben

-1 kleine Tomate, in dünnen Scheiben

-1 TL getrocknete italienische Kräuter

-60 g kräftiger Hartkäse, geraspelt (Emmentaler, Cheddar)

-2 Handvoll Grünkohl (in mundgerechten Stücken)

-1/2 Avocado, entsteint, geschälkt und in Scheiben, zum Garnieren

 Den Ofen auf 200 Grad vorheizen.

 Zwei Teelöffel Öl in einer großen gusseisernen Pfanne (oder einer anderen ofenfesten Pfanne ) auf kleiner Stufe erhitzen.

 Die Eier und die Eiweiße in Knoblauch, Salz und Pfeffer in einer Schüssel schaumig schlagen.

 Die Eimischung in die Pfanne gießen.

 Den Herd abschalten.

 Die Zucchini-Scheiben in einer Lage auf den Eiern verteilen.

 Die Tomatenscheiben in einer Lage auf den Zucchinischeiben verteilen.

 Mit Kräutern bestreuen und gleichmäßig mit dem Käse bedecken.

 Im Ofen fünf Minuten überbacken, bis der Käse schmilzt.

 Den Grünkohl mit dem restlichen Teelöffel Öl mischen, auf der Frittata verteilen und noch acht bis zehn Minuten weiterbacken, bis die Eimischung gestockt ist und der Grünkohl am Rand knusprig wird.

 Nach dem Aufschneiden mit frischen Avocadoschnitzen garnieren.

Absagen an den Untergang: Warum einige Verfechter des Konstruktiven Journalismus viel zu pessimistisch sind

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Auszug aus dem E-Book: Absagen an den Untergang.

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Wir leben in schrecklichen Zeiten: Terror in Europa, Krieg im Nahen Osten, Armut in Afrika. Die Schlagzeilen schreien täglich Katastrophen hinaus. Vieles davon mag für sich genommen korrekt sein. Doch stimmt auch das Gesamtbild vom allgemeinen Niedergang?

Weltweit formiert sich seit ein paar Jahren eine Bewegung der „rationalen Optimisten“ als Gegengewicht zu apokalyptischen Warnern, die immerzu den globalen Kollaps heraufbeschwören. Doch die Absagen an den Niedergang verschwinden oft hinter finsteren Schlagzeilen, die dem Sprichwort folgen: Probleme schreien – Lösungen flüstern.

Krieg und Mord zum Beispiel würden nicht mehr, sondern weniger, argumentiert der Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“.

Hans Rosling, Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet in Stockholm, unterhält sein Publikum mit kurzweiligen Pointen, die von einer besseren Welt erzählen: „Don’t Panic“ heißt eine Filmreihe, die er mit dem britischen Sender BBC produziert hat.

Max Roser, Datenspezialist am Institute for New Economic Thinking der Universität Oxford, stellt fast täglich erstaunliche Statistiken vor auf seiner Website Ourworldindata.org: Die Kindersterblichkeit etwa hat sich alleine seit 1990 weltweit halbiert. Ein großartiger Erfolg, von dem kaum jemand Notiz nimmt. Denn schlechte Nachrichten lassen sich oft genau datieren, gute dagegen beruhen meist auf sehr langsamen Trends, sagt Roser: „Ich kann keine Schlagzeile machen, die lautet: ‚Die Kindersterblichkeit fiel gestern wieder einmal um sensationelle 0,00719 Prozent‘.

Hart geht Roser mit den Medien ins Gericht – und nimmt auch die SPIEGEL-Gruppe nicht aus. „If it bleeds, it leads“, heißt ein zynisches Sprichwort: Rotlicht, Blaulicht, Kriege dominieren die Schlagzeilen. Es gehört zum Selbstverständnis vieler Journalisten, eher nach dem Haar in der Suppe zu suchen als nach Sahnehäubchen darauf. Wie wäre es, hin und wieder die Blickrichtung umzukehren: „If it succeeds, it leads“?

„Konstruktiver Journalismus“ oder „Solutions Journalism“ wird ein Ansatz genannt, der auch bei schwierigen Themen Hoffnung macht, Erfolgsmodelle erwähnt und über das Tagesgeschehen hinausweist. . Dabei geht es nicht um Gutelaunejournalismus, sondern um kritische Recherchen zu Themen wie Klimawandel, Drogenpolitik oder Kinderarbeit. Denn wer nach Lösungen sucht, muss zunächst einmal die Probleme benennen. Die Auswahl soll dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern vor allem unterhalten und anregen.

Was ist Konstruktiver Journalismus?

Wer zehn Journalisten danach fragt, bekommt mindestens elf Antworten. Die Website des amerikanischen „Solutions Journalism Network“ hat jedoch ein paar Kernelemente herausdestilliert, die einen konstruktiven Beitrag oft kennzeichnen:

-Erklärt er die Hintergründe eines Problems?

-Präsentiert er eine passende Lösung?

-Erwähnt er auch die Grenzen des vorgeschlagenen Ansatzes?

-Feiert er nicht einfach einen Held ab, sondern präsentiert eher eine Methode?

Derlei Fragen dienen lediglich als Richtschnur, nicht als Patentrezept. Oft handelt es sich bei dem Genre um Mischformen, die Lösungen eher andeuten als hinausposaunen. Das muss keine Schwäche sein, sondern kann Vorteile bieten: It’s not a bug – it’s a feature. Denn jeder Verstoß gegen das stilistische Reinheitsgebot kann ein Risiko des Konstruktiven Journalismus abmildern: Er neigt hochdosiert teils zu moralinsaurer Besserwisserei. Und verstößt damit gegen ein ehernes Gesetz: Du sollst nicht langweilen.

Ist konstruktiver Journalismus naiv?

Manchmal wird dem Konstruktiven Journalismus unterstellt, dass er optimistisch oder sogar blauäugig sei. Schlagwort: „Keine Angst vorm Kuscheln.“

An diese Kritik schließt sich oft eine zweite an: dass er den Lesern und Zuschauern pädagogisch, paternalistisch und penetrant vorschreibe, wie sie die Welt zu sehen haben. Totschlagwort: „Nanny-Journalismus„.

Derlei Einwände sind nicht neu. Sie werden seit Jahren intensiv diskutiert, vor allem in den USA, in Dänemark und Schweden. Schon 2007 forderte Lisbeth Knudsen in einem Leitartikel einen stärkeren Fokus auf Konstruktiven Journalismus. Knudsen tat das als Chefin des dänischen Medienkonzerns Berlingske, einem Schwergewicht mit einer über 250-jährigen Tradition. Etliche Medienhäuser haben seitdem eigene Angebote entwickelt, vom niederländischen Startup „De Correspondent“ bis hin zur Washington Post mit der Rubrik „The Optimist“ oder zur New York Times mit  dem Blog „Fixes“ („Lösungen“).

„Fixes“ wurde mit ins Leben gerufen vom Buchautor und Reporter David Bornstein, der außerdem das bereits genannte Solutions Journalism Network mit betreibt. Bornstein geht es nicht um Wohlfühl-Journalismus – ganz im Gegenteil. Er sieht weichgespülte Gutelaunegegeschichten nicht als Teil des lösungsorientierten Journalismus, sondern als Teil des Problems. Seine Website warnt explizit vor Trittbrettfahrern („Solutions Journalism Impostors“), die mit naiven Gutgemeintheiten unter falscher Flagge segeln.

Ist Konstruktiver Journalismus dasselbe wie Positiver Journalismus?

Wenn Konstruktiver Journalismus umkippt in seine Kuschelform, den Positiven Journalismus, blickt er oft nur noch mit einem Auge auf die Welt: gutgläubig, handzahm und durch eine rosarote Brille. Christin Fink vom Deutschen Fachjournalisten-Verband schreibt dazu im Sammelband „Positiver Journalismus“, dieser versuche „beim Rezipienten positive kognitive, affektive und motivationale Wirkungen hervorzurufen. Damit stellt positiver Journalismus einen normativen – gegebenenfalls sogar pädagogischen – Ansatz dar.“

Beispiele für derlei Positiven Journalismus finden sich immer wieder in der Reihe „Heroes“ von CNN, in der Rubrik „Good News“ des Senders ABC, bei der Huffington Post oder auf der Website Positive News.

Konstruktiver Journalismus dagegen ist nach dieser Definition nicht positiv. Sondern zunächst einmal handwerklich sauber: kritisch, relevant, offen für unangenehme Wahrheiten. Denn wer Lösungen sucht, muss zunächst einmal die Probleme sehen. Im vorliegenden E-Book tauchen daher auch Artikel über Seuchen, Drogen und religiösen Hass auf. Aber eben ergänzt um eine Zusatzfrage: Wie könnten Lösungsansätze aussehen?

Was ist das „Sechste W“?

Wer, was, wo, wann, warum, diese Fragen gehören zum kanonischen Katalog der journalistischen Fragen. Die dänische Journalistin Cathrine Gyldensted fordert in ihrem Buch „From Mirrors to Movers„, dass diesen fünf Ws ein sechstes W hinzugefügt werden sollte: „Was nun“?

Gyldensted leitet an der Fachhochschule Windesheim in den Niederlanden den Fachbereich „Constructive Journalism“. Im Jahr 2011 schrieb sie in den USA ihre Magisterarbeit zum Thema Positive Psychologie – eine Denkrichtung, die weniger in alten Traumata kramt als Gefühle wie Glück, Optimismus und Zuversicht untersucht. Aus dieser Forschung ging später ihr Buch „From Mirrors to Movers“ hervor. Jahrelang hatte sie zuvor als investigative Reporterin gearbeitet. Ein Ergebnis überraschte sie besonders: Teils reichen schon wenige lösungsorientierte Sätze, um den Grundtenor eines ganzen Artikels grundlegend ins Konstruktive zu drehen – in Richtung des Sechsten W.

Kann Konstruktiver Journalismus kriselnde Medien retten?

„Die Leser von Konstruktiven Artikeln sagen, dass sie sich besser informiert und stärker involviert fühlen und mehr über ein Thema wissen wollen im Vergleich zu Lesern, die Geschichten ohne Lösungshinweise bekamen“, schreibt Gyldensted. Sie untermauert diese Beobachtung mit diversen wissenschaftlichen Studien.

Die amerikanische Zeitung „Deseret News“ zum Beispiel hat einen Vergleichstest gemacht mit zwei Versionen eines Online-Artikels über Gefängnisse. In der ersten Version war der Beitrag auf herkömmliche Weise geschrieben, in der zweiten erwähnte er zusätzlich Lösungsansätze. Die Abstimmung mit der Maus soll eindeutig ausgefallen sein, schreibt Gyldensted: Der konstruktive Artikel fand angeblich 21-mal mehr Leser.

Kann also Konstruktiver Journalismus auch in eigener Sache problemlösend wirken und die Reichweite eines schwächelnden Mediums entscheidend steigern? Das dürfte zu optimistisch sein, vermutet die Fachzeitschrift „Columbia Journalism Review„: „Good news is good business, but not a cure-all for journalism“ – Gute Nachrichten brächten zwar gutes Geld, seien aber kein Allheilmittel.

Auch bei SPIEGEL ONLINE wurde die Erfahrung gemacht, dass schon ein minimalinvasiver Eingriff einen großen Unterschied machen kann. Ein Artikel wurde in zwei Varianten freigeschaltet, die sich durch nur sieben Wörter im Vorspann unterschieden. Die erste Variante wurde so angekündigt:

„In Westafrika sollten deutlich weniger Kinder im Kakaoanbau arbeiten – das versprachen Konzerne und Regierungen. Doch eine neue Studie belegt ihr Scheitern: Die Zahl der minderjährigen Arbeiter auf den Plantagen ist stark gestiegen.“

Die zweite Variante des Vorspanns war genau gleich – aber um einen einzigen Satz länger:

Dabei könnte jeder Verbraucher etwas dagegen tun.“ 

Die Seiten-Abrufe verdoppelten sich daraufhin kurzfristig. Es scheint also eine gewisse Nachfrage zu geben nach lösungsorientierten Berichten. Noch allerdings ist die Datenlage dazu recht dünn. (Der Artikel ist Teil dieser Sammlung.)

Wie engagiert darf Konstruktiver Journalismus sein?

„Nachrichten dienen oft als Grundlage für politische Entscheidungen. Natürlich bewegen wir die Gesellschaft“, schreibt Cathrine Gyldensted in ihrem Buch. Schon der Titel „From Mirrors to Movers“ unterstreicht ihre Forderung, dass Journalisten sich eben nicht nur als neutralen Spiegel der Verhältnisse betrachten sollten, sondern als Motor von Veränderungen.

Gyldensted sieht ihren Ansatz in der Tradition des aus Dänemark in die USA immigrierten Reporters und Aktivisten Jacob Riis, der um 1890 herum mit seinen Fotoreportagen im Buch „How the Other Half Lives“ zum Anführer einer Reformbewegung wurde, welche die Lebensbedingungen in den Slums von New York verbesserte. Diese Denkschule meint: Beim Konstruktiven Journalismus komme zur Funktion eines gesellschaftlichen „Wachhundes“ die eines „Hirtenhundes“ hinzu, der die Leser wohlwollend in eine Richtung lenkt.

Gyldensted kokettiert dabei mit einer eher provokanten Position. Viele Journalisten würden sich traditionell stärker am Motto des Fernsehjournalisten Hans-Joachim Friedrichs orientieren, der einmal sagte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Wie also lässt sich eine Gute Sache erwähnen, ohne sie gleich zu propagieren? Ein Mittelweg könnte darin bestehen, zwar Beispiele für „Best practice“ zu nennen, diese aber möglichst sachlich und auch kritisch zu beschreiben. Was von ihnen zu halten ist, kann dann jeder für sich selbst entscheiden. Der Journalismus wäre bei diesem Ansatz weniger Hirtenhund als „Ideenbasar“, wie es der Essayist Georg Diez in dieser Sammlung formuliert.

Brauchen wir eine Quote für Konstruktiven Journalismus?

Mediale Miesepetrigkeit ist nicht gleichmäßig verteilt, sondern konzentriert sich bei bestimmten Themen. Über Afrika zum Beispiel berichten große deutsche Medienhäuser „zu 60 bis 79 Prozent im Kontext gewaltsamer, latent aggressiver oder zumindest kontroverser Themen“, schreiben die Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez und Anne Grüne im bereits genannten Sammelband „Positiver Journalismus„. Generell gilt: Je näher und vertrauter ein Ort, desto positiver und differenzierter die Berichterstattung.

Um derlei systematische Verzerrungen zu korrigieren, werden bisweilen Quoten ins Spiel gebracht. „Die Medien konzentrieren sich auf negative Berichte“, kritisierte etwa der Chef der öffentlichen südafrikanischen Medienanstalt South African Broadcasting Corporation (SABC) 2013: „Ich glaube, SABC sollte zu 70 Prozent positive Berichte bringen und 30 Prozent negative.“

Diese Forderung löste einen Sturm der Entrüstung aus. „Sunshine news“ wird diese Form von Infotainment in Südafrika genannt. Die meisten Beobachter finden eine solche Quote für Kuscheljournalismus gefährlich. Und ähnlich abwegig, als wollte man im Wetterbericht einen Regenguss schönreden als „flüssigen Sonnenschein“.

Zerstören ‚bad news‘ die Medien und die Demokratie?

Constructive News“ heißt eines der bekanntesten Bücher zum Thema. Es stammt vom dänischen Rundfunk-Journalisten Ulrik Haagerup. Er trägt darin eine Fülle gelungener Experimente zusammen. Tenor: „Constructive news geht es um das Morgen: um Geschichten, die eine öffentliche Debatte über eine bessere Zukunft anregen und für sie werben.“

Um seiner Reform-Forderung Nachdruck zu verleihen, warnt der Untertitel des Buches allerdings leicht alarmistisch: „Why negativity destroys the media and democracy“. Doch wie negativ ist die Medienwelt eigentlich?

„Eine Story, die niemand wütend macht, ist bezahlt“, bimsten Haagerups Dozenten ihm schon am ersten Tag auf der Journalistenschule ein. Er hielt sich daran, wurde ein journalistischer „Bluthund“ und schrieb fortan „kurz und kantig und mit möglichst wenigen Zwischentönen“, wie er mit einem gewissen Sündenstolz vermerkt. Zusammen mit zwei Kollegen deckte er einen Betrug im Finanzsektor auf und bekam dafür den Cavling-Preis, so etwas wie den dänischen Pulitzer. Dann entdeckte Haagerup den Konstruktiven Journalismus und führte ihn als leitender Redakteur beim Sender „DR News“ ein.

Heute sei die Medienbranche „paralysiert und von Zynismus befallen“, schreibt Haagerup: „Die westlichen Demokratien kämpfen um ihr Fortbestehen“.

Die SPIEGEL-Gruppe dient ihm dabei als Negativbeispiel. Am 30. Juli 2013 etwa seien die Schwerpunkte großenteils deprimierend gewesen, schreibt er: Absturz des Goldpreises, Auslieferung von Kriminellen, der Papst spricht über Homosexualität, Polizisten erschießen einen Mann, Überwachung im Alltag, Schwerkranke Teenager.

Dies Programm klingt in der Tat nach medialem Masochismus. Doch zum Glück war es nicht ganz so schlimm, wie Haagerups selektive Auswahl suggeriert.

Denn allein das SPIEGEL-Heft, das an jenem Tag im Juli 2013 am Kiosk auslag, bot eben auch ganz andere Artikel, die Haagerup nicht erwähnt: Beiträge über die Lockerung der Zensur in Burma; über Ärzte, die ehrenamtlich Unversicherte behandeln; über einen ehemaligen Zivi aus Bayern, der in einem Slum in Südafrika eine preisgekrönte Fußballschule aufgezogen hat.

Es geht hier nicht darum, berechtigte Kritik abzubügeln. Der SPIEGEL hat sich seinen Ruf als eher düstere Lektüre schließlich über viele Jahrzehnte mühsam erarbeitet. Aber Haagerups negatives Zerrbild zeigt, dass manchmal gerade diejenigen, die mehr Konstruktiven Journalismus fordern, selbst zur Schwarzmalerei neigen, um aufzurütteln. Dann schlägt Lösungsorientierung um in Erlösungsorientierung.

Was ist der „Negativity Bias“?

„Heute twittern Redaktionen und Politiker – jede Story und jede Politik mit weniger als 140 Buchstaben. Das Produziert Trivialität“, schrieb Ex-Kanzler Helmut Schmidt im Vorwort zu Haagerups Buch: „Die Trivialität und Negativität der Medien infiziert die Politik.“

Doch diese Pessimismuskritik ist wohl zu pessimistisch und einseitig. Denn der Journalismus hat die Negativität nicht erfunden, sondern steht auf den Schultern von Riesen der Niedergangslyrik: Die Geistesgeschichte blickt auf eine stolze, jahrtausendelange Tradition der Untergangsstimmungsmache zurück, von Oswald Spengler über Friedrich Nietzsche bis zur biblischen Apokalypse.

„Jahrzehntelang war es fünf vor zwölf, waren insbesondere die Intellektuellen rechts wie links schier verrückt vor der Sorge, es könnten Nazis oder Kommunisten die Macht übernehmen“, schreibt der Essayist Nils Minkmar in dieser Sammlung: „In Wahrheit wurde das Leben in Deutschland besser, und zwar in allen Bereichen.“

Dennoch scheint die Nachfrage nach unterhaltsamen Untergängen ungebrochen zu sein. „Jedes abgestürzte Flugzeug ist eine Nachricht – tausend sicher gelandete sind keine“, schreibt Wolf Schneider, der Generationen von Journalisten ausgebildet hat, in einem ablehnenden Kommentar zu Haagerups Buch. Sein Fazit: „Mit so viel Unheil, wie die Leute sehen wollen, können selbst sensationsgierige Journalisten nur schwer konkurrieren.“

Möglicherweise ist die Angstlust eine anthropologische Konstante, Psychologen vermuten einen allgemeinmenschlichen Hang zu negativen Verzerrungen: Der „Negativity Bias“ könnte einst eine wichtige Überlebensstrategie gewesen sein, wenn man aus dem Knacken im Gebüsch auf ein Raubtier schließen musste, um zu überleben. Napoleon soll seinen Soldaten gesagt haben: „Lasst mich schlafen bei guten Nachrichten, weckt mich aber bei schlimmen!“

Doch was, wenn all die einseitig-schlechten Nachrichten einem die Ruhe rauben, bis man nicht mehr klar denken kann? Wer überprüfen will, wie negativ-verzerrt das eigene Weltbild ist, kann hier den sogenannten Ignoranz-Test auf SPIEGEL Online machen. Paradoxerweise schneiden in diesem Test die gebildeten Stände besonders schlecht ab.

Ist Konstruktiver Journalismus eher konservativ oder progressiv? 

Seine Gegner tun den Konstruktiven Journalismus teils als Forschrittsfrömmigkeit ab, teils als Vorwand für Tatenlosigkeit. Wer auf positive Entwicklungen verweist, zum Beispiel bei der Armutsbekämpfung, lädt der nicht die reichen Nationen zum Nichtstun ein? Nach dieser Lesart wäre Konstruktiv gleichzusetzen mit konservativ. Andererseits: Artikel über das erfolgreiche Absenken der Kindersterblichkeit beschreiben oft starke öffentliche Gesundheitssysteme als Teil der Lösung – und könnten daher möglicherweise als links gelten.

„Innerhalb von nur neun Minuten wurde ich beschuldigt, eine rechtsgerichtete Politik zu verfolgen, ein nordkoreanischer Kommunist zu sein oder als eine Art Terminator des Journalismus aufzutreten, der die Absicht hat, die kritische Berichterstattung niederzumachen“, skizziert Ulrik Haagerup einen Talkshow-Auftritt, in dem er für den Konstruktiven Journalismus warb.

Vielleicht kann die Symmetrie der Kritik aus mehreren politischen Richtungen auch als Kompliment gelten: als Indiz für Unabhängigkeit.

Was nun?

„Der heutige Journalismus macht mir Sorgen. Die Betonung der negativen Ereignisse ist viel zu stark“, hat der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer in seiner Dschungelklinik einmal gesagt: „Wirklicher Fortschritt ist eng verbunden mit dem Glauben einer Menschheit, die ihn für möglich hält.“

Diese Einschätzung ist immer noch aktuell. Aber Schweitzer sprach sie vor über fünfzig Jahren aus. Das Unbehagen an der Negativität der Medien ist also nichts Neues.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die langfristigen Trends. Nach Jahrhunderten, in denen Nachrichten ein knappes Gut waren, erleben wir derzeit eine Überfülle der Information, eine Art Newstopia.

Wer Gute Nachrichten sucht, kann sie heute einfach finden: im Netz, in Büchern, im persönlichen Gespräch und natürlich bei SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Konstruktiver Journalismus liegt auch im Auge der Betrachter.

Dies E-Book lädt dabei zu einer zweigleisigen Erkundungstour ein, die vielleicht zeigt: Die Welt ist nicht so finster, wie es manchmal scheint. Und die Medienwelt auch nicht.

Wer beim Lesen Lust auf mehr bekommen hat, findet im Anhang ein paar Lektüretipps.

Und auch auf Twitter ist zu diesen Fragen ein lebhafter Austausch im Gang. Diskutieren Sie mit unter dem Hashtag #KonstruktiverJournalismus

Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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  • ANHANG: Quellen und Lektüretipps 
  • Our World in Data
  • http://ourworldindata.org/
  • Eine Fülle von Fakten zu globalen Fortschritten, präsentiert vom deutschen Datenexperten Max Roser an der Oxford University.
  • Twitter: @maxroser
  • Gapminder
  • http://www.gapminder.org/
  • Statistiken und Videos zur Weltgesundheit, unterhaltsam vorgestellt vom Daten-Rockstar und Arzt Hans Rosling.
  • Twitter: @Gapminder
  • Solutions Journalism Network:
  • http://www.solutionsjournalism.org/
  • Aktueller, kritischer Überblick.
  • Ulrik Haagerup: „Constructive News – Warum bad news die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren“. Verlag Oberauer, Salzburg; ca. 212 Seiten; 24,90 Euro.
  • Twitter: @ulrikhaagerup
  • Unterhaltsame Einführung eines dänischen Chefredakteurs mit vielen Beispielen.
  • Cathrine Gyldensted: „From Mirrors to Movers: Five Elements of Positive Psychology in Constructive Journalism“. CreateSpace Independent Publishing Platform; ca. 204 Seiten; ca. 27 Euro. 
  • Engagierter Überblick einer dänischen Reporterin und Unidozentin aus eher psychologischer Sicht.
  • Constructive Journalism Project:
  • http://constructivejournalism.org
  • Aktuelle Website mit vielen Beispielen.
  • Steven Pinker: „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“.  S. Fischer, Frankfurt; 1216 Seiten; ca. 12 Euro.
  • Gut lesbare Menschheitsgeschichte, die zu dem Resultat kommt: Nie war die Welt so friedlich wie heute.
  • Matt Ridley: „The Rational Optimist: How Prosperity Evolves“. Harper, New York; 448 Seiten; ca. 26 Euro.
  • Daniel Kahnemann: „Schnelles Denken, langsames Denken“. Siedler Verlag, München; 624 Seiten; ca. 17 Euro.
  • Ein Nobelpreisträger schreibt unterhaltsam über Fallstricke des Denkens.
  • Ian Macaskill: „Doing good Better: Effective Altruism and How You can make a Difference“. Faber and Faber, London; 324 Seiten; ca. 15 Euro.
  • Arthur Herman: „The Idea of Decline in Western History“. Free Press, New York; 528 Seiten; ca. 24 Euro.
  • Bissige, unterhaltsame Geschichte des Kulturpessimismus.
  • Deutscher Fachjournalistenverband (Hg.): „Positiver Journalismus“. UVK, Konstanz; 224 Seiten; 34 Euro
  • Akademische Aufsatzsammlung.
  • Lutz Mükke: „Journalisten der Finsternis. Akteure, Strukturen und Potenziale deutscher Afrika-Berichterstattung“. Herbert von Halem Verlag, Köln; 560 Seiten; 34 Euro.

Zuschauer des eigenen Lebens

Liebe Leserin, lieber Leser,

beim Beantworten Ihrer Kommentare zu meinem Newsletter der vergangenen Woche musste ich an eine Recherche denken. Vor etwa einem Jahr stieg ich einen Gletscher hoch, auf den Spuren einer Skitourengruppe, die kurz zuvor in eine Katastrophe geschlittert war. Trotz einer Unwetterwarnung waren die zehn Bergsportler morgens in Richtung Gipfel aufgebrochen. Bald tobte der angekündigte Schneesturm, die Sicht ging gegen null, stundenlang irrten sie durch die Wildnis. Die Nacht verbrachten sie kauernd im schneidenden Wind. Unterkühlung, Koma, Tod. Von zehn Tourengängern überlebten nur drei.

Wie konnte es dazu kommen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt, noch gibt es keine klaren Antworten. Aber es gibt Hinweise, dass weder Sturm noch fehlende Ausrüstung entscheidend waren. Sondern ein Mangel an Kommunikation über die gemeinsame Verantwortung aller. Am Abend zuvor waren in der Gruppe durchaus Sorgen und Zweifel aufgekommen, aber niemand wollte der Partypooper sein und die Stimmung drücken.

Wird schon gut gehen – diese weit verbreitete Haltung wird Verantwortungsdiffusion genannt. Oder auch: Zuschauereffekt. Er tritt immer wieder auf, wenn zum Beispiel bei einem Unfall keiner der Umstehenden hilft, weil alle denken: wieso ich? Lass doch die anderen machen.

Aber was hat ein Unfall in den Alpen mit Ihnen zu tun, liebe Leserinnen und Leser? Möglicherweise eine ganze Menge. Diesen Eindruck zumindest hatte ich, als ich jetzt einen ganzen Schwung an E-Mails beantwortete.

Ich hatte vergangene Woche darüber geschrieben, dass viele Antibiotika bald ihre heilsame Wirkung verlieren könnten, mit der Gefahr einer Pandemie: Spanische Grippe 2.0. Ich zitierte die Vereinten Nationen, die dazu aufrufen, Antibiotika sparsamer einzusetzen – sowohl bei menschlichen Bagatellkrankheiten als auch in der Tierhaltung -, um diese pharmazeutischen Klingen scharf zu halten für den Ernstfall.

Aber richtig spannend wird dieser Artikel erst durch Ihre Zuschriften. Martin A. aus Tirol, Sie schrieben mir: „Ich bin überzeugt, dass wir anstelle von Antibiotika auf Bakteriophagen setzen sollen.“ Bakteriophagen sind heilende Viren, welche gefährliche Bakterien „fressen“, daher ihr Name. Sie sind ein Hoffnungsschimmer, aber leider sind Phagentherapien meist noch experimentell, wir sollten uns nicht zu sehr auf sie verlassen.

Noch mehr zu denken gaben mir Antworten von Tierärzten, die meine Kritik zurückwiesen. Lieber Anton N., Sie fuhren mich an: „Könnte es sein, dass Sie nur das nachplappern, was die Humanmediziner vorbeten, um von ihrem eigenem Versagen abzulenken?“ Das eigentliche Problem sei nicht in Ställen zu suchen, sondern in Krankenhäusern, etwa bei schlampigen Ärzten und Patienten, die Antibiotikatherapien zu früh abbrechen und dann die Pillen im Klo herunterspülen, so Ihr Argument.

Einerseits haben Sie recht: Auch Patienten und Ärzte sind in der Pflicht. Andererseits ist das aber kein Grund, Tierärzte und Landwirte aus der Pflicht zu nehmen. Das wäre Verantwortungsdiffusion, sozusagen eine wütende Geschmacksvariante des Zuschauereffekts: mit dem Finger auf Schuldige zeigen, dann schnaubend abwarten, dass andere das Problem lösen.

So schlittern wir immer tiefer in die Krise – als Zuschauer unseres eigenen Lebens. Wie möglicherweise damals die Bergsteiger im Sturm.

Gerade beim Thema Tierhaltung ist die Kommunikation tiefgreifend gestört, das erklärt ein hervorragendes Gutachten aus dem Jahr 2015, veröffentlicht ausgerechnet vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das leider oft als Lobbyverein für Landwirte agiert. Der Antibiotikaeinsatz in Deutschland sei im EU-Vergleich relativ hoch, es bestehe „erhebliches Potenzial“ zur Reduzierung, heißt es im Papier. Die Konsumenten seien zwar verunsichert, doch das schlage sich selten in Kaufentscheidungen nieder. Das Gutachten warnt: „Es wäre problematisch, wenn sich die Nutztierhalter und die Fleischwirtschaft unverstanden fühlen und darauf dauerhaft mit Abschottung reagieren würden.“ Die Autoren konstatieren eine „Entfremdung der Bürger von der Landwirtschaft“ und raten zu einem „Prozess gegenseitigen Lernens“.

Wie also kommen wir aus dem Zuschauereffekt heraus? Wie lässt sich der Verantwortungsdiffusion gegensteuern bei Themen wie Antibiotikaresistenz, Impfmüdigkeit, PlastikmüllArtensterben? Können wir von der Bergkatastrophe lernen für ein besseres Leben im Alltag? Gute Frage, nächste Frage. Vielleicht fangen wir einfach genau hier an, liebe Leserinnen und Leser des Newsletters: mit Ihren Ideen und Kommentaren. Was brennt Ihnen auf den Nägeln, welche Themen sollen wir aufgreifen?

Ich freue mich auf den Austausch, am liebsten per Twitter unter dem Hashtag #elementarteilchen

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

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Wieder einmal sind die Leserzuschriften extrem anregend. Hier nur ein paar Beispiele.

Felicitas F. aus Brüssel schreibt, dass sich verantwortliches Handeln und das Gefühl, Zuschauer zu sein, nicht ausschließen müssen:

Bei planetaren Ausmassen kann man durchaus aktiv sein und sich trotzdem als Zuschauer fühlen/Zuschauer sein.

    Es ist ja so schön, wenn ich (wie bereits in der Biologen WG in den 90iger Jahren) wieder mit meiner Tupperware zum Markt gehe, um mir dort den Quark abfüllen zu lassen. Und wie herrlich dieses Gefühl, im « Abfüllladen » die Cashwewkerne aus dem grossen Behälter in meine mehrfachverwendete Papiertüte rieseln zu lassen. Ökowonderwoman. Wie schön, dass ich die Zeit für solche Spielereien habe und die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten in Laufabstand.

    Aber was ist mit all den anderen? Die keine Zeit und kein Geld, keine Informationen, keine Infrastruktur haben, um sich umzustellen? Oder, wenn wir « the bigger picture » betrachten und mal über den deutschen Tellerrand schauen: was ist mit dem Grossteil der Menschheit, die in der Warteschlange stehen, um überhaupt mal an sowas wie Konsumleben teilhaben zu können? Wie sollen die in andere Startlöcher als « mein Haus, mein Auto, mein.. » kommen?

    Ich möchte keine Appelle an die « Vernunft des Verbrauchers » mehr lesen. Ich möchte wissen, wie wir das gesellschaftlich schaffen können. (…)

Wir haben wunderbare wissenschaftliche Instrumente, Universitäten, Forschungsinstitute, Think-Tanks: wir müssen nicht mehr nur raten oder « meinen“, was vielleicht besser wäre oder besser funktionieren würde, wir könnten es eigentlich recht gut über relative kurze Zeiträume hinweg testen, herausfinden – wie bringt man Regierungen dazu, ernsthaft, massiv Geld in solche Fragen zu stecken? Und wieso schaffen wir es noch nicht einmal, die erfolgreichen, gut dokumentierten Projekte von Nachbarländern zu übernehmen? (Schreiben Sie mal was über « maison médicale » in Belgien) Wieso nutzen wir unser bereits vorhandenes Wissen, unsere Möglichkeiten als Gesellschaft so wenig? Warum sind wir Geiseln von unkontrollierten Interessengruppen? Interessengruppen, die sich selbst völlig kopflos und unkontrolliert sich in den Abgrund wirtschaften?

 

Auch Olav B. aus Gifhorn ist an konkreten Schritten im persönlichen Umfeld interessiert:

„…vielen Dank für Ihr treffend beschriebenes Phänomen der „Verantwortungsdiffusion“ oder des „Zuschauereffekts“. Dieses Phänomen ist von extremer Bedeutung u wird dementsprechend viel zu wenig bei seinem Namen genannt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch dafür, dass Sie einen Einblick in die Leserzuschriften gewähren, die Sie jeden Tag beantworten und die Ihnen nahe gehen. Ihr Artikel hat mich umgekehrt so berührt, dass ich Ihnen gerne (m)einen Loesungsansatz im Umgang mit „Verantwortungsdiffusion“ nennen möchte: Dem Phänomen der Verantwortungsdiffusion kann man aus meiner Einschätzung auf der Ebene des Einzelindividuums u.a. mit einer Gegenbewegung entgegen treten: Z.B mit Ansätzen, die unter Begrifflichkeiten wie „Achtsamkeitspraxis“ usw genau o.g. Phänomen der Un-Achtsamkeit, Un-Betroffenheit entgegen wirken. Und… wenn eine Person damit in einem sozialen Umfeld anfängt, inspiriert das ander, mit zu ziehen. D.h. die o.g. Negativspirale von Verantwortungslosigkeit lässt sich (mühsam) umdrehen. Als Leitender Angestellter kann ich diese Phänomen jeden Tag selber an mir u in meinem Umfeld ausprobieren. (…)

Danke für Ihren Einsatz ( !!) und bitte weiter machen, sich nicht entmutigen lassen. Mit einem freundlichen Gruß ans ganze Team“

 

Dieser Fokus auf die persönliche Ansprache erscheint mir spontan einleuchtend. Warum? Unter anderem wegen einer Überraschung, die ich hier bei den Zuschriften erlebe: Bislang war kein einziger Troll-Kommentar mit dabei, was eigentlich untypisch ist für die oft (zumindest für Anfänger) als anonym wahrgenommenen Weiten des Internet. Diese (scheinbare) Anonymität mündet dann oft in das, was früher „Flame War“ genannt wurde und seit ein paar Jahren als „Shitstorm“ firmiert.

Jürgen S. schreibt:

„… ich glaube, dass viele Menschen mit dem Finger auf andere Zeigen, da sie insgeheim wissen (oder zumindest ahnen), dass a) wir alle – ohne Ausnahme – schuld sind am Zustand der Umwelt und b) wir ein Stadium erreicht haben, dass eine Wiederherstellung einer gesunden und lebenswerten Umwelt bereits unmöglich gemacht hat. Wir befinden uns alle längst in einem 3D-Katatastrophen-Film, nur leider nicht als Zuschauer sondern als Akteure.“

 

Ja, das ist das Paradox des Zuschauereffekts: Auch wer nichts tut, handelt. Indirekt. Aber mit großer Wirkung. Wie kommt man also aus dieser passiv-handelnden Verantwortungsdiffusion heraus? Steffen S. aus Mannheim schreibt:

Bei jedem Kauf und jeder Handlung überlegen welche Auswirkungen diese auf die Umwelt haben. Verpackung und Fahrten vermeiden“

 

Doch wie lässt sich individuelles Handeln anregen? Hier helfen womöglich Positivbeispiele, wie sie im sogenannten Konstruktiven Journalismus wohldosiert eingesetzt werden (ohne gleich eine rosa Brille aufzusetzen). Uwe H. weist auf diesen Rohstoff verantwortungsvollen Handelns hin:

„Bitte greifen Sie best practice Beispiele auf- wie es so schön neudeutsch heißt. Dinge die funktionieren gegen Klimawandel, Platikberge etc- aber nicht nur auf der individuellen Ebene-Decken Sie auf was die Politik tun müsste! und warum Sie es nicht tut! viel Spass uns allen bei der Rettung der Welt.“

 

Wie wichtig ist die Gruppengröße? Möglicherweise reden wir in der Mediengesellschaft zu sehr in riesige, anonyme Publika hinein? Diese Frage wirft Karl K. aus Jena auf:

„…nach meiner langjährigen Erfahrung in den unterschiedlichsten Situationen klappt es meist redlich mit dem Verantwortungsbewußtsein bei einer Gruppe von bis zu vier Personen. Ab fünfen wird wird es sehr schnell schwierig, und ab sieben Personen herrscht kann man es vergessen. Über diese Zahl hinaus fehlt dann nicht nur das von Ihnen angesprochene Verantwortungsbewußtsein und dazugehörige Kraft und Mut zur Aktion. Im Gegenteil, man kann hier regelmäßig von einer organisierten und oft sogar institutionalisierten Nichtverantwortung sprechen. Ein weiteres Thema ist die dann ebenfalls einsetzende Tendenz zur Bestrafung eines trotzdem aus gefühlter Verantwortung Handelnden unabhängig vom Erfolg seiner Aktion.“

@praemandatum aus Hannover geht auf Twitter noch einen Schritt weiter, was die Gruppengröße angeht:

„Lesenswerter Artikel. Zumal der Zuschauereffekt gefühlt bei jeder Gruppe größer zwei Individuen aufzutreten scheint. //PL“

 

Christiane S. bringt das Thema der Verantwortungsdiffusion eher dadaistisch auf den Punkt:

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber….

Ja, aber…

Ja, aber….

Nein.“

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Den Elementarteilchen-Newsletter der vergangenen Woche finden Sie hier.

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Neuschnee glitzerte, weit ging der Blick, es war eine perfekte Skitour. Aber kurz vor dem Gipfel spürte ich plötzlich ein Pochen im Kiefer: eine Entzündung. Zurück in Berlin, zog mir mein Arzt den faulen Zahn, verschrieb mir ein Antibiotikum, nach ein paar Tagen ging es mir wieder gut.

Was für ein Glück, dass ich im 21. Jahrhundert lebe – sonst würde ich vielleicht nicht mehr leben. Noch vor hundert Jahren hätte mich die harmlose Infektion niederstrecken können wie ein blutiger Axthieb. Früher blieb den behandelnden Quacksalbern oft nichts zu tun, als ihre Patienten ein bisschen zu amüsieren mit Gebet, Hexenverbrennung oder Aderlass, bis sie wieder von allein gesund wurden. Oder starben.

Bald könnte diese schlechte alte Zeit uns einholen, die Medizingeschichte wiederholt sich, wenn wir nicht handeln. Die Vereinten Nationen registrieren trocken: Jahr für Jahr sterben weltweit rund 700.000 Menschen durch „Superbugs“. Gegen derlei multiresistente Erreger sind selbst die stärksten Medikamentencocktails wirkungslos. Ärzte warnen vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Besonders gefährliche Orte sind ausgerechnet Krankenhäuser. Manch Wissenschaftler zieht schon Parallelen zur Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren mehrere Millionen Menschen tötete, wahrscheinlich sogar mehr als alle Gemetzel des Ersten Weltkriegs.

American Unofficial Collection of World War I Photographs/ PhotoQuest/ Getty Images

Halt, bevor Sie genervt weiterwischen: Nein, auch ich reagiere allergisch auf Panikmache, Hypochondrie und Weltuntergangsrummel. Aber das Thema „Superbugs“ bereitete mir gestern fast eine schlaflose Nacht. Ich hatte nämlich den Fehler gemacht, im Buch „The Perfect Predator“ zu lesen. Darin berichtet eine Forscherin von einer Urlaubsreise mit ihrem Mann. Nach einem romantischen Dinner bricht dieser nachts zusammen und fällt ins Koma. Nichts hilft, denn ein „Superbug“ frisst ihn von innen auf, Acinobacter baumanii genannt, Spitzname „Iraqibacter“. Wie diese Gruselgeschichte ausgeht, verrät der Link in den Lektüreempfehlungen unten.

Sind wir Killererregern wie „Iraqibacter“ hilflos ausgeliefert? Nein. Seit Langem ist bekannt, was die Erreger zu unbesiegbaren Killern mutieren lässt: der leichtsinnige Einsatz von Antibiotika, unter anderem in der Tiermast und sogar auf Orangenplantagen. Gier frisst Hirn.

Was tun? Ein erster Schritt könnte sein, im Supermarkt nicht das billige Schrottfleisch zu kaufen. Oder bei einem grippalen Infekt keine Antibiotika zu schlucken, denn die sind bei Viren wirkungslos.

Ach so, und dann steht ja auch die Europawahl an. Durchforsten Sie doch die Parteiprogramme nach Begriffen wie „Antibiotika“. Und machen Sie am 26. Mai Ihr Kreuz an einer Stelle, die uns und unsere Kinder schützen kann vor einer Spanischen Grippe 2.0.

Die Wahlprogramme finden Sie zum Beispiel hier.

Herzlich

Ihr Hilmar Schmundt

Twitter: @hilmarschmundt

Feedback & Anregungen?


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Im Urlaub wird ihr Ehemann plötzlich krank durch einen „Superbug“. Ein Wissenschaftskrimi, den die renommierte Epidemiologin Steffanie Strathdee selbst durchlebt hat.
  • „Superbugs“ könnten so teuer werden wie die Weltwirtschaftskrise 2008, warnt dieser Bericht der Vereinten Nationen.
  • Wie schütze ich mich vor einer Sommergrippe? Küssen ist ungefährlich, aber verzichten Sie lieber aufs Händeschütteln, verrät meine Kollegin Irene Berres.